„Ich dulde meine mittellose Schwiegertochter nur aus Mitleid“ – zwölf Jahre lang prahlte die Schwiegermutter damit vor den Nachbarinnen.

Doch im Testament wurde mein Name genannt.

— Geh zurück zu deiner Mutter, Wadim.

Einen Laufburschen brauche ich hier nicht mehr.

Die Tür fiel ins Schloss und ließ ihren Ex-Mann mit seiner prall gefüllten Sporttasche im Treppenhaus zurück.

Natalia drehte den Schlüssel im Schloss um und lehnte sich mit dem Rücken an die kühle Wand im Flur.

Zum ersten Mal seit zwölf Jahren war in ihrem Zuhause alles genau so, wie sie es selbst wollte.

Alles hatte zwei Monate zuvor mit einem gewöhnlichen Telefongespräch begonnen, das Natalia durch die dünne Wand der Chruschtschow-Wohnung mitanhören musste.

— Ich dulde sie in meinem Haus nur aus reinem Mitleid, Soja.

Tatjana Pawlowna sprach absichtlich laut ins Telefon.

So laut, dass man sie sogar hinter der geschlossenen Badezimmertür hören konnte, wo Natalia gerade einen Fleck aus der Jacke ihres Sohnes wusch.

— Eine bettelarme Hungerleiderin.

Wenn mein Wadik nicht wäre, müsste sie mit ausgestreckter Hand durch die Welt ziehen.

Ich trage mein Kreuz, Sojetschka!

Was soll ich denn machen?

Ich ertrage es eben.

Natalia spülte ihre Hände unter dem Wasserstrahl ab, schüttelte die Tropfen über dem Waschbecken ab und trocknete sie an einem Topflappen.

Zwei Frauen unter einem Dach sind immer eine Herausforderung.

Besonders dann, wenn eine von ihnen sich für die alleinige Herrin des Universums hält und die andere nur versucht, auf ihrem bescheidenen Stückchen Raum zu überleben.

Zwölf Ehejahre in einer fremden Wohnung hatten Natalia an eine ständige Verteidigungshaltung gewöhnt.

Sie stritt nicht, reagierte nicht auf Sticheleien und bewältigte schweigend den Haushalt, ihre Arbeit im Supermarkt und die Erziehung ihres Sohnes.

— Und wie viele Jahre habe ich mich um Michail gekümmert!

Die Schwiegermutter hinter der Wand hörte nicht auf und wechselte zu einem neuen Thema.

— Wer hat ihm Suppen gekocht?

Ich!

Wer hat ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen?

Auch ich!

Ich habe meine ganze Seele in den alten Mann gesteckt.

Ich habe mich völlig aufgerieben.

Natalia lächelte nur spöttisch in sich hinein.

Onkel Michail, ein Cousin der Schwiegermutter, war vor anderthalb Monaten gestorben.

Der alte Mann hatte in einer guten Zweizimmerwohnung an einer U-Bahn-Linie gelebt.

In den vergangenen vier Jahren hatte Tatjana Pawlowna vor allen Nachbarinnen ein Theaterstück mit dem Titel „Die heilige Märtyrerin“ aufgeführt.

Einmal pro Woche kaufte sie ein Paket billiger Hühnerkarkassen und kochte daraus eine dünne Brühe.

Dann füllte sie dieses Gebräu in einen Plastikeimer, in dem früher Mayonnaise gewesen war, und trug es feierlich zu ihrem kranken Verwandten.

Damit war ihre großartige Fürsorge auch schon beendet.

Weder putzen noch waschen noch einfach bei ihm sitzen und mit ihm reden – Tatjana Pawlowna hatte dafür immer keine Zeit.

Im Flur fiel die Eingangstür ins Schloss.

Natalia schaute aus der Küche.

Wadim stand unruhig im Eingangsbereich.

Hastig zog er seine Jacke aus, warf sie neben den Haken und sah sich irgendwie verstohlen um.

Ihr Mann sah zerknittert aus, und seine Haare standen wirr ab.

— Ist Mama in ihrem Zimmer?

Er sprach leise und vermied es, seiner Frau in die Augen zu sehen.

— Sie leidet am Telefon mit Soja, antwortete Natalia trocken.

— Sie erzählt wieder, wie sehr sie sich wegen Onkel Mischa aufgerieben hat.

Wadim trat von einem Fuß auf den anderen.

— Es gibt da eine Sache, Natasch …

Er stockte und warf einen Blick auf die geschlossene Tür zum Zimmer seiner Mutter.

— Ich bin zu Onkel Mischa in die Wohnung gefahren.

Ich wollte die Schlösser austauschen, damit wir Mieter hineinlassen können.

Mutter hat es schließlich angeordnet.

Die Tür wurde sofort aufgerissen.

Tatjana Pawlowna schwebte aus dem Zimmer.

Das Telefon hatte sie bereits in der Tasche ihrer Haushose verschwinden lassen.

Ihre Augen glänzten gierig.

— Und?

Hast du sie ausgetauscht?

Sie fiel sofort über ihren Sohn her.

— Nein, Mama.

— Wie bitte, nein?

Die Schwiegermutter stemmte empört die Hände in die Hüften.

— Was habe ich dir gesagt?

Heute sollte alles erledigt werden!

Die Maklerin wartet dort schon, ich habe sie angerufen.

Eine Wohnung an der U-Bahn-Linie ist kein Spaß.

Wir vermieten sie und legen das Geld auf ein Konto.

Und diese da …

Verächtlich nickte sie in Natalias Richtung.

— Diese da schicken wir aufs Land, damit sie vor dem Winter die Beete jätet.

Im Haus ist sie ohnehin zu nichts zu gebrauchen.

Dann soll sie wenigstens das Brot abarbeiten, das sie hier isst.

Gib mir die Wohnungsschlüssel.

Ich fahre selbst hin und spreche mit dem Handwerker.

Du Trottel.

Wadim trat einen Schritt näher an die Eingangstür, als würde er sich auf eine Flucht vorbereiten.

— Das wird nicht gehen, Mama.

Dort sind bereits die neuen Eigentümer.

In der Küche entstand eine schwere Stille, die nur vom tropfenden Wasserhahn unterbrochen wurde.

Tatjana Pawlowna erstarrte mit halb geöffnetem Mund.

— Was für Eigentümer?

Ihre Stimme überschlug sich zu einem Kreischen.

— Was redest du da?

Onkel Mischa war alleinstehend!

Ich bin seine einzige Verwandte!

Ich habe ihm meine besten Jahre geopfert!

— Mama, beruhige dich.

— Ich werde mich gleich beruhigen!

Tatjana Pawlowna schlug mit der Faust auf den Küchentisch.

— Wer hat es gewagt, mir meine Wohnung wegzunehmen?!

Das sind Betrüger!

Ich gehe zur Polizei!

Wadim sah schuldbewusst zu Natalia und dann wieder zu seiner Mutter.

— Onkel Mischa hat die Wohnung schon zu Lebzeiten verschenkt, Mama.

Vor einem halben Jahr.

An Natascha.

Natalia stützte sich schweigend mit beiden Händen auf der Tischkante ab.

Sie hatte auf diesen Moment gewartet.

Ruhig und ohne Schadenfreude hatte sie darauf gewartet.

Das Gesicht der Schwiegermutter überzog sich mit hässlichen dunkelroten Flecken.

Mit einem wütenden Blick sah sie abwechselnd ihren verlegenen Sohn im Flur und ihre ungerührte Schwiegertochter an.

— Was …?

Tatjana Pawlowna zischte das Wort hervor.

— Genau das, antwortete Natalia gleichmäßig.

— Onkel Mischas Wohnung gehört mir.

Rechtmäßig und endgültig.

— Wie konntest du es wagen?!

Die Schwiegermutter stürzte nach vorn, doch Wadim drängte sich feige zwischen sie und den Küchentisch.

— Du hinterhältige Schlange!

Tatjana Pawlowna schrie und versuchte, ihren Sohn beiseitezuschieben.

— Du armselige Bettlerin!

Du hast einen kranken alten Mann um den Finger gewickelt!

Du hast ihn ausgeraubt!

Ich habe ihm Brühe gebracht!

— Ihre dünne Brühe aus Hühnerkarkassen hat der alte Mann in die Toilette geschüttet.

Ich habe es selbst gesehen.

Natalia wich keinen einzigen Schritt zurück.

Ihre Stimme klang kalt und deutlich.

— Was redest du da?!

Die Schwiegermutter fuhr auf.

— Genau das, was ich gesagt habe.

Während Sie Soja am Telefon von Ihrem schweren Kreuz erzählten, bin ich nach meinen Schichten im Supermarkt zu ihm gefahren.

Natalia verschränkte die Arme vor der Brust und sah der Schwiegermutter direkt in die unstet umherwandernden Augen.

— Ich habe seine Böden gewischt.

Ich habe ihn mit dem Löffel gefüttert, als er es selbst nicht mehr konnte.

Ich habe ihm die Windeln gewechselt und seine Wäsche gewaschen.

Von meinem eigenen Geld habe ich ihm übrigens richtiges Essen gekauft.

Denn Sie haben keinen einzigen Cent für Ihren eigenen Onkel ausgegeben.

Sie haben nur diese Mayonnaiseeimer als Alibi herumgetragen, damit die Nachbarinnen Ihre Heiligkeit bewundern konnten.

— Lüge!

Die Schwiegermutter spuckte das Wort aus, doch es klang nicht besonders überzeugend.

— Was soll daran gelogen sein?

Natalia verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

— Wissen Sie überhaupt, welche Tabletten er genommen hat?

Haben Sie ihm auch nur ein einziges Mal die Nägel geschnitten?

Nein.

Sie haben nur darauf gewartet, dass er stirbt, damit Sie die Wohnung vermieten können.

Aber er hat alles gesehen.

Und er hat alles verstanden.

Wadim versuchte, sich in diesen Kampf zwischen den Frauen einzumischen.

— Natasch, warum fängst du denn jetzt damit an?

Er begann zu jammern.

— Mama hat sich doch wirklich bemüht, so gut sie konnte.

Warum sollten wir etwas nehmen, das uns nicht gehört?

Wir brauchen keine Skandale in der Familie.

Überschreib die Wohnung auf Mutter, und die Sache ist erledigt.

Gib sie freiwillig zurück.

Natalia richtete ihren Blick langsam auf ihren Mann.

Zwölf Jahre.

Zwölf Jahre lang hatte sie diesen erwachsenen, kräftigen Kerl angesehen und darauf gewartet, dass er wenigstens ein einziges Mal zu einem Mann werden würde.

In all den Jahren hatte er sie kein einziges Mal gegen seine Mutter verteidigt.

Er hatte sich immer in der Garage versteckt oder auf sein Telefon gestarrt, wenn Tatjana Pawlowna sie wegen falsch gebügelter Hemden oder einer versalzenen Suppe beschimpfte.

Und jetzt, während man sie mit Dreck bewarf, verlangte er erneut von ihr, sich zu beugen.

Nur damit es für ihn bequemer war.

— Also gut, sagte Natalia endgültig.

Sie stieß sich vom Tisch ab, ging an ihrem erstarrten Mann vorbei in den Flur, holte eine alte Reisetasche vom oberen Schrankfach und warf sie auf den Hocker.

— Wadim.

Bis heute Abend packe ich die Sachen.

Ihr Mann blinzelte verständnislos.

— Was meinst du damit?

Wohin?

— Nach Hause, erwiderte Natalia scharf.

— Ich hole unseren Sohn aus dem Kindergarten ab, und wir fahren weg.

Zum Glück haben wir jetzt einen Ort, an den wir gehen können.

— Natasch, was hast du vor?

Wadim machte empört einen Schritt auf sie zu.

— Willst du wegen irgendeiner Wohnung unsere Familie zerstören?

Und was ist mit mir?

— Du kannst bei deiner Mutter bleiben.

Natalia begann, ihre Sachen methodisch aus den Regalen in die Tasche zu werfen.

— Sie wird im Alter ohnehin bald eine Pflegerin brauchen.

Natürlich kostenlos.

Und jemand muss ihr die Suppen nach Zeitplan kochen.

Du schaffst das schon.

— Wie kannst du es wagen?!

Tatjana Pawlowna begann erneut aus der Küche zu schreien.

— In meinem Haus!

Du undankbares Miststück!

Raus mit dir!

— Die Leibeigenschaft wurde schon vor langer Zeit abgeschafft, Tatjana Pawlowna, warf Natalia über die Schulter zurück.

— Amüsieren Sie sich hier allein.

Ohne mich.

Hinter ihrem Rücken flogen ihr Flüche entgegen.

Schreie über ihre Undankbarkeit, Drohungen mit göttlicher Strafe und Versprechen, sie zur Bettlerin zu machen.

Natalia hörte schon nicht mehr zu.

Sie packte einfach ihre Sachen.

Zwei Monate vergingen.

Das Leben hatte sich auf erstaunliche Weise geordnet, sobald das ständige Hintergrundgeräusch ewiger Unzufriedenheit daraus verschwunden war.

Natalia renovierte Onkel Michails Wohnung ein wenig.

Sie warf die alten durchgesessenen Möbel hinaus, putzte die Fenster, bis sie glänzten, und hängte helle Vorhänge auf.

Ihr Sohn besuchte nun eine gute Schule direkt im Innenhof des Hauses.

Der Junge hörte auf, bei jedem lauten Geräusch zusammenzuzucken, und begann wieder normal zu schlafen.

Wadim überwies den Unterhalt nur widerwillig.

Er schickte lächerlich kleine Beträge und begleitete jede Banküberweisung mit langen, weinerlichen Nachrichten im Messenger.

Er schrieb darüber, wie schwer er es hatte, wie ungerecht man ihn bei der Arbeit behandelte und wie alles immer teurer wurde.

Natalia las diese Nachrichten nicht und wischte sie einfach vom Bildschirm.

Ihr eigenes Gehalt reichte vollkommen aus, um ruhig zu leben und von niemandem abhängig zu sein.

Am Mittwochabend backte sie einen Schokoladenkuchen mit Kefir.

Der gemütliche Duft von Vanille zog durch die Wohnung.

Plötzlich klingelte es an der Tür.

Natalia spülte ihre Hände ab, trocknete sie mit einem Küchentuch und ging zur Tür.

Sie sah durch den Türspion.

Wadim stand unruhig im Treppenhaus.

Zu seinen Füßen stand dieselbe riesige, prall gefüllte Sporttasche.

Sie drehte den Schlüssel im Schloss um und öffnete die Tür einen Spaltbreit, ließ aber die Metallkette eingehängt.

— Was willst du?

Sie fragte ohne jeden Ausdruck.

Wadim versuchte, sich hineinzudrängen, doch die Kette spannte sich bis zum Anschlag und ließ ihn nicht über die Schwelle.

— Natasch, lass mich rein, ja?

Die Stimme ihres Ex-Mannes klang erbärmlich und flehend.

— Ich frage dich, warum du gekommen bist.

Der Kuchen ist nicht für dich.

— Mutter ist völlig durchgedreht, begann Wadim zu jammern und lehnte seine Stirn an den Türrahmen.

— Sie nörgelt von morgens bis abends an mir herum.

Mal sitze ich falsch, mal habe ich das Falsche gekauft, mal gebe ich ihr zu wenig Geld, mal habe ich nicht hinter mir aufgeräumt.

Ich halte das nicht mehr aus.

Mit ihr zusammenzuleben ist absolut unmöglich.

Natalia lehnte ihre Schulter gegen den Türrahmen.

— Sieh an.

Und zwölf Jahre lang war es möglich?

— Ach, Natasch!

Ich bin doch dein Mann.

— Dein Ex-Mann, Wadim.

Dein Ex-Mann.

Gott sei Dank.

— Hör doch auf, beleidigt zu sein!

Wadim versuchte, auf seinem zerknitterten Gesicht ein verführerisches Lächeln hervorzubringen.

Es sah schief und wenig überzeugend aus.

— Ich habe meine Tasche gepackt.

Mit meinen Sachen.

Ich bin für immer ausgezogen.

Lass uns noch einmal von vorn anfangen.

In deiner geräumigen Wohnung lässt es sich wunderbar leben.

Es ist genug Platz für alle da.

Und es riecht so lecker nach Kuchen.

Ich weiß doch, dass du mich vermisst.

Natalia sah schweigend auf die prall gefüllte Tasche zu seinen Füßen.

Dann richtete sie ihren unbewegten Blick auf Wadims Gesicht.

In ihr regte sich keinerlei Mitleid.

Nur leichter Ekel, wie beim Anblick eines auf dem Asphalt zertretenen Käfers.

— Geh zurück zu deiner Mutter, Wadim.

Einen Laufburschen brauche ich hier nicht mehr.

— Natasch!

Wohin soll ich denn gehen?

Er heulte auf und klammerte sich an die Türkante.

— Sie wird mich bei lebendigem Leib auffressen!

— Das sind eure familiären Probleme.

Natalia schloss ruhig die Tür und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss um.

Die Schritte im Treppenhaus blieben noch lange an derselben Stelle stehen, begleitet von schwerem Seufzen, und schleppten sich schließlich niedergeschlagen die Treppe hinunter.

Natalia richtete den Teppich vor der Tür und ging zurück in die Küche.

Der Kuchen war gerade fertig geworden, und sie musste ihren Sohn zum Abendessen rufen.

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