— Ich werde euch schon nicht stören! Ich bin ganz still und bleibe am Rand – wozu soll man Geld für ein eigenes Zimmer verschwenden?
Marina zog den Reißverschluss ihres Koffers zu und richtete sich auf.

Ihre Schwiegermutter stand in der Schlafzimmertür und hielt einen geöffneten weinroten Koffer in den Händen, der bereits halb vollgepackt war – Sonnenhüte, Sonnencreme, ein Stapel Strickjacken „für den Abend, vom Meer her weht schließlich Wind“.
Es war neun Uhr abends.
Bis zum Abflug waren es noch vierzig Stunden.
— Walentina Petrowna, — sagte Marina ruhig. — Wohin wollen Sie denn?
— Wie, wohin denn! — Die Schwiegermutter schlug die Hände zusammen, und ihr goldenes Armband rutschte bis zum Ellbogen.
— Mit euch, mein Kind!
— Sjoma hat doch schon ein Ticket gekauft!
— Ach, ich freue mich so, ich war seit hundert Jahren nicht mehr am Meer, zuletzt noch mit meinem verstorbenen Tolja, möge er in Frieden ruhen.
— Ich werde euch nicht stören, ich bin ganz still.
Marina wandte sich ihrem Mann zu.
Semjon stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und betrachtete mit großem Interesse irgendetwas im Hof.
Der Hof war leer.
— Sjoma.
— Hm?
— Du hast deiner Mutter ein Ticket gekauft.
Er drehte sich um.
Sein Gesicht sah schon im Voraus schuldbewusst aus – genauso wie damals, wenn er einen völlig unnötigen Bohrer mit nach Hause brachte oder mitteilte, dass er sich „aus Versehen“ für ein ganzes Jahr bei einem kostenpflichtigen Angelservice angemeldet hatte.
— Also, Marin, ich wollte es dir ja sagen, — begann er und verstummte.
Die Schwiegermutter war bereits ins Zimmer gerollt, stellte ihren Koffer aufs Bett – direkt auf Marinas ausgebreitete Sachen – und setzte sich daneben, ganz so, als wäre sie hier zu Hause.
— Was gibt es da groß zu besprechen, — sagte sie fröhlich.
— Sjomotschka hat das alles wunderbar organisiert.
— Er hat das Zimmer in ein Familienzimmer für drei Personen umgebucht, und stell dir vor, das ist sogar billiger!
— Ich habe zu ihm gesagt: „Sohn, wozu soll ich allein zu Hause herumhocken, ich fahre mit euch, ich werde euch keine Last sein.“
— Und nebenbei passe ich auch noch auf, dass ihr dort nicht zu viel esst und trinkt.
Zwanzig Jahre.
Seit ihrer Hochzeit vor zwanzig Jahren hatte Marina auf diese Reise gewartet.
Seit Herbst hatten sie gespart, Geld von beiden Gehältern zurückgelegt, abends gemeinsam Hotels ausgesucht und darüber gestritten, ob das Zimmer einen Balkon haben sollte oder nicht.
Zum ersten Mal seit zehn Jahren würden sie zu zweit verreisen, ohne Marinas Nachtschichten im Krankenhaus, ohne seine ewigen Stunden in der Garage.
Nur sie beide.
— Billiger, — wiederholte Marina.
— Billiger, billiger! — freute sich die Schwiegermutter.
— Ich sage doch, ich bin keine Verschwenderin.
— Und hört mal, ich habe schon alles durchgeplant.
— Am ersten Tag machen wir unbedingt eine Stadtrundfahrt, damit wir wissen, was wo ist.
— Am zweiten Tag gehen wir ins Delfinarium, ich habe das im Fernsehen gesehen, wunderschön.
— Am dritten Tag fahren wir zu den Wasserfällen, vom Hotel aus fährt dort ein Bus hin, ich habe mich schon erkundigt.
— Abends essen wir alle zusammen, ich mag es, wenn die Familie gemeinsam am Tisch sitzt.
— Sie haben sich erkundigt, — sagte Marina.
— Natürlich!
— Ich fahre schließlich nicht einfach nur so mit, ich will auch nützlich sein.
Die Schwiegermutter klopfte Marinas Mann auf die Hand.
— Sjomotschka, hast du die Kindercreme eingepackt?
— Deine Nase schält sich doch immer so schnell.
Sjomotschka war achtundvierzig.
Marina blickte auf den weinroten Koffer, der auf ihren Sachen stand.
Auf die Sonnenhüte.
Auf ihre Schwiegermutter, die ihnen bereits drei von sieben Tagen komplett verplant hatte und offensichtlich nicht vorhatte, nach dem dritten Tag damit aufzuhören.
Marina sagte nichts.
Sie zog ihre Kosmetiktasche unter dem fremden Sonnenhut hervor, trug sie zur Kommode und kam zurück.
— Mama, stell deinen Koffer doch nicht auf Marinas Sachen, — meldete sich Semjon zu Wort.
— Ach, — sagte die Schwiegermutter, ohne den Koffer wegzunehmen.
— Was soll da schon zerknittern, das sind doch nur Badeanzüge.
— Marin, nimm nicht so viel mit, dort ist es heiß.
— Und diese Shorts lass lieber hier, mein Kind, dafür bist du schon ein bisschen zu alt, die Leute schauen schließlich.
Marina schloss ihre Kosmetiktasche auf der Kommode.
Das Schloss klickte.
— Zu alt, — sagte sie.
— Na ja, du bist schließlich schon fünfundvierzig, — lächelte die Schwiegermutter sanft wie eine Krankenschwester.
— Ich meine es doch nur gut.
— Wir sind doch Familie.
Sie wählte eine Nummer auf ihrem Handy und hielt es ans Ohr.
Der Lautsprecher dröhnte durchs ganze Zimmer – die Schwiegermutter hörte auf dem linken Ohr schlecht und stellte deshalb immer auf Freisprechen, damit sie „mit beiden Ohren“ hören konnte.
— Sina, hallo!
— Also, es ist geschafft, ich fahre mit ihnen!
Die Stimme der Schwiegermutter veränderte sich, wurde lebhafter und selbstbewusster.
— Genau so ist es gekommen, ich habe dir doch gesagt, dass ich mich durchsetzen werde.
— Sjomka hat sich zuerst noch gewunden, diese Schwiegertochter, na, du kennst sie ja, läuft immer mit saurer Miene herum.
— Aber ich habe gesagt: „Sohn, Jubiläum hin oder her, deine Mutter wird nicht allein zu Hause versauern.“
— Und da hat er umgebucht.
— Wir haben ein gemeinsames Zimmer genommen, ich werde in der Mitte schlafen, damit die beiden keinen Unsinn machen, ha!
— Zwanzig Jahre verheiratet und keine Kinder, wozu brauchen sie da Privatsphäre, reine Geldverschwendung.
Marina stand an der Kommode.
— Hör mal, Sina, — fuhr die Schwiegermutter fort, ohne zu bemerken, wie still es im Zimmer geworden war.
— Ich werde dort das Kommando übernehmen, Sjomka steht ja völlig unter ihrem Pantoffel.
— Die Ausflüge habe ich schon alle geplant, und ich werde dafür sorgen, dass er ordentlich isst, statt dass sie ihn mit ihren Salätchen verhungern lässt.
— So, Küsschen, ich schicke dir eine Postkarte vom Meer!
Die Schwiegermutter nahm das Telefon vom Ohr.
Sie drehte sich um.
Marina sah sie direkt an.
Für einen Moment herrschte völlige Stille.
— Ach, das war doch nur so dahingesagt, — begann die Schwiegermutter zu lächeln, und ihre Stimme wurde wieder honigsüß.
— Ich plaudere eben mit Sina.
— Die ist fast taub, da muss ich etwas lauter sprechen.
— Sich durchsetzen, — sagte Marina.
— Was, mein Kind?
— Sie haben zu Sina gesagt, Sie würden sich durchsetzen.
— Und dass Sie in der Mitte schlafen werden.
— Ach, das war doch nur ein Scherz! — Die Schwiegermutter winkte ab, ihr Armband klimperte.
— Ich meine es doch nur gut, ich mache mir Sorgen um euch.
— Sjoma, sag du ihr doch, dass ich es nicht böse meine.
Semjon sah aus dem Fenster.
Im Hof war immer noch niemand.
— Mama meint es nicht böse, — sagte er.
Marina öffnete den Schrank.
Sie nahm ihre Reisetasche heraus – nicht den großen Koffer, sondern die kleinere fürs Handgepäck.
Sie stellte sie auf den Boden neben die Tür.
— Was machst du denn, Marin? — Semjon trat auf sie zu.
— Ich packe mein Handgepäck, — sagte Marina.
— Separat.
— Wozu separat?
— Ist praktischer.
Sie setzte sich auf die Bettkante – auf die freie Seite, denn die andere Hälfte war vom weinroten Koffer ihrer Schwiegermutter besetzt.
Sie öffnete die App der Fluggesellschaft auf ihrem Handy.
Sie scrollte.
Drei Tickets.
Derselbe Flug, dieselbe Uhrzeit.
Semjon, Walentina Petrowna und Marina.
Ein Zimmer, Familienzimmer, drei Personen.
„So ist es sogar billiger.“
Sie betrachtete die Zeile in der Buchungsbestätigung – „Dreibettzimmer, 3 Gäste“ – und plötzlich wurde es in ihr ganz ruhig und leer.
Vor zwanzig Jahren hatte Sjoma sie vor dem Standesamt über eine Pfütze getragen, damit ihre Schuhe nicht nass wurden.
Er war kein schlechter Mensch.
Er war nur weich.
Und ein weicher Mensch biegt sich immer dorthin, wo stärker gedrückt wird.
Und gedrückt hatte seine Mutter.
Marina schloss die App der Fluggesellschaft.
Sie öffnete eine andere – dieselbe Stadt, dieselben Daten.
Sie stellte die Filter ein: ein Erwachsener, Einzelzimmer, am Meer.
— Was tippst du da die ganze Zeit? — Die Schwiegermutter reckte den Hals.
— Suchst du Ausflüge?
— Ich habe doch schon alles gefunden, verschwende nicht dein Internet.
— Ich schaue nur, — sagte Marina.
Das Hotel lag einen Häuserblock von ihrem Familienhotel entfernt.
Ein Einzelzimmer mit Meerblick, Last-Minute-Preis – Saisonende, offenbar hatte jemand seine Buchung storniert.
Marina rechnete kurz nach.
Ihre Quartalsprämie, die am Freitag eingegangen war, reichte locker dafür.
Ihr eigenes Geld.
Sie musste niemanden fragen.
Sie drückte auf „Buchen“.
— Walentina Petrowna, — sagte Marina, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben.
— Sie wollen wirklich mit uns fahren?
— Aber natürlich! — freute sich die Schwiegermutter, überzeugt davon, endgültig gewonnen zu haben.
— Ich bin doch keine Fremde.
— Wo mein Sohn hinfährt, fährt auch seine Mutter mit.
— Ich werde in der Mitte schlafen, wie ich zu Sina… ach.
— Na ja, ich werde eben in eurer Nähe sein und helfen.
— Gut, — sagte Marina.
Semjon atmete erleichtert aus.
Zu früh.
Marina stand auf.
Sie steckte das Handy in die Tasche.
Dann ging sie zu ihrem großen Koffer, den sie bereits geschlossen hatte, und zog den Reißverschluss wieder auf.
Sie begann, ihre Sachen herauszunehmen.
Ruhig, Stück für Stück.
Ihr Kleid – zurück auf den Bügel.
Ihre Kosmetiktasche – zurück auf die Kommode.
— Warum packst du wieder aus? — Semjon beobachtete sie.
— Marin.
— Ich fliege nicht mit euch, — sagte Marina.
— Wie, du fliegst nicht mit? — Semjon blinzelte.
— Aber dein Ticket…
— Euer Ticket bleibt bestehen.
— Ihr fliegt zu dritt.
— Familienzimmer, „so ist es sogar billiger“ – genau so, wie du es wolltest.
— Und du?!
Marina faltete ihr Kleid zusammen und hängte es an die Schranktür.
— Ich fahre separat.
— Dieselbe Stadt, dieselben Daten.
— Anderes Hotel.
— Einzelzimmer.
— Von meinem eigenen Geld.
Die Schwiegermutter erhob sich halb vom Bett.
— Wie soll das denn gehen – separat? — Ihre Stimme zitterte, die honigsüße Freundlichkeit begann zu bröckeln.
— Und wer soll denn… und was ist mit der Familie?
— Familie seid ihr jetzt zu dritt, — sagte Marina.
— Ein Hochzeitstag ist für zwei Menschen.
— Ihr seid zu dritt.
— Also fahre ich allein ans Meer.
— Das Meer ist groß.
— Vielleicht sehen wir uns am Strand.
Stille.
Semjon stand mitten im Zimmer und hielt Marinas Ladegerät in der Hand – sie hatte es ihm gegeben, damit er es auspackte.
Er wusste nicht, wohin damit.
— Marin, was soll das denn, — sagte er.
— Mama ist doch…
— Komm, wir fahren einfach alle zusammen, warum machst du so etwas…
— Wie denn? — Marina drehte sich zu ihm.
— Wie eine Ehefrau, der zum zwanzigsten Hochzeitstag ein dritter Mensch ins Zimmer gesetzt wurde, ohne sie überhaupt zu fragen?
— Aber so war es doch billiger! — Die Schwiegermutter ging zum Angriff über, und ihre Stimme klang nun nicht mehr süß, sondern genauso wie eben bei Sina.
— Geht es dir ums Geld?
— Wegen dieser paar Groschen kannst du ein Familienzimmer nicht mit seiner Mutter teilen?!
— Willst du mich etwa loswerden?!
— Ich schicke Sie nicht weg, — sagte Marina ruhig.
— Sie fahren mit.
— Ihr Ticket ist gültig.
— Ich habe nur eines geändert.
— Meines.
— Wie kannst du nur…! — Die Schwiegermutter stockte.
— Sjoma!
— Hörst du, was sie sich da ausgedacht hat?!
— Sie will alles absichtlich verderben!
— Zwanzig Jahre verheiratet, und jetzt lässt sie im Alter ihren Mann mit seiner Mutter am Flugsteig stehen!
Marina zog den Reißverschluss ihrer Handgepäcktasche zu.
Sie stellte sie neben die Tür.
— Ich lasse niemanden stehen, — sagte sie.
— Ich habe gebucht.
— Ich bezahle selbst.
— Sie müssen sich um mich keine Sorgen machen – Sie wollten mich doch sowieso nicht stören, erinnern Sie sich?
— „Ich bin ganz still und bleibe am Rand.“
Die Schwiegermutter öffnete den Mund.
Dann schloss sie ihn wieder.
Diesmal fand sie keine Worte.
— Walentina Petrowna, — Marina sah sie an.
— Sie wollten doch in der Mitte schlafen.
— Dann tun Sie das.
— Der Platz ist jetzt frei.
Die Schwiegermutter ließ sich zurück aufs Bett fallen, ohne überhaupt bewusst einen Schritt gemacht zu haben – ihre Beine gaben einfach nach, und sie landete auf der Kante, direkt auf ihrem eigenen Sonnenhut.
Semjon legte das Ladegerät auf die Kommode.
Daneben.
Es rutschte herunter und fiel auf den Boden – er bemerkte es nicht.
— Marin, — sagte er leise.
— Mach das nicht so.
— Ich wollte doch nur das Beste.
— Mama muss ans Meer, der Arzt hat gesagt, Sonne sei gut für ihre Gelenke.
— Der Arzt, — sagte Marina.
— Ja.
— Und wann wolltest du es mir sagen?
— Vor dem Abflug?
— Am Flughafen?
— Oder hätte ich erst am Check-in-Schalter erfahren sollen, dass wir zu dritt sind?
Semjon schwieg.
Wenn man nichts zu sagen hat, ist es offenbar genau der richtige Moment, den Boden zu betrachten.
Dort lag schließlich auch das Ladegerät.
— Ich habe das Ticket gekauft, weil Mama mich darum gebeten hat, — brachte er schließlich hervor.
— Sie hat angerufen und geweint, weil sie allein ist…
— Ich konnte ihr nicht absagen.
— Mir hast du ganz leicht abgesagt, — sagte Marina.
— Zwanzig Jahre haben wir auf eine Reise zu zweit gewartet.
— Ein Anruf – und plötzlich sind wir zu dritt.
Sie ging ins Badezimmer.
Sie kam mit ihrer Zahnbürste und ihrer Creme zurück und packte beides in ihre Kosmetiktasche.
Die Schwiegermutter beobachtete sie schweigend vom Bett aus und drehte nur ihr Armband am Handgelenk hin und her.
— Du wirst das noch bereuen, — sagte die Schwiegermutter schließlich leise und böse, ohne jede Süße in der Stimme.
— Ganz allein in einer fremden Stadt.
— Wer weiß, was dir dort…
— Niemand, — sagte Marina.
— Genau darum geht es.
Sie trug ihre Handgepäcktasche in den Flur.
Den großen Koffer ließ sie halbleer und ausgepackt im Schlafzimmer stehen.
Einen neuen würde sie sich für ihre Last-Minute-Reise kaufen.
Der Abflug war in vierzig Stunden.
Marina schlief in dieser Nacht im Wohnzimmer auf dem Sofa.
Bis Mitternacht waren aus dem Schlafzimmer gedämpfte Stimmen zu hören – die Schwiegermutter redete ihrem Sohn etwas ein, er antwortete nur knapp.
Marina hörte nicht hin.
Am Morgen packte sie ihre Tasche neu.
Sie bestellte ein eigenes Taxi zum Flughafen – eine Stunde früher, damit sie nicht gemeinsam mit den beiden am Schalter herumstehen musste.
Semjon kam zerknittert in den Flur.
— Du fährst wirklich separat?
— Wirklich.
— Und zurück?
— Mein Rückflug ist auch separat.
— Derselbe Flug.
— Andere Reihe.
Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, kratzte sich am Hinterkopf und ging seine Mutter wecken.
Am Flughafen trennten sich ihre Wege an den Check-in-Schaltern: die beiden gingen zu ihrem, Marina zu ihrem.
Die Schwiegermutter ging voraus, zog ihren weinroten Koffer hinter sich her und kommandierte durch das ganze Terminal:
— Sjoma, die Pässe!
— Sjoma, wo sind die Bordkarten?!
— Ich habe doch gesagt, wir müssen früher kommen!
Semjon trottete hinter ihr her und zog zwei Koffer – seinen eigenen und den seiner Mutter.
Marina checkte allein ein.
Fensterplatz.
Sie ging allein zum Gate.
Nach der Landung nahm Marina ein Taxi zu ihrem Hotel, das nur einen Häuserblock von ihrem Familienhotel entfernt lag.
Sie bezog ihr Einzelzimmer mit Balkon und Meerblick.
Sie räumte ihre Sachen ein.
Dann ging sie zum Pool, legte sich auf eine Liege am Wasser und bestellte einen kalten Saft.
Am ersten Tag zeigte ihr Mann seine beleidigte Stimmung aus der Ferne.
Er schickte nur eine Nachricht:
„Na, und wie ist es so allein?“
Marina antwortete:
„Ruhig.“
Danach schrieb er nicht mehr.
Am zweiten Tag, wie Marina später erfuhr, hatte die Schwiegermutter für ihn das volle Programm organisiert.
Am Morgen ging es zu einer Stadtrundfahrt in der sengenden Sonne, wobei die Schwiegermutter mit dem Reiseführer um jeden Rubel feilschte und verlangte, „alles zu zeigen, wenn wir schon dafür bezahlt haben“.
Mittags ging es ins Delfinarium, wo es stickig war und eine lange Schlange gab.
Abends gab es ein gemeinsames Essen, bei dem die Schwiegermutter ihren Sohn dafür tadelte, dass er zu wenig aß, zu viel Geld ausgab und „seiner Frau alles durchgehen ließ“.
Semjon saß alle drei Programmpunkte tapfer ab.
Vielleicht tat die Sonne den Gelenken seiner Mutter tatsächlich gut.
Ihm jedenfalls nicht.
Marina erfuhr davon nicht sofort.
Diese beiden Tage schwamm sie morgens, las auf ihrer Liege, aß wann und wo sie wollte.
Und sie schlief ohne ein:
„Sjoma, steh auf, wir müssen zum Ausflug!“
Am dritten Tag, gegen Mittag, fiel plötzlich ein Schatten über ihren Liegestuhl am Pool.
Marina hob den Blick.
Semjon.
In Shorts, mit einem Handtuch über der Schulter, rot im Gesicht – entweder sonnenverbrannt oder verlegen.
— Hallo, — sagte er.
— Hallo.
Er schwieg, trat von einem Fuß auf den anderen.
— Ist die Liege neben dir frei?
Marina blickte auf die Nachbarliege.
Leer.
— Frei, — sagte sie.
— Eine.
— Nicht drei.
Semjon setzte sich.
Er begann nicht sofort zu reden – zuerst rückte er lange sein Handtuch zurecht und starrte aufs Wasser.
— Sie ist seit acht Uhr morgens auf den Beinen, — sagte er schließlich.
— Für morgen hat sie auch schon alles geplant.
— Irgendeine Festung, dann ein Markt und dann schon wieder Wasserfälle.
— Marin, ich bin nach zwei Tagen so müde wie nach einem Monat Schichtarbeit im Werk.
— Kommt vor, — sagte Marina.
— Also, ich… — Er drehte sein Handy in den Händen.
— Ich habe Mama gesagt, dass ich heute allein etwas machen will.
— Dass ich einfach nur ans Meer möchte.
— Ohne Ausflug.
— Und wie hat sie reagiert?
— Sie ist beleidigt.
— Sie hat gesagt, ich stehe unter deinem Pantoffel und sie hätte gar nicht erst mitfahren sollen, wenn ihr eigener Sohn seine Mutter wegen seiner Frau sitzen lässt.
Er schwieg kurz.
— Obwohl meine Frau ja eigentlich in einem anderen Hotel wohnt.
— Offenbar, — sagte Marina.
Der Kellner brachte ihr einen zweiten Saft.
Semjon sah auf das beschlagene Glas.
— So einen hätte ich auch gern, — sagte er.
— Dann bestell dir einen, — sagte Marina.
— Das wird aufs Zimmer geschrieben.
— Du hast doch ein Zimmer.
— Familienzimmer.
— Für drei.
Semjon verzog das Gesicht.
Den Rest des Urlaubs pendelte er hin und her.
Morgens frühstückte er mit seiner Mutter und ging mit ihr auf den „obligatorischen“ Ausflug, von dem er spätestens zum Mittagessen floh.
Tagsüber lag er an Marinas Pool auf der Nachbarliege, die „frei war, aber nur für einen“.
Abends ging er wieder zurück zum Familienessen, wo seine Mutter ihn dafür ausschimpfte, dass er „den ganzen Tag irgendwo herumstreunt“.
Die Schwiegermutter kam Marina nicht näher.
Einmal begegneten sie sich auf der Promenade.
Die Schwiegermutter war mit einer neuen Bekannten unterwegs, die einen ganz ähnlichen Sonnenhut trug, und erzählte ihr lebhaft irgendetwas.
Als sie Marina bemerkte, verstummte sie mitten im Satz, presste die Lippen zusammen und ging mit erhobenem Kinn vorbei.
Der Bekannten erklärte sie, wie Marina noch aus dem Augenwinkel mitbekam:
— Unsere Schwiegertochter hat eben ihren eigenen Kopf, sie wohnt separat, aber na ja, soll sie doch.
Sie flogen mit demselben Flug nach Hause.
Die Schwiegermutter setzte sich in ihre Reihe, zwischen ihren Sohn und den Gang – sie hatte es also tatsächlich geschafft, in der Mitte zu sitzen.
Semjon saß am Fenster und starrte den ganzen Flug über nach draußen.
Marina saß drei Reihen weiter hinten am Gang und hatte ihren eigenen Saft im Plastikbecher.
Zwei Wochen vergingen.
Laut Semjons Schwester, die „nur mal fragen wollte, wie der Urlaub war“, war die Schwiegermutter mit allem unzufrieden zurückgekehrt: mit dem Meer, mit ihrem Sohn und mit „den Spielchen der Schwiegertochter“.
Allen Bekannten erzählte sie, Marina habe den Urlaub ruiniert, sei „aus Trotz in ein anderes Hotel gezogen und habe das Familiengeld verschwendet“.
Dass ihr Ticket ohne Marinas Wissen gekauft worden war, erwähnte sie natürlich nicht.
Semjons Schwester begann zum ersten Mal an der Version ihrer Mutter zu zweifeln.
Sie fragte Marina direkt:
— Stimmt es wirklich, dass sie dir einfach ohne zu fragen eine dritte Person ins Zimmer gesetzt haben?
Marina antwortete:
— Stimmt.
Die Schwägerin schwieg einen Moment und sagte dann:
— Unsere Mutter ist echt unglaublich.
Seitdem ruft sie Marina direkt an, ohne den Umweg über ihre Mutter.
Semjon kam still nach Hause.
Über den Hochzeitstag sprach er nicht mehr.
Offenbar hatte er verstanden, dass dieser Anlass entweder für zwei Menschen gedacht war oder gar nicht.
In der ersten Woche lief er schuldbewusst herum und schlug immer wieder vor:
— Wir könnten noch einmal wegfahren.
— Nur wir beide.
Marina sagte:
— Mal sehen.
Nicht „ja“.
Nicht „nein“.
Die Quartalsprämie, die sie für das separate Zimmer ausgegeben hatte, hielt Marina für gut investiert.
Es war teurer als ein Familienzimmer für drei.
Aber es war ihres.
Für die Reise hatte sie schließlich einen neuen kleinen Koffer gekauft, einen Handgepäckkoffer, zusammen mit dem Last-Minute-Ticket.
Nach der Rückkehr wischte sie ihn sauber, legte ihren eigenen Sonnenhut und ihre Sonnencreme hinein und verstaute ihn oben auf dem Schrank.
Bis zum nächsten Mal.
Ein Koffer für eine Person nahm schließlich nicht besonders viel Platz ein.







