— Bist du verrückt geworden? — Dmitri hielt die Schranktür fest, als Oksana den großen blauen Koffer vom oberen Schrankfach herunterzog.
Natürlich hatte er diesen Koffer schon früher gesehen.

Einmal im Jahr, vor dem Urlaub.
Manchmal auch vor einer Reise zu ihrer Mutter nach Anapa, wenn es im Flur nach Sonnencreme, neuen Badeschlappen und jener leichten Aufregung roch, wegen der sogar die Kinder sich nicht um das Ladegerät stritten.
Doch jetzt war Donnerstag, das Ende der Arbeitswoche, Anfang Juni.
Auf dem Hocker lagen keine Strandhandtücher, sondern ordentlich zusammengelegte Kinder-T-Shirts, Timofejs Mütze mit dem schiefen Schirm und Polinas dunkelblauer Pullover, den sie selbst dann auf Reisen mitnahm, wenn es draußen heiß war.
Oksana stellte den Koffer schweigend auf das Sofa und zog am Reißverschluss.
Er öffnete sich mit einem rauen, widerspenstigen Geräusch, und bei diesem Klang zog sich in Dmitris Innerem alles unangenehm zusammen.
Aus der Küche roch es nach Buchweizen und geschmorten Karotten.
Draußen schrien die Mauersegler.
Aus dem Kinderzimmer war kein einziges Wort zu hören.
Polina und Timofej saßen dort so still, als befände sich ein Fremder in der Wohnung.
— Ich bin nicht verrückt geworden, Dima.
Ich bin es leid zuzusehen, wie sie sich auf den versprochenen Urlaub freuen und dann Gießkannen und Eimer schleppen müssen.
— Mama hat doch nur um das Wochenende gebeten.
Nach dem Sturm liegt dort alles flach.
Das Gewächshaus ist schief geworden.
Wer soll ihr denn helfen?
Oksana sah ihn an.
Ihre Augen waren weder wütend noch voller Tränen noch hysterisch.
Und genau das machte ihm Angst.
Mit einer wütenden Oksana konnte man einfach warten, bis sie sich beruhigte.
Tränen konnte man überstehen.
Dieser Blick war schlimmer.
Darin war keine Aufregung.
Darin lag eine Entscheidung.
— Du hast mir gestern selbst gesagt, dass wir am Samstag ans Meer fahren.
Polina hat ihren Rucksack gepackt.
Timofej ist einen halben Tag lang mit seiner Schwimmbrille durch die Wohnung gelaufen.
Und heute hat deine Mutter angerufen, und schon sagst du „nur übers Wochenende“, als wären unsere Kinder keine Kinder, sondern eine kostenlose Arbeitskolonne.
Dmitri wollte widersprechen und sagen, dass es nicht so sei.
Dass seine Mutter allein sei.
Dass das Gewächshaus tatsächlich schief geworden sei.
Dass die Kartoffeln nicht warten würden.
Dass er versuchen würde, alles miteinander zu verbinden.
Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Denn er wusste selbst, dass es aus irgendeinem Grund immer Oksana und die Kinder waren, die alles miteinander vereinbaren mussten.
Das hatte nicht gestern angefangen und auch nicht erst in diesem Sommer.
Lange Zeit hatte es einfach nicht wie ein Problem ausgesehen, sondern wie eine Ordnung, an die sich alle gewöhnt hatten.
Freitags, gegen Abend, klingelte Dmitris Telefon so regelmäßig, als hätte Raissa Fjodorowna einen eingebauten Wecker in sich.
Er nahm den Anruf bereits im Flur entgegen, noch bevor er seine Schuhe ausgezogen hatte, und sein Gesicht veränderte sich sofort.
Zuerst wurde es aufmerksam.
Dann schuldbewusst.
Dann geschäftsmäßig.
— Ja, Mama.
Ja, verstanden.
Ja, wir kommen vorbei.
Nein, die Schaufel vergesse ich nicht.
In diesem Moment spülte Oksana normalerweise noch das Geschirr oder legte den Kindern die Kleidung für das Wochenende bereit.
Seit Langem galt die feste Regel: Der Samstag und die Hälfte des Sonntags gehörten der Datscha der Schwiegermutter.
Nicht ihrer Datscha.
Nicht der Familiendatscha.
Ganz genau der Datscha von Raissa Fjodorowna, auf der angeblich alles an einer einzigen Person hing — an ihr selbst, wie sie gern wiederholte — und alle anderen verpflichtet waren, dieses heldenhafte Alleinsein zu unterstützen.
In Worten nannte man diese Fahrten Hilfe.
In Wirklichkeit waren es schwere Arbeitsschichten an der frischen Luft, nach denen die Kinder staubbedeckt, mit sonnenverbrannten Nasen und Gesichtern zurückkehrten, in denen nichts Kindliches mehr übrig war.
Polina versuchte anfangs, sich erwachsen zu verhalten.
Sie jammerte nicht und widersprach nicht.
Sie zog einfach schweigend ihre alten Jeans an, streifte Handschuhe über und ging Erdbeeren jäten, während Raissa Fjodorowna wie ein Vorarbeiter zwischen den Beeten umherlief und ununterbrochen korrigierte.
— Du hast die Wurzel stehen lassen.
— Pass auf die Erdbeeren auf.
— Warum bist du so langsam?
— Mit dreizehn kann man sich schon etwas schneller bewegen.
Bei Timofej war es schlimmer.
Er konnte noch nicht dieses ausdruckslose Gesicht machen.
Alles, was er fühlte, stand ihm in den Augen.
Angst, Erschöpfung, der Wunsch, sich hinter dem Schuppen zu verstecken und einfach auf einem umgedrehten Eimer zu sitzen und mit einem Spielzeugauto zu spielen.
Doch Spielzeugautos waren auf Raissa Fjodorownas Datscha nicht gern gesehen.
— Spielen kannst du zu Hause, — sagte sie und nahm ihm den Plastiklastwagen aus den Fingern.
— Hier gibt es genug Arbeit.
Oksana hatte sich lange eingeredet, dass es nützlich sei.
Die Kinder gewöhnten sich an Arbeit.
Die Großmutter war alt, allein fiel ihr alles schwer.
Sie konnten schließlich nicht ständig nur in Cafés sitzen oder an ihren Handys hängen.
Doch in diesem Jahr war etwas anders geworden.
Polina freute sich nicht mehr auf den Juni.
Timofej hatte einmal schon im Auto angefangen zu weinen, als Dmitri nicht in Richtung Park, sondern zur Ausfahrt auf die Landstraße abbog.
— Fahren wir schon wieder dorthin? — fragte er mit so leiser Stimme, als würde es um einen Zahnarztbesuch gehen.
Oksana drehte sich damals vom Beifahrersitz zu ihm um und sah, wie ihr Sohn den Sicherheitsgurt mit beiden Händen zerknüllte.
Er machte keinen Aufstand.
Er versuchte nicht zu verhandeln.
Er zog sich einfach innerlich zusammen.
Von diesem Moment an begann sich alles zu verändern.
Sie kaufte die Fahrkarten zu ihrer Mutter selbst.
Nicht nach langen Beratungen und nicht nach einem Familienrat bei Kuchen am Tisch, sondern in ihrer Mittagspause, während sie im Lagerraum der Apotheke zwischen Kartons mit Verbänden und Kindersirup saß.
Ihre Finger rochen nach Desinfektionsmittel, und das Telefon wurde warm in ihrer Hand.
Walentina Jegorowna hatte die Enkelkinder schon lange zu sich ans Meer eingeladen.
— Bring sie her, — sagte sie am Telefon mit ihrer ruhigen Stimme.
— Bei mir werden sie einen Sommer haben und keine Jahrhundertbaustelle.
Oksana musste damals sogar lächeln.
— Mama, übertreib nicht.
— Ich übertreibe nicht.
Ich höre doch, wie Polina antwortet.
Das Mädchen hat die Stimme eines Menschen, der nichts mehr erwartet.
Dieser Satz blieb in Oksana hängen und ließ sie nicht mehr los.
Oksana kaufte vier Fahrkarten.
Dann betrachtete sie lange die elektronische Bestätigung, als hätte sie Angst, sie könnte verschwinden.
Am Abend erzählte sie es den Kindern.
Timofej glaubte es zunächst nicht.
— Ein echtes Meer?
— Ein echtes.
— Und wir fahren vorher nicht erst zur Datscha?
Polina fragte nichts.
Sie drehte sich nur zum Fenster, und Oksana sah, wie ihre Tochter sich schnell mit dem Ärmel unter dem Auge entlangwischte.
Genau in diesem Moment versprach sie sich selbst, dass niemand ihnen diese Reise mehr wegnehmen würde.
Raissa Fjodorowna rief drei Tage später an.
Oksana hörte ihre Stimme sogar aus dem Badezimmer, wo sie gerade Wäsche aufhing.
Die Stimme war hell, angespannt und hatte jene metallischen Töne, die immer dann auftauchten, wenn ihre Schwiegermutter nicht bat, sondern befahl.
— Am Samstagmorgen kommt ihr alle zu mir.
Und bring die Kinder mit.
Die Kartoffeln müssen angehäufelt werden, die Erdbeeren gejätet, im Schuppen tropft es und das Dach muss gehalten werden.
Dmitri murmelte irgendetwas ins Telefon.
Oksana kannte diesen Tonfall bereits.
Er hatte noch nicht laut zugesagt, aber innerlich hatte er sich bereits in die gewünschte Richtung gebeugt.
Am Abend kam er besonders sanft in die Küche, als würde er über dünnes Eis laufen.
— Oksana, Mama bittet uns zu kommen.
Es ist dort wirklich dringend.
Wir bleiben einen Tag.
Na gut, zwei.
Danach fahren wir trotzdem.
Sie stellte die Tasse so gerade auf den Tisch, dass nicht einmal ein Tropfen Tee über den Rand schwappte.
— Die Fahrkarten sind für Sonntag.
— Man kann sie umbuchen.
— Hast du schon entschieden?
— Ich frage dich doch.
— Nein, Dima.
Du bringst mir eine fertige Entscheidung und nennst sie eine Frage.
Er verzog das Gesicht.
— Warum musst du gleich so reagieren?
Mama ist allein.
Dieser Satz war für ihn wie ein Schlüssel für jede Tür.
Damit öffnete er alles — ihr Pflichtgefühl, ihre Verlegenheit, ihre Gewohnheit, Konflikte zu glätten, sogar die Hoffnung der Kinder.
Mama ist allein.
Als hätte Oksana fünf erwachsene Helfer als Kinder und nicht zwei kleine lebendige Menschen, deren Geduld ebenfalls irgendwann endete.
An jenem Samstag fuhren sie trotzdem hin.
Nicht weil Oksana nachgegeben hatte.
Eher weil sich in ihrem Inneren noch dieses alte, über Jahre antrainierte Zweifeln regte: Vielleicht übertreibe ich wirklich?
Vielleicht mache ich aus ganz normaler Hilfe auf der Datscha ein Drama?
Vielleicht müssen wir diesen einen Besuch einfach überstehen und können danach in Ruhe ans Meer fahren?
Raissa Fjodorowna empfing sie am Gartentor in einem ausgewaschenen Morgenmantel, den sie über einer Sporthose um die Taille gebunden hatte.
Auf dem Kopf trug sie ein Tuch, ihre Hände waren voller Erde und ihr Gesicht war munter und rot — ganz und gar nicht das Gesicht einer erschöpften, einsamen alten Frau, das sie so gern bei Telefongesprächen benutzte.
— Ihr seid da.
Gott sei Dank, — sagte sie, umarmte die Enkel aber nicht und fragte auch nicht, wie die Fahrt gewesen war.
— Polina, nimm die Hacke.
Timofej, trag Wasser zum Gewächshaus.
Oksana, du räumst die Gläser im Schuppen auf, die Mäuse haben dort alles durcheinandergebracht.
Dima — aufs Dach.
— Mama, die Kinder könnten doch wenigstens zuerst etwas essen, — sagte Dmitri leise.
Raissa Fjodorowna drehte sich so schnell um, als hätte er etwas Unanständiges gesagt.
— Das Essen steht auf dem Tisch.
Sie sollen schnell essen.
Ihr seid schließlich nicht in einem Ferienresort.
Timofej zuckte zusammen.
Die Bewegung war kaum sichtbar, doch Oksana bemerkte sie.
Die Schultern des Jungen sanken sofort nach unten.
Er hatte noch nicht einmal seine Turnschuhe ausgezogen und sah schon aus, als verlange man von ihm etwas, das er nicht gelernt hatte.
Auf dem Tisch in der Sommerküche standen ein Topf mit abgekühlten Pellkartoffeln, eine Schüssel mit Gurken und aufgeschnittenes Brot, dessen Ränder bereits trocken waren.
Fliegen krochen zum Dill.
Polina aß schnell und schweigend, ohne aufzusehen.
Timofej drehte die Gabel in seiner Hand und fragte dann leise:
— Mama, darf ich das Wasser nicht tragen?
Ich könnte später das Beet mit einer kleinen Gießkanne gießen.
Oksana hatte gerade den Mund geöffnet, doch Raissa Fjodorowna hörte es vom Hof aus.
— Darfst du.
Wenn du erwachsen bist.
Und jetzt nimm den Eimer.
Nach dem Mittagessen wurde es heiß, schwül und schwer.
Die Luft stand wie Glas über dem Grundstück.
Polina jätete auf den Knien die Erdbeeren, und an ihrem Hals erschienen rote Flecken von der Sonne.
Timofej schleppte zwei halbvolle Eimer von der Regentonne zum Gewächshaus und verschüttete dabei Wasser auf seine Hose.
Dmitri hantierte auf dem Dach des Schuppens mit Metall und hustete gelegentlich.
Oksana sortierte im Schuppen Gläser, alte Kisten und Lumpen und hörte plötzlich draußen eine fremde Männerstimme.
— Raissa Fjodorowna, Sie könnten die Kinder wenigstens ein bisschen schonen.
Es war Ilja, der Nachbar hinter dem Maschendrahtzaun.
Groß, breitschultrig, mit sonnengebräunter Stirn und einer ruhigen Art zu sprechen.
Er mischte sich selten in fremde Angelegenheiten ein, weshalb seine Worte besonders deutlich wirkten.
— Was wollen Sie damit sagen? — erwiderte die Schwiegermutter scharf.
— Genau das, was ich gesagt habe.
Das sind Ihre Enkel und keine Arbeitskräfte.
Der Junge kann den Eimer kaum tragen.
— Er soll sich an Arbeit gewöhnen.
Sonst werden sie noch zu verwöhnten Herrschaften.
Ilja schnaubte.
— Arbeit und Ausbeutung sind nicht dasselbe.
Das Wort hing über den Beeten wie etwas Schmutziges und Klebriges.
Raissa Fjodorowna richtete sich auf, als hätte man sie geschlagen.
— Halten Sie sich aus meinem Garten heraus.
— Das tue ich doch.
Ich sage nur, dass Ihre Enkel sich schon nicht mehr freuen, wenn sie zu Ihnen fahren.
Das sieht man sogar durch den Zaun.
Oksana erstarrte im Schuppen und hielt ein staubiges Glas mit Nägeln in den Händen.
Dmitri hörte auf dem Dach auf zu hantieren, kam aber nicht herunter.
Und genau das war das Schlimmste.
Nicht das, was Ilja gesagt hatte.
Sondern dass der Vater von Polina und Timofej es hörte und diese Worte nicht schon vor dem Nachbarn gefunden hatte.
Am Abend, als sie ins Auto stiegen, schlief Timofej fast sofort ein.
Er kippte einfach zur Seite und lehnte seine Stirn an die Tür.
Polina saß hinten und sah aus dem Fenster.
Oksana drehte sich zu ihr um.
— Schatz, bist du sehr müde?
Polina zuckte mit der Schulter.
— Geht schon.
— Du wolltest am Sonntag ans Meer.
Weißt du noch?
Das Mädchen sah ihre Mutter mit ruhigen, erwachsenen Augen an.
— Mama, versprich nichts, wenn Papa es sowieso wieder anders entscheidet.
Dmitri umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Finger weiß wurden.
Diesen Satz verzieh Oksana ihm nicht.
Zu Hause lief er schuldbewusst, still und sogar liebevoll durch die Wohnung.
Er kaufte den Kindern Eis.
Er brachte selbst den Müll hinaus.
Er versuchte, seine Frau zu umarmen, während sie die frisch gewaschene Kleidung zusammenlegte.
— Oksana, sei doch nicht beleidigt.
Wir fahren doch noch.
Mama fällt es wirklich schwer.
— Schwer? — fragte sie nach und faltete ein Handtuch.
— Ilja hat heute vor deinen Augen gesagt, dass sie Arbeiter einstellen könnte.
Hast du das gehört?
— Er mischt sich in Dinge ein, die ihn nichts angehen.
— Er mischt sich ein, weil es für dich bequemer ist, auf dem Dach zu stehen und zu schweigen.
Er zuckte zusammen, als hätte sie eine offene Wunde berührt.
— Du übertreibst… — Dmitri brach ab und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
— Du machst aus Mama ein Monster.
— Nein.
Ich sehe eine Frau, die schon vor langer Zeit entschieden hat, dass ihr Gemüsegarten wichtiger ist als die Kindheit ihrer Enkel.
In der Nacht saß Oksana lange mit dem Telefon in der Hand in der Küche.
Das Licht der Dunstabzugshaube ließ den Tisch blass und beinahe klinisch wirken.
Sie rief ihre Mutter an.
Walentina Jegorowna nahm sofort ab, als hätte sie gar nicht geschlafen.
— Was ist bei euch los?
Oksana schwieg einige Sekunden und begann dann schnell und mit gedämpfter Stimme zu erzählen, als wäre endlich alles herausgebrochen, was sich viel zu lange angesammelt hatte.
Von den Freitagen.
Von den Hacken.
Von dem Satz „Ihr seid nicht im Ferienresort“.
Von Polina, die den Worten ihres Vaters nicht mehr glaubte.
Von Timofej, der Angst vor dem groben Ton hatte.
Walentina Jegorowna hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
— Töchterchen, Kinder dürfen nicht für den Wunsch anderer Menschen bezahlen, ständig herumzukommandieren, — sagte sie leise.
— Und auch nicht für die Schwäche anderer.
Es ist eine Sache, jemandem zu helfen.
Eine andere ist es, wenn man dich automatisch zum Dienstpersonal erklärt und sich dann auch noch beleidigt fühlt, weil du dabei nicht lächelst.
Oksana schloss die Augen.
— Und wenn ich ohne ihn fahre?
— Dann handelt wenigstens einer der Erwachsenen in eurer Wohnung wie ein Erwachsener.
Am Freitag rief Raissa Fjodorowna um sieben Uhr abends an.
Dmitri telefonierte mit ihr im Zimmer, doch in der kleinen Wohnung drangen die Worte trotzdem durch die Wände.
— Was heißt, ihr fahrt weg?.. Erklär es ihr doch… Die Fahrkarten kann man zurückgeben… Was für Anapa, wenn hier bald die Erdbeeren reif werden…
Währenddessen holte Oksana den Koffer herunter.
Genau diesen Koffer vom oberen Schrankfach.
Polina stand in der Tür und sah zu, als hätte sie Angst, sich zu bewegen und damit etwas Seltenes zu verscheuchen — die Entschlossenheit ihrer Mutter.
Timofej saß auf dem Boden und drückte einen aufblasbaren Schwimmring mit einem gelben Fisch an seinen Bauch.
Dmitri kam blass aus dem Zimmer.
— Mama sagt, wenn wir jetzt nicht kommen, geht ihr dort alles kaputt.
Oksana legte die Kindershorts in den Koffer.
— Dann soll sie Leute einstellen.
— Sie hat kein Geld übrig.
— Für ein neues Gewächshaus hat sie Geld.
Für eine Motorhacke hatte sie welches.
Für die Pflastersteine um den Apfelbaum hat sie auch welches gefunden.
Für Arbeitskräfte hat sie nur aus einem einzigen Grund kein Geld — weil sie dich hat.
Und die Kinder.
Kostenlos.
— Das ist meine Mutter.
— Und das sind deine Kinder.
Er schwieg.
Polina ließ ihn nicht aus den Augen.
Sogar Timofej begann leiser zu atmen.
— Willst du, dass ich zwischen euch wähle? — fragte Dmitri.
Oksana zog den Reißverschluss der Seitentasche des Koffers zu.
Das Geräusch des Reißverschlusses klang beinahe wie eine Antwort.
— Ich möchte, dass du zum ersten Mal erkennst, wen du schon vor langer Zeit gewählt hast.
Er setzte sich auf die Sofakante und starrte auf den Boden.
Für einen Moment glaubte sie, dass er jetzt aufstehen, zu ihr kommen und etwas Richtiges sagen würde — spät, aber trotzdem etwas Wichtiges.
Doch das geschah nicht.
Er fragte nur:
— Und du fährst wirklich ohne mich?
— Ja.
Polina drehte sich abrupt weg und wischte sich mit der Hand über die Augen.
Timofej hob den Kopf.
— Mama, darf ich zwei Spielzeugautos mitnehmen?
— Nimm sie mit.
Am nächsten Morgen fuhren sie zu dritt los.
Dmitri trug die Koffer zum Taxi, stellte sie schweigend in den Kofferraum und schloss ebenso schweigend den Deckel.
Oksana sah ihn durch das offene Autofenster an und empfand weder Triumph noch Rache.
Nur eine seltsame Leichtigkeit, unter der es noch immer schmerzte.
— Wir kommen in zwei Wochen zurück, — sagte sie.
— Und danach wird nichts mehr so sein wie früher.
Er nickte.
Als hätte er nicht seine Frau gehört, sondern einen Arzt, der ihm Untersuchungsergebnisse vorlas.
Die Fahrt, der Zug, die Sonne, die salzige Luft — all das traf die Kinder zunächst mit einem Gefühl des Misstrauens.
Am ersten Tag am Meer hatte Timofej Angst, sich mehr als drei Schritte von Oksana zu entfernen, als könnte ihnen der Urlaub jeden Moment wieder weggenommen werden.
Polina schwieg weniger als sonst, doch richtig lebendig wurde sie erst am dritten Tag, als sie nachmittags direkt auf dem Handtuch einschlief, das Gesicht dem rauschenden Wasser zugewandt, wie ein kleines Kind.
Walentina Jegorowna stieß keine mitleidigen Ausrufe aus, bemitleidete sie nicht und spielte auch keine weise Richterin.
Sie schenkte ihnen einfach einen Sommer.
Wassermelonen auf dem Balkon.
Nasse Badeanzüge auf der Leine.
Spätes Abendessen, wenn die Haut nach der Sonne noch warm war.
Timofej lachte so hell und laut, dass sich Oksanas Inneres aus ungewohnter Freude zusammenzog.
Polina sah plötzlich wieder wie eine Dreizehnjährige aus und nicht wie eine erschöpfte Tante im Körper eines Teenagers.
Dmitri rief an.
Zuerst oft.
Dann seltener.
An seiner Stimme war zu hören, dass er schließlich doch auf der Datscha gewesen war.
Oksana fragte nicht, wie es gelaufen war.
Nur einmal sagte er von selbst:
— Ilja hatte recht.
Mama macht nicht einmal ein Geheimnis daraus, dass sie zwei Leute für die Saison einstellen könnte.
Sie sagt nur: Warum soll ich bezahlen, wenn ich eine Familie habe?
Oksana antwortete darauf nichts.
Sie wollte, dass diese Erkenntnis ihn ohne ihre Hilfe erreichte, mit jenem Schmerz, mit dem man begreift, dass man selbst zu spät gekommen ist.
Als sie zurückkehrten, roch es in der Wohnung nach dem Staub geschlossener Fenster und nach Männerparfüm.
An der Garderobe hing Dmitris Jacke, und in der Küche stand eine einzelne Tasse.
Er empfing sie an der Tür, unsicher, als wüsste er nicht, ob er sie zuerst umarmen durfte.
Timofej nahm ihm die Entscheidung ab und fiel ihm um den Hals.
Polina nickte nur und ging in ihr Zimmer, um ihre Sachen auszupacken.
Am Abend saßen Oksana und Dmitri allein in der Küche.
Draußen wurde es dunkel.
Irgendwo im Hof schlug eine Haustür zu.
Dmitris Telefon lag mit dem Display nach oben auf dem Tisch und klingelte.
Auf dem Bildschirm erschien: „Mama“.
Er sah Oksana an.
Dann das Telefon.
— Geh ran, — sagte sie.
Er nahm ab.
— Ja, Mama.
Raissa Fjodorowna sprach laut, und selbst von der anderen Seite des Tisches war ihr gereiztes, schnatterndes Reden zu hören.
Sie sprach über die Himbeeren.
Über das Unkraut.
Darüber, dass sie am Sonntagmorgen bei ihr sein müssten.
Dmitri hörte lange zu.
Oksana rührte mit dem Löffel in ihrem Tee, und das Geräusch des Metalls an der Keramik war dünn und beinahe häuslich.
Dann sagte Dmitri:
— Nein, Mama.
Ich komme nicht.
Die Pause war so lang, dass Oksana sogar aufhörte zu rühren.
— Und die Kinder bringe ich auch nicht mit.
Wenn du Hilfe brauchst, stell Leute ein.
Oder ruf mich an einem Tag, an dem ich selbst Zeit habe.
Ohne die Kinder.
Er hörte weiter zu, sein Gesicht wurde rot, doch seine Stimme brach nicht.
— Nein.
Oksana hat mich nicht gegen dich aufgehetzt.
Ich habe selbst alles gesehen.
Als er auflegte, wurde es in der Küche still.
Nicht leer und nicht bedrückend — einfach still.
Wie nach einem langen Lärm im eigenen Kopf.
Oksana bedankte sich nicht bei ihm.
Sie umarmte ihn nicht über den Tisch hinweg.
Sie tat auch nicht so, als könnte ein einziger Satz all das flicken, was die Kinder bereits über die Erwachsenen verstanden hatten.
Sie stand einfach auf, ging zum Fenster und sah in den Hof, wo unter einer Laterne irgendein Junge auf einem Roller fuhr.
— Ab jetzt haben wir eine einzige Regel, — sagte sie, ohne sich umzudrehen.
— Zur Datscha fährt nur derjenige, der selbst dorthin fahren möchte.
— Ich habe verstanden, — antwortete Dmitri.
Aus dem Kinderzimmer hörte man Timofejs Stimme:
— Mama, soll ich den Schwimmring nicht ablassen?
Vielleicht fahren wir ja noch einmal.
Oksana lächelte und spürte zum ersten Mal seit Langem nicht die Anspannung vor dem nächsten Anruf, sondern den Geschmack eines ganz normalen Abends.
Auf der Heizung trockneten Handtücher, im Flur lag eine Tüte mit Muscheln herum, und Polina summte leise in ihrem Zimmer, während sie ihre Sachen auspackte.
Der Sommer war noch nicht vorbei.
Und dieser Sommer gehörte nicht mehr einer fremden Datscha.







