Schweigend legte ich ein einziges Dokument auf den Tisch.
— Pack deine Sachen und verschwinde aus der Wohnung meines Sohnes!

Raissa Nikolajewna stieß mit der Schuhspitze gegen die große Sporttasche, die verlassen direkt neben der Eingangstür stand.
— Oleg ist schon seit zwei Wochen weg.
Und du führst dich hier immer noch wie die Hausherrin auf.
Dabei hast du hier überhaupt keine Rechte!
Ksenia lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen.
In den Händen hielt sie einen feuchten Putzlappen.
— Guten Abend, Raissa Nikolajewna.
Ziehen Sie bitte Ihre Schuhe aus.
Ich habe gerade erst den Boden gewischt.
— Das fehlt noch!
Die Leibeigenschaft wurde längst abgeschafft, damit ich mich vor dir nicht ausziehen muss!
Demonstrativ trat die Schwiegermutter mit ihren Straßenschuhen direkt in den Flur.
Auf den hellen Fliesen blieb ein schmutziger Abdruck zurück.
Das seidene Tuch um ihren Hals war durch ihren gerechten Zorn verrutscht.
Sie musterte die Garderobe, als wollte sie überprüfen, ob dort nicht fremde Männerjacken hingen.
Oleg hatte seine Sachen tatsächlich vor zwei Wochen gepackt.
Der Grund dafür war ein banaler Chatverlauf auf seinem Handy, den Ksenia an einem freien Morgen zufällig gesehen hatte.
Sie hatte keinen Streit angefangen.
Sie stellte seine Taschen einfach vor die Tür, während er einkaufen war.
Oleg fuhr tief beleidigt zu seiner Mutter.
Offenbar hatte er sich für sie seine eigene Version ausgedacht.
Und zwar eine besonders herzzerreißende.
— Du hast wohl beschlossen, dass du dich auf Kosten anderer ausruhen kannst, nur weil du ein Kind hast?
Raissa Nikolajewna redete ohne Unterbrechung weiter und ging direkt in die Küche.
Wie eine Hausherrin rückte sie einen gewöhnlichen Küchenstuhl zurück und setzte sich.
Ihre Lackhandtasche stellte sie direkt auf die saubere Tischdecke.
— Mein Söhnchen hat sich krummgearbeitet und die Hypothek bezahlt!
Er hat nachts nicht geschlafen!
Und du, du Flittchen, vertreibst ihn aus seinem eigenen Zuhause?
Was fällt dir eigentlich ein!
Ksenia ging langsam zum Spülbecken.
Sie spülte den Lappen unter fließendem Wasser aus, wrang ihn aus und hängte ihn über den Rand.
— Möchten Sie Tee?
Sie stellte die Frage, ohne sich umzudrehen.
— Ich bin nicht hergekommen, um mit dir Tee zu trinken!
Die Schwiegermutter brüllte so laut, dass der Kater auf der Fensterbank zusammenzuckte.
— Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du morgen verschwunden sein sollst.
Und die Schlüssel legst du auf den Tisch.
Oleg will die Schlösser nicht austauschen, weil er Mitleid mit dir hat, du dumme Gans.
Aber ich werde kein Mitleid haben.
Ksenia setzte sich ihr gegenüber.
Das war auch verständlich.
Vor fünf Jahren, kurz nachdem sie geheiratet hatten, hatten Ksenias Eltern ihr großes Wochenendhaus am Stadtrand verkauft.
Das Geld hatten sie ihrer einzigen Tochter gegeben.
Ksenia hatte ihre eigenen Ersparnisse hinzugefügt und genau diese Wohnung gekauft.
Ganz ohne Hypothek und Kredite.
Oleg hatte damals gerade erst eine neue Stelle als Manager angetreten.
Doch ihr Mann fühlte sich unwohl dabei.
Er druckste lange herum und bat sie schließlich, seiner Mutter nicht die Wahrheit zu erzählen.
Sie würde ihn sonst auslachen, weil er als mittelloser Ehemann in eine fertige Wohnung eingezogen sei.
Sie würde sagen, er sei kein richtiger Mann.
Ksenia hatte damals nur mit den Schultern gezuckt und zugestimmt.
Es war ihr egal, was die Familie ihres Mannes darüber dachte.
Es war eines dieser ewigen weiblichen Zugeständnisse, die sich nun rächten.
— Wie stellen Sie sich das eigentlich vor?
Ksenia starrte ihre Schwiegermutter an.
— Mein Sohn schläft im Nebenzimmer.
Wohin soll ich Ihrer Meinung nach mitten in der Nacht ziehen?
— Das ist nicht mein Problem!
Meinetwegen kannst du unter einer Brücke schlafen!
Raissa Nikolajewna hob hochmütig das Kinn.
— Du warst drei Jahre in Elternzeit!
Oleg hat sich damals fast zu Tode gearbeitet.
Alles fürs Haus, alles für die Familie.
Er hat drei Jobs gleichzeitig gemacht, damit ihr nicht verhungert.
Er hat diese ganze Renovierung bezahlt!
Und so hast du es ihm gedankt!
Die Schwiegermutter zeigte mit einer ausladenden Handbewegung auf die Küche und deutete auf die neue Einbauküche.
— Dem Mann sind einfach die Nerven durchgegangen.
Er hat mit seinen Freunden etwas zu viel getrunken, und sie setzt ihn gleich vor die Tür!
Ein erwachsener Mann, und nun muss er bei Freunden herumziehen!
— Er hat zu viel getrunken?
Ksenia lachte kurz auf.
— Das hat er Ihnen erzählt?
— Was denn sonst?
Eine normale Frau bringt ihren Mann ins Bett, statt seine Sachen zu packen.
Ksenia stand auf, ging in den Flur und kam mit einem kleinen Karton zurück.
Darin klapperten Schraubenzieher, Zangen und eine Rolle blaues Isolierband.
Sie stellte den Karton neben der Tür auf den Boden.
— Ich habe Sie verstanden, Raissa Nikolajewna.
Aber ich werde meine Sachen nicht packen.
— Und warum nicht?
Die Schwiegermutter kniff die Augen zusammen und durchbohrte ihre Schwiegertochter mit ihrem Blick.
— Wartest du darauf, dass ich mit der Polizei komme und dich rauswerfen lasse?
— Ich warte darauf, dass Sie den Rest seines Krams mitnehmen.
Im Vorraum liegen auch noch seine Winterreifen.
Oleg hat sie vergessen.
Raissa Nikolajewna schlug mit der Handfläche auf den Tisch.
Die Tassen im Abtropfgestell klirrten kläglich.
— Versuch nicht, mich abzulenken!
Die Wohnung gehört meinem Sohn!
Er hat sein hart verdientes Geld dafür bezahlt!
Ich habe selbst gesehen, wie er in der Bank Überweisungen gemacht hat!
Jeden Monat hat er eine hübsche Summe eingezahlt!
Ksenia rieb sich müde die Schläfen.
Sie wollte keinen Streit.
Eigentlich hatte sie geplant, diesen Abend in Ruhe zu verbringen.
Doch das Ein-Frau-Theater in ihrer Küche zog sich in die Länge.
— Raissa Nikolajewna.
Es gab keine Hypothek.
— Du lügst!
Die Schwiegermutter wischte den Einwand mit einer Handbewegung beiseite.
— Mein Sohn würde mich nicht anlügen!
Er hat mir die Quittungen gezeigt!
Ich hatte den Kreditvertrag selbst in den Händen!
Ksenia begriff, dass Oleg offenbar Geld für irgendeinen Konsumentenkredit überwiesen oder einfach Beträge zwischen seinen eigenen Konten verschoben und seiner Mutter erzählt hatte, es handle sich um Hypothekenzahlungen.
Das Ausmaß seiner Lügen war beeindruckend.
Es war offenbar bequemer gewesen, dauerhaft die Rolle des erfolgreichen Sohnes zu spielen, als die Wahrheit zuzugeben.
— Gut.
Ksenia holte ihr Handy aus der Tasche ihrer Haushose und legte es mit dem Display nach oben auf den Tisch.
— Rufen Sie an.
— Wen?
Raissa Nikolajewna war für einen Moment verwirrt.
— Den Eigentümer.
Ihren Sohn.
Rufen Sie ihn sofort an.
Und dann klären wir diese Sache ein für alle Mal.
— Das werde ich!
Raissa Nikolajewna öffnete hastig ihre Lackhandtasche.
Sie zog ein Smartphone in einer massiven roten Hülle heraus.
— Ich rufe ihn sofort an, und dann kommt er her und wirft dich hinaus!
Dann werden wir sehen, was du sagst, du eingebildete Ziege!
Sie tippte lange mit dem Finger auf das Display, bis ein langes Freizeichen ertönte.
— Stellen Sie bitte den Lautsprecher an.
Ksenia hob beschwichtigend die Hände.
Die Schwiegermutter drückte herausfordernd auf das Lautsprechersymbol.
— Hallo, Mama?
Olegs Stimme erklang aus dem Lautsprecher.
Im Hintergrund lief Musik, und man hörte das Murmeln fremder Stimmen.
Das war eindeutig keine Arbeitsumgebung für einen Mann, der laut der Version seiner Mutter unter gebrochenem Herzen litt.
— Olegchen, mein Sohn!
Ich sitze hier bei deiner Frau!
Raissa Nikolajewna begann laut durch die ganze Küche zu jammern.
— Sie weigert sich zu gehen!
Sie sagt, sie zieht nirgendwohin!
Sag ihr sofort, sie soll die Schlüssel auf den Tisch legen!
Ich werde nicht zulassen, dass sie dich ausnutzt!
Am anderen Ende herrschte eine schwere Pause.
Die Musik im Hintergrund wurde leiser.
Offenbar war Oleg nach draußen gegangen.
— Mama, wo bist du?
Die Stimme ihres Mannes wurde merklich schwächer.
— In deiner Wohnung, wo sonst!
Ich bin gekommen, um hier Ordnung zu schaffen.
Sie führt sich hier auf fremdem Eigentum wie eine Hausherrin auf!
Sie sitzt einfach hier und trinkt Tee!
Ksenia rückte näher an das Telefon heran.
— Hallo, Oleg.
Deine Mutter verlangt von mir, dass ich die Wohnung räume.
Sie behauptet, du hättest hier fünf Jahre lang die Hypothek bezahlt.
Und die Renovierung hättest du ebenfalls selbst gemacht.
Aus dem Lautsprecher war zu hören, wie jemand laut schluckte.
— Mama, warum bist du überhaupt dorthin gegangen?
Oleg geriet ins Stocken.
— Ich habe dich doch gebeten, dich nicht einzumischen.
Wir klären das selbst.
— Wie soll ich mich da nicht einmischen?
Raissa Nikolajewna war empört.
— Du wohnst bei mir, während sie es sich in deiner Wohnung gut gehen lässt?
Sag ihr, wem diese Wohnung gehört!
Sie soll ihre Sachen packen!
Wieder entstand eine Pause.
Eine sehr lange.
Ksenia beobachtete, wie sich die Gefühle im Gesicht ihrer Schwiegermutter veränderten.
Vom gerechten Triumph bis zu den ersten Anzeichen von Unruhe.
Raissa Nikolajewnas Blick begann nervös durch den Raum zu wandern.
— Oleg.
Ksenia sprach ausdruckslos und distanziert.
— Erkläre Raissa Nikolajewna, mit wessen Geld diese Wohnung gekauft wurde.
Und auf wen sie eingetragen ist.
Sonst sitzen wir noch bis morgen früh hier.
— Ksjuscha, bitte nicht.
Olegs Stimme jammerte aus dem Telefon.
— Mama, geh nach Hause, ja?
Ich komme morgen vorbei, und dann besprechen wir alles.
— Nein, Olegchen!
Die Schwiegermutter umklammerte das Telefon mit beiden Händen.
— Sag es!
Du hast doch bezahlt!
Du hast die Renovierung gemacht!
Ich habe doch die Quittungen gesehen!
— Mama.
Oleg schwieg und suchte nach den richtigen Worten.
— Die Wohnung gehört ihr.
Raissa Nikolajewna erstarrte.
Die Hand mit dem Telefon sank langsam auf den Tisch.
— Wie kann sie ihr gehören?
Du hast mir doch die Unterlagen gezeigt.
Du hast gesagt, der Kredit laufe auf deinen Namen.
— Ich habe dir überhaupt nichts gezeigt!
Der Sohn fuhr sie an und ging sofort in die Verteidigung über.
— Ihre Eltern haben ihr Wochenendhaus verkauft.
Die Wohnung wurde vor unserer Ehe gekauft.
Mama, geh nach Hause und hör auf, dich zu blamieren!
Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein!
— Und was war dann mit der Hypothek?
Die Stimme der Schwiegermutter hatte plötzlich ihre ganze Donnerkraft verloren.
Sie klang dünn und alt.
— Ich habe das Auto auf Kredit gekauft, Mama!
Ich bin beschäftigt, also bis dann!
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Die kurzen Signaltöne hallten durch die stille Küche.
Ksenia nahm ihr Handy vom Tisch und steckte es wieder in die Tasche.
Sie empfand weder Siegesfreude noch Schadenfreude.
Nur eine dumpfe, klebrige Müdigkeit darüber, in welchem absurden Theater sie die letzten fünf Jahre gelebt hatte.
Raissa Nikolajewna saß da und starrte auf die leere Tischplatte.
Ihr Gesicht hatte eine erdige Farbe angenommen.
Das Bild ihrer Welt, in der ihr Sohn ein erfolgreicher Ernährer und Hausherr war, war soeben in tausend Stücke zerbrochen.
Statt eines Hausherrn hatte sich ein gewöhnlicher Aufschneider entpuppt, der selbst nur geduldet in der Wohnung lebte und seiner Mutter Sand in die Augen gestreut hatte.
— Was das angebliche Zu-viel-Trinken angeht.
Ksenia durchbrach das Schweigen.
— Ich habe ihn nicht wegen Alkohol hinausgeworfen.
Ihr Sohn hat eine leidenschaftliche Affäre mit einer Kollegin.
Schon seit einem halben Jahr.
Sie können ihn selbst danach fragen, wenn Sie nach Hause kommen.
Die Schwiegermutter antwortete nicht.
Kein einziges Wort zu seiner Verteidigung.
Langsam stand sie auf.
Von ihrem hochmütigen Blick und dem erhobenen Kinn war nichts mehr übrig.
Die Frau nahm nur ihre Handtasche und vergaß dabei, den glänzenden Verschluss zu schließen.
Ksenia begleitete sie bis in den Flur.
An der Tür blieb Raissa Nikolajewna stehen.
Sie blickte auf die schmutzigen Spuren, die ihre Straßenschuhe auf dem frisch gewischten Boden hinterlassen hatten.
Dann sah sie zu der riesigen Sporttasche ihres Sohnes.
— Nehmen Sie die Tasche mit.
Ksenia bat sie ganz ruhig darum.
— Und den Karton mit den Werkzeugen.
Ich stolpere seit zwei Wochen darüber.
Die Reifen aus dem Vorraum gebe ich morgen dem Hausmeister, wenn Oleg sie nicht abholt.
Raissa Nikolajewna antwortete nicht.
Mit einer Hand packte sie die kaum tragbare Tasche, mit der anderen den Karton, und zog beides mühsam ins Treppenhaus.
Die Tür schloss sich.
Ein paar Tage später rief Ksenia einen Handwerker und ließ einfach die Schließzylinder austauschen.
Von Oleg kam nur eine kurze Nachricht mit der Bitte, seine übrigen Hemden in eine Tüte zu packen.
Danach erschien niemand mehr vor ihrer Tür und stellte irgendwelche Forderungen.
Und Raissa Nikolajewna musste ihren Zorn durch Nachsicht ersetzen.
Nun lebte ihr erwachsener Sohn wieder bei ihr, und sie musste für ihn waschen, kochen und putzen, während sie sich seine Beschwerden über das ungerechte Leben anhörte.







