Am Freitag klingelte das Telefon, halb sieben abends.
Ich schnitt Tomaten in Scheiben — dünn, so wie Mischa sie mag, damit das Öl einzieht und nicht in Pfützen darauf liegen bleibt.

Das Messer knackte durch die Haut.
Auf dem Herd blubberten die Kartoffeln und warfen Schaum auf die Emaille.
Ich drehte die Hitze herunter.
Das Telefon vibrierte auf der Arbeitsplatte und rutschte langsam auf den Rand zu.
Eine unbekannte Festnetznummer.
Ich wischte mir die Hände am Handtuch ab.
— Lena, hallo.
Hier ist Schenja.
Hast du mich erkannt?
Die Stimme der Cousine meines Mannes.
Ich hatte sie in sieben Jahren vielleicht viermal gehört, zuletzt vor zwei Jahren auf dem Geburtstag meiner Schwiegermutter.
Schenja hatte damals in einer Ecke gesessen, Weißwein getrunken und irgendjemandem von ihrer Hypothek erzählt.
— Ja, ich habe dich erkannt.
Ist etwas passiert?
— Wir sind auf der Durchreise.
Zu meinen Eltern nach Woronesch.
Wir sind müde von der Fahrt, und die Kinder haben Hunger.
Können wir bei euch vorbeikommen?
Für ein paar Stunden.
Tee trinken und uns etwas ausruhen.
Ein paar Stunden.
Tee trinken.
An einem Freitagabend, an dem wir unser einziges ruhiges gemeinsames Abendessen der Woche hatten — Mischa ohne Nachmittagsbetreuung und Roma früher von der Arbeit zu Hause.
— Schenja, bei uns ist nicht aufgeräumt, — sagte ich.
Ich log nicht.
Im Flur lag der Baukasten auf dem Boden verstreut, im Badezimmer hing Wäsche auf dem Wäscheständer, und auf der Fensterbank im Wohnzimmer lag Staub — wenn man mit dem Finger darüberfuhr, blieb eine Spur zurück.
— Ach, was macht das schon!
Wir sind doch Verwandte.
Nur ganz kurz.
Ehrlich, eine Stunde, höchstens anderthalb, dann fahren wir weiter.
Wir geben den Kindern etwas zu essen.
Ich schwieg einen Moment.
Ich sah auf das Schneidebrett, auf die fächerförmig ausgelegten Tomatenscheiben und auf die kleine Saftpfütze am Rand.
— Na gut.
Kommt vorbei.
Ich legte auf.
Ich nahm Hähnchenfilet aus dem Kühlschrank und legte es unter laufendes Wasser ins Spülbecken, damit es auftaute.
Die vier Frikadellen, die ich für morgen eingeplant hatte, holte ich ebenfalls heraus.
Mein Mann kam zwanzig Minuten später.
Im Flur.
— Schenja hat angerufen.
Deine Cousine.
Sie ist mit ihrem Mann und den Kindern unterwegs nach Woronesch.
Sie kommen für eine Stunde vorbei.
Roma erstarrte mit einem Schuh in der Hand.
— Schenja?
Welche Schenja?
— Deine Cousine.
Die Tochter von Tante Walja.
Wir haben sie bei deiner Mutter gesehen.
— Ach … die mit der Hypothek?
— Genau die.
— Was will sie?
— Tee trinken.
Die Kinder füttern.
Eine Stunde, anderthalb.
Roma atmete aus und hängte seine Jacke auf.
An seinem Ausatmen war deutlich zu erkennen, dass er ebenfalls keine Lust darauf hatte.
Aber Nein sagen konnte man in seiner Familie nicht.
Bei ihnen sagte man grundsätzlich niemandem ab.
Zu Geburtstagen kamen dreißig Leute, Tische wurden zusammengeschoben und Klappbetten im Wohnzimmer aufgestellt.
Meine Familie bestand aus Mama, Papa, mir, meinem Bruder und seiner Frau.
Das war alles.
An Silvester gab es Oliviersalat und Fernsehen.
Zu Besuch kam man nach Einladung, eine Woche vorher abgesprochen.
Romas Mutter konnte unangekündigt auftauchen, und das galt als völlig normal.
„Wir gehören doch zur Familie.“
In der Küche.
Die Kartoffeln waren zerkocht.
Ich goss das Wasser ab, gab einen Schuss Milch hinzu und nahm den Kartoffelstampfer.
Das Hähnchenfilet war halb aufgetaut.
Ich schnitt es in Streifen und warf es in die Pfanne.
Zischen, Dampf.
Mischa kam hereingerannt.
— Mama, wer kommt?
— Tante Schenja.
Und Onkel … — ich stockte, weil ich den Namen ihres Mannes vergessen hatte.
— Und die Kinder.
— Welche Kinder?
— Werden wir sehen.
Vierzig Minuten später klingelte es an der Tür.
Ich hatte mich nicht umgezogen.
Ich trug eine Jogginghose und ein T-Shirt mit einem Soßenfleck auf der Brust.
Ich öffnete.
Vier Personen.
Schenja war größer, als ich sie in Erinnerung hatte, dünn, mit hervorstehenden Schlüsselbeinen.
Ihr Mann war kräftig gebaut, mit beginnender Glatze und einem zerknitterten Poloshirt.
Dazu zwei Kinder.
Ein Junge von ungefähr zehn Jahren und ein Mädchen von etwa sechs.
Das Mädchen hielt einen Plüschhasen mit einem abgerissenen Ohr in der Hand.
Das Ohr hing nur noch an einem Faden, an dem sie ständig herumzupfte.
— Lenotschka!
Schenja trat über die Schwelle und umarmte mich.
Sie roch nach langer Autofahrt, Benzin und Essen von einer Raststätte.
— Wie schön ihr es hier habt!
So hell und geräumig.
Wir dachten schon, wir schaffen es gar nicht.
Die Kinder schreien die ganze Zeit und wollen essen.
Ihr Mann schüttelte Roma die Hand.
Dima.
Die Kinder rannten ohne die Schuhe auszuziehen ins Wohnzimmer.
Ich sah auf ihre Schuhe, auf das helle Laminat und auf die schmutzigen Spuren.
Ich sagte nichts.
In der Küche.
Wasserkocher, Tassen.
Schenja saß auf einem Hocker.
— Gemütlich habt ihr es.
Habt ihr selbst renoviert?
— Ja, selbst.
— Toll.
Bei uns klappt es einfach nicht.
Mal fehlt das Geld, mal die Zeit.
Und was gibt es zum Abendessen?
— Kartoffelpüree, Hähnchen und Salat.
— Oh, wir werden euch hier alles wegessen.
Entschuldige.
Wir wollten eigentlich in ein Café, aber Dima meinte: Lass uns zu Lenka fahren, Lenka kocht so lecker.
Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Dima jemals mein Essen probiert hatte.
Ich sah ihn überhaupt zum ersten Mal.
Die Kinder kamen hereingerannt.
Der Junge öffnete ungefragt den Kühlschrank.
Das Mädchen zog Schenja am Ärmel.
— Mama, ich will trinken.
— Gleich.
Lena, hast du Saft?
Saft hatten wir keinen.
Es gab Kompott aus Trockenfrüchten vom Morgen.
Ich goss ihr ein Glas ein.
Das Mädchen nahm einen Schluck und verzog das Gesicht.
— Sauer.
— Gesund, — sagte Schenja.
— Trink.
Das Mädchen schob das Glas weg.
Das Kompott blieb auf dem Tisch stehen.
Ich verteilte das Essen auf die Teller.
Vier Hähnchenstreifen — jeweils einen für jeden von uns.
Für sie stellte ich den Topf Kartoffelpüree auf den Tisch, der eigentlich für zwei Tage gedacht war, dazu Salat, Brot, Butter und Käse.
Eine halbe Packung Käse.
Danach würde nichts mehr übrig sein.
Sie aßen schnell.
Dima benutzte die Gabel wie eine Schaufel und türmte sich große Portionen auf.
Schenja lobte das Hähnchen und fragte nach dem Rezept.
Die Kinder stocherten im Essen herum.
Der Junge suchte sich nur bestimmte Stücke heraus, das Mädchen schmierte den Salat auf dem Teller herum.
Mischa saß still da und hatte seinen eigenen Teller vergessen.
Unter dem Tisch berührte ich sein Knie.
Iss.
Er nickte.
Die Teller wurden leer.
Dima lehnte sich zurück und klopfte sich auf den Bauch.
— Gut gegessen.
Richtig gemütlich.
— Tee? — fragte ich.
— Hast du auch etwas zum Tee? — fragte Schenja.
— Kekse, Süßigkeiten?
Kekse hatten wir keine.
Es gab Waffeln.
Mischas Packung für das Wochenende.
Ich brachte sie.
Die Kinder nahmen sofort jeweils zwei.
Mischa sah zu, wie seine Leckerei verschwand, und schwieg.
Mein Sohn, der gegenüber fremden Erwachsenen nicht sagen konnte: „Das ist meins.“
Schenja erzählte von Woronesch, von ihren Eltern, davon, dass ihre Mutter krank sei und ihr Vater stark nachgelassen habe.
Roma nickte.
Dima sprach über Benzin und die Preise an den Autobahnraststätten.
Ich spülte das Geschirr.
Anderthalb Stunden waren vorbei.
Sie saßen immer noch da.
Sie machten keine Anstalten aufzubrechen.
Noch eine halbe Stunde.
Der Wasserkocher kochte zum dritten Mal.
Die Kinder waren im Wohnzimmer, schauten Fernsehen und Zeichentrickfilme.
Mischa war bei ihnen.
Explosionen, schrille Geräusche.
Schenja sagte kein einziges Mal etwas zu ihnen.
— Wann wollt ihr weiterfahren? — fragte ich.
— Wir werden wahrscheinlich bei euch übernachten, — sagte Schenja und rührte Zucker in ihren Tee.
— Dima ist müde.
Wir haben noch so weit zu fahren.
Die Kinder sind völlig erschöpft.
Geht das?
Ihr Tonfall klang, als hätte sie gesagt: „Reich mir bitte das Salz.“
Roma sah mich an.
Ich sah Roma an.
— Schenja, wir haben keinen Platz, — sagte er.
— Zwei Zimmer.
Lena und ich, Mischa.
Das Sofa lässt sich nicht ausziehen, es ist alt.
— Macht nichts, wir schlafen auf dem Boden.
Habt ihr eine zusätzliche Decke?
Natürlich fanden sich eine Decke, Kissen und Bettwäsche.
Schenja öffnete bereits den Schrank im Flur.
Selbstbewusst, als wäre es ihr eigener.
Sie holte die Kissen vom oberen Regal, eine Decke aus der Hülle und Bettlaken aus der Kommode.
— Lena, dürfen wir Handtücher haben?
Wir würden uns gern nach der Fahrt kurz abduschen.
Ich holte welche.
Vier große Badetücher.
Zwei blaue und zwei weiße.
Eine halbe Stunde später hingen sie nass und zerknüllt über dem Badewannenrand.
In der Nacht hörte ich die Geräusche fremden Lebens.
Dima schnarchte laut und dröhnend, in wechselnden Tonlagen.
Das Mädchen jammerte.
Der Junge wälzte sich auf einem improvisierten Bett aus zwei Sesseln und einer Matratze herum.
Ich lag da und hörte ihnen beim Leben zu.
Schnarchen, Seufzen, Toilettenspülung.
Ich zählte bis hundert, bis zweihundert, gab auf und begann wieder von vorn.
Sieben Uhr morgens.
In der Küche brannte Licht.
Schenja trug meinen Bademantel.
Den Frotteebademantel mit Kapuze.
Ein Geschenk meiner Mutter.
Sie briet Spiegeleier.
In meiner Pfanne.
Mit meinen Eiern.
Auf dem Tisch standen die geöffnete Butter, ein Brot in dicken Scheiben und ein Glas Marmelade.
Kirschmarmelade.
Die vom Juni.
Ich hatte damals in der Hitze über dem Topf gestanden und ständig gerührt, damit sie nicht anbrennt.
Jetzt war nur noch der Boden bedeckt.
Das letzte Glas.
— Guten Morgen! — sang sie fröhlich.
— Wir machen es uns hier einfach wie zu Hause.
Kaffee?
— Löslichen.
— Hab ich gefunden.
Im Schrank über dem Herd.
Setz dich.
Ich setzte mich.
Eine Tasse Kaffee.
Ich schmeckte nichts.
Nur Bitterkeit.
Alle wachten auf.
Frühstück für vier zusätzliche Münder.
Rührei aus acht Eiern, fast das ganze Brot, Käse, eine halbe Stange Wurst, die für die ganze Woche gekauft worden war, und die Reste vom Salat.
Mischa aß seine Cornflakes mit Milch.
Für ihn war kein Ei mehr übrig.
— Lecker, — sagte Dima und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab.
— Lena, ist noch Fleisch da?
Gestern gab es doch Hähnchen.
Noch etwas?
— Das Hähnchen ist alle.
— Ist das ganze Fleisch wirklich schon aufgegessen?
Er öffnete den Kühlschrank.
Ohne zu fragen.
Genau wie sein Sohn am Tag zuvor.
— So geht man doch nicht mit Verwandten um.
Wir haben Hunger.
Ich stand am Herd und hielt ein Handtuch in der Hand.
Ich sah zu, wie er in den Behältern herumstöberte.
— Dima, mach den Kühlschrank zu.
— Gleich.
Oh, Frikadellen!
Roh.
Brätst du sie?
Wir haben es überhaupt nicht eilig.
— Wir haben es eilig.
Wir haben etwas vor.
— Was kann man an einem Samstag schon vorhaben? — fragte Schenja und rührte ihren Tee um.
Der Löffel klirrte gegen die Tasse.
Kling, kling.
— Wir können noch sitzen und reden.
Wir sehen uns doch so selten.
Roma schwieg.
Er stand mit Kaffee und Handy in der Ecke der Küche.
Er sah mir nicht in die Augen.
Sein Blick war abwesend.
So versteckte er sich auch vor seiner Mutter, wenn sie ihn um Geld bat.
So versteckte er sich vor seinem Chef, wenn der ihm Überstunden aufdrückte.
Und so versteckte er sich jetzt.
Vor mir.
Vor ihnen.
Vor einer Entscheidung.
Ich nahm das Handtuch von meiner Schulter.
— Schenja, ihr habt gesagt, ihr bleibt anderthalb Stunden.
Ihr seid über Nacht geblieben.
Ihr habt Lebensmittel für eine ganze Woche aufgegessen.
Ihr habt unsere Wohnung in Beschlag genommen.
Ich hatte keine Gäste geplant.
— Lena, was für Pläne denn?
Das kann man doch alles später machen.
Sie sah mich nicht einmal an.
Ich ging zum Kühlschrank, schloss die Tür und stellte mich zwischen Dima und den Griff.
— Packt eure Sachen und fahrt.
Jetzt.
Stille.
Der Junge erstarrte mit einem Stück Brot in der Hand.
Das Mädchen hörte auf, an dem Hasenohr herumzuzupfen.
Schenja stellte ihre Tasse vorsichtig ab, ohne ein Geräusch zu machen.
— Lena, was ist denn mit dir?
Wir sind Verwandte.
— Ihr seid Verwandte.
Ich nicht.
— Roma ist doch …
— Roma ja.
Aber die Wohnung gehört nicht nur Roma.
Die Lebensmittel gehören nicht nur Roma.
Die Wochenenden gehören nicht nur Roma.
Ihr habt mich vor vollendete Tatsachen gestellt.
Ihr habt mein Zuhause eingenommen.
Ihr habt das Essen meiner Familie aufgegessen.
Du hast meinen Bademantel angezogen.
Ihr habt meine Schränke geöffnet.
Ihr habt nicht einmal bemerkt, dass mein Sohn ohne Frühstück geblieben ist.
Schenja sah mich an.
In ihren Augen lag keine Kränkung, sondern Leere.
Sie verstand es nicht.
Für sie war es normal, ungefragt zu kommen, zu bleiben, fremdes Essen zu essen und fremde Sachen anzuziehen.
Weil man „Verwandte“ war.
Weil man „zur Familie“ gehörte.
Bei Familienmitgliedern durfte man sich alles erlauben.
— Lena … du bist irgendwie ziemlich ungastfreundlich.
Wir sind doch mit den besten Absichten gekommen.
— Mit guten Absichten fragt man vorher.
Ihr habt nicht gefragt.
Dima schnaubte.
— Na gut, wir packen zusammen.
Siehst du nicht, dass wir hier nicht willkommen sind?
— Das sehe ich inzwischen auch, — sagte Schenja und zog den Bademantel aus.
Sie warf ihn über einen Stuhl, sodass eine Seite herunterhing.
— Kinder, zieht euch an.
Das Packen dauerte eine Stunde.
Socken, Ladegerät, Hasenohr.
Dima kommentierte lautstark: „Kein Gewissen und keine Gastfreundschaft.“
Schenja presste die Lippen zusammen.
Die Kinder jammerten.
Sie wollten nicht zurück ins Auto.
Die Tür fiel ins Schloss.
Schmutzige Fußspuren im Flur, Handtücher im Badezimmer und ein leeres Marmeladenglas auf dem Tisch.
Stille.
Dicht und wattig.
Roma kam von hinten zu mir.
Ich wartete darauf, dass er etwas sagte.
— Du hättest mich unterstützen können.
— Sie sind doch weggefahren.
— Weil ich sie rausgeworfen habe.
Du hast dagesessen und geschwiegen.
— Was hätte ich denn sagen sollen?
— Dass das unser Zuhause ist.
Dass man so etwas nicht macht.
Dass wir nicht verpflichtet sind, das hinzunehmen.
Schweigen.
Dann sagte er:
— Mama wird beleidigt sein.
Sie werden es ihr erzählen.
Ich drehte mich um.
Ich sah ihn an.
Einen großen, erwachsenen Mann, der Angst davor hatte, dass seine Mutter beleidigt sein könnte.
Und ich verstand, dass es gar nicht um Schenja ging.
Nicht um Dima.
Nicht um das Hähnchen.
Es ging um diesen Satz: „Mama wird beleidigt sein.“
Darum, dass ich in sieben Jahren offenbar nie richtig erklärt hatte, dass unsere Familie aus uns bestand.
Aus mir, ihm und Mischa.
Alle anderen standen außerhalb unserer Tür.
Und diese Schwelle musste respektiert werden.
— Roma.
Ich bin es leid, höflich zu sein.
Ich bin es leid zu lächeln, wenn es innerlich in mir kocht.
Ich will nicht mehr bequem für deine Familie sein.
Ich will zu Hause sein.
An einem Ort, an dem ich mitentscheide.
An dem wir gemeinsam entscheiden.
Nicht Tante Walja.
Nicht Schenja und Dima.
Nicht deine Mutter.
Er ließ die Schultern sinken.
— Und was schlägst du vor?
— Überleg dir, auf wessen Seite du stehst.
Und während du darüber nachdenkst, werde ich so leben, wie ich es für richtig halte.
Ich werde denjenigen bewirten, den ich will.
Und ich werde die Tür nur für diejenigen öffnen, für die ich sie öffnen möchte.
Ich nahm einen Lappen, machte ihn nass und begann die Spuren wegzuwischen.
Ich schrubbte kräftig, bis das Laminat wieder glänzte.
Mischa kam aus seinem Zimmer.
— Mama, kommt Tante Schenja noch einmal?
— Nein.
Sie kommt nicht mehr.
— Warum?
— Weil ich „Nein“ gesagt habe.
Und dieses „Nein“ ist endgültig.
Er nickte und ging zurück ins Wohnzimmer.
Auf das Sofa.
Zu seinen Zeichentrickfilmen.
Ohne fremde Kinder.
Ohne fremden Lärm.
In seinem eigenen Zimmer.
Ich schüttete das schmutzige Wasser weg und spülte den Lappen aus.
Ich räumte das Marmeladenglas weg.
Ich kratzte die letzten Reste in eine kleine Schale und warf das Glas in den Müll.
Im Kühlschrank standen leere Regale.
Eine Gurke.
Eine halbe Packung Milch.
Ich musste einkaufen gehen.
Einkaufsliste: Eier, Brot, Butter, Hähnchen, Käse, Saft für Mischa.
Eine gewöhnliche Einkaufsliste für eine gewöhnliche Familie.
Für meine Familie.
Draußen hupte ein Auto.
Die Sonne flutete die Küche.
Die Kartoffeln auf der Fensterbank hatten blasse Keime bekommen.
Ich musste sie aussortieren.
Ich nahm ein Messer, brach die Keime ab und legte die Kartoffeln in eine Schüssel.
Mein Kopf fühlte sich leicht an.
Im Schlafzimmer klingelte Romas Telefon.
Er sprach leise.
Ich hörte nur einzelne Satzfetzen.
„Nein, Mama, alles ist in Ordnung.“
„Sie sind weggefahren.“
„Lena? Ihr geht es gut.“
„Nein, Mama, ich finde nicht, dass sie im Unrecht ist.“
Ich erstarrte mit einer Kartoffel in der Hand.
Er kam in die Küche, setzte sich und nahm einen Apfel.
Er drehte ihn in der Hand.
— Ich habe es Mama gesagt.
Das ist unser Zuhause.
Wir entscheiden selbst.
— Und sie?
— Sie ist beleidigt.
— Das wird sie überleben.
Er biss mit einem Knacken in den Apfel.
Ich sortierte die Kartoffeln weiter.
Schweigend.
Ohne Tränen.
Ohne Umarmungen.
Ohne ein „Ich hab’s dir doch gesagt“.
Einfach zwei Menschen an einem Samstag in einer Küche.
Und es fühlte sich an, als würden wir zum ersten Mal seit langer Zeit auf derselben Seite stehen.







