Und ich betrachtete die Blondine auf dem Blitzerfoto.
— Meine Wohnung, also bestimme ich auch die Regeln!

Bin ich ein Mann oder was?
Irina saß am Esstisch und schnitt sorgfältig Karotten für die Suppe.
Unter dem hölzernen Schneidebrett lag ein festes Blatt Papier, das in der Mitte gefaltet war.
Anton warf seine Reisetasche polternd neben der Eingangstür ab, zog die staubigen Turnschuhe aus und schleuderte seine Windjacke direkt auf die Sitzbank im Flur.
Aus der Seitentasche seines Rucksacks erklang verräterisch das Klirren eines schweren Bundes glänzender Metallzylinder.
Ihr Mann holte geschäftig einen Schraubenzieher aus einer Tüte und ging, ohne sich auch nur die Hände zu waschen, entschlossenen Schrittes zur Schlafzimmertür.
— Ich habe nicht vor, darüber zu diskutieren, — sagte Anton schroff, während er mit der Spitze des Schraubenziehers an dem alten Beschlag herumstocherte.
— Das hätte ich schon längst machen sollen.
— Ich widerspreche dir doch gar nicht, — zog Irina spöttisch in die Länge und warf eine Handvoll Karotten in die kochende Brühe.
— Es ist schließlich deine Sache.
Mit leichtem Interesse beobachtete sie, wie ihr Mann schnaufte und versuchte, die verrostete Schraube des alten Türgriffs herauszudrehen.
Es sah ausgesprochen komisch aus.
Zweiundfünfzig Jahre alt, ein sich abzeichnender Bauch und ein vor Anstrengung gerötetes Gesicht.
Mitten in der Hochsaison auf der Datscha war er nicht mit einem Eimer Gurken oder Zucchini in ihre städtische Zweizimmerwohnung zurückgekehrt, sondern mit einem Set neuer Türschlösser.
Anton war genau eine Woche lang weg gewesen.
Am vergangenen Freitag war er abgefahren und hatte in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, erklärt, dass die Dachpappe auf dem Dach ihres alten Fertighäuschens dringend erneuert werden müsse.
Irina hatte damals nicht darum gebeten, mitzufahren.
Sie hatte selbst genug Arbeit, und außerdem hatte sie mit ihren achtundvierzig Jahren schon lange keine Lust mehr, für eine zweifelhafte Ernte auf den Beeten zu schuften.
Ihr Sohn war bereits zwanzig, studierte in einer anderen Stadt und lebte im Studentenwohnheim.
Endlich war die Wohnung leer geworden, und Irina hatte auf ein ruhiges Leben gehofft.
Doch Anton schien offenbar in einer Midlife-Crisis zu stecken, die sich in ständigen Nörgeleien und Forderungen nach besonderem Respekt gegenüber seiner Person äußerte.
— Jetzt werde ich endlich meinen eigenen Rückzugsort haben, — murmelte Anton vor sich hin und drehte wütend am Schraubenzieher.
— So kann es schließlich nicht weitergehen.
— Vor wem willst du dich denn verstecken? — fragte seine Frau und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.
— Hier wohnt doch keine ganze Zigeunersippe.
— Vor dir!
Endlich zog ihr Mann den alten Schließzylinder heraus und sah Irina triumphierend an.
Sein Gesicht glänzte vor Schweiß.
— Du wirst nicht mehr in meinen Sachen herumschnüffeln.
Ich schufte wie ein Verrückter.
Ich bringe Geld nach Hause.
Ich habe ein Recht auf meinen eigenen, persönlichen Bereich.
Wenn ich die Tür schließe, soll mich niemand stören!
— Ach wirklich? — Irina lehnte sich mit der Hüfte gegen die Küchenzeile.
— Und wie oft habe ich in deinen Sachen herumgeschnüffelt?
— Ständig! — fuhr ihr Mann wütend auf.
— Mal legst du meine Quittungen an einen anderen Ort, mal fragst du, wo ich mein heimlich zurückgelegtes Geld versteckt habe.
Mit deinen Fragen hast du mich völlig fertiggemacht.
Mal soll ich Regale anbringen, mal die Nebenkosten bezahlen.
Ich fühle mich wie ein Laufbursche!
Dabei habe ich übrigens das ganze Wochenende auf dem Dach geschuftet!
Ich spüre meinen Rücken kaum noch!
Er warf den Schraubenzieher auf die Kommode und ging schweren Schrittes in die Küche.
Er setzte sich auf einen Hocker und demonstrierte mit seinem gesamten Auftreten den höchsten Grad an Erschöpfung.
— Schöpf mir etwas ein, — befahl er.
— Ich habe Hunger wie ein Wolf.
Auf dieser Datscha hatte ich nicht einmal Zeit, in Ruhe etwas zu essen.
Irina holte schweigend einen tiefen Teller hervor, füllte ihn mit Borschtsch und stellte ihn vor ihren Mann.
Das Brot legte sie auf eine Serviette daneben.
Dann setzte sie sich ihm gegenüber und verschränkte die Finger ineinander.
— Wie sieht es mit dem Dach aus?
Regnet es nicht mehr durch? — fragte sie kühl.
— Alles bestens! — platzte Anton heraus und schaufelte gierig Suppe in sich hinein.
— Ich habe neue Dachpappe ausgerollt.
Ich habe Dachschiefer gekauft.
Verdammt teuer, die Preise sind völlig verrückt geworden.
Dafür hält es jetzt ewig.
Ich bin so müde, dass ich meine Arme kaum noch heben kann.
— Das glaube ich dir.
Man sieht deinem Gesicht direkt an, wie sehr du dich abgemüht hast.
— Worüber grinst du eigentlich? — Anton warf seiner Frau einen misstrauischen Blick zu und hielt den Löffel über den Teller.
Ihre seltsame Ruhe ging ihm offen auf die Nerven.
Normalerweise begann sie sofort, ihn wegen seiner Ausgaben zu kritisieren, verlangte Rechenschaft und fing einen Streit an, sobald er sich wie der Hausherr aufführte oder teure Einkäufe wie Dachschiefer erwähnte.
Dieses Szenario hatte sich über Jahre eingespielt.
Doch nun saß sie einfach da, sah ihn ohne zu blinzeln an und kniff listig die Augen zusammen.
— Hast du wenigstens Iwanowitsch gesehen? — fragte Irina beiläufig.
— Unseren Nachbarn von der Datscha.
Er leiht dir doch normalerweise seine Leiter.
Anton nickte eifrig und kaute ein Stück Fleisch.
— Natürlich!
Er kam vorbei.
Er hat mir geholfen, die Platten aufs Dach zu tragen.
Ein großartiger Kerl.
Danach haben wir noch ein bisschen zusammengesessen und das Ende der Bauarbeiten gefeiert.
Irina nickte langsam.
— Was für ein medizinisches Wunder.
— Wie meinst du das? — fragte ihr Mann verständnislos.
— Iwanowitsch wurde bereits am vergangenen Mittwoch ins städtische Krankenhaus eingeliefert.
Ihm wurde die Gallenblase entfernt.
Seine Frau hat mich angerufen und sich bei mir ausgeweint.
Unser Nachbar liegt in einem Krankenzimmer und hängt an Schläuchen.
Und am Wochenende ist er also zu dir gerannt, um Dachschiefer zu schleppen.
Wahrscheinlich ist er mit dem Katheter die Leiter hinaufgesprungen?
Anton verschluckte sich am Brot.
Er begann zu husten und versuchte, sich zu räuspern, während sein Gesicht dunkelrot wurde.
— Nun … also …, — keuchte er und griff nach dem Wasserglas.
— Vielleicht habe ich etwas verwechselt.
Es war nicht Iwanowitsch.
Es war ein anderer Nachbar.
Ein neuer.
— Ein neuer also, — Irina zog vorsichtig das zusammengefaltete Blatt Papier unter dem Schneidebrett hervor.
— So etwas passiert.
Das Gedächtnis ist eben eine seltsame Sache.
Besonders wenn man so lange in der Hitze gearbeitet hat.
Anton schob die nicht aufgegessene Suppe zur Seite.
Sein Appetit war schlagartig verschwunden.
Er ahnte, dass etwas nicht stimmte, doch seine natürliche Unverschämtheit erlaubte es ihm nicht, so einfach aufzugeben.
— Warum verhörst du mich? — brüllte er und versuchte, wieder die Kontrolle über das Gespräch zu gewinnen.
— Ich bin nach Hause gekommen, um mich auszuruhen, und du gehst mir schon wieder auf die Nerven!
Ich bin kein kleiner Bengel, der dir Rechenschaft darüber ablegen muss, wer ihm die Leiter festgehalten hat!
— Ich verlange doch gar keine Rechenschaft von dir, Antoscha.
Wozu auch?
Ich habe schließlich alles schriftlich festgehalten.
Sie faltete das Blatt auseinander, legte es in die Mitte des Tisches und schob es näher an den Teller ihres Mannes.
Es war ein offizielles Schreiben der Verkehrspolizei.
Ein Bußgeldbescheid wegen einer Ordnungswidrigkeit, ausgedruckt auf einem Farbdrucker.
— Du erinnerst dich doch daran, dass das Auto auf meinen Namen zugelassen ist? — fragte Irina friedlich.
Anton zog den Kopf zwischen die Schultern und starrte auf das Papier.
— Na und?
Ich bin eben zu schnell gefahren.
Das kann jedem passieren.
Ich war auf der Landstraße und war in Gedanken versunken.
Ich bezahle die paar Groschen.
Warum machst du daraus eine Tragödie?
— Auf der Landstraße, — bestätigte seine Frau.
— Auf der M5 „Ural“.
Irina klopfte mit dem Fingernagel auf das Foto auf dem Formular.
— Gebiet Samara, Antoscha.
Fast achthundert Kilometer von unserer Datscha entfernt.
Du musst ja wirklich tief in Gedanken versunken gewesen sein, wenn du fast bis zur Wolga gefahren bist!
In der Küche war nur das Brummen des alten Wasserfilters zu hören.
Anton öffnete den Mund, doch die Worte blieben ihm verräterisch irgendwo im Hals stecken.
Er starrte auf die deutliche, hochwertige Aufnahme der Radarkamera.
Die moderne Technik ließ keinen Raum für Fantasie.
— Was für ein Samara? — brachte ihr Mann hervor, obwohl er den Text deutlich lesen konnte.
— Eine schöne Stadt, nehme ich an.
Auf dem Foto ist alles sehr gut zu erkennen.
Hundertzwanzig Kilometer pro Stunde.
Dein konzentriertes Gesicht am Steuer.
Und die Beifahrerin neben dir.
Eine Blondine.
Übrigens ziemlich hübsch.
Sie ist bestimmt fünfzehn Jahre jünger als wir beide.
Die Farbe wich augenblicklich aus Antons Gesicht.
Seine ganze aggressive Selbstsicherheit fiel innerhalb einer Sekunde in sich zusammen.
— Ira, es ist nicht so, wie du denkst …, — stammelte er und zupfte nervös am Rand der Tischdecke.
— Das ist Samara, — stellte Irina klar.
— Eine wundervolle Stadt.
Die Heimat des Schiguli.
Sie faltete den Bußgeldbescheid wieder zusammen.
— Warum brauchst du also Schlösser an den Türen, wenn ich fragen darf?
Wolltest du deine Verliebtheitsphase direkt in unserer Zweizimmerwohnung ausleben?
Hast du gedacht, du könntest dich im Schlafzimmer einschließen und mit ihr per Videoanruf turteln, während ich dir in der Küche Borschtsch koche?
— Du hast alles völlig falsch verstanden! — ratterte Anton herunter und sprang vom Hocker auf.
— Sie ist nur eine Bekannte!
Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung!
Man hat mich gebeten, sie mitzunehmen.
Es war dringend und hatte mit der Arbeit zu tun!
— Musstest du dienstlich Dachpappe im Gebiet Samara verlegen? — fragte Irina spöttisch.
— Sag mal, bezahlt eure Firma wenigstens die Nägel, oder müsst ihr sie selbst kaufen?
— Ira, hör auf, dich über mich lustig zu machen …
— Weißt du, was das Lustigste daran ist? — Irina wurde nicht lauter, doch ihr Ton ließ Anton am liebsten im Linoleumboden versinken.
— Ich hatte keinen Zweifel daran, dass du eine andere hast.
Seit drei Monaten bist du nicht mehr du selbst.
Mal bügelst du ständig deine Hemden, mal kaufst du ein neues Parfüm.
Ich dachte nur, dass sie irgendwo in der Nähe wohnt.
Aber du bist gleich bis nach Samara gefahren.
Wie viel Benzin hast du dabei verbrannt, du Möchtegern-Romeo?
Anton trat von einem Fuß auf den anderen.
Es war ein erbärmlicher Anblick.
Seine gesamte Pose als „Herr des Hauses“, der einen persönlichen Rückzugsort forderte, war verschwunden.
— Das Bußgeld ist übrigens ziemlich hoch, — fügte seine Frau hinzu und stand vom Tisch auf.
— Fünftausend Rubel.
Das bezahlst du selbst.
Ich habe mich nämlich nicht verpflichtet, für deine Dienstreisen und Launen zu schuften.
— Und was jetzt? — fragte ihr Mann niedergeschlagen und blickte auf den Boden.
— Jetzt gehst du in den Flur.
Du nimmst deine Reisetasche.
Genau die, die du nicht einmal auspacken konntest.
Irina ging um den Tisch herum und blieb vor ihm stehen.
— Und nimm deine Schlösser mit.
Vielleicht kann deine Tussi in Samara sie gebrauchen.
Sie hat wahrscheinlich einen eigenen Rückzugsort.
— Ira, überstürze nichts, — Anton versuchte, mit der Stimme der Vernunft zu sprechen, obwohl er erbärmlich klang.
— Ich kann nirgendwohin.
Lass uns in Ruhe darüber reden.
Ich habe einen Fehler gemacht.
Das kann jedem passieren.
Der Teufel hat mich geritten.
— Der Teufel hätte dich nicht bis nach Samara gebracht.
Dafür hätte sein Benzin nicht gereicht, — schnitt seine Frau ihm das Wort ab.
— Raus mit dir.
Anton wollte noch etwas erwidern und versuchte, ihre Hand zu nehmen, doch er stieß auf einen eisigen und angewiderten Blick.
Es hatte keinen Sinn, mit ihr zu streiten.
Die ewige männliche List, die sich hinter Reparaturen auf der Datscha versteckt hatte, war wegen einer einzigen dummen Radarkamera auf der Autobahn aufgeflogen.
Widerwillig trottete er in den Flur.
Schweigend zog er seine Turnschuhe an, ohne die Schnürsenkel zu binden.
Dann schnappte er sich seine Jacke.
— Leg die Auto- und Wohnungsschlüssel auf die Kommode, — befahl Irina aus der Küche.
— Die Fahrzeugpapiere habe ich bereits gestern aus dem Handschuhfach genommen.
Du brauchst also gar nicht erst danach zu suchen.
Du kannst mit dem Bus fahren.
Der Schlüsselbund klirrte.
Die Eingangstür fiel ins Schloss.
Etwa ein Monat verging.
Anton verschwand tatsächlich aus ihrem Leben.
Entweder mietete er ein Zimmer oder zog endgültig zu seiner Blondine nach Samara.
Irina interessierte sich nicht dafür.
Eine schwere Last fiel von ihr ab, und sie konnte wieder frei atmen.
Niemand verlangte mehr Borschtsch, spielte sich als Hausherr auf oder erzählte Märchen von einer Dachreparatur.
In der Schlafzimmertür blieb jedoch ein hässliches Loch zurück, das Anton beim Entfernen des alten Mechanismus hinterlassen hatte.
Irina hatte es nicht eilig, einen neuen Türgriff oder ein neues Schloss einzubauen.
Sie zog einfach eine schöne Seidenschnur durch das Loch und hängte ein Lavendelsäckchen daran.
In ihrer eigenen Wohnung gab es schließlich niemanden, vor dem sie sich verstecken musste.







