Ich zog mich schweigend an und verließ das Restaurant.
In der schwarzen Ledermappe lag eine Rechnung über 132.400 Rubel.

Die Kellnerin mit einem höflichen und völlig ausdruckslosen Lächeln legte sie genau zwischen Lenas Teller und das halb aufgegessene Tatar der Schwiegermutter.
Am Tisch saßen dreißig Menschen.
Es roch nach schwerem Blumenparfüm, Cognac und gebratenem Lammfleisch.
Galina Iwanowna tupfte sich mit einer schneeweißen Stoffserviette die Lippen ab.
— Nun, Lenotschka.
Du bist dran.
Lena sah ihre Schwiegermutter an.
Dann die Ledermappe.
Dann ihren Mann, der plötzlich etwas unglaublich Interessantes auf dem Boden seines Glases entdeckt hatte.
— Womit bin ich dran? — fragte Lena ruhig.
— Ach, stell dich doch nicht so an, — schnaubte ihre Schwägerin Marina und richtete ihren Ausschnitt.
— Mama hat Jubiläum.
Du bist doch Filialleiterin.
Du kannst dir doch leisten, deiner Familie eine Feier zu bezahlen.
In Lena machte es innerlich Klick.
Nicht aus Angst.
Sondern wegen der mathematischen Klarheit der Erkenntnis: Man hatte sie gerade in die Enge getrieben.
Noch am Morgen hatte Anton ihr hoch und heilig versprochen, dass die Geburtstagsfeier seiner Mutter nur im kleinen Kreis stattfinden würde.
Fünf Personen.
Ein bescheidenes Café am Stadtrand.
Lena und er hatten vereinbart, fünfzehntausend Rubel in einem Umschlag zu schenken.
Diese Summe war abgesprochen, zurückgelegt worden und lag jetzt in Lenas Handtasche.
Doch vor einer Stunde hatte das Taxi sie zu einem Premiumrestaurant im Stadtzentrum gebracht.
Schon am Eingang war Lena vom Stimmengewirr überwältigt worden.
Ein riesiger Saal.
Die Tische waren in U-Form zusammengeschoben worden.
Dreißig Verwandte aus der gesamten Region.
Tanten, Onkel, Neffen und Nichten, die Lena nur ein einziges Mal gesehen hatte — auf ihrer eigenen Hochzeit vor sechs Jahren.
Auf den Tischen funkelten schwarzer und roter Kaviar, und aus mit Eis gefüllten Kübeln ragten Flaschen importierten Champagners.
Und nun hatte man die erste Zwischenrechnung gebracht.
Vorspeisen und Alkohol.
Mit der Zubereitung der warmen Speisen hatte man noch nicht einmal begonnen.
— Galina Iwanowna, — Lena schob die Mappe mit der Spitze ihres Zeigefingers von sich weg.
— Wir hatten vereinbart, dass jeder für sich selbst bezahlt.
Oder Sie bezahlen das Bankett.
Die Gespräche am Tisch verstummten.
Die nächsten Verwandten spitzten die Ohren.
— Bist du noch ganz bei Trost? — zischte die Schwiegermutter und beugte sich nach vorn.
Die goldenen Ketten an ihrem Hals klimperten.
— Ich bin Rentnerin!
Woher soll ich hundertdreißigtausend Rubel nehmen?
Und für die warmen Speisen kommt später noch einmal genauso viel dazu.
— Warum haben Sie dann diesen Saal bestellt?
— Weil ich sechzig werde!
Jubiläum! — Galina Iwanownas Stimme kippte in ein Kreischen, doch sie fing sich schnell wieder.
— Anton hat gesagt, dass ihr alles bezahlt.
Bei uns macht man das so.
Kinder machen ihren Eltern eine Freude.
Lena wandte sich ihrem Mann zu.
Anton sackte in sich zusammen, zog den Kopf zwischen die Schultern und sah aus wie ein geprügelter Hund.
— Anton.
Erklär das.
— Lena, warum fängst du jetzt damit an, — murmelte ihr Mann.
— Die Gäste schauen schon.
Lass uns einfach bezahlen und zu Hause darüber reden.
Du hast doch ein hohes Kreditkartenlimit.
Wir gleichen das später wieder aus.
Lena nahm ihr Handy heraus.
Sie öffnete die Banking-App.
Ihr Finger tippte schnell auf das Symbol des gemeinsamen Sparkontos.
Genau auf jenes Konto, auf das sie seit drei Jahren Geld für die Anzahlung einer Dreizimmerwohnung eingezahlt hatten.
Dort hätten genau 250.000 Rubel liegen müssen.
Auf dem Bildschirm leuchtete die Zahl: 1.450 Rubel.
Lena blinzelte.
Sie aktualisierte die Seite.
Die Zahl blieb unverändert.
Langsam sah sie Anton an.
— Wo sind die zweihundertfünfzigtausend Rubel vom Konto?
Anton wurde blass.
Seine Finger drehten nervös die Gabel.
— Lena, ich…
Ich habe das Geld diese Woche abgehoben.
Mama brauchte eine Anzahlung für das Restaurant.
Und ich musste Marina ein Kleid kaufen.
Sie können doch nicht in alten Lumpen zu einer Feier gehen.
Ich wollte es dir sagen, ehrlich.
Ich habe nur nach dem richtigen Moment gesucht.
— Dem richtigen Moment? — Lena spürte, wie in ihrem Inneren alles zu Eis wurde.
Ihre Stimme wurde leise und ausdruckslos.
— Du hättest mir das Geld sowieso nicht gegeben! — plötzlich wurde Anton mutiger.
— Du zitterst doch immer um jeden einzelnen Kopeken!
Aber das ist meine Mutter!
Das ist heilig!
Ist dir Geld für die Familie etwa zu schade?
Letzten Monat hast du dir einen Mantel für dreißigtausend Rubel gekauft, aber meiner Mutter gönnst du keine Feier?
— Ich habe den Mantel von meinem selbst verdienten Geld gekauft, Anton, — sagte Lena scharf und deutlich.
— Und du hast unser gemeinsames Geld gestohlen.
Und für diesen Zirkus ausgegeben.
— Das ist kein Diebstahl! — kreischte Marina und sprang von ihrem Platz auf.
Das neue Kleid spannte gefährlich an den Nähten.
— Du bist verpflichtet, Ältere zu respektieren!
Wenn du schon in unsere Familie gekommen bist, dann benimm dich auch entsprechend!
Anton verdient wegen dir nur Kleingeld, du demotivierst ihn!
Lena ließ ihren Blick über den Tisch schweifen.
Dreißig Augenpaare blickten sie vorwurfsvoll und erwartungsvoll an.
Tante Ljuba aus dem Fernen Osten schüttelte den Kopf.
Onkel Witja kaute Roastbeef mit einer Miene, als müsse Lena sofort mitten auf dem Stadtplatz ausgepeitscht werden.
Sie warteten darauf, dass die reiche Schwiegertochter ihre Geldbörse herausholte, die Demütigung hinunterschluckte und das Bankett bezahlte.
Denn so macht man das eben.
Denn schmutzige Wäsche trägt man nicht nach draußen.
Lena sah auf den leeren Teller vor sich.
Den ganzen Abend hatte sie lediglich einen Caesar-Salat gegessen und ein Glas stilles Mineralwasser getrunken.
Den Champagner hatte sie abgelehnt.
Sie hob die Hand.
Die Kellnerin kam sofort an den Tisch.
— Entschuldigen Sie, — Lena nahm zwei Tausend-Rubel-Scheine aus ihrer Geldbörse und legte sie auf den Tisch.
— Rechnen Sie mich bitte separat ab.
Ich hatte einen Caesar-Salat und eine Flasche Bonaqua.
Das müsste reichen.
Das Wechselgeld können Sie behalten.
Die Kellnerin sah verwirrt auf das Geld, dann auf die schwarze Mappe und schließlich auf die Schwiegermutter.
— Und…
Und die Hauptrechnung?
— Die Hauptrechnung bezahlt dieser Mann dort, — Lena nickte zu Anton.
— Und diese Frau mit dem Goldschmuck.
Es ist ihre Feier.
Galina Iwanowna öffnete den Mund.
Dann schloss sie ihn wieder.
Ihr Gesicht überzog sich mit roten Flecken.
— Was redest du da?!
Lena!
Setz dich sofort hin!
Er hat keinen Rubel auf seiner Karte, das weißt du doch!
— Ich weiß.
Jetzt weiß ich es, — Lena stand auf und nahm ihre Handtasche vom Stuhl.
— Dann soll er einen Mikrokredit aufnehmen.
Oder in der Küche Geschirr spülen.
Dann kann er gleich anfangen, das Geld abzuarbeiten, das er mir gestohlen hat.
— Elena! — brüllte Onkel Witja.
— Setz dich hin!
Du blamierst deinen Mann!
— Ihr könnt mich alle mal, — sagte Lena in die plötzlich entstandene Stille hinein.
Kurz und ohne zu schreien.
Sie drehte sich um und ging zum Ausgang.
Im Rücken spürte sie die schweren Blicke von dreißig Menschen.
Hinter ihr krachte ein Stuhl, der zurückgeschoben wurde.
Schritte.
Anton holte sie erst an der Garderobe ein, als Lena gerade jenen Mantel anzog.
Er packte sie am Ellbogen.
Seine Finger drückten so fest zu, dass es weh tat und blaue Flecken hinterlassen würde.
— Bist du krank im Kopf?! — zischte er und blickte zur Garderobenfrau.
— Geh zurück und bezahl die Rechnung!
Der Sicherheitsdienst lässt uns sonst nicht raus!
Mama muss dann der Krankenwagen holen!
Ihr Blutdruck steigt auf zweihundert!
Lena sah auf seine Hand an ihrem Ellbogen.
Dann sah sie ihrem Mann in die Augen.
— Lass mich los.
— Gib mir deine Karte! — Anton versuchte, ihr die Handtasche aus den Händen zu reißen.
— Ich zahle alles zurück, ich schwöre!
Lena, ich flehe dich an.
Die Polizei nimmt uns sonst gleich mit.
Marina hat einen hysterischen Anfall!
Lena riss ihren Arm heftig los.
Die Handtasche schlug Anton schmerzhaft gegen den Oberschenkel.
— Du hattest die Chance, mir die Wahrheit zu sagen, Toscha.
Du hattest die Chance, mein Geld nicht zu stehlen.
Genieß die Geburtstagsfeier.
Sie stieß die schwere Glastür auf und trat hinaus in den frostigen Novemberabend.
Das Taxi kam drei Minuten später.
Lena nannte die Adresse.
Im Innenraum roch es nach Tannennadeln und Tabak.
Sie nahm ihr Handy heraus.
Auf dem Display waren fünf verpasste Anrufe von Anton und zwei von Marina zu sehen.
Sie blockierte beide Nummern.
Danach öffnete sie die Banking-App und sperrte sämtliche ihrer Karten.
Nur für alle Fälle.
Die Wohnung empfing sie mit Stille.
Lena zog nicht einmal die Schuhe aus.
Sie ging direkt ins Schlafzimmer und holte zwei riesige blaue Koffer aus dem Schrank.
Ihre eigenen Koffer.
Zuerst flogen die Hemden hinein.
Zerknittert, direkt von den Kleiderbügeln.
Dann die Hosen.
Lena öffnete die unterste Schublade der Kommode und begann methodisch, Socken und Unterwäsche herauszuholen.
Ihre Bewegungen waren präzise wie die eines Roboters.
Im Badezimmer fegte sie seinen billigen Aftershave-Balsam, die Zahnbürste und den Rasierer vom Regal in eine Tüte.
Danach flog auch die Flasche mit dem Eau de Cologne hinein.
Die Flasche schlug gegen den Rand des Waschbeckens und bekam einen Riss.
Ein scharfer Moschusgeruch breitete sich über die Fliesen aus.
Sie weinte nicht.
Es tat ihr um die gestohlenen zweihundertfünfzigtausend Rubel leid.
Es tat ihr um die sechs Jahre ihres Lebens leid.
Aber Tränen kamen keine.
In ihrem Inneren war nur trockene, kalte Wut.
Eine Stunde später klingelte es an der Tür.
Lang und hartnäckig.
Lena sah auf die Uhr.
Zehn Uhr abends.
Also war das Bankett vorzeitig beendet worden.
Sie rollte beide Koffer in den Flur.
Daneben warf sie die Tüte mit den Schuhen und den Laptop ihres Mannes in der schwarzen Tasche.
Sie drehte den Schlüssel um.
Anton stand vor der Tür.
Rot im Gesicht, verschwitzt und ohne Jacke.
Er zitterte.
— Du…
Du… — er rang nach Luft.
Lena stellte schweigend den ersten Koffer vor die Tür.
Dann den zweiten.
Die Tüte landete direkt vor seinen Füßen.
— Lena, lass mich rein, — Antons Stimme brach.
Er wollte einen Schritt in die Wohnung machen, doch Lena legte ihre Hand gegen seine Brust.
— Geh zur Seite.
— Deine Sachen sind gepackt.
Die Scheidung reichen wir über Gosuslugi ein, — Lena blickte ihn an, als wäre er gar nicht da.
— Welche Scheidung?!
Was machst du da?!
Wegen dir musste Mama mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht werden!
Sie hatte eine hypertensive Krise!
Der Restaurantleiter hat die Polizei gerufen!
Sie haben mich gezwungen, einen Schuldschein zu unterschreiben, und meinen Pass als Pfand behalten!
Wegen dir wäre ich beinahe vorbestraft worden!
— Nicht wegen mir.
Wegen deiner Lügen und der Ansprüche anderer Leute.
— Ich bin dein Mann! — brüllte Anton durch das gesamte Treppenhaus.
Eine Nachbartür knarrte.
— Du hättest mir helfen müssen!
Auf deinen Konten liegen noch eine halbe Million Rubel, ich habe es gesehen!
Diese Rechnung zu bezahlen wäre für dich ein Kinderspiel gewesen!
Du bist einfach ein geiziges, gefühlloses Miststück!
Lena nickte.
— Dafür habe ich jetzt noch mein Geld.
Und du hast Schulden und zwei Koffer.
Der Ausgang aus dem Haus ist den Flur entlang und dann links.
Lass die Schlüssel auf der Kommode liegen.
Anton erstarrte.
Langsam begann er zu begreifen.
Er sah auf seine Sachen, die auf der schmutzigen Fußmatte im Treppenhaus lagen.
Seine Überheblichkeit war augenblicklich verschwunden.
— Lena…
Lenotschka.
Verzeih mir.
Lass uns reden.
Draußen sind minus zehn Grad.
Ich habe nirgendwohin zu gehen.
Mama ist im Krankenhaus, und bei Marina schläft ihr Freund, also kann ich auch nicht zu ihr.
Lass mich rein.
Morgen kläre ich alles.
Ich arbeite das Geld wieder ab.
Lena nahm seinen Schlüsselbund vom Haken.
Klimpernd warf sie ihn in die Tüte mit den Schuhen.
— Geh zu deiner Mutter ins Krankenzimmer.
Dort ist es warm.
Sie trat einen Schritt zurück und schlug die Tür mit aller Kraft zu.
Das Schloss klickte zweimal.
Hinter der Tür war einige Sekunden lang völlige Stille.
Dann schlug Anton mit der Faust gegen die Metalltür.
— Mach auf!
Du hast kein Recht dazu!
Das ist unsere Wohnung!
Lena lehnte sich mit dem Rücken an die kühle Tür.
Die Wohnung hatte sie noch vor der Hochzeit von ihrem Vater bekommen.
Und an diese Tatsache würde Anton sich ebenfalls erinnern müssen.
Sie ging in die Küche.
Sie schaltete den Wasserkocher ein.
Sie holte ihre Lieblingstasse mit den gelben Katzen heraus.
In der Stille konnte man hören, wie der Kühlschrank summte und wie Anton draußen im Treppenhaus leise fluchte, während er versuchte, einen der Koffer zu schließen.
Der Tee war kräftig geworden.
Lena nahm einen Schluck, ging zum Fenster und blickte auf die dunkle Straße hinunter, auf der nur wenige Passanten unterwegs waren.
Sie musste nun nicht mehr für eine Renovierung sparen und Marinas Besuche ertragen.
Und wie hätten Sie an Lenas Stelle gehandelt — hätten Sie den Ehemann und die Schwiegermutter allein mit der Polizei und der Restaurantrechnung fertigwerden lassen, oder ist Familie doch heilig und sie hätte die Kränkung einfach hinunterschlucken sollen?







