Am Morgen fand er in der Wohnung weder seine Frau noch seine Ersparnisse.
— Wer bist du überhaupt, dass du mir Vorschriften machst?

Dir gehört hier gar nichts!
Hast du verstanden?
Gar nichts!
Igors Stimme wurde heiser.
Mit voller Wucht schleuderte er ein schweres Kristallglas auf den Tisch.
Es zerbrach nicht, rollte jedoch mit einem unangenehmen Klirren über die polierte Tischplatte aus dunkler Eiche und fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Teppich.
In der darauf folgenden Stille kam Anna dieses Geräusch ohrenbetäubend vor.
Sie stand mit verschränkten Armen am Fenster und betrachtete den Mann, mit dem sie sieben Jahre zusammengelebt hatte.
Igors Gesicht war von roten Flecken überzogen, die Vene an seinem Hals trat hervor, und in seinen Augen lag jene Mischung aus Überheblichkeit und Gereiztheit, die in letzter Zeit zu seinem gewohnten Gesichtsausdruck geworden war.
Er roch stark nach teurem Courvoisier-Cognac und Zigaretten.
— Diese Wohnung gehört mir, — fuhr er fort und betonte jedes einzelne Wort, während er auf sie zuging.
— Das Auto gehört mir.
Das Unternehmen gehört mir.
Und du wohnst hier einfach nur.
Du bekommst alles auf dem Silbertablett serviert.
Und wenn dir etwas nicht passt, dort ist die Tür.
Aber du wirst mit genau dem hinausgehen, womit du gekommen bist.
Mit einem einzigen Koffer.
Er drehte sich schwerfällig um, ohne ihre Antwort abzuwarten, und ging ins Schlafzimmer.
Eine Sekunde später knallte die Tür zu.
Das Schloss klickte.
Anna blieb im Halbdunkel des riesigen Wohnzimmers an der Frunsenskaja-Uferstraße stehen.
Hinter den Panoramafenstern funkelte das nächtliche Moskau in unzähligen Lichtern, und ein Ausflugsschiff glitt langsam über den Fluss und hinterließ eine schäumende Spur.
Das Leben hinter der Scheibe ging weiter, hell und gleichgültig.
Doch in Anna war etwas endgültig und unwiderruflich zerbrochen.
Es gab weder Tränen noch einen hysterischen Anfall noch den Wunsch, zur verschlossenen Tür zu stürzen und zu beweisen, dass sie recht hatte.
Nur eine klirrende, eisige Leere.
Die Worte ihres Mannes wiederholten sich immer wieder in ihrem Kopf: „Dir gehört hier nichts.“
Anna ließ sich langsam auf das Sofa sinken, das mit teurem italienischem Leder bezogen war.
Genau dieses Sofa hatte sie drei Monate lang ausgesucht und war dafür sogar zu einer Ausstellung nach Mailand geflogen.
Genau diese Wohnung hatte Igor tatsächlich von seinem Großvater geerbt — damals eine heruntergekommene, nach Mottenkugeln und Katzen stinkende Stalinbauwohnung.
Mit abblätternder Farbe, verrotteten Rohren und einem Parkettboden, der an manchen Stellen einzubrechen drohte.
Damals, vor fünf Jahren, hatten sie gerade erst geheiratet.
Igor hatte gerade sein Unternehmen für die Lieferung medizinischer Geräte gegründet.
Es fehlte ihnen katastrophal an Geld.
Die Banken weigerten sich, dem jungen Unternehmer Kredite zu gewähren.
Und da tat Anna das, was eine liebende Frau für das einzig Richtige hält.
Sie verkaufte ihre Zweizimmerwohnung in Podolsk, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Sie investierte jeden einzelnen Rubel in ihre gemeinsame Zukunft.
Die Hälfte des Geldes floss in die Verwandlung der Ruine des Großvaters in eine Luxuswohnung, deren Entwurf Anna selbst erstellt hatte, während sie nachts stundenlang an Designprogrammen saß.
Die andere Hälfte wurde zum Startkapital der GmbH „MedTechAlliance“.
Des Unternehmens, das Igor heute Millionen einbrachte.
Des Unternehmens, in dem Anna in den ersten drei Jahren gleichzeitig als Buchhalterin, Logistikerin und Reinigungskraft gearbeitet hatte, ohne auch nur einen Cent Gehalt zu bekommen.
Doch rechtlich gesehen hatte Igor recht.
Die Wohnung war durch eine Schenkungsurkunde auf seinen Namen eingetragen.
Auch die Firma gehörte zu hundert Prozent ihm.
Das Auto, das Anna fuhr, war auf das Unternehmen zugelassen.
Und das Geld aus dem Verkauf der Wohnung ihrer Großmutter hatte sie ihm einfach so gegeben.
Ohne Quittungen, ohne Notar.
Wir sind doch eine Familie, wozu sollten wir untereinander abrechnen?
Anna schloss die Augen.
Ihre Erinnerung spielte ihr bereitwillig ein Bild aus der Vergangenheit vor.
Ein verschneiter Februar, sie sitzen in der Küche einer gemieteten Einzimmerwohnung am Stadtrand.
Igor wärmt ihre kalten Hände zwischen seinen und flüstert leidenschaftlich: „Anjuta, wir schaffen das.“
„Ich werde alles für dich tun.“
„Bei mir wirst du wie eine Königin leben, das verspreche ich dir.“
„Du musst nur an mich glauben.“
Und sie hatte geglaubt.
Sie hatte geglaubt, als er tagelang beim Zoll verschwunden war.
Sie hatte geglaubt, als sie den Kauf neuer Winterstiefel aufschob, weil die Lagermiete bezahlt werden musste.
Sie hatte geglaubt, als er sich zu verändern begann.
Zuerst kamen die teuren Anzüge.
Dann kamen neue Freunde aus Unternehmerkreisen, die Anna behandelten, als wäre sie Luft.
Danach begannen die gereizten Bemerkungen: „Anna, du siehst irgendwie zu schlicht aus.“
„Anna, misch dich nicht in Männergespräche ein.“
„Anna, du verstehst nichts von einem Unternehmen dieser Größenordnung.“
Aus einer gleichberechtigten Partnerin und treuen Gefährtin war sie unmerklich zu einer bequemen Ergänzung der Einrichtung geworden.
Zu einer kostenlosen Dienerin, der man ins Gesicht schleudern konnte: „Dir gehört hier nichts.“
Die Uhr im Flur schlug ein Uhr nachts.
Aus dem Schlafzimmer drang Igors lautes Schnarchen.
Der Alkohol hatte seinen Tribut gefordert.
Anna öffnete die Augen.
Darin waren weder Schmerz noch Verwirrung mehr.
Nur ein kalter, berechnender Glanz.
Sie stand vom Sofa auf und ging lautlos in Igors Arbeitszimmer.
Es war sein Allerheiligstes.
Massive Möbel, der Geruch von Leder und Zigarren.
Hinter einer Reproduktion eines Gemäldes von Aiwasowski befand sich ein in die Wand eingebauter Safe der Marke Valberg.
Igor glaubte, dass nur er den Code kannte.
Er war überzeugt, dass Anna, dieses „dumme Hausmütterchen“, niemals ihre Nase in seine Angelegenheiten stecken würde.
Doch Anna kannte ihn.
Der Code war für einen Mann mit seinem aufgeblähten Ego viel zu vorhersehbar — das Datum, an dem er seinen ersten Millionenvertrag unterschrieben hatte.
1408.
Der vierzehnte August.
Ihre Finger tippten routiniert die Kombination ein.
Das Schloss piepte leise, und die schwere Tür glitt sanft zur Seite.
Anna wusste, was darin lag.
In der folgenden Woche sollte „MedTechAlliance“ an einer großen staatlichen Ausschreibung zur Lieferung von Computertomografen teilnehmen.
Damit die „richtigen Leute“ die „richtige Entscheidung“ trafen, brauchte man Bargeld.
Sehr viel Bargeld.
Igor hatte diese Summe zwei Monate lang zusammengespart, indem er Geld aus dem laufenden Geschäft abzog und über Scheinfirmen in bar umwandelte.
Im Inneren des Safes lagen ordentlich aufgereiht Bündel von Hundertdollarscheinen in Bankverpackungen.
Anna hatte nicht vor, alles mitzunehmen.
Sie war keine Diebin.
Sie war eine Frau, die gekommen war, um sich das zu holen, was ihr zustand.
Sie setzte sich in den Ledersessel, schaltete die Schreibtischlampe ein, dimmte das Licht auf ein Minimum und holte einen Taschenrechner und ein Blatt Papier aus der Schublade.
Erste Zeile: Wohnung in Podolsk.
Sie erinnerte sich an den Verkaufspreis, öffnete auf ihrem Handy das Archiv der Wechselkurse der Zentralbank für jenes Jahr und rechnete die Rubel in Dollar um.
Es ergab eine beträchtliche Summe.
Sie fügte die Inflation hinzu.
Zweite Zeile: Renovierung.
Italienische Fliesen, Eichenparkett, Sanitäranlagen, die Arbeit des Handwerkerteams.
In ihrem Kopf steckte ein eingebautes Hauptbuch, sie erinnerte sich an jede einzelne Rechnung.
Sie rechnete alles in Dollar um.
Und addierte weiter.
Dritte Zeile: ihr Gehalt.
Drei Jahre Arbeit als Finanzdirektorin, Logistikerin und Hauptbuchhalterin ohne Wochenenden und Urlaub.
Sie nahm das durchschnittliche marktübliche Gehalt in Moskau für diese Jahre.
Und multiplizierte es mit 36 Monaten.
Die endgültige Zahl auf dem Display des Taschenrechners ließ sie bitter lächeln.
Es war genau die Hälfte dessen, was im Safe lag.
Anna begann methodisch, die Geldbündel herauszunehmen.
Ihre Hände zitterten nicht.
Sie legte die steifen, nach Druckfarbe riechenden Scheine in eine große Reisetasche aus festem Stoff.
Als die benötigte Summe in der Tasche lag, hielt sie inne.
Sie wollte den Safe gerade schließen, als ihr Blick auf einen dicken blauen Umschlag fiel, der ganz unten unter dem restlichen Geld lag.
Darauf stand nichts.
Ihre Intuition veranlasste Anna, die Lasche zu öffnen.
Darin befanden sich Immobilienunterlagen.
Ein Auszug aus dem staatlichen Immobilienregister.
Objekt: dreistöckiges Townhouse in einer exklusiven Wohnanlage an der Noworischskoje-Chaussee.
Eigentümerin: Milana Eduardowna Smirnowa.
Anna kannte diesen Nachnamen.
Milana war Igors neue Sekretärin.
Eine junge, langbeinige Absolventin des MGIMO mit vollen Lippen und den Ambitionen eines Raubtiers.
Igor nannte sie „meine persönliche Assistentin“ und fuhr häufig mit ihr auf „Geschäftsreisen“.
An den Dokumenten war mit einer Büroklammer ein kleines glänzendes Rechteck befestigt.
Ein Ultraschallbild.
Ein schwarz-weißer Fleck, in dem sich die Umrisse eines Kindes erkennen ließen.
Auf der Rückseite stand in schwungvoller weiblicher Handschrift: „Wir warten auf unseren kleinen Jungen, Papa.“
„Deine M.“
Anna betrachtete dieses Bild lange.
Die Luft im Arbeitszimmer wurde plötzlich dick und schwer.
Sie und Igor hatten keine Kinder.
Vor vier Jahren hatte Anna in einem späten Stadium der Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten.
Das war genau zu jener Zeit passiert, als Igor seine Geschäftspartner zum ersten Mal schwer hintergangen hatte und ernst aussehende Männer mit Drohungen in ihre Wohnung gekommen waren.
Durch den Stress verlor Anna das Kind.
Die Ärzte sagten ihr, dass sie kaum noch eine Chance habe, jemals Mutter zu werden.
Igor hatte damals trocken gesagt: „Dann sollte es wohl nicht sein.“
„Dann leben wir eben für uns.“
Danach hatte er das Thema nie wieder angesprochen.
Und jetzt kaufte er seiner Geliebten ein Townhouse, während sie seinen Erben unter dem Herzen trug.
Und all das mit dem Geld, das er nur dank des Fundaments verdient hatte, das Anna aufgebaut hatte.
Die eisige Leere in ihrem Inneren wich brennender Wut.
Es war jener eine Moment, in dem gegenüber einem Verräter alle moralischen Grenzen verschwinden.
Anna blickte erneut auf die restlichen Geldbündel im Safe.
Es war das Geld für die Ausschreibung.
Die Bestechungssumme, die Igor eine sorgenfreie Zukunft und den nächsten Sprung seiner glänzenden Karriere sichern sollte.
Ohne dieses Geld würde er die Ausschreibung verlieren.
Ohne die Ausschreibung würde das Unternehmen seine laufenden Kredite nicht bedienen können.
Das finanzielle Kartenhaus aus Igors Ambitionen würde an einem einzigen Tag zusammenbrechen.
Sie raffte die restlichen Bündel zusammen und warf sie ebenfalls in die Tasche.
Auch der blaue Umschlag mit den Unterlagen für das Townhouse und dem Ultraschallbild landete darin.
Der Safe war leer.
Anna nahm ein sauberes Blatt Papier und Igors schwarzen Füllfederhalter — genau jenen mit der goldenen Feder, den sie ihm zum dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte.
Ihre Handschrift war gleichmäßig, ohne einen einzigen zitternden Strich.
Sie schrieb keine hysterische Nachricht.
Nur Fakten.
„Igor.“
„Du hattest recht.“
„Mir gehört in dieser Wohnung nichts.“
„Deshalb überlasse ich dir deine Wände.“
„Meinen Anteil, den ich in die Renovierung investiert habe, das Startkapital und drei Jahre unbezahlter Arbeit habe ich mitgenommen.“
„Die Berechnung steht auf der Rückseite.“
„Das übrige Geld ist eine moralische Entschädigung für Milana und das Townhouse an der Nowaja Riga.“
„Betrachte es als meine letzte Investition in deine neue Familie.“
„Viel Glück bei der Ausschreibung.“
„Anna.“
„P.S. Die Wohnungsschlüssel liegen auf dem Schminktisch, der Ring ebenfalls.“
Sie legte den Zettel in den leeren Safe und ließ die Tür offen stehen.
Dann ging Anna in die Garderobe.
Sie nahm die Designerkleider nicht mit, die Igor ihr für gesellschaftliche Empfänge gekauft hatte.
Auch den Pelzmantel ließ sie zurück.
Sie zog eine alte, abgetragene Jeans, ihren Lieblingskaschmirpullover und bequeme Turnschuhe heraus.
In einen kleinen Koffer packte sie nur das Nötigste: Unterwäsche, ein paar T-Shirts, Kosmetik, ihren Laptop und eine Mappe mit ihren persönlichen Dokumenten.
Auf dem Schminktisch blieben die Cartier-Uhr, ein Platinarmband mit Diamanten und der Ehering zurück.
Tote Symbole eines toten Lebens.
Es war vier Uhr morgens.
Moskau vor dem Fenster begann sich in die bläulich-grauen Farben des Morgengrauens zu hüllen.
Anna bestellte ein Taxi der Komfortklasse.
Sie brauchte die protzigen Maybachs nicht mehr, an die Igor sie gewöhnt hatte.
Sie stand im Flur und blickte noch einmal durch die Wohnung.
In der Luft hing noch immer der schwache Nachhall des gestrigen Streits.
Ihr Herz schlug ruhig.
Sie hatte keine Angst.
Stattdessen spürte sie eine erstaunliche, beinahe berauschende Leichtigkeit, als hätte sie gerade eine Betonplatte von ihren Schultern geworfen.
Ihr Handy piepte.
Das Taxi wartete bereits vor dem Eingang.
Anna schloss leise die schwere Wohnungstür hinter sich und fuhr mit dem Aufzug nach unten.
Die Concierge, die ältere Maria Stepanowna, blickte überrascht über den Rand ihrer Brille auf Annas Koffer und die schwere Reisetasche.
— Annotschka Nikolajewna, fahren Sie um diese Uhrzeit auf Geschäftsreise?
— Nein, Maria Stepanowna, — Anna lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit ehrlich.
— Ich fahre in ein neues Leben.
Draußen war es kühl.
Der Taxifahrer, ein schweigsamer Mann mittleren Alters, half ihr, die Sachen im Kofferraum zu verstauen.
— Wohin fahren wir? — fragte er, während er aus dem Hof herausfuhr.
— Nach Scheremetjewo, — antwortete Anna ohne zu zögern.
Sie wusste nicht, wohin sie fliegen würde.
Vielleicht in den Altai zu einer Freundin aus Kindertagen.
Oder vielleicht nach Kaliningrad ans Meer.
Hauptsache weit weg von dieser Stadt.
Das Auto raste über die leere Leningrader Chaussee.
Anna blickte auf die vorbeiziehenden Straßenlaternen, und mit jedem Kilometer wurden Igor, seine Wohnung und seine Ambitionen kleiner, bis sie zu einem nicht mehr erkennbaren Punkt im Rückspiegel wurden.
Igor wachte auf, weil seine Schläfen vor Schmerz pochten und sein Mund so trocken war wie die Wüste Gobi.
Mühsam öffnete er die Augen und blickte auf die Uhr.
Zehn Uhr morgens.
Er stöhnte und drehte sich auf den Rücken.
Bruchstücke des gestrigen Abends tauchten in seiner Erinnerung auf.
Der Streit.
Das Kristallglas.
Sein Geschrei.
„Ich bin etwas zu weit gegangen“, dachte er träge und rieb sich den Nasenrücken.
„Na gut, ich kaufe ihr irgendeinen Anhänger und entschuldige mich.“
„Sie wird ein bisschen schmollen und sich wieder beruhigen.“
„Wo sollte sie schon hin?“
„Sie ist selbst schuld, sie hat wegen einer Kleinigkeit angefangen, mir auf die Nerven zu gehen.“
Er setzte sich im Bett auf.
— Anja! — rief er heiser.
— Anja, bring mir Mineralwasser!
Als Antwort kam nur Stille.
Nur das Brummen der Autos von der Uferstraße vor dem Fenster.
Igor runzelte die Stirn, zog einen Bademantel über und ging aus dem Schlafzimmer.
Das Wohnzimmer war leer.
Die Scherben des Kristallglases waren ordentlich zusammengefegt worden.
Er ging in die Küche.
Kein Kaffee.
Kein Frühstück.
Nur makellose Ordnung auf den Marmorflächen.
— Anja?
Wo bist du? — Seine Gereiztheit begann das Katergefühl zu durchbrechen.
Er ging in den Flur.
Ihr Mantel und ihre Turnschuhe waren nicht da.
„Beleidigt und zu einer Freundin gegangen?“
„Na, na.“
„Mal sehen, wie lange sie es ohne meine Kreditkarten aushält“, grinste Igor.
Er ging zurück ins Schlafzimmer und wollte ins Bad.
Als er am Schminktisch vorbeiging, fiel sein Blick auf ein seltsames Stillleben.
Neben den Parfümflaschen lagen ordentlich die Cartier-Uhr, das Armband und der Ehering.
Die Wohnungsschlüssel lagen ebenfalls dort.
Igors Herz setzte einen Schlag aus.
Das sah nicht mehr nach einem gewöhnlichen weiblichen Wutanfall aus.
Er ging schnell in die Garderobe.
Er schob die Türen auseinander.
Ihre Designerkleider hingen noch an ihrem Platz, ihre Taschen standen auf den Regalen.
Doch der alte Koffer und ein Teil ihrer Alltagskleidung fehlten.
In seiner Brust begann ein unangenehmes, nagendes Gefühl der Unruhe zu wachsen.
Er schnappte sich sein Handy und wählte ihre Nummer.
„Das Telefon des Teilnehmers ist ausgeschaltet oder befindet sich außerhalb des Empfangsbereichs.“
Igor fluchte.
Er ging ins Arbeitszimmer, um Zigaretten zu holen.
Kaum hatte er die Schwelle überschritten, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte.
Das Aiwasowski-Bild war verschoben.
Die Safetür stand offen.
Igor wurde schwarz vor Augen.
Er stürzte zum Safe und wäre beinahe über den Teppich gestolpert.
Er riss die Tür auf.
Leer.
Keine Bündel Dollarscheine.
Kein blauer Umschlag mit Dokumenten.
Nichts.
Nur ein einzelnes weißes Blatt Papier lag auf dem metallenen Boden.
Igor griff mit zitternden Händen nach dem Blatt.
Seine Augen flogen über die gleichmäßigen Zeilen.
Er las es noch einmal.
Und noch einmal.
Die Bedeutung des Geschriebenen drang langsam in sein vom Alkohol und der Panik benebeltes Gehirn.
Sie wusste von Milana.
Sie wusste vom Townhouse.
Sie hatte alles mitgenommen.
Er drehte das Blatt um.
Auf der Rückseite befand sich eine detaillierte Berechnung.
Zahlen, Spalten, Prozentsätze.
Alles war mit perfekter, tödlicher Genauigkeit berechnet.
Kein einziger Cent mehr als das, was sie als ihren Anteil und als Entschädigung bewertet hatte.
— Miststück … — flüsterte Igor und sank direkt neben dem Safe auf den Boden.
— Was für ein verdammtes Miststück du bist …
Er begann zu zittern.
Es ging nicht darum, dass seine Frau gegangen war.
Und auch nicht um Milana, obwohl sich ein Skandal jetzt kaum noch vermeiden ließ.
Es ging um das Geld.
Es waren nicht einfach nur seine Ersparnisse.
Es war Geld, das für einen Mann aus dem Ministerium bestimmt war.
Für einen Mann, der keine Verspätungen verzieh und keine Entschuldigungen akzeptierte.
Am nächsten Morgen sollte Igor das Bargeld in einem Bankschließfach übergeben.
Wenn er das nicht tat, würde er nicht nur die Ausschreibung verlieren.
Dann würden Männer zu ihm kommen, neben denen Anna wie ein Engel erscheinen würde.
Hastig begann er, durch die Kontakte auf seinem Handy zu scrollen.
Freunde anrufen?
Eine solche Summe innerhalb eines Tages zu leihen war unrealistisch.
Einen Kredit aufnehmen?
Mit welcher Sicherheit?
Die Wohnung war aufgrund einer alten Steuerprüfung beschlagnahmt, und das Unternehmen steckte bereits bis zum Hals in Krediten.
Plötzlich leuchtete das Display seines Handys auf.
Ein eingehender Anruf.
„Sergej Wiktorowitsch (Ausschreibung)“.
Igor schluckte den Kloß hinunter, der ihm im Hals steckte.
Er starrte auf das vibrierende Telefon, während kalter Schweiß über sein Gesicht lief und auf den Zettel tropfte, den jene Frau hinterlassen hatte, der in diesem Haus angeblich nichts gehörte.
Die Frau, die ihm innerhalb einer einzigen Nacht alles genommen hatte, einschließlich seiner Zukunft.
Und das Telefon klingelte und klingelte weiter und zerriss die Stille der riesigen, leeren Wohnung.
Anna rächte sich nicht mit schmutzigen Skandalen oder Tränen.
Sie führte einfach eine Prüfung ihres Lebens durch und stellte die Rechnung.
Kalt, ehrlich und vollkommen gnadenlos.
Sagen Sie ehrlich: Wie hätten Sie an Annas Stelle gehandelt?
Hatte sie moralisch das Recht, das für die Ausschreibung bestimmte Geld mitzunehmen, obwohl sie wusste, dass dies Igors Unternehmen zerstören würde?
Oder hätte sie nur genau den Betrag nehmen sollen, den sie am Anfang ihres gemeinsamen Weges investiert hatte, und mit erhobenem Kopf gehen sollen?







