— Vielleicht könntest du vorerst in der Küche sitzen? schlug der Schwiegervater seiner Schwiegertochter vor und betrachtete den reich gedeckten Tisch.

— Marina!

Wie lange brauchst du denn noch dort? dröhnte Arkadi Lwowitschs laute, keinen Widerspruch duldende Stimme aus dem Wohnzimmer wie ein Donnerschlag.

— In zwei Stunden stehen die Gäste vor der Tür, und du hast den Aufschnitt immer noch nicht auf den Tellern angerichtet!

Der Geruch der im Ofen gebratenen Ente lag wie eine dichte, fast greifbare Wand in der Wohnung.

Er schien sich sogar in die Tapeten im Flur und in die Vorhänge zu fressen, doch für Marina roch er schon lange nicht mehr nach einem Fest.

Er roch nach endloser, zermürbender Müdigkeit.

Die Uhr über dem Herd zeigte halb fünf am Nachmittag.

Der einunddreißigste Dezember.

Der Tag, an dem das ganze Land vor alten, vertrauten Filmen Salate schnitt, während Marina sich fühlte, als hätte sie gerade zwei Schichten hintereinander an einer Maschine in einer Gießerei gearbeitet.

Sie strich sich mit der Rückseite des Handgelenks über die Stirn, verwischte dabei einen dünnen Mehlstreifen und schloss für einen Moment die Augen.

— Ich schaffe alles, Arkadi Lwowitsch, antwortete sie und bemühte sich mit aller Kraft, ihre Verärgerung nicht in der Stimme hören zu lassen.

— Die Ente ist fast fertig, und den Fleischaspik habe ich schon zum Abkühlen auf den Balkon gestellt.

Ich muss nur noch die Tartelettes mit Kaviar füllen.

Der Schwiegervater schlurfte in weichen Hausschuhen in die Küche und zog dabei seine samtene Hausjacke über der Brust zusammen.

Arkadi Lwowitsch war ein stattlicher, korpulenter Mann mit sorgfältig frisiertem grauem Haar, für das man eine halbe Dose Haarspray brauchte und das seit Mitte der achtziger Jahre seine Form nicht verändert hatte.

Mit kritischem Blick musterte er den Tisch, der mit Schüsseln, Backblechen und offenen Dosen vollgestellt war.

— Spare nicht am Kaviar, warf er hin und blickte seiner Schwiegertochter über die Schulter wie ein Prüfer in die Unterlagen eines anderen.

— Heute kommen Boris Matwejewitsch mit seiner Frau und Valentin zu uns.

Das sind angesehene Leute, die an einen reich gedeckten Tisch gewöhnt sind.

Ich möchte mich vor ihnen nicht blamieren.

Hast du unter den Kaviar Butter gestrichen?

— Ja, antwortete Marina und bestrich methodisch die kleinen Körbchen.

— Achte darauf, dass die Schicht gleichmäßig ist.

Beim letzten Mal ragte die Butter in Stücken heraus, und ich bin vor Scham fast gestorben.

Marina erstarrte mit dem Messer in der Hand.

Beim letzten Mal, an seinem eigenen Geburtstag, hatte sie einen ganzen Tag lang gekocht, einen Tisch für fünfzehn Personen gedeckt und anschließend bis drei Uhr morgens einen Berg Geschirr gespült.

Und die einzige Bemerkung, die sie gehört hatte, war ein gleichgültiges: „Der Aspik war etwas zu fest.“

— Arkadi Lwowitsch, könnten Sie mir vielleicht beim Tischdecken helfen? fragte Marina, ohne sich umzudrehen.

— Das Festtagsservice muss herausgeholt und die Gläser müssen poliert werden.

Ich kann mich körperlich nicht gleichzeitig um den Ofen und das Wohnzimmer kümmern.

Der Schwiegervater seufzte theatralisch schwer und richtete den massiven goldenen Siegelring an seinem Finger.

— Meine Liebe, ich würde es mit größtem Vergnügen tun, aber mein Rücken, du weißt doch.

Ich darf mich nicht bücken und keine schweren Dinge tragen.

Außerdem muss ich die Gäste ausgeruht und frisch empfangen.

Der Hausherr ist das Gesicht des Hauses, verstehst du?

Und die Küche ist nun einmal, sagen wir, der Dienstbereich.

— Das heißt also, ich bin das Dienstpersonal? fragte Marina leise und legte sorgfältig einen Dillzweig auf eine Tartelette.

— Verdreh mir nicht die Worte, winkte Arkadi Lwowitsch ab und wandte sich bereits zur Tür.

— Du bist jung, Bewegung tut dir nur gut.

Übrigens, wo ist Roman?

Warum überprüft er nicht, ob der Champagner richtig gekühlt ist?

— Roman ist im Zimmer und spielt an der Konsole, antwortete Marina dumpf.

— Dann lass den Jungen sich ausruhen.

Er hatte ein schweres Quartal, die Berichte und die Bank haben ihn völlig fertiggemacht.

Belästige ihn nicht wegen Kleinigkeiten.

Gut, ich gehe jetzt meinen Anzug anziehen.

In vierzig Minuten muss der Tisch glänzen!

Die Küchentür schloss sich leise.

Marina blieb allein mit der im Ofen zischenden Ente und dem immer stärker werdenden Wunsch zurück, das Kaviarglas direkt gegen die geflieste Wand zu schleudern.

Sie beendete die Vorspeisen und ging, den schmerzenden unteren Rücken stützend, ins Wohnzimmer.

In der Mitte des Raumes stand ein alter ausziehbarer Klapptisch, bedeckt mit einer schneeweißen, gestärkten Tischdecke, das Einzige, was der Schwiegervater selbst erledigt hatte.

Roman lag halb in einem Sessel und drückte begeistert auf dem Gamepad herum.

Auf dem Fernsehbildschirm explodierten irgendwelche Raumschiffe.

— Roman, rief Marina.

Er reagierte nicht und drückte weiter wie wild auf die Knöpfe.

— Roman! wiederholte sie lauter.

Ihr Mann zuckte zusammen und schob einen Kopfhörer zur Seite.

— Hm?

Was ist, Schatz?

Gehen wir schon zu Tisch?

— Nein, noch nicht.

Hilf mir, die Gerichte aus der Küche zu tragen.

Die Ente ist schwer, und die Salatschüsseln sind bis zum Rand gefüllt.

Ich kann nicht allein ständig hin und her laufen.

Roman verzog das Gesicht und pausierte das Spiel.

— Marina, mein Vater ist doch da, frag ihn.

Ich habe das Level fast geschafft.

Ich quäle mich schon seit vierzig Minuten, nur noch ein bisschen.

— Dein Vater zieht gerade seinen Anzug an und bindet sich die Krawatte.

Und ich bin seit acht Uhr morgens auf den Beinen.

Roman, steh bitte auf und hilf mir, den Tisch zu decken.

Es ist schließlich auch dein Fest.

Er atmete schwer aus und zeigte mit seiner ganzen Haltung, was für ein unerträgliches Opfer er brachte, bevor er sich widerwillig aus dem Sessel erhob.

— Du bist immer so angespannt und aufgedreht.

Es ist ein Fest, man sollte sich freuen, aber du meckerst und meckerst.

— Ich werde mich freuen, wenn ich mich endlich hinsetzen und die Beine ausstrecken kann, fauchte Marina und reichte ihm einen Stapel Teller.

— Mach sie nicht kaputt.

Das ist das Festtagsservice.

Dein Vater wird mich fertigmachen, wenn auch nur ein kleiner Sprung entsteht.

*

Sie begannen, zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her zu laufen.

Der Tisch füllte sich nach und nach mit echten kulinarischen Meisterwerken.

Diesmal hatte Marina sich selbst übertroffen: Salat mit Wachteleiern und knusprigen Kartoffeln, Zungenaspik, klar wie ein Gebirgsbach, goldbraune Kohlpiroggen und hausgemachter Schweinebraten mit Senfkruste.

Und natürlich stand in der Mitte eine riesige Ente mit Äpfeln und Pflaumen, glänzend und saftig.

Marina trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk.

Es gab so viel Essen, dass es für eine kleine Hochzeit gereicht hätte.

— Sieht schön aus, brummte Roman und stibitzte eine Scheibe Schweinebraten vom Tisch.

— Hast du den Cognac herausgeholt?

Den teuren aus der Geschenkverpackung?

— Ja.

Er steht auf der Kommode neben den Gläsern.

Roman, hör mir zu.

Sie trat näher und nahm sanft seine Hand.

— Was?

— Ich habe das Gefühl, dass dein Vater heute besonders nervös und kleinlich ist.

Bitte unterstütze mich, falls er wieder mit seinen üblichen Spitzen anfängt.

Wenigstens mit einem Wort.

Ich bin sehr müde.

Ich möchte einfach normal sitzen, essen und das Fest wie ein Mensch feiern.

Roman wandte den Blick ab.

— Ach, Marina, lass es doch.

Er macht sich einfach Sorgen.

Er ist von der alten Schule und will, dass alles perfekt ist.

Nimm es dir nicht zu Herzen.

— Ich kann es mir nicht nicht zu Herzen nehmen, wenn man mich wie eine Köchin benutzt und anschließend so tut, als wäre das ganz normal.

Du siehst das doch alles selbst, oder nicht?

— Ach, hör auf, fang jetzt bloß nicht damit an, sagte er und zog seine Hand weg.

— Gleich kommen die Gäste, und du stehst hier mit so einem finsteren Gesicht.

Lächle lieber.

Im Flur ertönte die Klingel.

Roman verwandelte sich augenblicklich und setzte ein strahlendes Pflichtlächeln auf.

— Oh, da sind sie!

Ich gehe sie begrüßen!

Marina blieb am gedeckten Tisch stehen und spürte, wie sich in ihr langsam ein kalter Knoten aus böser Vorahnung zusammenzog.

Die Gäste kamen in die Wohnung und brachten den Geruch frostiger Frische und schweren süßlichen Kölnischwassers mit.

Boris Matwejewitsch war ein großer Mann mit zurückgekämmtem Haar und lauter Stimme.

Seine Frau war eine stille, gebeugte alte Dame mit einem Stock.

Valentin war der Sohn eines alten Freundes des Schwiegervaters, ein etwa vierzigjähriger Mann mit ständig zusammengepressten Lippen und einem angewiderten Gesichtsausdruck.

Arkadi Lwowitsch trat majestätisch aus dem Schlafzimmer und glänzte in einem dunklen Anzug mit einem Seidentuch in der Brusttasche.

— Meine Lieben!

Wie sehr ich mich freue!

Kommt herein, kommt herein! sagte er und umarmte jeden nacheinander.

— Wie seid ihr hergekommen?

Habt ihr draußen nicht gefroren?

— Ach, Arkascha, ist das glatt! dröhnte Boris Matwejewitsch.

— Aber für deine Gastfreundschaft wären wir sogar auf allen vieren hierhergekrochen!

Marina stand im Türrahmen der Küche.

Sie hatte die Schürze bereits abgelegt und ihr schlichtes, aber elegantes dunkles Kleid zurechtgezogen.

Sie wartete darauf, dass man sie den Gästen vorstellte oder wenigstens ihre Anwesenheit bemerkte.

— Zieht euch aus, meine Lieben, kommandierte der Schwiegervater.

— Roman, nimm den Gästen die Mäntel ab!

Und ihr geht direkt zu Tisch, alles ist fertig.

Ich habe mir solche Mühe gegeben und so viel gearbeitet!

Marina blinzelte.

„Ich habe mir solche Mühe gegeben“?

*

Die Gäste gingen ins Wohnzimmer.

Als Boris Matwejewitsch den Tisch sah, warf er die Arme so heftig hoch, dass er den Kronleuchter berührte.

— Meine Güte!

Arkadi!

Das ist ja ein königliches Festmahl!

Aspik!

Und was für eine Ente!

Hast du das alles selbst zubereitet?

Arkadi Lwowitsch senkte bescheiden den Blick und richtete die Serviette neben seinem Teller.

— Natürlich!

Alles ist hausgemacht und mit meinen eigenen Händen zubereitet.

Für liebe Gäste ist mir nichts zu schade.

Bitte, bitte, setzt euch.

Marina betrat das Zimmer.

Sie spürte, wie ihr heißes Blut ins Gesicht stieg.

— Guten Abend, sagte sie laut und deutlich.

Die Gäste drehten sich um, als hätten sie ihre Anwesenheit in der Wohnung erst jetzt bemerkt.

— Oh, Marina, guten Abend, sagte Boris Matwejewitsch nachlässig.

— Du bist hübscher geworden.

— Danke.

Arkadi Lwowitsch, sagte Marina und sah ihrem Schwiegervater direkt in die Augen, könnten Sie mir helfen, die warmen Saucièren herauszubringen?

Die, die ich vor einer halben Stunde zubereitet habe.

Der Schwiegervater warf ihr einen eisigen Blick zu, setzte vor den Gästen jedoch sofort wieder ein Lächeln auf.

— Natürlich, meine Liebe.

Wir kümmern uns gleich darum.

Setzt euch inzwischen, Freunde.

Marina ging zu Roman, der am Fenster herumstand.

— Hast du das gehört? flüsterte sie.

— „Alles selbst gemacht, alles mit meinen eigenen Händen“?

— Marina, warum hängst du dich an jedem Wort auf? zischte er zurück.

— Es macht meinem Vater eben Freude, vor seinen Freunden anzugeben.

Gönnst du ihm das nicht?

Alle verstehen doch sowieso, dass du geholfen hast.

— Ich habe nicht geholfen, Roman.

Ich habe alles gemacht.

Von der ersten Zwiebel bis zum letzten Dillzweig.

— Sei leiser!

Alle schauen dich an.

Setz dich jetzt endlich.

Doch sich hinzusetzen erwies sich als gar nicht so einfach.

Die Gäste begannen, am Tisch Platz zu nehmen.

Der Tisch war auf seine volle Länge ausgezogen, doch das Zimmer blieb trotzdem etwas eng.

Boris Matwejewitsch nahm den Ehrenplatz am Fenster ein.

Seine Frau setzte sich neben ihn und lehnte ihren Stock vorsichtig an die Fensterbank.

Valentin ließ sich auf der anderen Seite nieder.

Arkadi Lwowitsch setzte sich majestätisch ans Kopfende des Tisches, mit dem Rücken zur Kristallvitrine.

Es blieben zwei Stühle übrig.

Einer stand neben Roman, der andere in der entferntesten Ecke, so dicht an die Tür gepresst, dass jeder, der hinein- oder hinausging, den Sitzenden ständig berührt hätte.

Roman ließ sich ohne zu zögern auf den Stuhl neben seinem Vater fallen.

Marina ging zum Tisch.

Es gab nicht genug Plätze.

Genauer gesagt gab es körperlich genug Platz am Tisch, aber im Zimmer standen nur fünf Stühle.

— Oh, sagte Arkadi Lwowitsch und blickte über den Tisch.

— Es sieht so aus, als hätten wir zu wenige Stühle.

Roman, hol einen Hocker aus der Küche.

Roman machte Anstalten aufzustehen, doch sein Vater legte ihm die Hand auf die Schulter.

— Nein, warte.

Wo sollen wir ihn denn hinstellen?

Valentin sitzt ohnehin schon etwas eng, er ist ein kräftiger Mann.

Und Boris Matwejewitsch braucht ebenfalls Platz.

Eine bedrückende Pause entstand.

Alle sahen Marina an, die eine Flasche Mineralwasser in den Händen hielt.

— Und was schlagen Sie vor? fragte Marina.

Der Schwiegervater lächelte.

Es war genau jenes Lächeln, mit dem man normalerweise eine unangenehme Diagnose mitteilt und sie mit gespieltem Mitgefühl verhüllt.

— Marina, du bist doch die Hausherrin, jung und flink.

Für uns ältere Leute ist es hier zu eng.

Und außerdem muss man sich um die Gäste kümmern, etwas bringen und wieder abräumen.

— Und? fragte Marina und drückte die Flasche so fest, dass der Kunststoff kläglich knackte.

— Vielleicht könntest du vorerst in der Küche sitzen?

Dort gibt es doch einen kleinen Tisch, ganz gemütlich.

Du kannst in Ruhe etwas essen, während wir hier den ersten Trinkspruch ausbringen.

Danach bringst du uns Tee, und zum Nachtisch rufen wir dich dazu.

Außerdem kannst du darauf achten, dass das warme Essen nicht kalt wird.

*

Im Zimmer herrschte Schweigen.

Boris Matwejewitsch betrachtete mit übertriebener Aufmerksamkeit seine Fingernägel.

Seine Frau starrte auf ihren Teller.

Valentin tat so, als studiere er das Etikett auf einer Weinflasche.

Marina blickte zu ihrem Mann.

Roman starrte auf seinen leeren Teller und zerbröselte sorgfältig ein Stück Brot darauf.

— Roman? rief sie.

Er hob den Kopf nicht.

— Roman, dein Vater schlägt vor, dass ich Silvester wie eine Dienstmagd in der Küche verbringe.

Möchtest du dazu nichts sagen?

Roman wurde dunkelrot, und sein Hals bedeckte sich mit roten Flecken.

Er warf erst seinem Vater und dann seiner Frau einen unsicheren Blick zu.

— Papa, vielleicht könnten wir ein bisschen zusammenrücken? murmelte er zögernd.

— Es scheint doch genug Platz zu sein.

— Wohin sollen wir rücken, mein Sohn? unterbrach ihn Arkadi Lwowitsch scharf.

— Boris Matwejewitschs Frau hat keinen Platz, um ihre Beine auszustrecken, und ihre Knie tun weh.

Sei nicht egoistisch.

Marina versteht das alles.

Sie ist ein vernünftiges Mädchen ohne übertriebene Ansprüche.

Nicht wahr, Marina?

Du wirst doch nicht allen wegen eines einzigen Stuhls das Fest verderben?

Marina sah ihren Mann an und wartete.

Sie wartete darauf, dass er aufspringen, mit der Hand auf den Tisch schlagen und sagen würde: „Vater, bist du noch ganz bei Trost?

Das ist meine Frau!“

Oder dass er wenigstens selbst aufstehen und ihr seinen Platz überlassen würde.

Doch Roman schwieg.

Er nahm eine Gabel und griff nach dem Salat.

— Marina, es ist wirklich eng hier, sagte er leise.

— Iss vorerst dort, und später überlegen wir uns etwas.

Bitte fang keinen Streit an.

In genau diesem Moment riss etwas in Marina.

Es war, als wäre die letzte Sicherung durchgebrannt, die sie all die Jahre in den Grenzen von Anstand und guter Erziehung gehalten hatte.

— Einen Streit? wiederholte sie ruhig.

— Nein, mein Lieber.

Es wird keinen Streit geben.

Sie stellte die Mineralwasserflasche ganz an den Rand des Tisches.

Marina atmete tief ein.

Ihre Müdigkeit war plötzlich verschwunden.

Sie ging zum Tisch und nahm die große ovale Platte mit Aspik, die sie wenige Minuten zuvor selbst vor Valentin gestellt hatte.

— Entschuldigung, sagte Marina höflich.

— Was machst du da? fragte Valentin und hob verständnislos die Augenbrauen.

Marina drehte sich schweigend um und trug den Aspik in die Küche.

Sie kehrte zurück.

Sie nahm die Salatschüssel mit den Wachteleiern.

— Marina! Arkadi Lwowitschs Stimme schoss eine ganze Oktave höher.

— Was machst du da?

Stell das sofort zurück!

Marina reagierte nicht.

Sie handelte klar und präzise wie ein aufgezogenes Uhrwerk.

Die Salatschüssel verschwand in der Küche.

Danach folgte die Platte mit edlem Käse und Schweinebraten, die sie von ihrer eigenen Quartalsprämie gekauft hatte.

— Roman!

Tu doch etwas!

Sie ist verrückt geworden! kreischte der Schwiegervater.

Roman sprang auf und ließ die Gabel auf den Boden fallen.

— Marina, hör auf!

Willst du uns verspotten?

Hier sitzen Gäste!

*

Marina kehrte für ihre wichtigste Beute zurück.

Sie ging zur Mitte des Tisches, wo die duftende, goldbraune Ente thronte, die sie einen ganzen Tag mariniert und fast vier Stunden gebraten hatte.

Sie nahm die Platte mit sicheren, ruhigen Händen.

— Das ist nicht für euch, sagte sie leise und sah direkt in die vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen ihres Schwiegervaters.

— Das ist für Menschen, die mich für einen Menschen halten.

— Stell die Ente ab! brüllte Arkadi Lwowitsch und erhob sich schwer vom Tisch.

— Das ist mein Haus!

— Das Haus gehört dir, nickte Marina.

— Aber die Lebensmittel gehören mir.

Die Arbeit gehört mir.

Und meine Zeit gehört ebenfalls mir.

Sie trug die Ente in die Küche.

Dort handelte sie mit erschreckender Schnelligkeit.

Sie holte aus dem Schrank die mitgebrachten Behälter, eine Rolle Alufolie und feste Tüten.

Die Ente wurde in drei Schichten Alufolie eingewickelt.

Die Salate wanderten in die Behälter, auch wenn sie dabei ihre schöne Form verloren.

Das war ihr egal.

Die Flasche teuren Cognac, die Roman mitgebracht hatte, und zwei Flaschen Champagner, die Marina selbst gekauft hatte, landeten in einer Kühltasche.

*

Roman erschien in der Küchentür.

Er war leichenblass.

— Bist du völlig verrückt geworden? zischte er.

— Die Leute dort sind schockiert!

Meinem Vater geht es ans Herz!

Bring das Essen sofort zurück auf den Tisch!

Marina zog den Reißverschluss der Tasche zu.

— Wenn du essen willst, koche selbst.

Oder lass deinen Vater kochen.

Seine Hände sind frei.

Er wird sich wohl nichts brechen, wenn er etwas Wurst schneidet.

— Wir lassen uns scheiden! platzte Roman heraus und versuchte, ihr Angst zu machen.

— Wenn du jetzt gehst, reiche ich die Scheidung ein, merk dir das!

Marina blieb stehen.

Sie betrachtete den Mann, mit dem sie drei Jahre zusammengelebt hatte.

Sie sah sein verängstigtes, wütendes und kindlich beleidigtes Gesicht.

— Ausgezeichnete Idee, Roman.

Das ist das beste Festgeschenk, das du mir machen konntest.

Sie drängte sich an ihm vorbei und streifte ihn mit der Schulter.

Im Wohnzimmer herrschte Grabesstille.

Die Gäste saßen vor leeren Tellern, auf denen einsam ein paar Brotstücke und zwei Gurkenscheiben lagen, die Marina nicht mitgenommen hatte.

Der Schwiegervater saß da, schnappte nach Luft und hielt sich mit einer Hand die linke Brustseite.

— Räuberin, keuchte er.

— Du hast mich blamiert.

Vor allen Leuten.

*

Marina blieb in der Mitte des Zimmers stehen und hielt die schweren Taschen mit den Lebensmitteln in den Händen.

Sie ließ den Blick über die verstummte Gesellschaft schweifen.

— Verehrte Gäste, sagte sie laut und deutlich.

— Arkadi Lwowitsch wollte vor Ihnen unbedingt mit seiner Gastfreundschaft angeben.

Leider endete seine Gastfreundschaft genau dort, wo meine Selbstachtung begann.

Sie ging zum Tisch und nahm die Saucière, die sie beim ersten Mal vergessen hatte.

— Guten Appetit mit Ihren leeren Tellern.

Ich denke, Tee können Sie durchaus selbst kochen.

Die Küche ist, wie Sie selbst sagten, Arkadi Lwowitsch, der Dienstbereich.

Genau dort ist also Ihr Platz.

Marina trat aus dem Haus direkt in die frostige Festnacht.

Der Schnee knirschte laut unter ihren Stiefeln.

Die Luft war stechend, sauber und aus irgendeinem Grund unglaublich köstlich.

Die schweren Essensbeutel zogen an ihren Armen, doch in ihrer Seele fühlte sie sich erstaunlich leicht und beinahe schwerelos.

So leicht hatte sie sich schon sehr, sehr lange nicht mehr gefühlt.

*

Sie stellte die Taschen auf eine verschneite Bank vor dem Haus und holte ihr Telefon heraus.

Sie wählte eine Nummer.

— Hallo?

Mama? Marinas Stimme zitterte, aber nicht vor Tränen, sondern vor dem Lachen, das unbedingt herauswollte.

— Marina?

Warum rufst du an?

Ist etwas passiert?

Ihr solltet doch feiern, antwortete ihre Mutter verschlafen und besorgt.

— Mama, die Pläne haben sich geändert.

Ich komme zu euch.

Ist Papa noch wach?

— Wie sollte er schlafen?

Er schaut fern.

Mein Schatz, habt ihr euch mit Roman gestritten?

— Mama, ich habe mich nicht nur mit Roman gestritten.

Ich glaube, ich bin endlich aufgewacht.

Stellt den Wasserkocher an.

Oder noch besser, holt die großen Teller heraus.

Ich bringe eine Ente mit.

Eine riesige, saftige Ente.

Und einen ganzen Berg Salate.

— Mein Gott, woher kommt das alles?

— Von meinem Schwiegervater, lachte Marina und hob den Blick zu den beleuchteten Fenstern im dritten Stock, wo sich vermutlich gerade ein Drama von weltbewegendem Ausmaß abspielte.

— Ich habe meinen Beitrag zu ihrem Familienglück zurückgeholt.

Ich bin in ungefähr zwanzig Minuten da.

*

Ein gelbes Auto rollte leise vor das Haus.

Marina lud die Taschen auf den Rücksitz und setzte sich selbst daneben, wobei sie die warme Tasche mit der Ente umarmte.

— Wohin fahren wir, junge Frau? fragte der Taxifahrer und betrachtete sie im Rückspiegel.

— Ich sehe, Sie haben volle Taschen.

Sind Sie etwa von einer Feier weggelaufen?

— Ich bin nicht weggelaufen, antwortete Marina lächelnd und zog ihren Mantel enger.

— Ich habe das Fest an einen sicheren Ort evakuiert.

Fahren wir.

Das Auto setzte sich sanft in Bewegung und ließ das Haus hinter sich, in dem fünf erwachsene Menschen an einem leeren Tisch saßen und nichts mehr hatten, womit sie ihre innere Leere verdecken konnten.

Marina blickte aus dem Fenster auf die bunten Lichterketten, die in fremden Fenstern vorbeizogen.

Sie wusste genau, dass dieses Fest das köstlichste und freieste ihres ganzen Lebens sein würde.

Und vor allem würde es das ehrlichste sein.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie sich selbst an die erste Stelle gesetzt, und der Himmel war davon nicht eingestürzt.

Im Gegenteil, er war klarer und höher geworden als je zuvor.

Teile es mit deinen Freunden