— Ich habe ungefähr zehnmal „Nein“ gesagt, und trotzdem seid ihr gekommen.

Also gibt es niemanden, auf den ihr beleidigt sein könnt, — schnitt Ksenia ihr das Wort ab.

Der Tag war von einer seltenen Klarheit — einer jener Tage Ende Juli, an denen die Luft durchsichtig wirkt und der Asphalt sich noch nicht aufgeheizt hat.

Ksenia fuhr mit einem voll beladenen Kofferraum und bester Laune aus der Stadt hinaus.

Auf dem Rücksitz rollte eine Wassermelone hin und her, die sie etwa zwanzig Minuten lang ausgesucht und dabei wie eine erfahrene Kennerin abgeklopft hatte.

Sie sang sogar beim Radio mit, was ihr seit dem Frühjahr nicht mehr passiert war.

Vor ihr lagen drei freie Tage, Ruhe, eine Hängematte und keinerlei Verpflichtungen.

Das Telefon vibrierte in der Halterung, und auf dem Display erschien „Artjom“.

— Bist du schon losgefahren?

Die Stimme ihres Mannes klang ruhig, aber mit jener besonderen Ruhe, die bedeutete: Gleich kommt etwas Unangenehmes.

— Ich bin unterwegs.

Ich bringe eine Wassermelone mit, die ungefähr so groß ist wie ein kleiner Planet.

Was ist passiert?

— Wir haben Besuch.

Sie steht am Gartentor und lächelt sehr hartnäckig.

— Artjom, spann mich nicht auf die Folter.

Wer?

— Alisa.

Ksenia nahm den Fuß vom Gas und wechselte auf die rechte Spur.

Dieser Name war in ihrem Haus seit fast zwei Jahren nicht mehr gefallen und sollte dort eigentlich auch nie wieder fallen.

— Glebs Ex-Frau?

Sie fragte nach, obwohl es in der Natur keine andere Alisa zu geben schien.

— Genau die.

Sie sagt, sie sei zum Erholen gekommen.

— Zum Erholen, — wiederholte Ksenia.

— Wunderbar.

Sind im Freizeitpark etwa alle Plätze ausgebucht?

Sie wählte die Nummer ihres Bruders.

Es klingelte lange, als läge Glebs Telefon irgendwo ganz unten in einem Rucksack und wolle niemanden sehen.

— Ksju, hallo, ich bin auf Dienstreise, der Empfang ist hier miserabel, — stieß ihr Bruder hervor.

— Ist etwas Dringendes?

— Dringend.

Erklär mir bitte, was deine Ex-Frau vor meinem Gartentor macht.

— Wie meinst du das, vor deinem Gartentor?

— Ganz genauso, wie ich es sage.

Sie steht da und lächelt.

Artjom sagt, sogar sehr hartnäckig.

— Hör zu, ich weiß von nichts.

Ehrlich.

Keine Panik, ich rufe sie jetzt an und melde mich gleich wieder bei dir.

— Gleb, ich habe keine Panik.

Ich kläre nur gerade ihre Rückzugsroute.

In der Leitung ertönte das Freizeichen.

Ksenia sah auf ihr Telefon und sagte ihm alles, was sie davon hielt — höflich, aber mit Gefühl.

Dann rief sie ihren Mann an.

— Artjom, hör mir genau zu.

Nicht reinlassen.

Weder in den Hof noch ins Haus noch in deine Gedanken.

— Für die Gedanken ist es schon zu spät, — schnaubte er.

— Und es gibt da noch eine Kleinigkeit.

Sie ist nicht allein.

— Mit den Kindern?

— Mit den Kindern.

Und mit einem Mann.

Ob Ehemann oder nur Mitfahrer, habe ich noch nicht herausgefunden, es steht ihm nicht auf der Stirn.

— Großartig.

Eine ganze Delegation, — sagte Ksenia.

— Artjom, halte die Stellung.

Ich bin in vierzig Minuten da.

Vierzig Minuten Fahrt waren eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich an alles zu erinnern.

Und Ksenia erinnerte sich an jedes Detail, wie eine Chronistin mit gutem Gedächtnis und schlechter Laune.

Vor zwei Jahren war Alisa noch Glebs Ehefrau gewesen und mit ihren beiden Kindern aus erster Ehe — Timur und Eva — auf die Datscha gekommen.

Gleb war sanft und liebevoll mit ihnen umgegangen, hatte nie die Stimme erhoben und ihnen praktisch mit einem Blick alles erlaubt.

Die Kinder hatten diese Sanftheit auf ihre Weise verstanden: als Rund-um-die-Uhr-Zutrittskarte für sämtliche Bereiche.

Zuerst war da der Birnbaum.

Artjom hatte ein halbes Jahr lang einen Setzling ausgesucht, ihn wie eine Kristallvase nach Hause gebracht, die Erde um ihn angehäufelt, ihn angebunden und sogar mit ihm gesprochen.

Am dritten Tag wurde das junge Bäumchen in zwei Teile gebrochen — „aus Versehen, wir sind gestolpert“.

Dann kam die Glasscheibe auf der Veranda.

Natürlich war der Ball eigentlich überhaupt nicht in diese Richtung geflogen.

Ksenia hatte damals geschwiegen, nur die Scherben zusammengefegt und eine neue Scheibe bestellt.

Dann war da das Lagerfeuer hinter der Sauna.

Ein echtes Feuer, mit Ästen und voller Begeisterung, nur zwei Schritte vom Holzstapel entfernt.

Und das Sahnehäubchen auf dem Kuchen war das trockene Gras neben dem Schuppen des Nachbarn.

Das Feuer breitete sich schnell aus, und die ganze Straße löschte mit Eimern.

Der Nachbar, Walerij Petrowitsch, lief danach eine Woche lang kreidebleich herum.

Es war noch einmal gut gegangen — aber nicht dank irgendjemandem, sondern trotz allem.

Ksenia hatte damals keine Szene gemacht.

Sie setzte sich hin, nahm ein Blatt Papier und schrieb alles auf: Birnbaum, Glasscheibe, Gartenschlauch, drei Eimer, beschädigtes Netz und ein Dutzend Kleinigkeiten.

Die Rechnung schickte sie ihrem Bruder — kurz und Punkt für Punkt.

Gleb bezahlte schweigend.

Alisa empörte sich lautstark:

— Die Kinder haben eine Scheidung durchgemacht, es ist schwer für sie, man darf sie nicht ständig zurechtweisen.

Ksenia hatte ihr damals mit einem Satz geantwortet, den Alisa offenbar vergessen hatte:

— Mit Kindern, auf die ihr nicht aufpasst, braucht ihr nicht mehr zu uns zu kommen.

Das Telefon klingelte erneut.

Gleb.

— Ksju, ich konnte sie nicht erreichen.

Sie geht nicht ran.

— Was für eine Überraschung.

— Kannst du vielleicht irgendwie menschlich mit ihr umgehen?

Es sind schließlich Kinder.

— Gleb, ich habe ungefähr zehnmal auf menschliche Art „Nein“ gesagt.

Menschlich wäre es, wenn man schon beim ersten Mal zuhört.

Es dämmerte.

Der Himmel über den Grundstücken war tiefblau geworden, irgendwo hinter einem Zaun bellte ein Hund, und die Kühle des Abends zog bereits heran.

Ksenia bog auf den unbefestigten Weg ein und sah ihr Haus.

Es stand nur ein Auto dort — Artjoms Wagen.

Das bedeutete, dass sie mit dem Taxi oder Bus gekommen waren.

Und das bedeutete wiederum, dass die Delegation kein sofortiges Rücktransportmittel zur Verfügung hatte.

Sie stellte den Motor ab, hatte es aber nicht eilig auszusteigen.

Im Hof, direkt am Gartentor, saß Alisa auf einer Bank, daneben liefen die beiden Kinder herum, und etwas weiter entfernt stand ein Mann mit einer großen Tasche.

Alisa war bereits aufgestanden und reckte den Hals.

Ksenia öffnete den Kofferraum, nahm die Einkaufstüten und ging ins Haus, ruhig und gleichmäßig, als stünde dort lediglich ein dekorativer Busch.

Artjom empfing sie auf der Veranda und nahm ihr die Taschen ab.

— Ich habe einen Bärenhunger, — sagte sie.

— Das Abendessen ist fertig, — antwortete ihr Mann und warf kurz einen Blick in Richtung Bank.

— Schon seit anderthalb Stunden.

— Perfekt.

Jetzt klären wir noch eine organisatorische Frage, dann setzen wir uns.

Sie stellte die Tüte ab, wischte sich die Hände und ging in den Hof.

— Alisa, guten Abend.

Ich habe ungefähr zehnmal „Nein“ gesagt, und trotzdem seid ihr gekommen.

Also gibt es niemanden, auf den ihr beleidigt sein könnt, — sagte Ksenia scharf.

— Ihr seid für mich niemand.

Meinem Bruder habt ihr keine Kinder geboren, und seine Frau seid ihr auch nicht mehr.

Ihr seid ein fremder Mensch vor dem Zaun fremder Leute.

— Hörst du dir eigentlich selbst zu?!

Alisa machte einen Schritt nach vorn, und ihre Stimme wurde sofort schrill.

— Wir waren Freundinnen!

Hast du das vergessen?!

— Nein, habe ich nicht vergessen.

Wir waren genau so lange Freundinnen, wie du Glebs Ehefrau warst.

Freundschaft ist keine lebenslange Versicherung, sie wird durch Taten verlängert.

— Wegen irgendeines Unsinns vor zwei Jahren?!

— Wegen Unsinns, — stimmte Ksenia zu.

— Ein zerbrochener Birnbaum, eine eingeschlagene Scheibe, ein Lagerfeuer neben dem Holzstapel und brennendes Gras am Schuppen des Nachbarn.

Reine Kleinigkeiten.

Walerij Petrowitsch läuft bis heute mit Validol in der Tasche herum.

— Kinder!

Das waren Kinder!

Weißt du überhaupt, was sie durchgemacht haben?!

— Ja, weiß ich.

Und ich weiß auch, dass Feuer davon nichts weiß.

Feuer interessiert sich nämlich nicht dafür, wer sich von wem scheiden ließ, es hat eine andere Spezialisierung.

Der Mann mit der Tasche stand schweigend da und betrachtete den Zaun.

Ksenia gab ihm in Gedanken einen Pluspunkt — sein Schweigen war bemerkenswert klug.

— Ich bin in die Stadt gekommen und in eurer Wohnung war niemand!

Alisa warf die Arme in die Luft.

— Ich habe Urlaub!

Ich will mich erholen!

Verlange ich etwa zu viel?!

— Ihr verlangt überhaupt nichts.

Ihr stellt uns vor vollendete Tatsachen.

Das sind zwei verschiedene Genres, — sagte Ksenia und zog ihr Telefon heraus.

— Einen Moment.

Gleb ging fast sofort ran.

— Ich höre.

— Gleb, deine Ex-Frau steht bei mir im Hof mit zwei Kindern und einem schweigsamen Mann.

Bring sie bitte zur Vernunft, irgendwann ist dir das ja schon einmal gelungen.

— Gib ihr das Telefon.

Alisa riss ihr das Telefon aus der Hand und begann sofort in einem hohen Ton zu sprechen, als würde sie einfach einen Streit fortsetzen, der vor ein paar Jahren begonnen hatte.

— Gleb, kannst du dir vorstellen, wie wir hier empfangen wurden?!

Artjom hat uns nicht einmal ins Haus gelassen!

Es ist Abend, es ist kühl, die Kinder haben Hunger, Eva hat nicht einmal eine vernünftige Jacke dabei!

So etwas hätte ich von deiner Schwester nie erwartet!

Sie lief an der Bank entlang und gestikulierte mit der freien Hand.

Ksenia stand ruhig da, hatte die Hände zusammengelegt und sah ihr mit jenem gelassenen Interesse zu, mit dem man die Wettervorhersage für eine fremde Stadt betrachtet.

Das Gespräch dauerte etwa fünf Minuten.

Dann reichte Alisa ihr das Telefon.

— Ksju, — sagte ihr Bruder schuldbewusst.

— Ich kann nichts machen.

Sie hört mir nicht zu.

Lass sie für eine Nacht dort schlafen.

Nur eine Nacht.

Morgen fahren sie weg, sie hat es versprochen.

— Versprochen, — wiederholte Ksenia.

— Versprochen!

Alisa nickte heftig, nachdem sie ihr eigenes Wort gehört hatte.

— Gut, — sagte Ksenia ins Telefon.

— Ein Dach über dem Kopf für eine Nacht werde ich ihnen geben.

Das ist alles, Gleb.

Alisa griff sofort nach ihrer Tasche und ging mit der Miene einer Person auf die Veranda zu, die die Verhandlungen gewonnen hatte.

— Stopp, — sagte Artjom und stellte sich ihr in den Weg.

— Folgen Sie mir.

Ksenia drehte sich um und ging ins Haus.

Artjom führte die Gäste am Haus vorbei, an der Sauna vorbei, bis zum hintersten Schuppen.

Er betätigte den Lichtschalter, und unter der Decke ging eine einzelne Glühbirne an, um die sofort Mücken und kleine Insekten zu kreisen begannen.

Er holte zwei Klappbetten aus einer Ecke und reichte sie Alisas schweigsamem Begleiter.

— Sie werden schon zurechtkommen, es ist ganz einfach.

Bei einem Bett macht nur manchmal ein Bein Probleme.

— Was soll das sein?!

Alisa blieb in der Tür stehen.

— Ist das euer Ernst?!

— Vollkommen.

Wir haben Sie nicht erwartet.

Meine Frau hat zugestimmt, Ihnen für eine Nacht Unterkunft zu geben.

Hier ist die Unterkunft.

Morgen fahren Sie ab.

— Ihr habt ein zweistöckiges Haus!

Vier Zimmer!

— Das Haus gehört uns, — nickte Artjom.

— Die Vereinbarung mit Gleb lautete: ein Dach über dem Kopf für eine Nacht.

Ein Dach über dem Kopf ist vorhanden und es regnet sogar nicht hinein.

Gute Nacht.

Er wandte sich zum Gehen.

— Und wann gibt es Abendessen?!

Alisa rief ihm hinterher.

Artjom zuckte mit den Schultern.

— Keine Ahnung, wann Sie Abendessen haben.

Bei uns gibt es das in zehn Minuten.

Er ging.

Alisa stand mitten im Schuppen und umklammerte den Riemen ihrer Tasche.

Der Mann baute schweigend das Klappbett auf, die Kinder waren an der Tür still geworden, und die Mücken machten sich geschäftig an die Arbeit.

Zehn Minuten später kam Artjom zurück und legte zwei Decken auf ein Klappbett.

— Mehr haben wir nicht.

Diese sind sauber.

— Ihr macht euch über uns lustig, — sagte Alisa leise.

— Ihr macht euch einfach über uns lustig.

— Wir halten uns einfach an die Vereinbarung, — antwortete Artjom und ging hinaus.

Timur fing zuerst an zu jammern: Er habe Hunger.

Dann Eva: Ihr sei kalt, und die Mücken würden sie stechen.

Alisa sah sich um — eine Glühbirne, zwei Klappbetten, keine einzige Steckdose, und ihr Handy hatte nur noch acht Prozent Akku.

Sie rief Gleb an.

Freizeichen.

Noch einmal.

Wieder Freizeichen.

— Natürlich, — presste sie hervor.

— Alle haben sich fein aus der Sache herausgehalten.

Auf der Veranda brannte warmes Licht.

Artjom verteilte Kartoffeln mit Pilzen auf die Teller, schnitt Tomaten auf und stellte Brot auf den Tisch.

— Wir werden beobachtet, — bemerkte er, ohne den Kopf zu drehen.

— Von der Ecke der Sauna aus.

Schon seit ungefähr drei Minuten.

— Soll sie doch beobachten, — sagte Ksenia und salzte die Tomaten.

— Ksju, sag ehrlich.

War das nicht ein bisschen zu hart?

— Hart, — stimmte sie ruhig zu.

— Genau darum ging es.

Anders bleibt es bei ihr nicht hängen.

Zehnmal habe ich es freundlich gesagt, und jedes Mal wurde es als Einladung verstanden.

— Klingt logisch.

— Weißt du, es gibt Menschen, für die das „Nein“ eines anderen nur der Beginn einer Verhandlung ist.

Sie glauben, wenn sie nur genug Druck machen, wird aus „Nein“ irgendwann „Na gut“.

Einmal muss dieses „Nein“ bis zum Morgen ein „Nein“ bleiben.

Artjom schmunzelte und schob ihr das Brot hin.

— Du bist ein furchteinflößender Mensch.

— Ich bin ein konsequenter Mensch.

Furchteinflößend sind diejenigen, die zwei Jahre lang nicht anrufen und dann plötzlich mit einer Tasche und Ansprüchen auftauchen.

— Der neue Birnbaum ist übrigens gut angewachsen.

— Genau davon rede ich.

Alles auf dieser Welt kann man neu wachsen lassen.

Außer Respekt — der verträgt das Umpflanzen irgendwie schlecht.

Sie lachten leise, wie Menschen lachen, die lange genug zusammengelebt haben, um einander schon mit wenigen Worten zu verstehen.

Kseniens Telefon gab einen Ton von sich.

Eine Nachricht von ihrem Bruder:

„Du hast sie mit den Kindern im Schuppen untergebracht?!

Bist du eigentlich noch ganz normal?

Ich schäme mich für dich.“

Ksenia las die Nachricht, legte die Gabel beiseite und tippte ganz ruhig, Buchstabe für Buchstabe, ihre Antwort.

„Ich habe ihnen ein Dach über dem Kopf gegeben, so wie du es verlangt hast.

Du hast sie nicht dazu bringen können, abzureisen.

Ab jetzt handle ich so, wie ich es für richtig halte.

Wenn es dir nicht gefällt, beschwer dich bei der UNO, dort ist es um diese Jahreszeit sowieso gerade ruhig.“

— Was schreibst du?

Artjom war neugierig.

— Ich verweise meinen Bruder an internationale Instanzen.

Die Nacht verlief unruhig — zumindest für Artjom.

Er stand ungefähr zwanzigmal auf, ging zum Fenster der Veranda, starrte in Richtung Schuppen, kam zurück, legte sich hin und stand zehn Minuten später wieder auf.

— Brennt nichts?

Ksenia fragte gegen drei Uhr morgens verschlafen.

— Toi, toi, toi, — sagte Artjom und spuckte dreimal symbolisch über die Schulter.

— Schlaf weiter.

— Du bist mein Goldstück.

— Ich bin dein nervöser Wachmann für junge Obstbäume.

Am Morgen wachte Ksenia spät auf, ging auf die Veranda und kniff wegen der Sonne die Augen zusammen.

Artjom kam gerade vom Schuppen zurück und trocknete sich die Hände an einem Handtuch ab.

— Sie sind weg, — sagte er.

— Gegen sechs Uhr.

Zu Fuß zur Bushaltestelle.

— Sie haben sich nicht einmal verabschiedet, — Ksenia schüttelte den Kopf.

— Und Danke haben sie auch nicht gesagt.

— Wofür sollten sie sich denn ihrer Version nach bedanken?

— Für die Unterkunft.

Sie war zwar bescheiden, aber immerhin eine Unterkunft.

Alisa saß in diesem Moment auf einer Bank am Busbahnhof und war auf alle gleichzeitig wütend.

Auf Gleb — weil er seine Schwester nicht hatte überreden können und später nicht ans Telefon gegangen war.

Früher war schließlich alles so einfach gewesen: Sie waren gekommen, hatten sich einquartiert, den Sommer an der frischen Luft verbracht, und niemand hatte kaputte Fensterscheiben gezählt.

Auf Ksenia — wegen ihrer kalten, ruhigen Stimme, wegen der Klappbetten, der zwei Decken und der einen Glühbirne.

Na und, die Kinder hatten irgendwann einmal Unfug gemacht.

Das lag doch in der Vergangenheit, warum musste man sich daran erinnern?

Am meisten aber war sie auf Artjom wütend, der sie so alltäglich zum Schuppen geführt hatte, als würde er Gäste einfach in das für sie vorgesehene Zimmer bringen.

Der schweigsame Begleiter wartete, bis die Kinder zum Kiosk liefen, zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und legte ihn ihr in die Hand.

— Die Schlüssel zu deiner Wohnung.

Eine Einzimmerwohnung, deine.

Ich wohne dort nicht mehr.

— Ist das dein Ernst?

Wegen einer einzigen Nacht im Schuppen?!

— Wegen einer Nacht an einem Ort, an dem uns niemand erwartet hatte und wir trotzdem aufgetaucht sind, — sagte er und nahm seine Tasche.

— Alles Gute, Alisa.

Er ging zum Bus.

Sie blieb mit den Schlüsseln in der Faust auf der Bank sitzen und mit der festen Überzeugung, dass an allem Ksenia schuld war.

Auf der Datscha war es ruhig und hell.

Ksenia saß auf der Veranda, hatte die nackten Füße auf die untere Querstrebe gestellt und beobachtete, wie Artjom die Klappbetten zusammenlegte und die Decken ausschüttelte, ordentlich, eine nach der anderen, bevor er sie auf das Regal legte.

— Vergiss nur nicht, die Taschen zu kontrollieren, — rief sie ihm zu.

— Vielleicht haben sie etwas liegen lassen.

— Schon überprüft.

Leer.

Nicht einmal ein Bonbonpapier.

— Also doch kultivierte Menschen.

Artjom brachte die Klappbetten in den Schuppen und kam zurück, während er sich die Hände abklopfte.

Ksenia lächelte — nicht triumphierend, sondern einfach zufrieden, so wie man einen Menschen anlächelt, mit dem man weder Angst davor haben muss, Entscheidungen zu treffen, noch dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Sie stand auf und deckte den Tisch — Syrniki, frischer Honig und jene Wassermelone, halbiert.

— Schreibst du Gleb noch?

Artjom fragte, während er sich setzte.

— Ja.

Irgendetwas Ruhiges.

„Alle leben, alle sind abgereist, der Birnbaum ist unversehrt.“

— Und das war’s?

— Und ich werde noch schreiben, dass ich ihm nicht böse bin, — sagte Ksenia.

— Er ist nicht böse, er ist einfach nur zu gutmütig.

Das lässt sich behandeln, aber nicht von mir.

— Und wenn sie wiederkommt?

— Dann wird sie wieder „Nein“ hören.

Artjom lachte und schob ihr den Teller hin.

— Setz dich endlich, Philosophin.

— Ich komme ja, — sagte Ksenia.

— Und weißt du was?

Ich wünsche ihr trotzdem einen schönen Sommer.

Irgendwo sehr weit weg von hier.

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