Ich zog die Schürze aus, die er mir in die Hand gedrückt hatte.
Die menschliche Dreistigkeit ist eine erstaunliche Substanz.

Sie erinnert sehr an Riesen-Bärenklau auf einem Gartengrundstück.
Zuerst bemerkst du am Zaun ein scheinbar harmloses grünes Pflänzchen mit großen Blättern.
Du denkst: Soll es doch wachsen, das ist schließlich Natur.
Doch kaum wendest du dich für ein paar Wochen ab, ist dieses Pflänzchen fast drei Meter hochgeschossen, verdeckt mit seinen Dolden die Sonne, verdrängt die Kulturpflanzen und streckt dir seinen giftigen Saft entgegen, in der aufrichtigen Überzeugung, dass alle sechshundert Quadratmeter ausschließlich zu seinem Wohlergehen gekauft und gedüngt worden seien.
Der September kommt in unserer Region Rjasan immer abrupt und ohne jede Vorwarnung.
Gestern noch bist du bei drückender Hitze in den Beeten fast umgekommen, und heute Morgen trittst du auf die Veranda hinaus – auf dem Gras knirscht der Reif, der Wind fährt dir bis in die Knochen, und der Himmel hängt wie ein schwerer gusseiserner Kessel über deinem Kopf.
An genau so einem frostigen Dienstag fasste ich einen festen Entschluss: Wir fahren ans Meer.
In der Nachsaison.
Ich, Tamara Nikolajewna, arbeite seit beinahe dreißig Jahren als Köchin in einer riesigen Schulkantine.
Mein Mann Pawel ist Elektromonteur der höchsten Qualifikationsstufe in unserem örtlichen Werk.
Wir sind bodenständige Menschen und nicht an Luxus gewöhnt, aber unser wohlverdientes Urlaubsgeld geben wir so aus, dass wir hinterher nicht um die vergeudeten freien Tage trauern müssen.
Mein idealer Urlaub sieht so aus: Ich liege im warmen Sand, höre dem Rauschen der Brandung zu, und mein einziger Kontakt mit Essen besteht darin, einen reifen Pfirsich aus der Schale in meinen Mund zu befördern.
Keine Töpfe.
Keine Messer.
Kein Geruch nach siedendem Öl.
Genau in dem Moment, als wir die Fahrkarten kauften, materialisierte sich Kirill am Horizont.
Kirill ist Pawels Neffe, der Sohn seiner älteren Schwester.
Der Junge ist dreißig Jahre alt, trägt enge, verkürzte Hosen, Loafer auf nackten Füßen selbst bei kühlem Wetter und bezeichnet sich voller Stolz als „Hotelier“.
Vor einem Jahr hatte dieser junge Geschäftemacher ein zweistöckiges Gästehaus an der Schwarzmeerküste langfristig gepachtet.
„Onkel Pascha, Tante Toma!“, dröhnte Kirills Stimme durchs Telefon und übertönte das Hupen der Autos.
„Packt eure Koffer und kommt zu mir!“
Ich drückte das Telefon fester ans Ohr.
„Die Zimmer stehen leer, es ist Nachsaison, und das Wasser ist warm wie frisch gemolkene Milch!“, redete der Neffe weiter.
„Für die Unterkunft nehme ich von euch keinen einzigen Rubel, wir sind doch Familie!“
„Ihr werdet euch wie Könige erholen und müsst euch um nichts kümmern.“
Hätte ich damals gewusst, worin dieses „Königreich“ konkret bestand, hätte ich die Nummer dieses lieben Verwandten sofort auf die schwarze Liste gesetzt.
Doch die Aussicht, eine beträchtliche Summe bei der Unterkunft zu sparen, trübte meine angeborene Wachsamkeit.
Auch Pawel nickte zustimmend: Der Junge komme auf die Beine und pflege die familiären Beziehungen.
Wir kamen früh am Morgen an.
Die südliche Stadt empfing uns mit dem betörenden Duft blühenden Oleanders, dem Rauschen der auf die Kieselsteine schlagenden Wellen und einem warmen Wind.
Das Gästehaus „Südliche Rebe“ sah durchaus ordentlich aus: schmiedeeiserne Tore, mit Wein bewachsene Bögen und frischer Putz.
Kirill, munter und wie aus dem Ei gepellt, kam uns direkt bis zum Gartentor entgegen.
„Oh, die Verwandtschaft!“
„Ihr habt es geschafft!“
Er umarmte seinen Onkel kräftig, gab mir einen Kuss auf die Wange und hielt mir sofort, ohne uns auch nur die schweren Reisetaschen auf den gepflasterten Hof stellen zu lassen, feierlich ein seltsames Bündel hin.
„Was sind das denn für Gaben der Heiligen Drei Könige, Kirjuscha?“, fragte ich und faltete den dicken Stoff auseinander.
In meinen Händen lag eine professionelle Kochschürze.
Dicker Stoff, große Taschen und giftorange.
„Deine Uniform, Tante Toma!“, verkündete der Neffe mit der Stimme eines Showmasters, der gerade Autoschlüssel überreicht.
„Bei mir sind da ein paar kleine unvorhergesehene Umstände aufgetreten.“
Ich zerknüllte den Stoff in meinen Händen.
„Die Köchin, dieses unmögliche Weib, hat gestern Abend ihre Sachen gepackt und gekündigt“, plapperte Kirill schnell los.
„Und bei der Hälfte meiner Gäste ist das Frühstück für morgen schon im Voraus bezahlt.“
„Du bist also genau im richtigen Moment gekommen!“
„Meine Retterin!“
Langsam ließ ich meinen Blick von dem orangefarbenen Stoff zu dem strahlenden Gesicht meines Neffen wandern.
Mein Mann Pawel, der gerade unseren Koffer aus dem Taxi geholt hatte, erstarrte wie eine Arbeiterstatue.
Nach fünfundzwanzig Jahren Ehe kannte er meinen Charakter gut genug, um den herannahenden Sturm vorherzusehen.
„Was genau meinst du mit ‚im richtigen Moment‘?“, fragte ich leise und betonte jedes Wort.
„Na, genau das, was ich sage!“, lachte Kirill und bemerkte die Stimmung überhaupt nicht.
„Das Menü ist total einfach: Quarkküchlein, Brei, Omelett.“
„Für etwa fünfundzwanzig Leute, für jemanden mit deiner Kocherfahrung ist das doch gar nichts.“
Er winkte in Richtung Küche.
„Du stehst so gegen fünf Uhr morgens auf, bis acht richtest du das Frühstücksbuffet her, bis zehn hast du alle satt, dann wirfst du das Geschirr in die Spüle – und danach kannst du machen, was du willst, der ganze Tag gehört dir!“
„Du kannst dich sonnen und baden gehen.“
„Tante, bring da nichts durcheinander: Wir sind hier zum Erholen.“
„Ich gebe euch kostenlos ein Luxuszimmer, und ihr macht mir dafür das Frühstück.“
„Gegenseitige Hilfe!“
Kirill warf geschäftsmäßig einen Blick auf seine Uhr.
„Heute Abend fahre ich übrigens mit den Jungs für drei Tage mit Geländewagen in die Berge.“
„Das ist schon lange geplant.“
„Die Schlüssel zum Lebensmittellager lasse ich also bei dir.“
Er hielt diesen Monolog mit einer derart betonharten und geradezu heiligen Überzeugung von seiner eigenen Richtigkeit, dass ich für einen Moment dachte, auf diesem Planeten sei die Schwerkraft abgeschaltet worden.
„Das heißt also“, sagte ich und faltete die Schürze sorgfältig Ecke auf Ecke zu einem ordentlichen Quadrat.
„Ich bin anderthalbtausend Kilometer weit in meinen wohlverdienten, lang ersehnten Urlaub gefahren, damit ich hier kostenlos um fünf Uhr morgens aufstehe und deine Kunden bediene, während du dich in den Bergen amüsierst?“
„Tante Toma, warum fängst du denn gleich an zu feilschen?“, verzog Kirill das Gesicht und trat von einem Fuß auf den anderen.
„Ich gebe euch doch ein fantastisches Zimmer!“
„Weißt du überhaupt, was das auf den Buchungsseiten pro Nacht kostet?“
„Dreitausend Rubel!“
Er warf die Hände in die Luft.
„Und die Arbeit in der Küche dauert nur ein paar Stunden am Morgen.“
„Für einen Profi auf deinem Niveau ist das doch ein Klacks.“
„Du bist schließlich eine Frau, für dich ist es doch keine Arbeit, am Herd herumzuwerkeln, sondern dein natürlicher Zustand!“
Ich sah meinen Mann vielsagend an.
Pawel stellte wortlos und ohne auch nur zu seufzen den Koffer wieder auf den Asphalt und schob den Griff hinein.
„Kirjuscha“, sagte ich langsam und betonte jedes einzelne Wort sorgfältig.
„Lass uns einmal die Grundrechenarten anwenden.“
„Aufstehen um fünf.“
„Kochen für fünfundzwanzig Erwachsene.“
„Essensausgabe.“
„Reinigung der Kochflächen und Spülen der großen Töpfe.“
Ich machte eine Pause und sah ihm direkt in die Augen.
„Das sind jeden Tag mindestens sechs Stunden schwerer körperlicher Arbeit.“
„Sechs Stunden multipliziert mit den sieben Tagen unseres Urlaubs ergeben zweiundvierzig Stunden.“
„Das ist eine komplette, anstrengende Arbeitswoche in einer heißen Küche.“
Kirill versuchte etwas zu sagen, aber ich hob die Hand.
„In meiner Schulkantine bekomme ich für dieses Arbeitspensum ein Gehalt, von dem ich dein Zimmer einen ganzen Monat lang bezahlen könnte.“
„Und zwar inklusive drei Mahlzeiten täglich, zubereitet von einem Küchenchef.“
„Aber ihr seid doch Familie!“, empörte sich der Neffe.
Seine Stimme stieg um eine ganze Oktave.
„Ist es denn so schwer, der Familie zu helfen?“
„Ich baue hier schließlich ein Geschäft auf und entwickle mich weiter!“
„Bei mir steckt momentan jeder Rubel im Unternehmen!“
„Ein Geschäft, mein Lieber, ist etwas, bei dem ein Unternehmer in der Lage ist, selbst die Verantwortung für seine finanziellen Verpflichtungen gegenüber seinen Kunden zu übernehmen“, sagte ich und legte ihm das ordentlich gefaltete orangefarbene Quadrat direkt auf den Unterarm.
„Wenn du dagegen versuchst, auf dem Rücken deiner nicht mehr ganz jungen Tante in eine strahlende Zukunft zu reiten, um dir das Gehalt für Angestellte zu sparen, dann ist das kein Geschäft.“
„Das ist ganz gewöhnlicher Parasitismus.“
Ich drehte mich zu meinem Mann um.
„Pascha, nimm die Taschen.“
„Wir gehen.“
Ich nahm mein Handy heraus und öffnete die Buchungs-App.
„Wo wollt ihr denn hin?!“, fuhr Kirill auf und versuchte, uns den Weg zum Tor zu versperren.
„Es ist Saison!“
„Alles ist bis auf den letzten Platz ausgebucht!“
„Ihr werdet auf der Straße schlafen!“
In diesem Moment öffnete sich mit einem leichten Knarren das massive Tor des benachbarten Gästehauses, das in dichtem Grün versank.
Eine stattliche, eindrucksvolle Frau mit einem breitkrempigen Strohhut trat auf die Straße.
Ihrem interessierten Blick nach zu urteilen hatte sie unsere Szene in den letzten fünf Minuten aufmerksam beobachtet.
„Hier ist überhaupt nichts ausgebucht“, erklärte sie laut mit einem deutlich rollenden Ural-Dialekt.
„Bei uns im ‚Meeresstern‘ ist gerade ein Zimmer im Erdgeschoss frei geworden.“
Die Frau rückte ihren Hut zurecht.
„Die Besitzer geben einen ordentlichen Rabatt, wenn man eine ganze Woche bleibt.“
„Und Sie, junger Mann“, sagte sie und richtete ihren schweren Blick auf Kirill, „sollten mal lieber die Unterlippe wieder einziehen.“
„Sonst erkälten Sie sich noch im Seewind.“
„So ein Plantagenbesitzer hat uns gerade noch gefehlt.“
„Ich bezahle euch Geld!“, rief Kirill mir hinterher, als Pascha unser Gepäck bereits entschlossen zu den schmiedeeisernen Toren des Nachbarhauses rollte.
„Fünfhundert Rubel pro Schicht!“
„Mehr kann ich finanziell nicht stemmen, die Rentabilität lässt es nicht zu!“
Ich blieb stehen.
Ich drehte mich mit dem ganzen Körper zu ihm um.
„Fünfhundert Rubel dafür, eine ganze Meute von fünfundzwanzig Leuten zu bekochen?“, lachte ich kurz.
„Kirjuscha, für fünfhundert Rubel würde heutzutage in einem anständigen Laden nicht einmal eine Katze nach saurer Sahne lecken.“
Ich winkte ab.
„Behalt diesen Reichtum lieber selbst.“
„Davon kannst du dir in der Apotheke einen guten Vorrat Baldriantropfen kaufen, wenn deine Gäste morgen hungrig aufwachen.“
Wir zogen in eben jenen „Meeresstern“ ein.
Ein herrliches, kühles Zimmer mit leistungsstarker Klimaanlage, einem riesigen Bett und einer eigenen, mit wildem Wein bewachsenen Veranda.
Nachdem wir unsere Sachen ausgepackt hatten, gingen wir an die frische Luft.
Pawel streckte genüsslich seine nach der Reise schmerzenden Beine in einem Korbsessel aus.
„Weißt du, Toma“, sagte mein Mann und betrachtete das komplizierte Muster der Weinblätter.
„Als ich sein Grundstück betreten habe, ist mein Blick aus beruflicher Gewohnheit sofort über seinen Stromverteilerkasten gewandert.“
Missbilligend schüttelte er den Kopf.
„Bei ihm sind am Eingang Kupfer und Aluminium direkt miteinander verdrillt, nach Großväterart, ohne Klemmen und ohne Übergangsverbinder.“
„Und was bedeutet das für unseren Geschäftsmann?“, fragte ich und holte Sonnencreme aus meiner Tasche.
„Dass man in der Schule Physik und Werkstoffkunde hätte büffeln sollen, statt den Mädchen an den Zöpfen zu ziehen“, erklärte Pawel fachmännisch.
„Diese Metalle haben völlig unterschiedliche Wärmeausdehnungskoeffizienten.“
Pascha beugte sich ein wenig vor, nun ganz von seinem Thema gefesselt.
„Außerdem bildet sich beim direkten Kontakt ein klassisches galvanisches Element, wodurch elektrochemische Korrosion einsetzt.“
„Die Verbindungsstelle oxidiert, der Kontakt wird zwangsläufig schlechter und beginnt stark zu erhitzen.“
Er lehnte sich wieder im Sessel zurück.
„Bei einer ordentlichen Spitzenlast – zum Beispiel wenn die Gäste morgens gleichzeitig mehrere leistungsstarke Wasserkocher, die Boiler und das Kochfeld in der Küche einschalten – kann dort direkt im Verteilerkasten alles lichterloh brennen.“
„Soll er also ruhig selbst in seinem brandgefährlichen Schuppen wohnen.“
Ich liebe es, wenn Pascha technische Einzelheiten erklärt.
Aus seinem Mund klingen die Ohmschen Gesetze wie ein unausweichliches Urteil.
Der nächste Morgen begann geradezu herrlich.
Wir schliefen bis neun Uhr und spazierten anschließend gemütlich an der Uferpromenade entlang, während wir die Meeresluft genossen.
Als wir zu unserer Unterkunft zurückkehrten, erlebten wir vor den Toren der „Südlichen Rebe“ eine Szene von geradezu wunderbarer Dramatik.
Eine dichte Menge von Urlaubern in Shorts und Strandkleidung belagerte Kirills offene Veranda.
Im Zentrum des Volkszorns stand der liebe Neffe höchstpersönlich.
Seine modische Frisur war völlig zerzaust, und auf seinem einst blendend weißen Leinenhemd prangte ein riesiger gelber Fleck, der verdächtig an nicht vollständig gestocktes Eigelb erinnerte.
Seine Fahrt in die Berge war seinem Anblick nach aus technischen Gründen ausgefallen.
„Erzählen Sie mir nichts von den Schwierigkeiten kleiner Unternehmen!“, empörte sich ein kräftiger Mann mit Panamahut, der sich drohend über Kirill beugte.
„In meinem Vertrag steht schwarz auf weiß: Aufenthalt mit warmem Frühstück!“
„Es ist halb zehn!“
„Wo ist mein Essen?“
„Meine beiden Kinder haben seit heute Morgen keinen einzigen Bissen gegessen!“
„In der Produktion ist eine unvorhergesehene Schwierigkeit aufgetreten“, murmelte Kirill und versuchte, sich möglichst eng an die Hauswand zu drücken.
„Der Koch ist plötzlich an einer schweren Infektion erkrankt.“
„Ich persönlich habe mich für Sie an den Herd gestellt, aber … verstehen Sie … der Herd ist kaputtgegangen!“
„Es gab einen Kurzschluss!“
„Ich mach dir gleich selbst einen Kurzschluss!“, brüllte ein anderer Gast und spielte mit seinen Autoschlüsseln.
„Gib uns das Geld fürs Essen für die gesamte Woche zurück!“
„Sofort und bar!“
„Dann ziehen wir unverzüglich in eine vernünftige Unterkunft um!“
„Tomotschka, sehen Sie sich bloß dieses Laientheater im Hinterhof an“, ertönte neben mir eine bekannte rollende Stimme.
Es war die Dame aus dem Ural von gestern.
Beim Abendessen hatten wir uns bereits kennengelernt: Sie hieß Antonina, war mit ihrem Mann Boris aus Tscheljabinsk gekommen und zeichnete sich durch eine unglaubliche Direktheit aus.
„Und was genau ist dort passiert?“, fragte ich mit professioneller Neugier.
„Ach, ein unvorstellbares Theater!“, sagte Antonina und richtete ihren Strohhut.
„Er wollte die Leute doch tatsächlich selbst füttern.“
„Er hat trockene Haferflocken in einen riesigen Topf geschüttet, ihn bis zum Rand mit kalter Milch gefüllt, die Herdplatte auf die höchste Stufe gestellt und ist dann weggegangen, um auf seinem Handy herumzutippen.“
Sie winkte in Richtung Küche.
„Die Milch ist natürlich übergekocht, der Brei ist am Topfboden völlig angebrannt, und der Rauch zog durch das ganze Viertel!“
„In Panik wollte er schnell Spiegeleier braten.“
„Er nahm eine eiskalte Pfanne, schüttete so viel Öl hinein, dass die Eier darin schwammen wie Bojen bei Flut, und dann klebte der ganze Matsch am Teflon fest.“
„Er fing an, alles abzukratzen, und dabei kippte er sich die Hälfte über die Kleidung.“
„Ein Grundgesetz der Kochkunst“, sagte ich mit professorenhafter Miene und schüttelte den Kopf.
„Proteine denaturieren unter Hitzeeinwirkung zwangsläufig.“
„Wenn man Eier in eine kalte Pfanne schlägt, geben sie Feuchtigkeit ab und kleben fest am Metall.“
Gedankenverloren rückte ich den Riemen meiner Tasche zurecht.
„Die Oberfläche muss heiß sein, damit sofort die Maillard-Reaktion einsetzt und sich eine goldbraune Kruste bildet, die verhindert, dass das Produkt anhaftet.“
„Aber woher sollte unser großer Geschäftemacher solche Feinheiten kennen?“
Kirill zog unterdessen unter dem Druck der Öffentlichkeit Bargeld aus einer dicken Ledertasche und zählte den empörten Gästen hektisch Geldscheine ab.
Das Verbraucherschutzgesetz ist unerbittlich: Artikel 29 gibt das volle Recht, eine Rückerstattung für eine nicht erbrachte Dienstleistung zu verlangen.
Und diese Leute kannten ihre Rechte offenbar ganz genau.
Plötzlich schoss hinter der Kurve ein offener Geländewagen hervor, der große Staubwolken aufwirbelte und bis zum Rand mit fröhlichen jungen Männern in Bandanas besetzt war.
„Kirjucha!“, brüllte der Fahrer über das Motorengeheul hinweg.
„Kommst du jetzt oder was?!“
„Wir warten seit anderthalb Stunden auf der Straße auf dich!“
Kirill sah sehnsüchtig auf den glänzenden Geländewagen und anschließend auf die düstere, unerbittliche Menge seiner wütenden Kunden, die ihm in einer dichten Wand den Rückzugsweg versperrte.
„Ich kann nicht, Jungs!“, rief er völlig verzweifelt.
„Mein Geschäft bricht zusammen!“
„Fahrt ohne mich in die Berge!“
Der Geländewagen knurrte beleidigt mit seinem Auspuff und raste in Richtung Bergpass davon.
Kirill blieb zurück und musste die eingebrannte Hafergrütze auslöffeln, die er sich selbst eingebrockt hatte.
Und zwar im wahrsten wie auch im übertragenen Sinne.
Mein Mann und ich gingen zum Strand.
Die nächsten drei Tage vergingen wie ein herrlicher, sorgloser Traum.
Wir planschten im warmen Meer, bis wir vollkommen erschöpft waren.
Zum Mittagessen aßen wir frisch gebackenes Chatschapuri, dessen Käse sich in einem endlosen heißen Faden zog.
Abends aßen wir direkt an der Promenade gebratene regionale Meerbarben mit goldbrauner Kruste, die herrlich zwischen den Zähnen knusperte.
Dazu gab es unglaublich süße rosafarbene Tomaten mit grobem Salz.
Die neuesten Nachrichten aus dem Lager der „Südlichen Rebe“ erfuhren wir ausschließlich von unseren Nachbarn.
Boris, Antoninas Mann, liebte es, lange auf seinem Balkon frische Luft zu schnappen.
Von dort hatte er einen wunderbaren Panoramablick direkt auf Kirills Innenhof.
„Gestern hat dieser Experte versucht, fertiges Essen liefern zu lassen und es als seine eigene Hausmannskost auszugeben“, berichtete Boris, während er auf unserer Veranda eine duftende Melone aufschnitt.
„Ein Kurier brachte ihm Piroggen und Pfannkuchen in industriellen Plastikbehältern.“
Er steckte sich ein Stück Melone in den Mund.
„Aber die Gäste sind ja nicht blind, die Verpackungen im Mülleimer haben sie sofort entdeckt.“
„Und schon gab es wieder einen Riesenskandal.“
„Sie sagten, sie hätten für Produkte vom Bauernhof bezahlt und nicht für aufgewärmte Fertigware aus dem Supermarkt!“
„Und heute Morgen“, fuhr Antonina fort und legte Servietten auf den Tisch, „ist er endlich zusammengebrochen und hat eine professionelle Köchin eingestellt.“
„Irgendeine lokale Legende der Gastronomie.“
„Sie heißt Sinaida.“
Sie grinste.
„Eine Frau von beeindruckenden Ausmaßen, zuverlässig wie eine gusseiserne Pfanne nach sowjetischer Norm.“
„Borja hat gehört, wie sie mit ihm auf der Veranda die Vertragsbedingungen besprochen hat.“
„Sie hat ihm das Doppelte des üblichen Marktlohns abgeknöpft, einen minutengenauen Arbeitsplan festgelegt und zusätzlich noch einen ordentlichen Vorschuss in bar verlangt.“
Mit Genugtuung stellte ich für mich fest, dass die Gerechtigkeit auf dieser Welt zuverlässig funktioniert.
Wenn man sich prinzipiell weigert, die Arbeit anderer Menschen zu einem fairen Preis zu bezahlen, zwingt das Leben einen irgendwann dazu, doppelt zu zahlen – mit Geld, verbrannten Nerven und zerstörtem geschäftlichem Ruf.
Unser wunderbarer Urlaub näherte sich unaufhaltsam seinem Ende.
Am Tag vor unserer Abreise, als wir unsere Koffer packten und Souvenirs verstauten, ertönte ein Signal von Paschas Handy.
Eine Nachricht von unserem Neffen war eingegangen.
„Onkel Pascha, Tante Toma.“
„Ihr fahrt morgen früh ab.“
„Kommt heute Abend zu einem Abschiedsessen auf meine Veranda.“
„Vergessen wir den Ärger, wir sind schließlich eine Familie.“
„Ich erwarte euch genau um 18:00 Uhr.“
Pawel sah mich an und fragte wortlos nach meiner Entscheidung.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte ich und rückte den Kragen meines leichten Kleides zurecht.
„Machen wir einen Spaziergang.“
„Dann kann ich mir gleich mit eigenen Augen ansehen, wie er mittlerweile mit seinem Management zurechtkommt.“
Punkt sechs Uhr betraten wir den Hof der „Südlichen Rebe“.
Die Tische unter den Weinlauben waren mit großer Sorgfalt gedeckt.
In der Luft lag ein dichter Duft nach geschmortem Fleisch mit Pflaumen und frischem Knoblauch, der einem sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Die Gäste an den Tischen wirkten friedlich und zufrieden.
Eine Frau von gewaltigen Ausmaßen kam uns mit schweren, selbstbewussten Schritten entgegen.
Ihr Gesicht zeigte nichts außer absoluter Kampfbereitschaft.
Das musste zweifellos die legendäre Sinaida sein.
„Zu wem genau wollen Sie?“, fragte sie streng und hielt dabei einen massiven metallenen Schaumlöffel in der Hand.
„Zu Kirill“, antwortete Pawel ruhig.
„Wir sind Verwandte.“
„Ach, die …“, sagte Sinaida und musterte uns prüfend.
„Er ist in der Küche.“
„Gehen Sie durch.“
Wir betraten den geräumigen Küchenraum.
Das Bild, das sich uns bot, wäre des Pinsels eines Renaissance-Malers würdig gewesen.
Direkt in der Mitte der Küche saß unser modischer Hotelier Kirill auf einem niedrigen, wackeligen Hocker.
Von seinen italienischen Loafern und dem schneeweißen Hemd war nichts zu sehen.
Er trug ein altes, ausgewaschenes T-Shirt, und darüber war jene fröhliche orangefarbene Schürze, die er mir eine Woche zuvor so feierlich überreicht hatte, mit zwei festen Knoten um seinen Körper gebunden.
Vor Kirill stand eine riesige Aluminiumschüssel mit einem Fassungsvermögen von etwa dreißig Litern, bis zum Rand mit schmutzigen Kartoffeln gefüllt.
In der Hand hielt er ein kleines Schälmesser.
Der Neffe schabte traurig und monoton an den Kartoffeln herum, während sich um seine Füße malerische Berge schmutziger Schalen auftürmten.
„Kirjuscha“, rief ich liebevoll und langsam, während ich in die Mitte der Küche trat.
„Hallo.“
„Wie läuft dein florierendes Hotelgeschäft?“
Er zuckte am ganzen Körper zusammen, ließ die Kartoffel in die Wasserschüssel fallen und sah uns mit vollkommen erloschenen Augen an.
„Tante Toma … Onkel Pascha …“
„Ihr seid gekommen …“
„Und warum schält unser Generaldirektor höchstpersönlich Kartoffeln?“, fragte ich unschuldig und betrachtete die makellos sauberen Arbeitsflächen.
In diesem Moment ertönte hinter unseren Rücken Sinaidas dröhnender Bass.
„Weil Sinaida Pawlowna für dieses Geld eingestellt wurde, um anspruchsvolle warme Gerichte zu kochen und nicht die Drecksarbeit zu erledigen!“
„In meinem Arbeitsvertrag steht klar und Punkt für Punkt: Das vorherige Schälen von Wurzelgemüse und das Wischen der Böden wird ausschließlich vom Arbeitgeber erledigt!“
Empört schwenkte sie ihren Schaumlöffel.
„Was für ein Schlauer, der dachte wohl, ich wäre hier in einer Person Schneider, Schnitter und Flötenspieler!“
„Da hat er sich aber die Falsche ausgesucht, Junge!“
Sie trat dicht an Kirill heran und klopfte mit dem Griff des Schaumlöffels fordernd gegen den Rand der Schüssel.
„Dünner schälen, Arbeiter!“
„Bei Kartoffeln sitzt die meiste wertvolle Stärke direkt unter der Schale!“
„Mit solchen dicken Schalen wirfst du mir noch die Hälfte des Tagesgewinns in den Müll, du Möchtegern-Ökonom!“
Sinaida deutete streng auf die Uhr.
„Und in vierzig Minuten will ich einen vollen Eimer geschälte Kartoffeln in kaltem Wasser sehen.“
„Ich muss das Püree fürs morgige Mittagessen vorbereiten!“
Kirill nickte gehorsam und begann erneut, wütend mit dem Messer an der widerspenstigen Kartoffel zu schaben.
Er saß gekrümmt und vollkommen frei von jedem früheren Hochmut da.
Er sah aus wie ein Straßenkater, der aufrichtig geglaubt hatte, der Besitzer einer schicken Wohnung zu sein, bis man ihn mit der Nase in sein Katzenklo stieß.
„Nun, wir gehen dann wohl besser“, sagte Pawel.
„Wir wollen einen ernsthaften Geschäftsmann nicht vom strategischen Management seines Hotelkomplexes abhalten.“
Wir traten wieder vor das Tor.
Der südliche Abend senkte sich sanft über die Küste und brachte die lang ersehnte Kühle vom Meer.
Irgendwo in der Ferne spielte in den Cafés am Ufer rhythmische Musik.
„Weißt du, Toma“, sagte mein Mann nachdenklich.
„Eigentlich haben wir uns dieses Mal wirklich hervorragend erholt.“
„Da stimme ich dir vollkommen zu, Paschenka“, antwortete ich und blickte auf das dunkler werdende Meer.
„Einfach großartig.“
Dreistigkeit ähnelt zweifellos einem Unkraut, das versucht, alles Lebendige um sich herum zu unterwerfen.
Doch wenn man rechtzeitig und ohne unnötige Emotionen zum Gartengerät greift und dieses Unkraut entschlossen direkt an der Wurzel abschneidet, stellt sich eine äußerst interessante Tatsache heraus.
Ohne die starke Stütze anderer Menschen ist dieses aggressive Unkraut nämlich nur dazu fähig, hilflos im Dreck herumzuliegen und Kartoffeln für das Püree anderer Leute zu schälen.
Wir gingen über die abendliche Uferpromenade und lauschten dem gleichmäßigen Plätschern der nächtlichen Wellen.
Und ich bereute keine einzige Sekunde, dass ich diese orangefarbene Schürze gleich am ersten Tag ausgezogen hatte.







