Eine Woche später weinte er vor dem Tor ihres neuen zweistöckigen Herrenhauses.
Der Duft von Ribeye-Steak vermischte sich mit dem Aroma von Rosmarin und Knoblauch.
Anna legte die Bruschetta auf einen vorgewärmten Teller, als sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss der Eingangstür drehte.
Sie rückte ihre Schürze zurecht, lächelte ihrem Spiegelbild in der Ofentür zu und wollte schon in den Flur gehen, doch die Schritte ihres Mannes klangen zu schwer.
So ging er, wenn er wütend war.
Sie erstarrte an der Kücheninsel.
Igor kam nicht in den Eingangsbereich, sondern direkt in die Küche, und in seiner Hand schaukelte ein halb leerer Rollkoffer.
Er trug Straßenschuhe und hinterließ Spuren auf dem frisch gewischten Boden, doch ein einziger Blick in sein Gesicht reichte ihr, um über den Schmutz zu schweigen.
– Das Abendessen ist fertig, – sagte sie gleichmäßig und stellte den Teller auf die Arbeitsplatte.
– Du bist pünktlich.
Igor sah das Essen nicht an.
Er ließ den Blick durch die Küche schweifen, wie man unnützen Plunder betrachtet, und stellte den Koffer schwer auf den Boden.
– Ich gehe, – sagte er, und die Worte fielen wie Steine in stehendes Wasser.
Anna trocknete sich langsam die Hände mit einem Küchentuch ab.
Ihr Herz schlug irgendwo im Hals, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben.
– Weit weg?
– Zu Karina, – spuckte er den Namen herausfordernd aus und starrte ihr auf den Nasenrücken.
– Du erfährst es sowieso, die Nachbarn tratschen schon.
Ich habe diesen Sumpf satt.
Ich habe es satt, mich vor einer Hausfrau rechtfertigen zu müssen.
Du sitzt von morgens bis abends zu Hause, dein Gehirn ist verkümmert.
Du bist doch niemand ohne mich.
Ein leeres Nichts.
Kochen und Putzen, das ist deine Grenze.
Sie wusste von Karina.
Sie wusste es schon seit drei Monaten, seit sie auf seinem Telefon eine Benachrichtigung über eine Hotelbuchung für zwei gesehen hatte.
Doch jetzt lähmte sie nicht der Name der Geliebten, sondern der Tonfall.
So spricht man mit Möbeln.
– Ich habe gearbeitet, – erinnerte Anna leise.
– Ich war Architektin…
– Warst du, und was bist du geworden? – er schnaubte, zog am Reißverschluss des Koffers und holte das Telefon heraus.
– Du sitzt mir auf der Tasche, kochst Borschtsch und denkst, das sei eine Leistung.
Schluss, Anja, es reicht.
Ich bin es leid, dich auf mir mitzuschleppen.
Er drückte auf Anruf mit Lautsprecher.
Die Freizeichen breiteten sich wie eine Sirene in der Küche aus.
– Ja, Häschen, – sang aus dem Lautsprecher eine junge, kapriziöse Stimme.
– Kommst du bald?
– Ich fahre los, – Igor lächelte ins Telefon und sah seine Frau nicht einmal an.
– Ich habe mich nach frischer Luft gesehnt.
– Ich warte, mein Bär.
Bring nur Champagner mit, meiner ist alle.
Igor beendete den Anruf, steckte das Telefon in die Tasche und warf Anna eine Bankkarte vor die Füße.
Die Karte glitt über die Fliesen und blieb an den Spitzen ihrer Hausschuhe liegen.
– Da sind dreißigtausend drauf.
Verprass sie nicht alle für deine dämlichen Kräutertees.
Ich komme einmal im Monat vorbei und kontrolliere, ob du die Wohnung nicht zugemüllt hast.
Er drehte sich um, packte den Koffer und ging in den Flur.
Die Eingangstür schlug zu.
Im Schloss klirrte der Schlüssel, er hatte seinen eigenen.
Die Stille stürzte wie eine Betonplatte auf die Küche herab.
Anna stand reglos da.
Sie sah auf die Karte zu ihren Füßen.
Dann wanderte ihr Blick zu dem perfekt gedeckten Tisch.
Das Steak begann bereits abzukühlen.
Die Bruschetta mit Tomaten und Basilikum sahen makellos aus.
Sie ging in die Hocke.
Sie hob die Karte auf.
Sie brach nicht in Tränen aus, schleuderte sie nicht gegen die Wand.
Sie legte sie an den Rand der Arbeitsplatte.
Eine Stunde lang saß sie auf dem Boden, den Rücken an die Küchenzeile gelehnt.
Vor dem Fenster wurde es dunkel.
Dann stand Anna auf, langsam, die Handflächen auf die Knie gestützt wie eine Schwimmerin vor dem Start.
Sie wischte sich mit dem Handrücken über die trockenen Augen.
In ihrem Gesicht war keine Spur von Verwirrung mehr.
Sie öffnete die geheime Schublade unter dem Schneidebrett, jene, von der Igor nichts wusste.
Daraus holte sie ein kleines, altes Tastentelefon.
Der einzige Kontakt darin war als „Meister“ gespeichert.
Anna tippte eine Nachricht: „Der Koffer hat sich hinter ihm geschlossen.
Projekt Phönix starte ich morgen um sechs Uhr früh.
Bereitet die Schlüssel zum Gutshaus vor“.
Sie schickte sie ab.
Dann ging sie zu dem Laptop, der auf der Fensterbank lag.
Der Bildschirm leuchtete auf und zeigte einen Browser-Tab.
„Auszug aus dem Einheitlichen Staatlichen Immobilienregister zu einem Objekt des Kulturerbes.
Eigentümerin: Woronzowa Anna Sergejewna“.
Derselbe Nachname, den sie vor der Ehe getragen hatte.
Sie klappte den Laptop zu und ging, um ihre Sachen zu packen.
Nicht dreißigtausend, nicht seine Karte — ihr eigenes Leben wartete an einem anderen Ort auf sie.
Der Samstagmorgen empfing die Stadt mit feinem, grauem Regen.
Anna lud zwei große Koffer in ein Taxi, setzte sich schweigend auf den Rücksitz und nannte dem Fahrer eine Adresse, die er nicht sofort im Navi fand.
Es war ein alter Bezirk außerhalb der Stadt, wo sich zwischen überwucherten Ahornbäumen die Ruinen von Kaufmannsgütern versteckten.
Nach vierzig Minuten bremste der Wagen vor einem hohen schmiedeeisernen Tor.
Nur war dieses Tor nicht mehr rostig und schief.
Es glänzte schwarz lackiert, mit vergoldeten Monogrammen „W“ — Woronzow.
Aus der kleinen Pforte trat ein gebeugter Mann in sauberen Arbeitshosen und hielt seine Mütze mit der Hand gegen den Wind fest.
– Guten Tag, Anna Sergejewna, – sagte er mit einem breiten Lächeln.
– Alles ist bereit.
Der Garten ist aufgeräumt, das Haus gelüftet.
Die Rosen habe ich geschnitten.
– Danke, Semjon Petrowitsch, – sie nickte und trat auf das Pflaster.
Das Taxi wendete und fuhr zurück in die Stadt.
Anna blieb vor dem Tor stehen, die Koffer zu ihren Füßen.
Sie hob den Blick zu dem Herrenhaus: zweistöckig, mit gegossenem Balkon, Buntglasfenstern und frischem cremefarbenem Putz.
Früher waren hier Ruinen gewesen.
Sie kannte dieses Haus aus ihrer Kindheit, als ihre Großmutter sie hierher brachte und ihr von der Urgroßmutter erzählte, der Kaufmannsfrau, die eine kleine Kerzenfabrik besessen hatte.
Semjon Petrowitsch nahm die Koffer, und Anna betrat den Hof.
– Die Schlüssel haben Sie, – erinnerte er sie.
– Der Haupteingang ist die geschnitzte Eichentür.
Sie wurde nach alten Fotografien restauriert.
Schließen Sie selbst auf.
Ich mache inzwischen die Rosen fertig.
Sie nickte, nahm den schweren Schlüsselbund und ging über den mit Naturstein gepflasterten Weg zum Haus.
Die Tür öffnete sich weich, ohne zu knarren.
Drinnen roch es nach Holz und Lack.
Anna blieb auf der Schwelle zum Wohnzimmer stehen und betrachtete den Stuck an der Decke, der drei Monate lang nach Skizzen aus dem Archiv rekonstruiert worden war.
Sie fuhr mit den Fingern über das Treppengeländer, genau wie auf Großmutters Foto.
Und die Erinnerungen begannen zu fließen.
Vor fünf Jahren hatte sie an derselben Stelle gestanden, doch damals war der Boden mit zerbrochenen Ziegeln bedeckt gewesen, und der Wind hatte durch die Löcher im Dach gepfiffen.
Sie hatte gerade ihre Stelle im Architekturbüro gekündigt.
Sie hatte gekündigt, weil Igor ihr ein Ultimatum gestellt hatte.
„Entscheide dich: entweder ich oder deine Zeichnungen.
Ich komme nach Hause und will eine Ehefrau sehen, keine Vogelscheuche mit Bleistift.
Die Frau eines erfolgreichen Mannes schafft den Rückhalt, sie kriecht nicht auf Baustellen herum“.
Damals hatte auch die Schwiegermutter noch Öl ins Feuer gegossen.
Ljudmila Petrowna war zum Abendessen bei ihnen erschienen und hatte direkt vor Anna zu ihrem Sohn gesagt: „Igoretschka, eine Frau ist stark durch ihre Schwäche.
Anja muss verstehen, dass deine Karriere wichtiger ist.
Sie wird dir ihre Vorarbeiten geben, du bist schließlich der Leiter, du musst wachsen.
Und weibliche Kraft liegt darin, der Schatten des Mannes sein zu können“.
Igor nickte damals, und Anna schwieg.
Sie erinnerte sich, wie Ljudmila Petrowna ihr direkt in die Augen gesehen und mit gesenkter Stimme hinzugefügt hatte: „Meine Eltern sagten: Eine Frau muss ihren Platz am Herd kennen.
So habe ich meinen Mann bis zum Werkstattleiter großgezogen, und du, Anetschka, spiel dich nicht auf“.
Eine Woche später schrieb Anna ihre Kündigung.
Igor triumphierte.
Doch an genau jenem Abend, als sie das Büro verließ, kam sie hierher, zu den Ruinen des Erbes ihrer Großmutter, und saß lange auf einer umgestürzten Säule, während sie den Sonnenuntergang betrachtete.
Die Großmutter hatte ihr dieses Haus fünf Jahre zuvor vermacht, und Igor verlangte, die Ruinen für irgendeinen Preis zu verkaufen.
„Wer braucht diesen Schrott? – brüllte er.
– Wir verkaufen das Grundstück, ich kaufe mir ein neues Auto!“
Anna lehnte kategorisch ab, und das war ihr erster Aufstand, den er als weibliche Laune abtat.
Damals traf sie eine Entscheidung.
Sie kehrte nach Hause zurück und wurde nach außen hin genau diese „richtige“ Ehefrau.
Sie kochte, putzte, schuf den Rückhalt.
Doch nachts, wenn Igor schlief oder zu seinen ersten Dienstreisen aufbrach, öffnete sie den Laptop und arbeitete.
Unter ihrem Mädchennamen, über ein virtuelles Büro, das sie schlicht „Woronzowa und Partner“ nannte.
Es gab keine Partner.
Es gab nur sie: Zeichnungen, Kostenvoranschläge, 3D-Modelle, Verhandlungen mit Kunden über Skype.
Die ersten Projekte waren bescheiden — Cafés, Privathäuser.
Doch nach einem Jahr wurde man auf sie aufmerksam.
Nach zwei Jahren leitete sie bereits die Restaurierung historischer Gebäude.
Ihre anonymen Arbeiten wurden in Fachzeitschriften gelobt, die rätselten, wer sich hinter den Initialen A. W. verbarg.
Igor ahnte nichts.
Er kam nach Hause, fand Abendessen und gebügelte Hemden vor und schrieb ihre müden Augen einem „ganzen Tag Faulenzen“ zu.
Manchmal gab sie ihm Ideen für seine Arbeit, kleine, verpackt als „zufällige Gedanken beim Abendessen“.
Er griff sie auf, präsentierte sie seinen Vorgesetzten und bekam Beförderungen.
Er glaubte aufrichtig, das sei seine Genialität.
Und sie zeichnete nachts weiter Entwürfe für das Gutshaus.
Die Restaurierung des Herrenhauses begann vor drei Jahren.
Semjon Petrowitsch, ein ehemaliger Bauleiter, den sie noch von ihrer ersten Arbeit kannte, übernahm den Bau.
Anna kam heimlich hierher, wenn Igor auf Reisen war.
Zuerst verstärkten sie das Fundament, dann die Decken, dann das Dach.
Jeder einzelne Ziegelstein wurde mit ihren nächtlichen Projekten bezahlt.
Jeder Stuck wurde nach ihren Zeichnungen wiederhergestellt.
Und nun stand sie in der Mitte des Hauses, das sie selbst aufgebaut hatte.
Vom Erbe der Großmutter waren nur die Mauern geblieben, aber den Geist der Familie Woronzow hatte sie ihm neu eingehaucht.
Anna stieg in das Schlafzimmer im zweiten Stock hinauf.
Die Fenster gingen zum Garten hinaus, wo Semjon Petrowitsch an den Rosensträuchern arbeitete.
Sie packte die Koffer aus, hängte ein Kleid in den Schrank und setzte sich auf die Bettkante.
Das Telefon, dieses Tastentelefon, vibrierte.
Eine Nachricht vom „Meister“: „Alles ruhig.
Er hat noch nicht angerufen“.
„Und er wird nicht anrufen“, dachte sie.
„Jetzt denkt er, ich weine ins Kissen“.
Sie weinte nicht.
Sie wartete nur.
Am Montag wachte Igor in einem fremden Bett auf, das nach billigem Weichspüler roch.
Karina schlief mit ausgebreiteten Armen, und an ihren künstlichen Wimpern hing ein Klümpchen Mascara.
Er verzog das Gesicht, setzte sich im Bett auf und sah sich im Studio um.
Überall lagen rosafarbene Hanteln, Spirulina-Döschen und Verpackungen von Proteinriegeln herum.
Auf einem Stuhl hing ein durchsichtiges Negligé, und auf dem Boden standen drei Paar Turnschuhe in verschiedenen Größen, offenbar für verschiedene Instagram-Winkel.
– Guten Morgen, Bärchen, – murmelte Karina, ohne die Augen zu öffnen.
– Mach mir einen Smoothie.
Sellerie, Spinat, Gurke.
Ohne Salz.
Und vergiss nicht, Leinsamen dazuzugeben.
Igor seufzte und ging in die Küche.
In Annas Haus roch es morgens nach Pfannkuchen und frisch gebrühtem Kaffee.
Hier roch es nach Chlor, mit dem Karina ihre Yogamatte abwischte, und nach leicht verdorbenem Saft aus dem Kühlschrank.
Er öffnete die Tür, nahm ein Bündel welken Sellerie heraus und begann zu schneiden.
– Igoretschka, – Karina stand auf, in ein Laken gewickelt, und trat von hinten an ihn heran.
– Ich brauche ein neues iPhone.
Die Kamera da taugt überhaupt nichts.
Du bist doch mein Sponsor.
– Kaufe ich, – brummte er, während er den grünen Brei in ein Glas goss.
– Und bügel dir deine Hemden selbst, – fügte sie hinzu, ohne ihn auch nur anzusehen.
– Ich bin nicht dein Aschenputtel, ich arbeite auch.
„Ich arbeite“ bedeutete, dass sie am Telefon saß und Storys mit Fitness-Challenges aufnahm.
Igor biss die Zähne zusammen.
In Annas Haus hatte er nie ein Bügeleisen angerührt.
Alles war gewaschen, gebügelt und nach Farben aufgehängt.
Am Abend desselben Tages saß er im Büro und starrte stumpf auf den Monitor.
Das Ausschreibungsprojekt brannte lichterloh.
Wadim, sein Kollege, kam mit zwei Bechern Kaffee heran und setzte sich auf die Tischkante.
– Hör mal, du bist doch irgendwie in Scheidung, oder? – fragte er leise.
– Warum ist deine Anna Sergejewna dann in einem alten Herrenhaus auf der Rubljowka gemeldet?
Meine Schwester, die Maklerin ist, sagte, dort liege der Preis bei knapp hundert Millionen.
Die neuen Eigentümer sind vor Kurzem eingezogen.
Und der Mädchenname ist Woronzowa.
Ist das nicht ihre?
Igor verschluckte sich am Kaffee.
– Sie?
Ein Herrenhaus? – er lachte viel zu laut.
– Was redest du da, Wadik, bist du vom Baum gefallen?
Ohne mich geht sie völlig unter.
Höchstens wischt sie Böden in einer Baubude.
Deine Schwester hat sich geirrt.
Woronzowa — es kann doch alle möglichen Zufälle geben.
– Na ja, vielleicht ist es ein Zufall, – Wadim kniff die Augen zusammen.
– Nur sagte meine Schwester, diese Frau sei Architektin, und das Haus sei nach ihrem Projekt restauriert worden.
Und sie beschrieb ihr Aussehen: groß, helles Haar, graue Augen.
Sehr ähnlich wie deine.
Igor winkte ab, aber in ihm zog sich etwas kalt zusammen.
Er erinnerte sich, wie Anna einmal, noch zu Beginn der Ehe, von Großmutters Haus erzählt hatte.
Damals hatte er gelacht: „Verkauf die Bruchbude, dann kaufe ich mir ein neues Auto“.
Sie hatte geschwiegen.
Am Abend versuchte er, sie unter ihrer gewöhnlichen Nummer zu erreichen, doch das Telefon war ausgeschaltet.
Auch das Haustelefon schwieg.
Er rief die Nachbarin an, Tante Raja, die er seit Ewigkeiten kannte.
– Anetschka?
Die ist doch schon am Samstag ausgezogen, – nuschelte die Nachbarin.
– Mit Koffern.
Sie hat die Wohnung abgeschlossen und ist weggefahren.
Ich weiß nicht wohin.
Igor schleuderte das Telefon auf den Tisch.
In seinem Kopf rauschte es.
Karina probierte gerade vor dem Spiegel ein neues Kleid an und zwitscherte etwas über ihre „Reichweiten“.
Er brüllte sie an, sie solle schweigen, und ging auf den Balkon.
Am nächsten Tag brach im Büro ein Skandal aus.
Die Ausschreibung, an der er ein halbes Jahr gearbeitet hatte, scheiterte krachend.
In der Präsentation fand man grobe sachliche Fehler, Unstimmigkeiten in den Zahlen und Plagiat einer urheberrechtlich geschützten architektonischen Lösung.
Der Chef zitierte ihn zum Rapport.
– Lawrow, begreifst du, was du da angerichtet hast?! – schrie der Generaldirektor.
– Das ist geistiges Eigentum des Büros „Woronzowa und Partner“!
Sie haben eine offizielle Mitteilung geschickt.
Woher hast du überhaupt diese Zeichnungen?
Igor wurde blass.
Diese Zeichnungen hatte er vor einem halben Jahr auf Annas altem Heim-Laptop gefunden und kopiert, weil er dachte, es seien ihre Studienarbeiten.
– Ich… das sind meine Ausarbeitungen, – log er.
– Deine?! – der Chef warf einen Ausdruck auf den Tisch.
– Hier ist ein Schreiben aus anonymer Quelle, in dem steht, dass du wiederholt Ideen der Architektin Woronzowa gestohlen hast.
Du bist entlassen, Lawrow.
Und mach dich auf eine Klage gefasst.
Igor wurde aus dem Büro geworfen.
Im Flur wandte Wadim demonstrativ den Blick ab.
Die Nachricht verbreitete sich innerhalb einer Stunde im Unternehmen.
Am Freitagabend saß er in Karinas Küche, trank Cognac direkt aus der Flasche und murmelte etwas von einer Verschwörung.
Als Karina von der Entlassung hörte, hörte sie sofort auf, zärtlich zu sein.
– Das heißt, du bist jetzt arbeitslos? – fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
– Und wovon sollen wir leben?
Ich habe mich nicht dafür verpflichtet, einen erwachsenen Mann durchzuschleppen.
– Ich habe eine Wohnung, – brummte er.
– Eine Wohnung, – schnaubte sie.
– Ich habe mich erkundigt: Diese Wohnung war mit einer Hypothek belastet, und Anna hat sie abbezahlt.
Weißt du überhaupt, dass sie sie vorzeitig getilgt hat?
Also ist noch die Frage, wem diese Wohnung nach dem Gesetz gehört.
Igor erstarrte mit der Flasche in der Hand.
Das wusste er nicht.
Anna hatte immer gesagt, es sei seine Wohnung, seine Festung.
Es stellte sich heraus, dass die Festung mit ihrem Geld gebaut worden war.
– Gut, – presste er hervor.
– Morgen fahre ich hin und sehe mir dieses hochgelobte Herrenhaus an.
Das kann nicht sie sein.
Karina verdrehte die Augen und ging ins Schlafzimmer, wobei sie die Tür zuschlug.
Er rief Wadim an und verlangte die Adresse.
Der schickte ihm die Koordinaten mit einem spöttischen Smiley.
Am Samstagmorgen stand Anna früh auf.
Die Sonne zeigte sich gerade erst hinter den Kronen der alten Ahornbäume.
Sie trank Kaffee in ihrem neuen Wohnzimmer, blickte in den Garten und schaltete den Laptop ein.
Eine Stunde zuvor hatte sie jenen Brief mit den Plagiatsbeweisen an den Generaldirektor von Igors Firma und an die Rechtsabteilung geschickt.
Kopien gingen an die Berufsverbände.
Das war der letzte Nagel im Deckel.
Sie empfand keine Freude, nur müde Genugtuung.
Sie wusste, dass er heute kommen würde.
Wadim hatte sich nicht zurückhalten können und ihr schon am Vortag am Nachmittag im Messenger geschrieben, weil sie einst bei einer Firmenfeier Kontakte ausgetauscht hatten: „Anna Sergejewna, Sie sind jetzt im alten Herrenhaus?
Igor hat nach der Adresse gefragt.
Ich habe sie ihm gegeben.
Entschuldigen Sie, falls das falsch war“.
Sie antwortete: „Danke, ich warte“.
Sie zog ein helles Kleid an, fasste die Haare zu einem tiefen Knoten zusammen und trat genau um zehn Uhr morgens auf die Veranda.
Semjon Petrowitsch goss die Rosen.
Gegen elf fuhr ein Taxi vor dem Tor vor.
Anna stand auf der Veranda, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah zu, wie Igor aus dem Wagen stieg.
Er war zerknittert, unrasiert, in einem zerknitterten Hemd.
Sein Blick huschte über die Fassade, über die Monogramme, über den gepflegten Garten.
Das Taxi fuhr weg.
Igor packte die Stäbe des Tores und presste sein Gesicht daran.
– He! – rief er Semjon Petrowitsch zu, der gerade einen Strauch beschnitt.
– Wessen Haus ist das?
Wer wohnt hier?
Der Gärtner hob ungerührt den Kopf.
– Anna Sergejewna.
Und wer sind Sie?
– Ich bin ihr Mann! – stieß Igor hervor.
– Lassen Sie mich rein!
Semjon Petrowitsch sah fragend zu Anna.
Sie nickte und stieg langsam, ohne Eile, von der Veranda herab und ging zum Tor.
Sie blieb zwei Schritte entfernt stehen, auf der anderen Seite des Gitters.
Igor sah sie und wich zurück.
Sie trug ein elegantes Kleid, Pumps, und es gab keine Spur mehr von jener „eingeschüchterten Glucke“, die er eine Woche zuvor zurückgelassen hatte.
Sie sah ihn mit ruhiger Neugier an, wie ein Ausstellungsstück im Museum.
– Anja! – er klammerte sich an das Gitter.
– Woher kommt das alles?!
Hast du hier irgendeinen Mann hereingelassen?
Ist das sein Haus?
Antworte!
Hast du mich betrogen?!
Anna neigte den Kopf zur Schulter.
Sie lächelte mit den Mundwinkeln.
– Nein, Igor.
Das ist das Haus meiner Urgroßmutter.
Dasselbe, das du verkaufen wolltest, um dir ein neues Auto zu kaufen.
Hier ist jeder Stuck mit meinen nächtlichen Zeichnungen bezahlt.
Mit genau denen, die dich „erfolgreich“ gemacht haben, während du mit der Sekretärin geschlafen hast.
– Du… du… – er rang nach Luft.
– Wer braucht dich denn ohne mich!
Du bist ein leeres Nichts!
– Ein leeres Nichts, sagst du? – sie öffnete ihre kleine Handtasche und holte eine Broschüre des Architekturbüros „Woronzowa und Partner“ sowie einen Schlüsselbund heraus.
– Hier sind die Schlüssel zu deiner Wohnung.
Die Kopie.
Die Wohnung ist übrigens auf mich eingetragen, die Hypothek habe ich getilgt.
Also empfehle ich dir, in den nächsten Tagen auszuziehen.
Und weißt du, warum man dich heute entlassen hat?
Weil ich aufgehört habe, dir meine Ideen zu geben.
Ohne mich bist du eine Null.
Nur ein lauter Mann mit einem Koffer.
Sie warf die Broschüre durch die Stäbe.
Sie fiel ihm vor die Füße.
Igor sank langsam zu Boden und hielt sich weiter am Gitter fest.
Seine Finger wurden weiß.
Er sah von unten zu Anna hinauf, und in seinen Augen standen Tränen.
Nicht der Reue, sondern machtloser Wut und Demütigung.
– Lass mich rein… – flüsterte er.
– Wir können alles wieder in Ordnung bringen.
Lass uns wie normale Menschen reden.
– Wir werden reden, – sagte sie ruhig.
– Aber nicht jetzt.
Jetzt wirst du dieses Haus ansehen und darüber nachdenken, wie du all das verlieren konntest.
Sie drehte sich um und ging zurück zum Haus.
Igor schluchzte laut und rüttelte am Tor, doch der Stahl gab nicht nach.
Semjon Petrowitsch beschnitt weiter die Rosen und bemühte sich, den Mann nicht anzusehen, der im Staub vor der Schwelle kauerte.
Eine Stunde später saß Igor noch immer auf dem Boden, als das Telefon in seiner Tasche vibrierte.
Karina rief an.
Er hielt das Telefon ans Ohr und hörte ihre eiskalte Stimme.
– Deine Sachen habe ich gepackt.
Der Koffer steht im Treppenhaus.
Hol ihn bis heute Abend ab, sonst werfe ich ihn auf den Müll.
Und ruf mich nicht mehr an.
Wie sich herausstellt, besitzt du nicht einmal irgendetwas, du bist nur ein leeres Nichts.
Ciao.
Freizeichen.
Er versuchte zurückzurufen, aber die Nummer war blockiert.
Er fluchte, stand auf, klopfte die Hose ab und schleppte sich davon.
Bis in die Stadt musste er zu Fuß gehen, denn das Geld für das Taxi hatte er nur für die Hinfahrt ausgegeben.
Am Abend kam er bei seiner Wohnung an, aber die Schlüssel passten nicht: Das Schloss war ausgetauscht.
An der Tür hing eine Mitteilung der Hausverwaltung über den Eigentümerwechsel.
Er hämmerte gegen die Tür, bis eine Nachbarin herauskam und mit der Polizei drohte.
Er schlief im Auto, das er im Hof seiner Mutter stehen gelassen hatte.
Am nächsten Tag schleppte er sich zu Ljudmila Petrowna, in der Hoffnung auf Trost.
Seine Mutter lebte in einer alten Zweizimmerwohnung am Stadtrand.
Als sie ihren Sohn in zerknitterter Kleidung und mit roten Augen sah, schlug sie die Hände zusammen.
– Was, hat diese da dich rausgeworfen?
Ich habe es doch gesagt!
Du konntest die Frau nicht im Zaum halten.
Warum hast du ihr erlaubt zu studieren?
Du hättest ihr gleich mehr Kinder machen sollen, dann hätte sie zu Hause gesessen und keinen Mucks gewagt.
Du hast sie verzogen, Igoretschka.
– Mama, sie ist offenbar Architektin…
Sie hat ein Herrenhaus…
– Ein Herrenhaus? – Ljudmila Petrownas Augen leuchteten auf.
– Dann bist du doch der Ehemann!
Geh und klag die Hälfte ein.
Das ist doch gemeinsam erworbenes Vermögen!
– Sie hat es vor der Ehe geerbt, – sagte Igor düster.
– Und überhaupt hat sie alles selbst verdient, während ich dachte, sie sitze nur zu Hause.
Die Mutter griff sich ans Herz.
– Sie ist zu einer heimtückischen Schlange geworden!
Schon gut, wohn vorerst bei mir.
Aber merk dir: Ich werde dich nicht verwöhnen.
Wenn du auf deine Mutter hörst, gehst du nicht unter.
Igor blieb bei seiner Mutter, im Kinderzimmer mit zwanzig Jahre alten Postern.
Jeden Morgen nörgelte sie an ihm wegen seiner Untätigkeit herum, und er spürte, wie er sich in den verwandelte, den er immer verachtet hatte: einen jämmerlichen Versager.
Zwei Tage später rief er seinen Sohn an.
Maksim ging nicht sofort ran.
– Hallo, mein Sohn.
Bist du jetzt bei deiner Mutter?
In diesem neuen Haus von ihr?
– Ja, Papa, – die Stimme des Teenagers klang distanziert.
– Ich habe mein eigenes Zimmer mit Blick auf den Garten.
Ich wohne seit Donnerstag hier.
– Hör zu, du musst auf sie einwirken.
Sie ist deine Mutter, aber ich bin auch dein Vater.
Du willst doch nicht, dass wir uns wie Feinde scheiden lassen?
Maksim schwieg eine Weile.
– Papa, du hast sie jede Woche angeschrien.
Ich habe gehört, wie sie nachts geweint hat, und du hast es nicht einmal bemerkt.
Du hast gesagt, sie sei niemand.
Und sie hat dieses Haus gebaut.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.
Verschwinde einfach für eine Weile.
Ihr geht es jetzt besser ohne dich.
Im Hörer ertönten kurze Signale.
Igor stand im Flur der Wohnung seiner Mutter, presste das Telefon ans Ohr und spürte, wie die letzte Stütze zusammenbrach.
Er wurde von niemandem mehr gebraucht.
Die Nacht legte sich still über das Herrenhaus.
Anna saß in der Bibliothek in einem Schaukelstuhl, in eine Decke gehüllt.
Auf dem Couchtisch brannte eine Kerze.
Ihr gegenüber saß auf einem kleinen Sofa eine etwa fünfundvierzigjährige Frau — dieselbe Freundin und Helferin, die gemeinsam mit ihr das Haus restauriert hatte, Wera.
– Denkst du, ich freue mich schadenfroh? – fragte Anna und sah in die Flamme.
– Nein.
Ich habe ihn zwanzig Jahre geliebt.
Als er mein erstes Projekt gestohlen hat, überzeugte ich mich selbst, dass wir ein Team seien.
Als er zum ersten Mal mit der Faust auf den Tisch schlug, dachte ich: „Er ist müde, einfach nur müde“.
Ich habe dieses Haus Stein für Stein zusammengesetzt, um nicht verrückt zu werden.
Wenn er damals zur Besinnung gekommen wäre…
Wenn er mich wenigstens einmal gefragt hätte, was ich will…
Dieses Herrenhaus wäre unser Familiensitz geworden.
Wera nickte und goss Tee in die Tassen.
– Du hast ihm eine Chance gegeben.
Viele Male.
– Ja, – Anna seufzte.
– Aber er hat es nicht einmal bemerkt.
Er sah nur seine eigene Bedeutung.
Und als ich aufhörte, sein Spiegelbild zu sein, ging er einfach.
Ich räche mich nicht, Wera.
Ich beschütze dieses Haus.
Meine Urgroßmutter hat es für die Kinder, für die Enkel gebaut.
Und Igor wollte alles abreißen und einen Kasten aus Porenbeton bauen, weil das einfacher und billiger ist.
Er verachtete mein Blut, meine Wurzeln.
Ich musste die Familie schützen.
Sie streckte die Hand nach einem alten Foto auf dem Kaminsims aus.
Von dort blickten ihre Urgroßmutter und ihr Urgroßvater sie an — jung, ernst, vor genau diesem Haus.
– Früher gab es hier einen Garten, Hühner, Kinderstimmen, – sagte Anna leise.
– Wahre Familienwerte sind nicht die Knechtschaft der Ehefrau, sondern die Verbindung der Generationen.
Und er wollte alles auslöschen.
Wera drückte ihre Hand.
– Du hast alles richtig gemacht.
Und du weißt, er wird zurückkommen.
Er ist schon obdachlos und verloren.
Was wirst du tun?
– Ich weiß es nicht, – Anna hob die Augen.
– Aber wenn er wieder über die Schwelle tritt, dann zu meinen Bedingungen.
Noch zwei Tage vergingen.
Igor, schmutzig, aber nüchtern, kniete vor demselben schmiedeeisernen Tor.
Er schrie nicht und weinte nicht.
Er kniete einfach da und wartete.
Als Semjon Petrowitsch ihn sah, ging er, um es der Hausherrin zu melden.
Anna kam eine Stunde später heraus.
Sie trug ein schlichtes Hauskleid, ohne Make-up, aber mit derselben ruhigen Würde.
– Öffne das Tor selbst, – sagte sie, als sie näher kam.
– Das Schloss ist kaputt.
Du hast nur nie versucht, ohne Klopfen und Forderungen einzutreten.
Igor hob überrascht den Kopf, zog am Griff, und der Flügel gab tatsächlich nach.
Er betrat den Hof, gebeugt, ohne zu wagen, die Augen zu heben.
Anna führte ihn nicht ins Haus, sondern zu einem kleinen Anbau tief im Garten, einem verglasten Gewächshaus.
Drinnen wuchsen Blumen, und in einem Kübel stand ein einziges kümmerliches Zitronenbäumchen.
– Siehst du diesen Baum? – fragte sie und strich über die blassen Blätter.
– Das bist du.
Du dachtest, ich hätte dich mit Liebe genährt, aber ich habe dir nur Wasser gegeben.
Mein Wasser.
Meine Säfte.
Du bist nicht selbst gewachsen, Igor.
Du hast nur verbraucht.
Hier, in diesem Garten, werde ich dich nicht mehr gießen.
Aber ich gebe dir einen Platz.
Er sah sie verständnislos an.
– Ich biete dir die Stelle des Gartenaufsehers an, – sagte sie klar, wie bei Geschäftsverhandlungen.
– Du wirst im Pförtnerhaus am Tor wohnen.
Das Gehalt ist bescheiden, aber ehrlich.
Die Bedingungen: Du überschreitest die Schwelle des Haupthauses niemals ohne meine Einladung.
Du sprichst mich ausschließlich mit „Sie“ und mit Vor- und Vatersnamen an.
Das sind meine traditionellen Familienwerte: Du sorgst außen für das Haus, ich innen.
Versuch, dir das Recht auf Rückkehr zu verdienen, wenigstens in den Garten.
– Ich… ich bin einverstanden, – presste er hervor, und seine Stimme zitterte.
– Dann stehen Rechen und Gießkanne in der Ecke.
Fang mit den Rosen an.
Sie drehte sich um und ging zum Haus.
Direkt an der Schwelle wandte sie sich noch einmal um und fügte leise hinzu:
– Einst hast du gesagt, ich sei niemand ohne dich.
Jetzt hast du die Chance herauszufinden, wer du ohne mich bist.
Arbeite.
Igor blieb mitten im Gewächshaus stehen und betrachtete seine Hände, die nie Schwielen gekannt hatten.
Dann nahm er langsam den Rechen und ging hinaus in den Garten.
Anna stieg ins Schlafzimmer hinauf und trat ans Fenster.
Unten auf dem Weg harkte ihr ehemaliger Mann unbeholfen trockenes Laub zusammen.
Sie rückte die Spitze am Vorhang zurecht und lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit — leise, fast unmerklich.
Das Familienhaus erwachte wieder zum Leben.








