**Schweigend packte ich meine Tasche und hinterließ eine Überraschung auf dem Nachttisch.**
— Wegen irgendeiner Stelle setzt du unsere normale Familie aufs Spiel!

Semjon schleuderte den bunt gemusterten Topflappen mit voller Wucht auf den Esstisch.
Er rutschte über die Wachstischdecke und fiel auf den Boden.
Niemand machte Anstalten, ihn aufzuheben.
Das Gesicht ihres Mannes überzog sich vor Empörung mit roten Flecken.
— Wovon redest du eigentlich, Semjon?
Lena zog mit Mühe am Reißverschluss der großen Reisetasche.
Sie tat es absichtlich langsam.
Draußen war es längst dunkel geworden.
Die Nachbarn über ihnen rückten wie immer Möbel hin und her.
Und in ihrer engen Küche zerbrach gerade die fünfzehn Jahre alte Gewohnheit, schlecht, aber immerhin gemeinsam zu leben.
— Von deiner neuen Arbeit!
Er zeigte mit seinem kurzen Finger auf die leere Tasse auf dem Tisch.
— Regionaldirektorin!
— Was die sich alles ausdenken.
— Wer braucht dich dort mit deinen vierundvierzig Jahren?
— Jetzt hält sie sich plötzlich für eine Direktorin.
— Bestimmt hast du jüngeren Leuten den Weg versperrt, und die werden dich schon im ersten Monat fertigmachen.
— Und mich wirst du vor den Männern blamieren.
— Dich werde ich blamieren?
Sie ließ den widerspenstigen Reißverschluss los, richtete sich auf und sah ihrem Mann direkt in die Augen.
— Womit genau?
— Damit, dass ich unsere gemeinsame Hypothek jetzt nicht in zehn, sondern in drei Jahren abbezahlen kann?
— Oder damit, dass ich dich nicht mehr um Geld für Winterstiefel anbetteln muss?
— Ich verdiene ganz normal!
Semjon fuhr wütend hoch und hätte dabei beinahe den Hocker umgestoßen.
Er arbeitete als Lagerist in einem Baustofflager.
Sein Arbeitsrhythmus von vierundzwanzig Stunden Dienst und anschließend drei freien Tagen passte ihm ausgezeichnet.
Sein Gehalt reichte kaum für das Benzin seines Autos und die gelegentlichen Treffen mit seinen Freunden in der Garage.
Doch Ehrgeiz besaß er genug für drei Führungskräfte.
— Ich schufte wie ein Verrückter!
Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
— Und trotzdem verschwindet alles wie in einem schwarzen Loch!
— Von dir höre ich nur: Gib Geld für die Nebenkosten, gib Geld für Lebensmittel, wir müssen Danja Geld fürs Studium überweisen.
— Für deine eigenen Wünsche kannst du gefälligst selbst arbeiten und Geld verdienen.
— Und jetzt bist du also plötzlich eine große Chefin?
— Wirst du ständig auf Geschäftsreisen herumfahren?
— Das werde ich.
Lena verschränkte die Arme vor der Brust.
Plötzlich fühlte sie sich erstaunlich leicht.
Da war keine Angst mehr.
Da war auch nicht mehr das gewohnte Schuldgefühl, weil sie es gewagt hatte, an sich selbst zu denken.
— Ich werde auf Geschäftsreisen fahren und bis spätabends bei Besprechungen bleiben.
— Stell dir vor, Semjon, dafür hat man mir ein ausgezeichnetes Gehalt angeboten.
— Und wer kümmert sich um das Zuhause?
Er starrte sie verständnislos an.
— Wer wird für mich kochen?
— Wer wird hier putzen?
— Ich habe einen kranken Magen und brauche jeden Tag etwas Warmes, das weißt du doch!
— Eine Frau muss das häusliche Feuer hüten!
— Jetzt haben wir den Salat.
— Ich habe dir Freiheit gegeben, und du hast dich mir gleich auf den Hals gesetzt und es dir bequem gemacht.
— Du hast mir Freiheit gegeben?
Sie konnte sich nicht zurückhalten und prustete vor Lachen los.
Das klang so lächerlich, dass Lena nicht einmal versuchte, ihre bissige Ironie zu verbergen.
— Semjon, ich schufte seit fünfzehn Jahren in zwei Jobs.
— Als Danja klein war, habe ich nachts in der Küche die Berichte fremder Leute fertiggestellt, damit wir genug Geld für Essen hatten.
— Damals hast du ein halbes Jahr auf dem Sofa gelegen und behauptet, du würdest dich selbst suchen.
— Ich habe mir eine würdige Arbeit ausgesucht!
Er fiel ihr mitten ins Wort.
— Ein Mann sollte sich nicht für ein paar Kopeken für irgendeinen Kerl krummarbeiten.
— Ich habe über die Zukunft unserer Familie nachgedacht.
— Über die Zukunft hat er nachgedacht.
Lena ging zum Regal neben dem Spiegel im Flur und nahm ihre Kosmetiktasche heraus.
— An deine Zukunftspläne erinnern wir uns alle noch.
— Zum Beispiel daran, wie du beschlossen hast, ein Geschäft zu eröffnen, und einen Haufen kaputter Elektroroller gekauft hast, um sie zu vermieten.
— Sie rosten bis heute auf dem Balkon vor sich hin.
— Dafür haben wir übrigens einen Kredit aufgenommen.
— Das war ein Start-up!
Semjon senkte stur den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.
— Die Idee war großartig.
— Die Konkurrenten haben uns einfach erdrückt.
— Und überhaupt, wer alte Geschichten aufwärmt …
— Dem schlägt man ein Auge aus, richtig?
Sie warf die Kosmetiktasche auf die Sachen in der Reisetasche.
— Und die Chinchillafarm sollen wir auch vergessen?
— Du hast doch versprochen, dass wir damit reich werden.
— Am Ende sind die Tiere zu den Nachbarn ausgebrochen, und wir mussten eine Strafe für ein durchgenagtes Kabel bezahlen.
— Ich habe nach Möglichkeiten gesucht!
Er wurde lauter und ging zum Angriff über.
— Ich wollte nicht, dass wir unser ganzes Leben in dieser Schachtel zusammengepfercht verbringen!
— Ich habe mich für euch angestrengt, und von dir bekam ich überhaupt keine Unterstützung.
— Du kritisierst mich ständig.
— Du nörgelst so lange an mir herum, bis ich nachgebe.
— Ich fühle mich wie ein jugendlicher Sohn, an dessen Fäden ständig gezogen wird.
— Du bist nicht ein einziges Mal in deinem Leben zu einem Elternabend deines eigenen Sohnes gegangen.
Lena sprach ruhig und ohne jede Dramatik.
Gerade deshalb trafen ihre Worte umso genauer.
— Der Junge ist erwachsen geworden und zum Studium in eine andere Stadt gezogen.
— Und du weißt nicht einmal, an welcher Fakultät er studiert.
— Natürlich weiß ich das!
Er winkte ab und wandte den Blick zur Seite.
— An dieser … wie heißt sie noch mal … Computerfakultät.
— Er wird doch Programmierer.
— Er starrt schließlich den ganzen Tag auf den Bildschirm.
— An der Fakultät für Architektur, Semjon.
— An der Fakultät für Architektur.
Sie schüttelte den Kopf.
— Und ich bezahle dieses Studium.
— Von genau dem Geld, das ich verdiene, während du mit deinen Freunden in der Garage darüber philosophierst, wie ungerecht die Welt zu ehrlichen Arbeitern ist.
Der gestrige Abend hätte ein Fest werden sollen.
Lena war mit der Nachricht über die lang ersehnte Beförderung nach Hause gekommen.
Die neue Arbeit würde schwierig werden.
Die Verantwortung war enorm.
Doch das war ihre Chance.
Eine Chance, der ewigen erniedrigenden Sparsamkeit zu entkommen.
Sie hatte einen Kuchen gekauft und Abendessen gekocht.
Sie hatte zumindest mit einem einfachen Glückwunsch gerechnet.
Stattdessen bekam sie einen Vortrag über die Bestimmung der Frau zu hören.
Die Beförderung seiner Frau traf Semjon an seiner empfindlichsten Stelle.
Sie verletzte seinen aufgeblähten Stolz.
Er konnte es nicht ertragen, dass die Frau, der er jahrelang eingeredet hatte, sie sei zu nichts fähig, plötzlich erfolgreicher war als er.
— Dann verschwinde doch!
Semjon folgte ihr in den Flur.
— Glaubst du, ich komme ohne dich nicht zurecht?
— Ich werde endlich erleichtert aufatmen!
— Dann wird niemand mehr von morgens bis abends an mir herumnörgeln.
— Du hast mich zu deinem Laufburschen gemacht.
— Geh dorthin, bring das mit, befestige das Regal …
— Ich habe dich gebeten, den Wasserhahn im Badezimmer zu reparieren, Semjon.
Lena knöpfte entschlossen ihren Mantel zu.
— Einen ganzen Monat lang habe ich dich darum gebeten.
— Jeden Morgen habe ich dich daran erinnert.
— Am Ende habe ich einen Handwerker gerufen und ihn selbst bezahlt.
— Sie hat einen Handwerker gerufen!
Verächtlich verzog er die Lippen.
— Du verschleuderst unser Familiengeld an irgendwelche Betrüger!
— Ich hätte das selbst erledigt.
— Ich hatte nur keine Zeit.
— Ich bin von der Arbeit erschöpft, verstehst du?
— Mein Rücken bringt mich um.
— Und du hast mich mit deinem Gemecker völlig fertiggemacht.
— Wenn du mich nicht ständig antreibst, verwandle ich mich wohl in einen Holzklotz, oder?
— Das werde ich nicht mehr tun.
Sie stellte die schwere Tasche näher an die Haustür.
— Ich habe eine Wohnung gemietet.
— Sie liegt näher an meinem neuen Büro.
— Vorerst werde ich dort wohnen.
— Später sehen wir weiter, je nachdem, wie alles läuft.
— Und was ist mit mir?
Plötzlich war seine ganze Angriffslust verschwunden.
Die Worte blieben ihm irgendwo im Hals stecken.
— Was soll das heißen, du hast eine Wohnung gemietet?
— Wer wird für diese neue Wohnung bezahlen?
— Willst du das Geld schon wieder aus unserem Familienbudget nehmen?
— Ich werde sie bezahlen.
— Von meinem neuen Gehalt.
— Und was ist mit der Hypothek für diese Wohnung?
Er warf die Hände in die Luft.
— Mein Gehalt reicht gerade so aus!
— Ich werde nicht genug zum Leben haben, wenn ich allein alle Rechnungen bezahlen muss.
— Ich werde meinen Teil der Schulden weiterhin bezahlen, genau wie bisher.
Sie sah ihren Mann ruhig an.
— Und deine Hälfte wirst du selbst bezahlen.
— Du kannst hier wohnen bleiben, wenn du möchtest.
— Solltest du es dir nicht leisten können, sag Bescheid.
— Dann verkaufen wir die Wohnung und gehen endgültig getrennte Wege.
— Das wagst du nicht!
Semjon fuhr hoch und versuchte verzweifelt, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen.
— Wir sind schließlich kirchlich getraut!
— Du bist eine Frau.
— Deine Aufgabe ist es, die Familie zu bewahren, und nicht von einer Mietwohnung zur nächsten zu springen.
— Lehne die Stelle ab.
— Vergiss diesen Unsinn mit den Geschäftsreisen.
— Dann werde ich dir verzeihen!
— Ich werde so tun, als wäre nichts davon passiert.
— Und die Sache mit dem Handwerker werde ich auch vergessen.
Lena zog schweigend die Autoschlüssel aus ihrer Tasche.
Es waren die Schlüssel des neuen dunkelgrauen SUVs, den sie ein Jahr zuvor auf ihren eigenen Namen finanziert hatte.
Die Banken hatten Semjon wegen seiner früheren Zahlungsrückstände schon lange keine Kredite mehr gewährt.
— Gib mir die Schlüssel.
Als Semjon ihre Bewegung bemerkte, streckte er die Hand aus.
— Das Auto bekommst du nicht.
— Ich muss damit zur Arbeit fahren.
— Ich werde doch mit meinem Ischias nicht im Bus herumgeschüttelt.
— Du wirst mit dem Bus fahren, Semjon.
Sie ließ den Schlüsselbund achtlos zurück in ihre Tasche gleiten.
— Das Auto ist auf meinen Namen zugelassen.
— Ich bezahle jeden Monat den Kredit dafür.
— Du hast innerhalb eines ganzen Jahres nicht einmal die Versicherung bezahlt.
— Du hast mich nur mit Versprechungen hingehalten.
— Ich habe Benzin getankt!
— Ganze zwei Mal.
— Und zwar vor deinen Angelausflügen.
— Den Rest der Zeit bist du auf meine Kosten gefahren.
Lena griff nach der Türklinke.
Im Treppenhaus zog es.
Von den Nachbarn her roch es schwach nach Bratkartoffeln und Feuchtigkeit.
— Ohne mich landest du schon in der ersten Schneewehe!
Er versuchte, ihr den Weg zu versperren.
Doch er tat es unsicher und mehr zum Schein.
— Wer wird dir Frostschutzmittel einfüllen?
— Wer wird mit dem Auto zum Reifenwechsel fahren?
— Du kannst doch nicht einmal die Motorhaube vom Kofferraum unterscheiden!
— Ich fahre zu einer Reifenwerkstatt.
— Stell dir vor, dort arbeiten speziell ausgebildete Menschen, die für Geld Reifen wechseln.
— Und man muss sie nicht drei Wochen lang darum bitten.
— Wer braucht dich dort schon mit deinem Geld …
Er murmelte es leise vor sich hin und schien seine Niederlage bereits zu begreifen.
— Ich kenne meinen Platz, Semjon.
— Ab jetzt ist mein Platz im Sessel einer Abteilungsleiterin.
— Und du wirst dir deinen Borschtsch selbst kochen.
— Wirf nur den Topflappen nicht mehr herum.
— Es ist jetzt nämlich niemand mehr da, der ihn für dich wäscht.
Die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Es gab keinen theatralischen Knall.
Semjon blieb mitten im Flur stehen.
Lange betrachtete er das leere Regal neben dem Spiegel, auf dem früher immer die Autoschlüssel gelegen hatten.
Er konnte einfach nicht glauben, dass sein bequemes, vertrautes und über Jahre aufgebautes Leben soeben mit einer einzigen Reisetasche davongegangen war.
Er trat einige Male unruhig auf der Stelle.
Dann ging er in die Küche, hob den weggeworfenen Topflappen vom Boden auf und legte ihn auf den Tisch.
Im Kühlschrank lagen nur noch eine halbe Packung Butter und ein vertrocknetes Stück Käse.
Drei Wochen vergingen.
Lena saß in einem hellen Büro und überprüfte die Quartalsberichte der Niederlassungen.
Der Ledersessel war unglaublich bequem.
Der Blick aus dem Fenster auf das geschäftige Treiben der Stadt beruhigte sie auf seltsame Weise.
Der Bildschirm ihres Telefons leuchtete auf dem Schreibtisch auf.
Eine unbekannte Nummer erschien.
Sie wusste genau, wer es war.
Semjon rief regelmäßig von neuen Nummern und von den Telefonen seiner Freunde aus der Garage an.
Seine eigenen Nummern befanden sich schon lange und dauerhaft auf ihrer Sperrliste.
Zuerst hatte er Geld für die Nebenkosten verlangt.
Danach hatte er darum gebeten, ihm wenigstens für das Wochenende das Auto zurückzugeben, damit er Kartoffeln kaufen fahren könne.
Lena wies den Anruf ab.
Sie legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch und vertiefte sich wieder in die Unterlagen.
Es gab viel zu tun.
Die Arbeit erforderte ihren vollen Einsatz.
Doch zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren bereitete ihr diese Müdigkeit Freude statt dumpfer Gereiztheit.
Das Telefon klingelte erneut.
Dieses Mal erschien die Nummer ihres gemeinsamen Sohnes auf dem Display.
— Hallo, Mama.
Danja klang munter.
Im Hintergrund war der Lärm vorbeifahrender Autos zu hören.
— Hallo, mein Schatz.
— Wie läuft das Studium?
— Wie ist dein Projekt mit den Modellen gelaufen?
— Ich habe die Bestnote bekommen.
— Hör mal, Mama …
— Papa hat mich angerufen.
Lena legte den Stift beiseite.
— Was wollte er?
— Er hat sich beschwert.
— Er sagt, seine Gastritis sei wegen der gekauften Tiefkühlpelmeni wieder schlimmer geworden.
— Er hat mich gebeten, dir auszurichten, dass du kommen und ihm eine Suppe kochen sollst.
— Eine Suppe aus Hähnchenbrust.
— Er sagt, er sei bereit, dir alles zu verzeihen, wenn du nach Hause zurückkehrst und diesen Unsinn mit der Karriere aufgibst.
— Und was hast du ihm geantwortet?
Sie lächelte und lehnte sich in ihrem Sessel zurück.
— Ich habe ihm gesagt, dass man Suppe über eine App bestellen kann.
— Und ich habe ihm einen Link geschickt.
— Er war beleidigt und hat aufgelegt.
— Mama, wie geht es dir eigentlich?
— Hältst du durch?
— Ich halte durch, Danja.
— Mir geht es einfach wunderbar.
Es klopfte kurz an der Tür.
Ihre Assistentin Katja schaute mit einem Pappbecher in der Hand ins Büro.
— Jelena Wiktorowna, Ihr Cappuccino.
— Außerdem hat ein Kurier Dokumente gebracht.
— Könnten Sie den Empfang unterschreiben?
— Ja, Katjuscha, bring sie her.
— Und Danja, ich rufe dich später zurück, ja?
Lena nahm einen Schluck von dem heißen Kaffee.
In ihrer neuen Mietwohnung gab es keinen einzigen unzufriedenen Menschen.
Das Auto stand direkt unter ihrem Fenster auf dem Parkplatz.
Niemand verstellte mehr ihre Sitzeinstellungen.
Und zum Abendessen wollte sie sich eine riesige Portion Sushirollen kaufen.
Ihr Leben hatte gerade erst begonnen.







