Sveta erstarrte auf der Schwelle.
— Ich wohne hier, und wer bist du? — fragte eine unbekannte Frau missmutig.
Der Schlüssel drehte sich sanft und ohne Widerstand im Schloss.
Sveta bemerkte mechanisch, dass man den Mechanismus wohl einmal ölen sollte, doch der Gedanke verschwand, sobald sich die Tür nach innen in die Wohnung öffnete.
Im Flur brannte Licht.
Auf dem Schuhregal standen fremde Turnschuhe, kleine, weibliche, und rosa Gummistiefel mit aufgemalten Einhörnern.
Aus der Küche zog der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee.
Sveta blieb auf der Schwelle wie angewurzelt stehen.
Die Schlüssel glitten ihr aus den Fingern und fielen klappernd auf das Laminat.
Aus dem Zimmer trat eine Frau.
Sie war etwa fünfunddreißig, mager, mit mausfarbenem Haar, das zu einem nachlässigen Dutt zusammengebunden war.
Sie trug einen Hausmantel, genau den, den Sveta ihrer Mutter vor zwei Jahren geschenkt hatte.
Blau, mit gestickten Kornblumen.
Die Frau sah Sveta ohne Angst an, eher mit müder Gereiztheit.
— Ich wohne hier, — sagte sie missmutig.
— Und wer bist du?
Sveta öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Die Luft in der Wohnung war fremd.
Sie roch nicht nach Mutters Parfüm, sondern nach Waschpulver und nach etwas Kindlichem, Milchigem.
— Ich… das ist die Wohnung meiner Mutter, — sagte sie mit heiserer, wenig überzeugender Stimme.
— Wer sind Sie?
— Wie sind Sie hier hereingekommen?
Hinter dem Rücken der Frau lugte ein Mädchen hervor.
Sie war etwa fünf Jahre alt, hatte helle Zöpfe, neugierige Augen und eine Abdrückspur vom Kissen auf der Wange.
Sie drückte einen Plüschhasen mit einem abgerissenen Ohr an die Brust.
Sveta hatte diesen Hasen schon einmal gesehen.
Er stand auf einem Regal im Schrank, in dem Zimmer, das ihre Mutter Kinderzimmer nannte, obwohl es in dieser Wohnung seit dreißig Jahren keine Kinder mehr gegeben hatte.
— Mama, wer ist das? — fragte das Mädchen.
Die Frau schob das Kind hinter sich.
Es war eine automatische, mütterliche Geste.
Sveta spürte, wie ihr Übelkeit in die Kehle stieg.
Sie erkannte diese Geste.
So hatte ihre Mutter es gemacht, als Sveta klein war und sich ihnen jemand Unbekanntes näherte.
— Ich rufe die Polizei, — sagte Sveta und griff nach ihrem Telefon.
— Ruf nur an, — antwortete die Frau ruhig.
— Ich habe einen Vertrag.
— Was für einen Vertrag?
— Einen Vertrag über unentgeltliche Nutzung.
— Galina Ivanovna hat ihn mir gegeben.
— Die Eigentümerin der Wohnung.
Sveta erstarrte.
Das Telefon zitterte in ihrer Hand.
— Sie lügen.
Die Frau ging zur Kommode im Flur, zog eine Schublade heraus und holte eine Mappe hervor.
Sie reichte sie Sveta.
Darin lag ein Vertrag, auf zwei Blättern ausgedruckt, mit der Unterschrift ihrer Mutter unten.
Sveta erkannte die Handschrift.
Saubere Buchstaben, Schnörkel, violette Tinte.
Ihre Mutter benutzte immer nur violette Stifte.
Diese Gewohnheit stammte noch aus ihrer Zeit in der Buchhaltung.
Der Vertrag war korrekt aufgesetzt, mit den Passdaten beider Parteien.
Anna Sergejewna Belikowa, geboren 1982.
Sveta las den Nachnamen zweimal und fühlte nichts.
Damals fühlte sie noch nichts.
— Ich rufe meine Mutter an, — schnitt sie das Gespräch ab.
— Ruf an, — die Frau zuckte mit den Schultern.
Das Freizeichen dauerte lange.
Fünf, sechs, sieben Mal.
Sveta wollte schon auflegen, als in der Leitung eine Stimme erklang.
— Ja, Sveta, was ist passiert? — Galina Ivanovna sprach ruhig, sogar schläfrig.
Im Hintergrund war das Radio zu hören, es wurde der Wetterbericht übertragen.
— Mama, in deiner Wohnung sind fremde Leute.
— Eine Frau mit einem Kind.
Die Pause in der Leitung dauerte eine Sekunde.
Vielleicht zwei.
Aber Sveta kam sie wie eine Ewigkeit vor.
— Wage es nicht, sie anzurühren, — sagte ihre Mutter schließlich.
Ihre Stimme veränderte sich, wurde hart.
— Das ist mein Haus, und ich habe das Recht, hereinzulassen, wen ich für richtig halte.
— Du bist in dieser Wohnung niemand, solange ich lebe.
Sveta stand mitten im Flur und presste das Telefon ans Ohr.
Die Worte ihrer Mutter trafen sie wie Schläge.
Niemand.
Solange ich lebe.
Sie sah die fremde Frau im Hausmantel mit den Kornblumen an, das Mädchen mit dem Plüschhasen, und die Welt um sie herum kippte langsam um.
— Mama, erklär mir…
— Es gibt nichts zu erklären, — schnitt Galina Ivanovna sie ab.
— Anna wohnt dort, Punkt.
— Misch dich nicht ein, Svetlana.
— Ich habe gesprochen.
In der Leitung ertönten kurze Signale.
Sveta senkte die Hand.
Anna sah sie mit demselben ruhigen Gesichtsausdruck an.
— Bist du jetzt überzeugt? — fragte sie.
Sveta antwortete nicht.
Sie bückte sich, hob die Schlüssel vom Boden auf und erstarrte plötzlich.
Ihr Blick fiel auf ein altes Foto, das auf der Kommode stand.
Es hatte immer dort gestanden, solange Sveta denken konnte.
Die junge Mutter mit einem weißen Kopftuch hielt ein Neugeborenes in einer Decke.
Das Foto war schwarzweiß, mit einer geknickten Ecke.
Erst jetzt bemerkte Sveta, was sie früher nie bemerkt hatte.
Das Gesicht des Babys auf dem Bild war verschmiert.
Sorgfältig, aber grob, mit etwas Scharfem abgekratzt, als hätte jemand es mit einem Fingernagel oder einer Klinge abgeschabt.
An der Stelle der winzigen Gesichtszüge blieb nur ein weißer Fleck.
— Was ist das? — fragte Sveta und zeigte auf das Foto.
Anna sah hin, und zum ersten Mal huschte etwas wie Unsicherheit über ihr Gesicht.
— Ich weiß es nicht, — sagte sie.
— Galina Ivanovna hat es hingestellt, als sie umzog.
— Ich habe es nicht angerührt.
Sveta erinnerte sich nicht daran, wie sie die Wohnung verließ.
Erst die kalte Luft im Treppenhaus brachte sie wieder zu sich.
Die Aufzugtür schloss sich, und sie sah ihr Spiegelbild in der verspiegelten Wand.
Eine achtunddreißigjährige Frau, erfolgreiche Immobilienmaklerin, verheiratet, in einem teuren Mantel und mit perfekter Frisur.
Und Augen wie die eines gehetzten, geschlagenen Hundes.
Sie fuhr Auto und sah die Straße nicht.
Das Navigationsgerät führte sie mit gleichgültiger Stimme und wiederholte immer dasselbe.
Sveta ging jedes Detail im Kopf durch.
Den Vertrag.
Den Hausmantel.
Den Hasen mit dem abgerissenen Ohr.
Und das Foto.
Das Foto mit dem verschmierten Gesicht des Babys.
Dmitrij empfing sie in der Küche.
Er sah das Gesicht seiner Frau und legte sofort das Telefon beiseite, auf dem er Arbeitsmails gelesen hatte.
— Was ist passiert?
Sveta setzte sich auf einen Stuhl, ohne den Mantel auszuziehen, und erzählte alles.
Dmitrij hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen.
In fünfzehn Jahren Ehe hatte er gelernt, die Stimmung seiner Frau mit einem halben Blick zu lesen.
Die juristische Logik, durch jahrelange Praxis geschärft, setzte sofort ein.
— Deine Mutter hatte das Recht, einen Vertrag über unentgeltliche Nutzung abzuschließen, — sagte er, als Sveta fertig war.
— Die Wohnung gehört ihr, sie ist die Eigentümerin.
— Aber wenn wir ihn anfechten wollen, brauchen wir einen Grund.
— Geschäftsunfähigkeit zum Beispiel.
— Oder…
— Dima, — unterbrach Sveta ihn.
— Auf der Kommode steht ein Foto.
— Ich habe es hunderte Male angesehen und nichts gesehen.
— Aber heute habe ich es gesehen.
— Dem Baby wurde das Gesicht weggekratzt.
— Warte, was hat das Foto damit zu tun?
— Es hat damit zu tun, dass Mutter etwas verbirgt, — Sveta stand auf und ging zum Fenster.
Hinter dem Glas verdunkelte sich die Abendstadt, die Lichter verschwammen im Nieselregen.
— Diese Anna… du hättest sie sehen sollen.
— Sie hatte nicht einmal Angst vor mir.
— Sie hat erwartet, dass ich komme.
— Mutter hat sie offenbar gewarnt.
Dmitrij lehnte sich in seinem Stuhl zurück und rieb sich die Nasenwurzel.
— Gehen wir der Reihe nach vor.
— Was weißt du über diese Anna?
— Nichts.
— Überhaupt nichts.
— Hast du das Geburtsjahr im Vertrag gesehen?
— Neunzehnhundertzweiundachtzig.
Dmitrij schwieg und rechnete im Kopf.
— Deine Mutter war damals neunzehn.
Sveta drehte sich langsam vom Fenster weg.
Der Gedanke, den sie den ganzen Abend verdrängt hatte, nahm endlich Gestalt an.
— Ich fahre zu meiner Mutter auf die Datscha, — sagte sie.
— Sofort.
— Sveta, es ist schon neun Uhr abends.
— Ist mir egal.
— Ich werde nicht schlafen, bis ich weiß, was da vor sich geht.
Sie verließ das Haus, ohne sich umzuziehen, und schnappte sich nur die Autoschlüssel.
Dmitrij folgte ihr und warf eine Jacke über sein Haus-T-Shirt.
— Ich komme mit.
— Nein, — Sveta drehte sich um.
— Du kennst sie.
— Vor dir wird sie sich verschließen.
— Und mich allein bricht sie seit meiner Kindheit in Sekundenschnelle.
— Nur muss ich diesmal auf meinem eigenen Terrain sein, damit ich ihr das nicht erlaube.
— Lass mich allein fahren.
Dmitrij nickte.
Er kannte die Beziehung seiner Frau zu Galina Ivanovna.
Er kannte sie und schwieg, wie Männer schweigen, die sich nicht in weibliche Familienkriege einmischen wollen.
— Ruf alle paar Stunden an.
— Wenn etwas ist, fahre ich sofort los.
Sveta stieg ins Auto und fuhr auf die Landstraße hinaus.
Die Vorortstraße war an diesem Werktagabend leer.
Die Scheibenwischer wischten rhythmisch die Regentropfen von der Windschutzscheibe und erzeugten die Illusion einer ruhigen Fahrt.
In Sveta kochte alles.
Sie erinnerte sich.
Sie erinnerte sich daran, wie sie mit zwanzig ihrer Mutter ein Foto des Jungen gezeigt hatte, mit dem sie sich traf.
„Hat er Zukunftsaussichten?” hatte ihre Mutter damals gefragt, ohne das Foto überhaupt anzusehen.
Sveta erinnerte sich daran, wie sie mit fünfunddreißig vom Gynäkologen die Diagnose einer tubaren Unfruchtbarkeit gehört hatte und wie ihre Mutter darauf sagte: „Ich habe dir doch gesagt, du sollst mit Kindern nicht warten.”
Als wäre das nicht die Folge einer verschleppten Entzündung gewesen, die sie während der Prüfungszeit auf den Beinen durchgestanden hatte, sondern irgendeine kosmische Strafe für ihre Karriere.
Die Datscha empfing sie mit Licht in den Fenstern und dem Geruch von Rauch aus dem Schornstein.
Galina Ivanovna schlief nicht.
Sie saß auf der Veranda in einem alten Schaukelstuhl, trank Tee und blickte in die Dunkelheit vor dem Fenster.
Als sie den Motor hörte, zuckte sie nicht einmal zusammen.
Sie wartete.
Sveta trat ein, ohne zu klopfen.
Die schmutzigen Schuhe zog sie absichtlich nicht aus und hinterließ nasse Blätter auf der sauberen Fußmatte.
Ihre Mutter verfolgte diese kleine Provokation mit dem Blick und grinste spöttisch.
— Du hast gar keinen Respekt mehr, wenn du mit Schuhen hereintrampelst.
— Wem hast du meine Wohnung überlassen, Mama?
Die Frage klang schärfer, als Sveta beabsichtigt hatte.
Aber zum Zurückweichen war es zu spät.
— Meine Wohnung, — korrigierte Galina Ivanovna und stellte die Tasse ab.
— Nicht deine.
— Meine.
— Deine Wohnung ist in der Stadt, mit Hypothek übrigens, und ich habe dir keinen einzigen Kopeken dafür gegeben, weil du stolz und selbstständig bist.
— Diese hier gehört mir.
Sveta setzte sich ihr gegenüber.
Sie versuchte ruhig zu sprechen, doch ihre Stimme zitterte.
— Wer ist Anna?
— Warum hat sie einen Vertrag?
— Warum lebt sie mit einem Kind in unserer Wohnung, und ich erfahre es zufällig?
— Weil du im letzten halben Jahr kein einziges Mal dort warst, — schnitt die Mutter ab.
— Du bist gekommen, um den Ficus zu gießen.
— Der steht seit einem Monat trocken da, und du bemerkst es erst jetzt.
— Lenk nicht ab.
— Wer ist sie?
Galina Ivanovna presste die Lippen zusammen und schwieg lange.
Dann stand sie auf, ging zum Büfett, nahm eine Flasche Likör und goss sich etwas in den Tee.
Ihre Hände zitterten nicht, aber die Bewegungen waren langsam und schwer.
— Sie ist eine Mieterin.
— Ich habe sie hineingelassen, weil es mir nicht leidtut, und sie haben nirgends zu wohnen.
— Was geht dich das an?
— Mama, — Sveta hob die Stimme.
— Du lässt eine fremde Frau mit einem Kind in die Wohnung, sagst mir nichts, und wenn ich komme, erklärt mir diese Fremde, dass sie dort wohnt.
— Was soll ich da denken?
Galina Ivanovna fuhr herum.
Ihre Augen blitzten gefährlich, ein Blick, den Sveta seit ihrer Kindheit kannte.
Diesen Blick hatte ihre Mutter vor Skandalen, nach denen Sveta ins Kissen weinte und in ihr Tagebuch schrieb, dass sie sich selbst hasste.
— Du sollst daran denken, dass du dein Leben so gelebt hast, wie du wolltest! — die Stimme der Mutter stieg bis zum Kreischen.
— Du hast dir nichts versagt!
— Karriere gemacht, einen Mann gefunden, Geld hast du!
— Aber Kinder hast du nicht!
— Deine Gebärmutter, Sveta, ist ein trockener Brunnen.
— Du wolltest nicht gebären, hast alles aufgeschoben, aufgeschoben, und jetzt ist der Zug abgefahren.
— Anna aber hat geboren.
— Verstehst du?
— Sie hat eine lebendige Seele geboren.
Sveta spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.
In ihren Ohren rauschte es.
Ein trockener Brunnen.
Ihre Mutter sagte es beiläufig, als spräche sie vom Wetter, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen.
— Du… weißt du überhaupt, warum ich keine Kinder bekommen kann? — flüsterte Sveta.
— Weil Gott denen nichts gibt, die nicht darum bitten.
— Nein, Mama.
— Weil du mich im dritten Studienjahr jeden Tag angerufen und mir erzählt hast, was für eine nutzlose Tochter ich bin.
— Wie ich dich beschäme, weil ich noch nicht verheiratet bin.
— Ich rannte zu einer Prüfung und weinte, und dann wurde ich von einem Auto angefahren, weil ich nicht auf die Straße achtete.
— Ich hatte innere Blutungen, eine Infektion, Komplikationen.
— Erinnerst du dich überhaupt daran?
Galina Ivanovna erbleichte, fasste sich aber schnell wieder.
— Du suchst immer Schuldige.
— Ich wollte dein Bestes, und du hast alles verdreht.
— Wer ist Anna? — wiederholte Sveta hart.
Die Mutter schwieg.
Sie wandte sich zum Fenster und verschränkte die Arme vor der Brust.
Es war eine verschlossene, defensive Haltung.
Sveta begriff plötzlich, dass ihre Mutter etwas verbarg.
Nicht nur die Geschichte mit der Mieterin, sondern etwas viel Ernsteres.
Etwas, das sie, die herrisch war und sich nie rechtfertigte, nun zwang, die Augen zu verbergen.
— Ich habe ein Recht, es zu wissen, — sagte Sveta leise.
— Du hast einer fremden Frau die Schlüssel gegeben.
— Du hast sie in das Haus gelassen, in dem ich aufgewachsen bin.
— In mein Zimmer.
— Dein Zimmer ist leer, — sagte Galina Ivanovna, ohne sich umzudrehen.
— Du wohnst dort seit zwanzig Jahren nicht mehr.
— Anna ist nicht fremd.
— Sie… — die Mutter stockte.
— Sie hat mehr Recht, dort zu wohnen, als du.
Sveta stand auf.
Langsam ging sie zu ihrer Mutter und stellte sich so hin, dass sie ihr Gesicht sehen konnte.
— Warum?
Galina Ivanovna starrte auf den Boden.
Die Falten um ihren Mund wirkten tiefer als zuvor.
Ihre Lippen zuckten.
Für einen Moment glaubte Sveta, ihre Mutter würde jetzt weinen, doch es geschah nicht.
— Geh, — sagte sie dumpf.
— Ich bin müde.
— Ich gehe nicht, bis du es erklärst.
— Geh, Sveta.
— Bitte.
Das Wort „bitte” hörte Sveta von ihrer Mutter so selten, dass es stärker wirkte als ein Schrei.
Sie stand noch eine Minute da, dann drehte sie sich um und ging hinaus.
Sie setzte sich ins Auto und blieb lange reglos sitzen, während sie auf die erleuchteten Fenster der Datscha starrte.
Ihre Mutter kam nicht heraus und rief sie nicht zurück.
Nur ein Schatten huschte hinter den Vorhängen umher, und in diesem Umherhuschen lag etwas Schreckliches.
Zu Hause wartete Dmitrij mit Abendessen und Sorge in den Augen.
Sveta erzählte das Gespräch nach, und am Ende ihrer Schilderung sah ihr Mann düsterer aus als eine Gewitterwolke.
— Sie verbirgt etwas, — wiederholte er ihren Gedanken.
— Und dieses Etwas hängt allem Anschein nach direkt mit Anna zusammen.
— Sie ist nicht einfach eine Mieterin.
— Was machen wir?
— Informationen suchen, — Dmitrij öffnete den Laptop.
— Belikowa Anna Sergejewna, geboren neunzehnhundertzweiundachtzig.
— Das reicht, um Datenbanken zu überprüfen.
— Dima, ist das legal?
— Ich habe einen Bekannten beim Passamt, der mir einen Gefallen schuldet.
— Einen inoffiziellen.
Sveta nickte.
Zum ersten Mal an diesem Abend spürte sie etwas wie Halt.
Dmitrij war immer so gewesen.
Wenn die Emotionen überkochten, schaltete er den Juristen ein und zerlegte das Problem in Einzelteile.
Die nächsten Tage verwandelten sich in Warten.
Sveta ging zur Arbeit, führte Besichtigungen durch, lächelte Kunden an und überprüfte selbst alle fünf Minuten ihr Telefon.
Am dritten Tag kam Dmitrij mit Ausdrucken nach Hause.
— Setz dich, — sagte er von der Tür aus.
— Hier gibt es einiges zu lesen.
Anna Sergejewna Belikowa, gebürtig aus der Stadt Koltschugino in der Oblast Wladimir.
Zögling des Kinderheims Nummer vier.
Eltern unbekannt.
In der Spalte „Mutter” stand ein Strich.
In der Spalte „Vater” stand ein Strich.
Geburtsdatum: vierter November neunzehnhundertzweiundachtzig.
Sveta las das Geburtsdatum dreimal.
Dann nahm sie ihr Telefon und begann, alte Fotos im Cloud-Speicher durchzublättern.
Sie fand das Album, das sie vor einigen Jahren auf Wunsch ihrer Mutter digitalisiert hatte.
Sie blätterte lange, bis sie bei einem Bild stehen blieb, das sie mit dem Telefon abfotografiert hatte.
Die junge Galina Ivanovna steht vor einem Krankenzimmer.
In ihren Armen hält sie ein Bündel mit einem Baby.
Auf der Rückseite stand in violetter Tinte, in Mutters Handschrift: „Anetschka, November 1983.”
— Das kann nicht sein, — flüsterte Sveta.
Sie begann in den Familienarchiven zu wühlen, die in einer Schachtel auf dem Zwischengeschoss aufbewahrt wurden.
Sie fand die Heiratsurkunde ihrer Eltern.
Siebter Februar neunzehnhundertvierundachtzig.
Zwei Monate nach Annas Geburt.
— Sie hat vor der Ehe geboren, — sagte Sveta laut, doch die Worte klangen dumpf, wie durch Watte.
— Sie hat geboren und das Kind aufgegeben.
— Sie hat es in der Entbindungsklinik zurückgelassen.
— Und dann hat sie Vater geheiratet, der vermutlich nichts wusste.
— Oder er wusste es und schwieg.
Dmitrij nahm ihr die Dokumente aus der Hand und studierte sie aufmerksam.
— Es sieht so aus.
— Anna ist deine Schwester, Sveta.
— Mütterlicherseits.
Die Welt schwankte und setzte sich wieder zusammen, aber in einer anderen Anordnung.
Alle Kränkungen aus der Kindheit, alle Vorwürfe ihrer Mutter, dieses ganze „du undankbare Tochter” bekamen plötzlich eine neue Bedeutung.
Die Mutter hatte von Sveta nicht nur Perfektion verlangt.
Sie hatte versucht, durch sie eine Sünde zu sühnen.
Jene Sünde, die sie mit neunzehn begangen hatte, als sie sich vor der Schande fürchtete und ihr erstes Kind zurückließ.
— Sie hat ihr die Wohnung gegeben, — sagte Sveta leise.
— Ihrer geheimen Tochter.
— Und mich hat sie vor die Tür gesetzt.
Dmitrij setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.
— Wir können das Rechtsgeschäft anfechten.
— Wenn wir beweisen, dass deine Mutter unter Irrtum oder Druck gehandelt hat.
— Welcher Druck, Dima?
— Sie hat sie selbst gefunden.
— Sie hat sie selbst hineingelassen.
— Ihr ganzes Leben ging sie in die Kirche und betete, und ich dachte, das sei einfach altersbedingt.
— Es stellt sich heraus, dass sie ihre Sünde abgebetet hat.
Sveta sprang auf.
Sie ging zum Fenster, riss es auf und ließ die kalte Frühlingsluft herein.
Sie musste ihren Kopf durchlüften, in dem nur ein einziger Gedanke pochte.
Sie hatte eine Schwester.
Eine Schwester, die sie einmal im Leben gesehen hatte und die jetzt in der Wohnung ihrer Mutter lebte.
— Ich muss mit Anna sprechen, — sagte sie.
— Vielleicht zuerst mit deiner Mutter?
— Mutter wird lügen.
— Sie lügt immer, wenn es um ihre Vergangenheit geht.
— Ich wusste nicht einmal, dass sie vor der Hochzeit mit Vater für ein Jahr weggefahren war.
— Sie sagte, sie habe sich um die kranke Großmutter gekümmert.
— Die Großmutter war drei Jahre zuvor gestorben, ich habe es in den Dokumenten überprüft.
— Mein ganzes Leben lang habe ich an Märchen geglaubt.
Sveta zog Jeans und Pullover an und griff nach den Schlüsseln.
— Ich fahre zu Anna.
— Allein.
— Sveta, lass mich mitkommen, — Dmitrij stand auf.
— Nein, — sie drehte sich um.
— Wenn ich mit einem Juristen komme, wird sie sich verschließen und die Polizei rufen.
— Ich muss verstehen, was für ein Mensch sie ist.
— Vielleicht weiß sie überhaupt nicht, wessen Tochter sie wirklich ist.
— Oder sie weiß es sehr wohl, — sagte Dmitrij leise.
— Sei vorsichtig.
Sveta kam am Haus ihrer Mutter an, parkte im Hof und saß lange im Auto, während sie ihre Gedanken sammelte.
Dann fuhr sie mit dem Aufzug hinauf und klingelte.
Diesmal öffnete sie nicht mit ihrem eigenen Schlüssel.
Sie hatte das Recht dazu, aber sie wollte nicht.
Es war bereits fremdes Territorium.
Anna öffnete fast sofort.
Man sah, dass sie gewartet hatte.
Hinter ihr im Flur spielte dasselbe Mädchen, Sonja, offenbar mit einer Puppe.
Als das Mädchen Sveta sah, wurde es wachsam, lief aber nicht weg.
— Komm rein, — sagte Anna.
— Ich bin nur nicht allein, Sonja ist heute nicht im Kindergarten.
— Ich weiß, — Sveta trat in den Flur und zog die Stiefel aus.
Sie sah zur Garderobe.
Dort hing die alte Jacke ihrer Mutter, die Galina Ivanovna schon in den Neunzigern getragen hatte.
Anna trug offenbar ihre alten Sachen auf.
Sie gingen in die Küche.
Anna setzte den Wasserkocher auf und setzte sich ihr gegenüber.
Sonja spielte im Zimmer, man hörte, wie sie mit der Puppe sprach.
— Erzähl, — sagte Anna.
— Warum bist du gekommen?
Sveta nahm all ihren Mut zusammen.
Plötzlich bekam sie Angst.
Das, was sie sagen wollte, konnte das Leben dieser Frau zerstören.
Oder ihr im Gegenteil Antworten geben, auf die sie ihr ganzes Leben gewartet hatte.
— Wie hast du meine Mutter kennengelernt? — fragte Sveta.
Anna zuckte mit den Schultern.
— Sie hat mich selbst gefunden.
— Vor ungefähr zwei Jahren.
— Sie kam ins Kinderheim, also ins Archiv des Kinderheims, weil es nicht mehr arbeitet, aber die Unterlagen erhalten geblieben sind.
— Sie sagte, sie suche ehemalige Heimkinder, um ihnen zu helfen.
— Zuerst glaubte ich ihr nicht.
— Wer braucht schon mich, eine Waise mit dreißig Jahren Erfahrung?
— Aber sie kam jede Woche.
— Sie brachte Lebensmittel, dann half sie mir mit Arbeit.
— Dann schlug sie vor, dass ich hierherziehe.
— Hat sie dir etwas über sich erzählt?
— Sie sagte, sie sei eine einsame Frau, ihre Tochter sei mit ihrer Karriere beschäftigt, sie habe keine Enkel und müsse sich um jemanden kümmern, — Anna sah Sveta aufmerksam an.
— Ich weiß, dass du ihre Tochter bist.
— Sie hat mir von dir erzählt.
— Was hat sie erzählt?
— Dass du erfolgreich bist, mit Immobilien arbeitest, verheiratet bist.
— Aber dass eure Beziehung nicht sehr gut ist.
— Das ist milde ausgedrückt.
Der Wasserkocher kochte.
Anna goss Tee ein und schob Sveta eine Tasse hin.
Ihre Hände waren ruhig, ihre Bewegungen glatt.
Keine Aggression.
Sveta begriff plötzlich, dass sie dieser Frau gegenüber fast keine Abneigung empfand.
Nur Müdigkeit und ein seltsames, ziehendes Gefühl in der Magengrube.
— Darf ich dich direkt etwas fragen? — sagte Sveta.
— Frag.
— Weißt du, wer deine biologische Mutter ist?
Anna erstarrte mit dem Zuckerlöffel in der Hand.
Langsam senkte sie ihn in die Zuckerdose und schüttelte die Körnchen von den Fingern.
— Mir wurde gesagt, meine Eltern seien unbekannt.
— Ich bin ein abgegebenes Kind.
— In jenen Jahren gab es viele davon.
— Und wenn ich dir sage, dass deine Eltern bekannt sind?
In der Küche hing Stille.
Sogar Sonja im Zimmer wurde still, als hätte sie die Spannung gespürt.
— Was willst du damit sagen? — Annas Stimme sank zu einem Flüstern.
Sveta holte ihr Telefon hervor, fand das Foto mit der Aufschrift und zeigte es Anna.
— Das ist meine Mutter, Galina Ivanovna.
— Du kennst ihre Handschrift.
— Hier steht „Anetschka, 1983”.
— Du bist im Herbst zweiundachtzig geboren.
— Zufälle gibt es nicht.
Anna sah lange auf den Bildschirm.
Dann hob sie den Blick zu Sveta, und in diesem Blick lag keine Überraschung.
Nur Schmerz.
Ein alter, tiefer Schmerz, wie ihn ein verlassenes Kind von Kindheit an kennt.
— Ich wusste es, — sagte sie kaum hörbar.
— Was?
— Ich wusste es, — wiederholte Anna lauter.
— Sie hat es mir ein halbes Jahr, nachdem sie mich gefunden hatte, gestanden.
— Sie sagte, ich sei ihre Tochter.
— Dass sie mich in der Entbindungsklinik zurückgelassen hatte, weil sie Angst hatte.
— Dass sie es ihr ganzes Leben bereut habe.
— Und dann… — Anna stockte.
— Sie nahm mir einen Schwur ab.
— Ich sollte schweigen und keine Begegnung mit dir suchen.
— Warum? — Sveta spürte, wie ihre Finger kalt wurden.
— Sie sagte, du würdest es nicht verstehen.
— Dass du grausam und egoistisch seist.
— Und dass du alles tun würdest, um uns zu trennen, wenn du zu früh von mir erführest.
Sveta lehnte sich an die Stuhllehne.
Die Luft in der Küche wurde plötzlich schwer und abgestanden.
Ihre Mutter hatte mit ihnen beiden gespielt.
Sie hatte die Tochter gefunden, die sie verlassen hatte, und sie gleichzeitig gegen Sveta aufgebracht.
Zwei Frauen, die angeblich durch gemeinsames Blut verbunden waren, war verboten worden, einander kennenzulernen.
Verboten, sich zu treffen.
Damit die Mutter im Mittelpunkt bleiben konnte, als Retterin, als Märtyrerin.
— Hör zu, — Sveta beugte sich vor.
— Ich will euch nicht trennen.
— Bis gestern wusste ich nicht einmal, dass du existierst.
— Aber ich habe das Recht zu wissen, was in meiner Familie vor sich geht.
— In deiner Familie? — Anna lächelte bitter, und dieses Lächeln war nicht böse, sondern bitter.
— Sveta, du hattest eine Familie.
— Mutter, Vater, Wohnung, Ausbildung.
— Ich hatte nichts.
— Nur das Kinderheim, dann ein Wohnheim, Gelegenheitsjobs.
— Ich bekam Sonja von einem Mann, der verschwand, sobald er von der Schwangerschaft erfuhr.
— Wenn Galina nicht gewesen wäre, würde ich jetzt Treppenhäuser putzen und in einer Kommunalka leben.
— Galina hat dich verlassen, — sagte Sveta leise.
— Sie hat dich mitten im Winter in der Entbindungsklinik zurückgelassen, verstehst du?
— Und jetzt ist sie als Wohltäterin zurückgekehrt, um ihre Sünden zu sühnen.
— Aber du bist nicht verpflichtet, sie anzubeten.
— Und wem bin ich verpflichtet?
— Dir?
— Niemandem.
— Du bist überhaupt niemandem etwas schuldig.
— Aber sie hat auch kein Recht, dich zu manipulieren.
Im Zimmer begann Sonja zu weinen.
Anna entschuldigte sich und ging hinaus, und Sveta blieb allein in der Küche zurück.
Sie sah sich um.
Auf dem Fensterbrett stand ein Glas mit getrockneten Kräutern, am Kühlschrank hing eine Kinderzeichnung: ein Häuschen, eine Sonne, drei Strichmännchen.
Darunter stand in krakeligen Buchstaben: „Ich, Mama und Oma Galja”.
Sveta verspürte einen Stich.
Auf der Zeichnung gab es keine Tante Sveta.
In dieser Welt existierte sie überhaupt nicht.
Anna kam zurück und trug Sonja auf dem Arm.
Das Mädchen schluchzte und rieb sich die Augen.
— Sie hat sich vor irgendetwas erschreckt, — erklärte Anna.
— Gleich geht es vorbei.
Sveta betrachtete das Mädchen, ihr helles Haar, das sich an den Schläfen leicht lockte.
Etwas in Sonjas Gesicht erinnerte ungreifbar an ihre Mutter.
Derselbe Augenschnitt, dieselbe Lippenform.
Aber Sveta wusste bereits, dass Ähnlichkeit manchmal zufällig sein kann.
Oder aufgezwungen.
Damals ahnte sie noch nicht, wie sehr.
— Darf ich dir eine seltsame Frage stellen? — Sveta zögerte.
— Du hast heute schon so viele seltsame Dinge gesagt, dass eine Frage mehr oder weniger keinen Unterschied macht…
— Hast du einen DNA-Test gemacht?
— Auf Verwandtschaft mit Galina?
— Nein.
— Wozu?
— Sie hat es doch selbst gestanden.
— Was braucht man noch?
— Sicherheit, — sagte Sveta.
— Ich will sicher sein.
Anna schüttelte den Kopf und drückte die Tochter an sich.
— Du bist seltsam.
— Du glaubst deiner Mutter nicht, du glaubst mir nicht.
— Wem glaubst du überhaupt?
— Den Fakten.
Sie verabschiedeten sich kühl.
Sveta verließ die Wohnung und ging in den Hof hinunter.
Der Abend war warm, doch sie zitterte.
Sie setzte sich ins Auto und rief Dmitrij an.
— Wir müssen alle in einem Raum versammeln, — sagte sie.
— Mutter, Anna und mich.
— Eine vierte Person braucht es nicht, es wird ein erwachsenes Gespräch.
— Sveta, bist du sicher?
— Mutter benutzt uns beide, Dima.
— Anna erzählt sie, ich sei ein Monster.
— Mir erzählt sie, Anna sei niemand.
— Und sie selbst sitzt da und wartet, bis wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen.
— Genug.
— Dieser Knoten muss ein für alle Mal durchtrennt werden.
— Wann?
— In zwei Tagen.
— Anna hat am Donnerstag frei.
— Ich werde es vereinbaren.
Sie beendete das Gespräch und wählte die Nummer ihrer Mutter.
Diese nahm lange nicht ab, antwortete dann aber doch.
Ihre Stimme war schwach, krank.
— Was willst du, Sveta?
— Am Donnerstag treffen wir uns in der Wohnung.
— Du, ich und Anna.
— Wozu?
— Damit wir einander die Wahrheit sagen.
— Die ganze Wahrheit.
Am anderen Ende der Leitung hing eine Pause.
So lange, dass Sveta dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
Doch dann sprach ihre Mutter, und ihre Stimme war überhaupt nicht krank.
Sie war stählern.
— Gut.
— Ich komme.
— Aber beschwer dich danach nicht, wenn die Wahrheit nicht die ist, die du erwartet hast.
Sveta legte auf und lehnte sich im Sitz zurück.
Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen.
Was hatte ihre Mutter gemeint?
Welches weitere Geheimnis verbarg sie?
Der Donnerstag kam schnell und unausweichlich wie ein Urteil.
Sveta wachte mit Kopfschmerzen und dem Gefühl eines nahenden Unglücks auf.
Dmitrij bot an, mit ihr zu kommen, aber sie lehnte ab.
Dieses Gespräch sollte nur vom Blut gehört werden.
Nur von denen, die es unmittelbar betraf.
In der Wohnung roch es nach Corvalol.
Galina Ivanovna war als Erste gekommen.
Sie saß im Sessel, gerade wie ein Stock, mit kreidebleichem Gesicht.
Anna stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt.
Sonja war zur Nachbarin geschickt worden.
Sveta trat zuletzt ein, schloss die Tür ab und steckte nach kurzem Zögern den Schlüssel in die Tasche.
— Nun, wir sind versammelt, — sagte Galina Ivanovna.
— Wer fängt an?
— Ich fange an, — Sveta trat in die Mitte des Zimmers.
Sie holte eine Mappe mit Dokumenten aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.
— Hier ist die Familiengeschichte.
— Die Heiratsurkunde meiner Eltern, siebter Februar vierundachtzig.
— Hier ist die Geburtsurkunde von Anna Belikowa, vierter November zweiundachtzig.
— Und das hier, — sie legte das Foto hin, — ist ein Bild aus dem Familienalbum.
— Die Aufschrift stammt von Mutters Hand: „Anetschka, 1983”.
— Mama, erklär uns beiden, was das bedeutet.
Galina Ivanovna sah das Foto an, ohne zu blinzeln.
Dann hob sie die Augen zu Sveta, und darin standen Tränen.
Aber es waren böse Tränen, keine reuigen.
— Gut, — sagte sie dumpf.
— Du willst die Wahrheit.
— Hör zu.
— Ich habe im November zweiundachtzig ein Mädchen geboren.
— Ich war neunzehn und nicht verheiratet.
— Der Vater des Kindes war verheiratet, hatte drei Kinder und eine Parteistellung.
— Meine Eltern sagten: Entweder du lässt dieses Kind hier und vergisst die Schande für immer, oder wir verstoßen dich.
— Ich hatte Angst.
— Ich brach zusammen.
— Ich unterschrieb den Verzicht.
Stille hing im Raum.
Anna stand regungslos da, nur ihre weiß gewordenen Fingerknöchel verrieten ihren Zustand.
— Ich dachte, ich würde vergessen, — fuhr Galina Ivanovna fort.
— Ich heiratete deinen Vater, Sveta.
— Ich bekam dich.
— Ich dachte, ich würde sühnen.
— Aber ich sühnte nicht.
— Jede Nacht sah ich im Traum jenes Baby, das ich zurückgelassen hatte.
— Jede Nacht.
— Vor zwei Jahren begann ich zu suchen.
— Ich fand Anna.
— Ich erfuhr, dass sie ein schweres Leben hatte, dass sie allein mit ihrer Tochter war.
— Und ich beschloss, ihr alles zu geben, was ich konnte.
— Alles geben? — fragte Sveta.
— Die Wohnung?
— Das Geld?
— Und was bleibt mir?
— Du hast deins bekommen, — schnitt die Mutter ab.
— Du bist in einer Familie aufgewachsen, mit einem Vater, in Wohlstand.
— Du hattest Bildung, Karriere, einen Mann.
— Was fehlt dir?
— Mama, — Svetas Stimme zitterte.
— Du fragst, was mir fehlt?
— Du hast mich mein ganzes Leben lang zerstört.
— Du hast verlangt, dass ich perfekt bin.
— Du hast gesagt, ich würde dich beschämen, weil ich mit zwanzig nicht verheiratet war.
— Du hast mich angerufen, wenn ich lernte, und ins Telefon gebrüllt, was für eine wertlose Tochter ich sei.
— Erinnerst du dich überhaupt an den Unfall?
— Wag es nicht! — die Mutter hob die Hand.
— Wag es nicht, deine Probleme auf mich abzuwälzen!
— Das sind nicht meine Probleme, Mama.
— Das sind die Folgen deiner Erziehung.
— Ich wurde von einem Auto angefahren, weil ich zur Prüfung rannte und wegen deines nächsten Skandals weinte.
— Ich hatte innere Blutungen, mir wurde ein Eileiter entfernt, und der andere erwies sich wegen einer verschleppten Infektion als undurchlässig.
— Ich bin unfruchtbar.
— Nicht, weil Gott mich bestraft hat.
— Sondern weil du mich dazu gebracht hast.
Anna schnappte nach Luft und presste sich die Hand auf den Mund.
Galina Ivanovna erstarrte, als hätte man sie geschlagen.
Ihr Gesicht bekam Flecken, rote, ungesunde Flecken.
— Du lügst, — flüsterte sie.
— Ich lüge nicht.
— Ich habe es dir nur nie gesagt, weil du daraus wieder eine Geschichte gemacht hättest, was für eine Versagerin ich bin.
— Ich wollte dein Bestes, — sagte die Mutter langsam, als koste sie die Worte.
— Ich wollte, dass bei dir alles richtig ist.
— Traditionell.
— Familie, Kinder, Haus.
— Und du hast alles zum Trotz gemacht.
— Ich habe nichts zum Trotz gemacht.
— Ich habe mein Leben gelebt.
— Und du hast meines gelebt.
Es wurde still im Zimmer.
Anna stand am Fenster, und Tränen liefen über ihre Wangen, lautlos und hell wie Frühlingsregen.
Sveta sah ihre Mutter an und wartete auf irgendetwas.
Reue, Wut, einen Schrei.
Aber Galina Ivanovna schwieg.
Dann erhob sie sich schwer aus dem Sessel und trat an den Tisch, auf dem das alte Foto lag.
— Willst du wissen, warum das Gesicht ausgestrichen ist? — flüsterte sie.
— Weil ich dieses Gesicht nicht ansehen konnte.
— Jeden Tag die Züge des Kindes sehen, das ich verraten hatte.
— Ich versuchte, es auszuradieren, aber nur das Papier verschwand, die Erinnerung blieb.
Anna sprach plötzlich.
Ihre Stimme war leise, aber fest.
— Warum haben Sie es mir nicht sofort gesagt?
— Wozu dieses ganze Spiel?
Galina Ivanovna wandte sich zu ihr, und ihr Gesicht verzerrte sich vor Qual.
— Ich hatte Angst.
— Du hättest mich gehasst.
— Ich wollte zuerst etwas Gutes für dich tun.
— Damit du verstehst, dass ich kein Monster bin.
— Sie sind ein Monster, — sagte Anna leise.
— Sie haben uns beiden das Leben zerstört.
Galina Ivanovna schwankte und hielt sich an der Tischkante fest.
Sveta wollte ihr instinktiv helfen, hielt sich aber zurück.
Ihre Mutter hatte diesen Weg selbst gewählt.
— Die Wohnung, — krächzte Galina Ivanovna.
— Ich habe Anna die Wohnung versprochen.
— Die Wohnung fällt nach dem Gesetz dem zu, der im Testament steht, — sagte Sveta.
— Und wenn du glaubst, man könne einfach eine Tochter zugunsten einer anderen ausstreichen, irrst du dich.
— Nicht zugunsten einer anderen, — die Mutter sah sie verzweifelt an.
— Meinetwegen.
— Ich will wenigstens vor dem Tod nicht das Gefühl haben, das letzte Stück Dreck zu sein.
In diesem Moment trat Anna nach vorn.
Entschlossen und abrupt, sodass Sveta sogar zurückwich.
— Ich brauche Ihre Wohnung nicht, — sagte sie.
— Ich will kein Tauschobjekt in eurer Beziehung sein.
— Sie haben mich verlassen, und jetzt versuchen Sie, mich zu kaufen.
— Sonja ist kein Werkzeug Ihrer Erlösung.
Mit diesen Worten ging sie in den Flur.
Sie riss den Mantel von der Garderobe und schob die Füße in die Stiefel.
Sveta holte sie an der Tür ein.
— Warte, Anna.
— Lass uns ruhig reden.
— Du musst nicht gehen.
— Ich kann nicht hier sein, — sagte Anna, ohne die Augen zu heben.
— Ich dachte, ich hätte eine Familie gefunden, aber es stellte sich heraus, dass ich nur Teil eines fremden Drehbuchs bin.
— Ich brauche Zeit zum Nachdenken.
— Und Sonja auch.
— Wohin werdet ihr gehen?
— Wir haben, wohin.
— Mach dir keine Sorgen.
Die Tür fiel ins Schloss.
Sveta blieb allein im Flur zurück.
Aus dem Zimmer kamen Geräusche, vielleicht Schluchzen, vielleicht Röcheln.
Galina Ivanovna saß im Sessel und verbarg das Gesicht in den Händen.
Sveta ging nicht zu ihr.
Stattdessen rief sie Dmitrij an und sagte kurz:
— Es ist vorbei.
— Anna ist gegangen.
— Mutter ist hysterisch.
— Ich fahre nach Hause.
Am selben Abend wurde Galina Ivanovna mit dem Krankenwagen abgeholt.
Hypertensive Krise, Verdacht auf Schlaganfall.
Sveta erhielt einen Anruf aus dem Krankenhaus und fuhr schweren Herzens dorthin.
Ihre Mutter lag am Tropf, blass, klein, kaum wiederzuerkennen.
Als sie ihre Tochter sah, wandte sie sich zur Wand.
— Ich wollte nicht, — flüsterte sie.
— Ich wollte wirklich nicht, dass es so endet.
Sveta stand am Bett und wusste nicht, was sie sagen sollte, dann ging sie hinaus auf den Flur.
Sie holte ihr Telefon hervor und rief Anna an.
Das Freizeichen dauerte lange, fast fünf Minuten, bis endlich eine müde Stimme erklang.
— Ja.
— Anna, hier ist Sveta.
— Mutter ist im Krankenhaus.
— Ich verstehe, dass es dir im Moment vielleicht egal ist, aber ich dachte, du solltest es wissen.
— Danke, dass du es gesagt hast, — antwortete sie nach einer Pause.
— Aber ich komme nicht.
— Das verlange ich auch nicht.
— Es geht um etwas anderes.
— Hast du eine Unterkunft gefunden?
— Wir sind in einem Hostel.
— Nicht in irgendeinem Keller, es ist normal, keine Sorge.
— Anna, ich will dir helfen.
— Nicht als Schwester, denn ich weiß nicht einmal, ob du meine Schwester bist oder nicht.
— Sondern einfach als Mensch, der versteht, dass du hier überhaupt keine Schuld trägst.
— Du bist zur Spielfigur in dem Spiel geworden, das unsere Mutter begonnen hat.
— Entschuldige, Galina Ivanovna.
— Warum willst du mir helfen?
— Weil ich auch ein Opfer bin, — Sveta presste die Stirn gegen das kalte Krankenhausfenster.
— Und ich weiß, wie es ist, wenn sich alles, woran man geglaubt hat, als Lüge erweist.
— Lass uns in ein paar Tagen treffen, wenn sich die Gemüter beruhigt haben.
— Ohne Mutter.
— Einfach reden.
— Gut, — sagte Anna.
— Komm am Mittwoch.
— Gegen drei.
— Ich schicke dir die Adresse des Hostels.
Einige Tage vergingen.
Galina Ivanovna blieb im Krankenhaus, die Ärzte sprachen von Stabilisierung, äußerten sich aber vorsichtig zu den Prognosen.
Sveta besuchte sie jeden Tag, doch Gespräche gab es keine mehr.
Die Mutter schwieg, und die Tochter schwieg.
Alles Wichtige hatten sie einander bereits in jener Wohnung gesagt.
Am Mittwoch kam Sveta zum Hostel.
Anna traf sie in der Lobby.
Sie sah schlecht aus, abgemagert, mit dunklen Ringen unter den Augen, hielt sich aber ruhig.
Sonja spielte in einer Ecke mit einem Tablet.
— Willst du etwas essen? — fragte Anna.
— Nein.
— Lass uns einfach reden.
Sie fanden ein Sofa am hinteren Ende der Lobby.
Sie setzten sich nebeneinander, aber nicht nah, mit Abstand zwischen sich.
Zwei Frauen, die das Leben durch den Willen einer dritten gegeneinander gestoßen hatte.
— Ich habe in diesen Tagen viel nachgedacht, — begann Sveta.
— Und ich habe verstanden, dass ich keinen Hass auf dich empfinde.
— Überhaupt keinen.
— Du bist nicht schuld an dem, was passiert ist.
— Ich empfinde auch keinen Hass auf dich, — antwortete Anna.
— Aber es ist schwer für mich.
— Sonja fragt, wo Oma Galja ist, warum wir weggegangen sind.
— Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll.
— Sag ihr die Wahrheit.
— Dass Erwachsene manchmal Fehler machen und diese Fehler diejenigen verletzen, die sie lieben.
Anna lächelte schwach und griff in ihre Tasche.
Sie zog einen zerknitterten Umschlag heraus, nahm ein Blatt Papier heraus und reichte es Sveta.
— Was ist das?
— Erinnerst du dich, dass du nach dem DNA-Test gefragt hast?
— Ich habe ihn vor einem Monat gemacht.
— Heimlich vor Galina.
— Ich wollte überprüfen, ob Sonja wirklich ihre Enkelin ist.
— Ich wollte sicher sein, dass alles echt ist.
— Und? — Sveta nahm das Blatt.
Die Zeilen des medizinischen Gutachtens, die Diagramme, die Prozentsätze verschwammen ihr vor den Augen.
— Lies die Schlussfolgerung, — sagte Anna leise.
Die Wahrscheinlichkeit einer Verwandtschaft zwischen Galina Ivanovna und Sonja Belikowa beträgt 0,01 Prozent.
Eine biologische Verwandtschaft ist ausgeschlossen.
Sveta las es dreimal.
Dann hob sie den Blick zu Anna.
Diese sah sie ruhig und ergeben an.
— Sonja ist nicht ihre Enkelin.
— Und ich bin nicht ihre Tochter, — sagte Anna.
— Galina hat sich geirrt.
— Oder vielleicht hat sie sich absichtlich selbst getäuscht.
— Ihre wirkliche Tochter starb als Säugling, ich habe die Archive überprüft.
— Jene Anetschka, die sie zweiundachtzig geboren hatte, lebte drei Monate und starb an einer Lungenentzündung.
— Und ich bin nur ein ähnliches Kind, ein abgegebenes Mädchen mit demselben Geburtsdatum.
— Solche Zufälle gibt es in den Listen der Kinderheime zuhauf.
— Galina fand mich, sah eine Ähnlichkeit, klammerte sich daran und überzeugte sich selbst, dass es Schicksal sei.
— Dass ich genau diese Anetschka sei.
Sveta wurde übel.
Sie erinnerte sich an das Gesicht ihrer Mutter im Krankenzimmer, an ihre Worte über Sühne, über die Sünde, die sie abbüßen müsse.
All das beruhte auf einem Irrtum.
Nicht einmal auf einem Irrtum, sondern auf einer Illusion, die Galina Ivanovna für sich selbst aufgebaut hatte, weil die Wahrheit zu schrecklich war.
Ihr Kind war gestorben.
Es gab keine Tochter, die aufgewachsen war und eine Enkelin geboren hatte.
Es gab nur einen Geist, den die Mutter durch einen lebenden Menschen ersetzt hatte.
— Weiß sie es? — fragte Sveta.
— Ich habe es ihr nicht gesagt.
— Ich konnte nicht.
— Du musst es ihr sagen.
— Nein, — Anna schüttelte den Kopf.
— Das würde sie töten.
— Im wörtlichen Sinn.
— Ihr Herz ist schwach, der Blutdruck spielt verrückt.
— Wenn sie erfährt, dass sie sich diese zwei Jahre um einen fremden Menschen gekümmert hat, dass ihre wirkliche Tochter seit dreißig Jahren tot ist… sie wird es nicht überleben.
Sveta stand auf und ging durch die Lobby.
Ihre Gedanken rasten, stießen zusammen, zerfielen.
Alles war zusammengebrochen.
Traditionen, Blut, Sünden — alles erwies sich als Kartenhaus, das bei einem einzigen Atemzug zusammenfiel.
— Was wirst du jetzt tun? — fragte Sveta.
— Ich werde weggehen.
— Ich habe eine Tante in der Oblast Kaluga, sie hat mich schon lange eingeladen.
— Und die Wohnung?
— Die Wohnung gehört euch, — Anna sah sie fest an.
— Ich werde nichts nehmen.
— Ich bin keine Verwandte.
— Das wäre Diebstahl.
Sveta dachte an ihre Mutter.
Daran, wie sie im Krankenzimmer saß und an die Decke starrte.
An ihre Szenarien, die zusammengebrochen waren.
An den Familienstolz, der von einem einfachen Verwandtschaftstest zertreten worden war.
Und plötzlich, unerwartet für sie selbst, empfand sie keine Schadenfreude, sondern Mitleid.
Bitter, ätzend wie Wermut.
— Ich werde dir eine Wohnung mieten, — sagte sie.
— Für ein halbes Jahr.
— Nicht in diesem Viertel, weiter weg.
— Damit du in Ruhe Arbeit suchen kannst und nicht an die Unterkunft denken musst.
— Sveta…
— Das ist keine Wohltätigkeit und keine Sühne.
— Für mich ist es so einfacher.
— Ich will nicht, dass du und Sonja in einem Hostel wohnen.
— Du bist ein guter Mensch, Anna.
— Du hast nichts Schlimmes getan.
— Und dass meine Mutter dich benutzt hat, ist ihre Schuld, nicht deine.
Anna schwieg mit gesenktem Kopf.
Dann sah sie ihre Tochter an und nickte.
— Danke.
— Wir geben das Geld zurück, sobald es möglich ist.
— Abgemacht, — Sveta stand auf.
— Und jetzt muss ich ins Krankenhaus.
Sie kam am Abend ins Krankenzimmer.
Galina Ivanovna lag halb aufgerichtet in den Kissen und sah fern.
Der Ton war ausgeschaltet, nur das Bild flackerte.
Als sie ihre Tochter sah, schaltete sie den Bildschirm aus.
— Du bist gekommen, — sagte sie.
— Ich bin gekommen.
Sveta setzte sich auf die Bettkante.
Sie sah ihre Mutter lange an.
Sie war abgemagert, eingefallen, aber ihre Augen blieben lebendig und scharf.
Die Augen einer Frau, die ihr ganzes Leben gekämpft hatte — mit den Umständen, mit der Familie, mit sich selbst.
— Mama, ich möchte dir etwas sagen.
— Sprich.
— Ich habe dir nicht vergeben.
— Und wahrscheinlich werde ich dir nicht vergeben.
— Du hast mein Leben mit deinen Forderungen und Erwartungen zerstört.
— Aber ich habe aufgehört, dich zu hassen.
— Das hat zu viel Kraft gekostet, und ich brauche meine Kraft für etwas anderes.
Galina Ivanovna schluckte die Tränen hinunter.
Sie antwortete nicht, sie nickte nur, als würde sie ein Urteil annehmen.
— Und noch etwas, — Sveta machte eine Pause.
— Anna und Sonja sind gegangen.
— Ich habe ihnen geholfen, eine Unterkunft zu finden.
— Sie sind gegangen, — wiederholte die Mutter.
— Natürlich.
Sie schwiegen.
Vor dem Fenster des Krankenzimmers verdichtete sich die Dämmerung, und im Glas spiegelte sich das Licht der Krankenhauslampen.
— Du wolltest die Traditionen bewahren, — sagte Sveta leise.
— Und hast alles zerstört.
— Mit deinen eigenen Händen.
— Mit deiner Angst.
— Aber weißt du, ich glaube, ich habe beschlossen, ein Kind zu adoptieren.
— Nicht deinetwegen.
— Trotz dir.
— Weil ich Mutter werden will, nicht durch Blut, sondern durch Wahl.
— Durch Liebe.
— Eine echte Mutter.
Galina Ivanovna schloss die Augen.
Über ihre faltige Wange rollte eine Träne, langsam, schwer, als hätte sie den ganzen Schmerz der letzten Jahrzehnte in sich gesammelt.
Eine Träne der Scham.
Oder vielleicht einer verspäteten Liebe, die für immer zu spät gekommen war.
Sveta stand auf, richtete die Decke über ihrer Mutter und verließ das Zimmer.
Der Flur war leer und still, nur irgendwo am Schwesternstützpunkt raschelte eine Krankenschwester mit Papieren.
Sveta ging zum Aufzug und dachte daran, dass sie morgen einen Termin mit einem Anwalt wegen der Adoption hatte.
Und dass sie Anna am Abend anrufen musste, um zu erfahren, wie sie sich eingerichtet hatten.
Und dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren keine Leere empfand, sondern ein seltsames, zerbrechliches, aber deutliches Gefühl von Frieden.
Der Aufzug kam.
Sveta trat hinein, und die Türen schlossen sich hinter ihr und schnitten die Vergangenheit ab.
Sie drückte auf den Knopf für das Erdgeschoss und fuhr nach unten.








