Doch der Kofferraum musste noch einmal geöffnet werden.
— Gut, dass ich früher gekommen bin, — seufzte Irina bedeutungsvoll und spießte geschickt das größte Stück heiß geräucherten Störs mit der Gabel auf.

— Wenigstens konnte ich dir ein bisschen helfen, denn allein ist so ein Bankett nur schwer zu bewältigen.
Schweigend nahm ich einen Schluck Zitronenwasser und beobachtete meine Schwägerin.
Ich war fünfzig geworden und saß am Kopfende des Tisches in einem gemütlichen Restaurant.
Die Rechnung für diese Feier war bereits am Nachmittag vollständig von meiner Karte bezahlt worden.
Mein Mann Viktor war zweiundfünfzig, und seine Schwester Irina, die Urheberin dieser Aussage über ihre unglaubliche Hilfe, war siebenundvierzig.
Ihre gesamte Unterstützung bestand darin, dass sie fünfzehn Minuten vor den anderen gekommen war, um die Namenskärtchen auf den Tellern zu verteilen.
Genau jene Kärtchen, die ich am Vortag selbst ausgedruckt hatte.
Seitdem hatte Irina den ganzen Abend am Tisch gesessen.
Sie verlangte von den Kellnern, dass ihr das warme Essen separat serviert wurde:
— Ich habe einen empfindlichen Magen, ich darf nicht warten!
Nebenbei erzählte sie jedem Gast, der an den Tisch kam, wie viel Aufwand die Organisation solcher Abende erforderte.
Irina stellte sich grundsätzlich gern als unsichtbare treibende Kraft jedes Vorgangs dar, für den sie keinen Finger rührte.
Gegen zehn Uhr abends begannen die Gäste nach Hause zu fahren.
Die Feier war gelungen.
Angenehme Musik spielte, und die Verwandten hatten sich ausgiebig unterhalten.
Ich war müde, aber es war jene angenehme Müdigkeit, bei der man einfach nur die Reste des Banketts mitnehmen und nach Hause fahren möchte.
Und es war sehr viel Essen übrig geblieben.
Darunter befanden sich eine unberührte zweistöckige Torte und der geschenkte Alkohol.
Ich wollte einfach nur aufatmen und mich in Ruhe erholen.
— Lena, geh und verabschiede die Verwandten, — schlug Irina geschäftig vor, als sie plötzlich neben mir auftauchte.
— Ich werde die Kellner bitten, alles ordentlich in Behälter zu verpacken.
— Die Lebensmittel sollen schließlich nicht verderben, oder?
— Verabschiedet ihr euch inzwischen mit Vitja von den Gästen.
Dankbar nickte ich.
Mein Mann begleitete gerade seine Kollegen zum Taxi, und ich ging in die Eingangshalle zu meinen Cousins.
Zehn Minuten später kam der Oberkellner zu mir.
Auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus professioneller Höflichkeit und leichter Verwunderung.
— Elena Nikolajewna, entschuldigen Sie bitte … In welches Auto sollen wir die übrigen acht Behälter bringen?
— Und die Torte?
— Und die beiden Kisten mit den Cognacflaschen?
— Ebenfalls in den roten Nissan?
— In welchen Nissan? — fragte ich und hob eine Augenbraue.
Mein Mann und ich besaßen einen schwarzen Toyota.
Der rote Nissan gehörte Oleg, Irinas Mann.
— Nun, die Dame, die Ihnen geholfen hat, sagte, Sie hätten persönlich darum gebeten, alle Obstkörbe und Geschenke vom Tisch in ihren Kofferraum zu laden.
— Und sie bat mich, Ihnen diese Tüte zu geben.
Der Kellner reichte mir eine schlaffe Plastiktüte.
Darin drängten sich einsam zwei Plastikbehälter mit den Resten der Gemüseplatte und einer halben Portion Caesar-Salat aneinander.
Ich verspürte weder Panik noch den Wunsch, eine hysterische Szene zu veranstalten.
Ich empfand nur vollkommene Klarheit.
Ich ließ die Tüte am Empfangstresen liegen und ging zum Hintereingang des Restaurants.
Auf dem Parkplatz herrschte geschäftiges Treiben.
Irina erteilte ihrem Mann und einem Kellnergehilfen Anweisungen.
— Vorsicht mit der Torte!
— Stell den Alkohol näher an die Sitze.
— Oleg, schieb die Werkzeugtasche zur Seite, sonst passen die Kisten mit den Pralinen der Gäste nicht mehr hinein!
— Irina, — sagte ich leise, doch der Kellnergehilfe erstarrte sofort mit der Cognackiste in den Händen.
— Darf ich fragen, wohin mein Bankett umzieht?
Meine Schwägerin war kein bisschen verlegen.
Im Gegenteil, sie sah mich mit sanftem, beinahe mütterlichem Tadel an.
— Ach, Lena, ich dachte, ihr würdet das sowieso verteilen oder wegwerfen.
— Wir wollten einen Teil mitnehmen, damit das Essen nicht verdirbt.
— Ihr beide könnt so viel doch gar nicht essen.
— Ich habe meinen Freundinnen schon geschrieben.
— Morgen früh kommen sie zu mir, und dann veranstalten wir ein Resteessen.
Sie sagte das so beiläufig, weil sie aufrichtig an ihre eigene Logik glaubte.
— Irina, — sagte ich und trat näher an den geöffneten Kofferraum.
— Du hast ohne zu fragen meine Torte, meine Geschenke und das Essen, das ich bezahlt habe, in dein Auto geladen.
— Jetzt wird alles wieder auf den Wagen zurückgestellt.
Die Maske der fürsorglichen Verwandten fiel augenblicklich von ihr ab.
Empört warf Irina die Hände in die Luft.
— Übrigens habe ich dir den ganzen Abend geholfen!
— Ihr hättet euch wenigstens erkenntlich zeigen können.
— Ich habe mich hier einen halben Tag für euch abgerackert, und sie gönnt ihrer eigenen Verwandtschaft nicht einmal ein Stück Torte!
In diesem Moment kam Viktor auf die Treppe vor dem Eingang.
Er erfasste die Situation sofort: den geöffneten Kofferraum des Autos seines Schwagers, der bis oben hin mit Restaurantbehältern gefüllt war, und mein ruhiges, aber keinen Widerspruch duldendes Gesicht.
— Was geht hier vor? — fragte mein Mann.
— Vitja, deine Frau macht wegen ein paar Salaten einen Skandal! — ging Irina sofort zum Angriff über und verlieh ihrer Stimme einen weinerlichen Klang.
— Ich wollte doch nur das Beste, damit das Essen nicht verdirbt!
Ich wandte mich meinem Mann zu.
— Deine Schwester hat alle unberührten warmen Gerichte, meine Geburtstagstorte, den geschenkten Alkohol und die Pralinen der Gäste für sich eingepackt.
— Dabei behauptete sie, ich hätte es ihr angeblich selbst erlaubt.
— Für mich hat sie eine Tüte mit angebissenen Gurken zurückgelassen.
Viktor sah seine Schwester nun ohne seine bisherige Gutmütigkeit an.
Er konnte Kleinlichkeit nicht ausstehen, doch Diebstahl unter dem Deckmantel der Fürsorge überschritt für ihn jede Grenze.
Er ging zu Oleg, der angestrengt so tat, als würde er das Profil der Autoreifen untersuchen.
— Oleg, öffne den Kofferraum, — sagte Viktor ruhig, aber mit einem metallischen Unterton in der Stimme.
— Wir laden alles aus.
— Vitja, willst du etwa auf deine Frau hören?! — empörte sich Irina.
— Wir haben doch schon alles verstaut!
Oleg seufzte schwer und drückte schweigend auf den Knopf seines Autoschlüssels.
Der Kofferraum öffnete sich bereitwillig noch weiter.
— Jungs, — wandte sich mein Mann an die erstarrten Kellner.
— Bitte ladet alles wieder auf den Wagen und bringt es zurück in den Saal.
— Vitja, das ist eine Schweinerei!
— Ihr wisst die Arbeit anderer einfach nicht zu schätzen! — schimpfte meine Schwägerin weiter.
Ich ging zum Servierwagen, nahm einen kleinen Behälter und reichte ihn Irina.
— Die Art der Belohnung bestimmt derjenige, dem geholfen wurde, Irina.
— Du hast beschlossen, sowohl zu helfen als auch dich ohne meine Zustimmung mit meinen Lebensmitteln zu bezahlen.
— Das ist keine Hilfe.
— Hier.
— Das ist dein angebrochener Julienne-Auflauf.
— Du kannst ihn mitnehmen, damit er nicht verdirbt.
Irina zuckte nervös mit der Schulter, riss mir den Behälter aus der Hand, setzte sich ins Auto und schlug die Tür laut zu.
Oleg setzte sich, ohne den Blick zu heben, ans Steuer, und sie verließen hastig den Parkplatz.
Wir kehrten ins Restaurant zurück.
Ich teilte das Essen persönlich auf.
Die Torte und die Desserts legte ich für den Besuch bei meiner Mutter am nächsten Tag beiseite.
Einen Teil der Behälter mit den warmen Gerichten und Vorspeisen gab ich meiner Tante.
Zwei ungeöffnete Platten mit Delikatessen überließ ich den Angestellten des Restaurants.
Die Jungs hatten sich ein Trinkgeld in Form eines guten Abendessens wirklich verdient.
Als Viktor und ich nach Hause fuhren, duftete es im Innenraum unseres Autos köstlich nach frischem Brot und nach der Vanille aus den Tortenschachteln.
Mein Mann schwieg lange und blickte auf die von Laternen beleuchtete Straße.
Dann sagte er leise:
— Verzeih mir.
— Ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen würde.
Ich lächelte nur und schloss die Augen.
Mein Geburtstag war trotzdem gelungen.
Und die unangenehme Szene hatte mir endgültig gezeigt, wen ich künftig nicht mehr an die Organisation von Familienfeiern heranlassen sollte.
Offenbar war ihr Organisationstalent ohne das Recht, fremde Bankettreste mitzunehmen, schnell und für immer erloschen.







