Hast du das Bankett eigentlich schon bezahlt? — fragte ihr Mann ruhig, ohne eine Antwort seiner Frau zu erwarten.
Alisa stand am Küchentisch und betrachtete die Gästeliste.

Achtundzwanzig Personen.
Das Restaurant „Prag“, ein Bankettsaal im zweiten Stock, weiße Tischdecken, frische Blumen und ein Menü für neuntausend Rubel pro Person.
Sie hatte jeden einzelnen Posten selbst ausgewählt, war selbst zur Verkostung gefahren, hatte selbst die Kosten kalkuliert und die Anzahlung geleistet.
Bis zum Bankett waren es noch vier Tage.
Die Hochzeit lag acht Jahre zurück, und Alisa wollte den Hochzeitstag so feiern, dass sie wenigstens einmal im Leben das Gefühl hatte, ihre Familie sei wirklich eine Familie und kein Schlachtfeld, auf dem jeder um sein eigenes Stück kämpfte.
Sie wollte gerade den Administrator anrufen, um die Sitzordnung zu klären, als Oleg die Küche betrat.
Ihr Mann trug ein T-Shirt für zu Hause und hielt sein Handy in der Hand, ohne seine Frau auch nur anzusehen.
Er setzte sich einfach auf einen Hocker, schlug die Beine übereinander und sagte beiläufig, als würde er den Wetterbericht verkünden:
— Ich habe deine Mutter von der Gästeliste gestrichen.
Hast du das Bankett schon bezahlt?
Alisa erstarrte.
Der Kugelschreiber glitt ihr aus den Fingern, rollte über den Tisch, stieß gegen die Kante und fiel zu Boden.
In der Küche herrschte plötzlich Stille.
Oleg hob den Blick, sah ihr Gesicht und fügte leicht gereizt hinzu, als würde sie ihn unnötig aufhalten:
— Warum stehst du da wie angewurzelt?
Ich frage dich, hast du bezahlt oder nicht?
Du hättest früher sagen sollen, wie viele Leute es genau werden, dann hätte ich die Liste gleich geändert.
Jetzt ruf an und ändere es.
— Was heißt, du hast sie gestrichen? — Alisas Stimme klang fremd und leise, als würde langsam die Luft aus ihr entweichen.
— Wie gestrichen?
Wohin gestrichen?
— Von der Liste, — sagte Oleg in einem Ton, als würde er einem Kind etwas Selbstverständliches erklären.
— Wozu soll sie denn dort sein?
Es gibt nicht genug Plätze.
Onkel Kolja kommt mit seiner Frau aus Woronesch, du weißt doch, dass er meiner Mutter bei der Renovierung der Wohnung geholfen hat.
Und deine Mutter ruiniert das ganze Bild, sie läuft doch immer in irgendwelchen altmodischen Strickjacken herum.
Außerdem soll sie sowieso nicht so viel essen, sie hat doch Cholesterinprobleme.
Also fang jetzt nicht an.
Ich habe Kopfschmerzen.
Er vertiefte sich wieder in sein Handy.
Alisa stand regungslos da.
Mama.
Der einzige Mensch, der sie nach dem Tod ihres Vaters großgezogen hatte.
Die Frau, die auf neue Schuhe verzichtet hatte, damit ihre Tochter ein schönes Kleid für den Schulabschluss bekam.
Die jeden Samstag mit Einmachgläsern und selbst gebackenen Kuchen zu ihnen kam, die Spötteleien der Schwiegermutter schweigend ertrug und sich kein einziges Mal beklagte.
Und nun hatte man diese Frau von der Liste gestrichen wie irgendeine zufällige Mitreisende.
Alisa hob langsam den Kugelschreiber auf.
Sie sah auf ihr Handy und dann zu ihrem Mann.
— Du hast recht, Oleg, — sagte sie, und ihre Stimme klang ruhig, fast zu ruhig.
— Es gibt zu wenige Plätze.
Und ich glaube, ich weiß, wen wir streichen können, damit alle hineinpassen.
Oleg schnaubte, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.
— Na also, dann sind wir uns ja einig.
Aber ruf meine Mutter nicht an, sie ist wegen des letzten Mals noch sauer auf dich.
Bedank dich später lieber selbst bei ihr dafür, dass sie dir beigebracht hat, wie man Gäste richtig einlädt.
Alisa antwortete nicht.
Sie öffnete ihre Banking-App.
Auf dem Bildschirm erschien der Betrag der letzten Überweisung.
Sie sperrte das Handy, steckte es in die Tasche und verließ die Küche.
Am nächsten Tag fuhr Alisa zu ihrer Schwiegermutter.
Tamara Petrowna lebte in einer Dreizimmerwohnung in einem alten Haus, allerdings mit einer teuren Renovierung, die mit dem Geld ihres Sohnes bezahlt worden war.
Genauer gesagt mit Alisas Geld, denn Oleg hatte seit drei Jahren keine feste Arbeit und nannte das „sich selbst finden“.
In der Wohnung roch es nach Kohlpasteten und billigem Haarspray.
Im großen Zimmer hatte sich bereits ein regelrechter Kriegsrat versammelt.
Tamara Petrowna saß in einem Sessel mit hoher Rückenlehne wie eine Königin vor ihren Untertanen.
Neben ihr saßen auf dem Sofa Olegs Schwester Lena und ihr Mann.
Oleg stand mit vor der Brust verschränkten Armen am Fenster und blickte seine Frau mit leicht überheblicher Miene an.
So, als wollte er sagen: Schau, meine Liebe, so zeigt man älteren Menschen Respekt.
Tamara Petrowna bot Alisa nicht einmal Tee an.
Sie kam sofort zur Sache.
— Na, bist du endlich zur Vernunft gekommen? — fragte sie und presste die Lippen zusammen.
— Ich habe Oleg gestern alles erklärt.
Onkel Kolja ist heilig.
Er hat uns in Woronesch für fast nichts die Decken gemacht.
Wenn er beleidigt ist, werden wir diesen Makel nie los.
Und deine Mutter, entschuldige natürlich, aber die siehst du doch sowieso jeden Tag.
Was soll sie in einem Restaurant?
Sie wird dort doch völlig verloren sein, sie kennt sich nicht einmal mit dem Besteck aus und weiß nicht, welche Gabel man nimmt.
Das gibt nur Stress.
Lena verzog die Lippen und nahm einen Schluck aus der Tasse, die sie mit beiden Händen hielt.
— Alisa, du musst verstehen, — sagte sie im Ton einer älteren Schwester, obwohl sie vier Jahre jünger war.
— Freunde von Serjoscha und mir kommen auch, und wir brauchen einen eigenen Tisch.
Wir wollen, dass alles schön aussieht.
Und deine Mutter … nun ja, sie passt einfach nicht ins Konzept.
Sie wird dort sitzen wie in einem Museum und alle verunsichern.
Ich finde überhaupt, bei Familienfeiern sollten nur Leute sein, die wissen, wie man sich benimmt.
Serjoscha, Lenas Mann, nickte, ohne den Blick von seinem Handy zu heben.
Oleg räusperte sich und sah Alisa an.
Sein Gesichtsausdruck wirkte, als erwarte er, dass seine Frau jeden Moment auf die Knie fallen und sich für die wertvollen Ratschläge bedanken würde.
Alisa ging zum Tisch und legte die mitgebrachte Mappe darauf.
Sie öffnete sie.
Darin lagen der ausgedruckte Sitzplan und dieselbe Liste mit achtundzwanzig Namen.
Sie nahm den Kugelschreiber, den sie absichtlich von zu Hause mitgebracht hatte, und zog die Kappe ab.
— Eine ausgezeichnete Idee, Mama, — sagte sie und sah ihrer Schwiegermutter direkt in die Augen.
— Beim Bankett sollten wirklich nur diejenigen sein, die wissen, wie man sich benimmt.
Sie haben vollkommen recht.
Tamara Petrowna richtete sich stolz auf.
Auf ihrem Gesicht erschien das Lächeln einer Siegerin.
Lena schnaubte mit dem Ausdruck eines Menschen, der gerade eine Diskussion gewonnen hatte.
Oleg wechselte einen Blick mit seiner Mutter und zwinkerte ihr zu.
Alisa zog langsam mit dem Kugelschreiber über das Papier.
Eine saubere waagerechte Linie strich Tamara Petrownas Namen durch.
Dann folgte eine weitere Linie durch Lenas Namen.
Dann durch Serjoschas.
Der Kugelschreiber bewegte sich fast lautlos, nur das leise Kratzen auf dem Papier war zu hören.
Im Zimmer wurde es still.
Man hörte, wie in der Küche Wasser aus dem Hahn tropfte.
— Was machst du da? — Olegs Stimme klang heiser.
— Ich korrigiere die Liste, — antwortete Alisa, ohne sich umzudrehen.
— Genau so, wie ihr es verlangt habt.
Ich streiche diejenigen, die nicht wissen, wie man sich benimmt.
Tamara Petrowna erhob sich halb aus ihrem Sessel.
Ihr Gesicht wurde fleckig.
— Du … was erlaubst du dir eigentlich? — zischte sie.
— Mein Sohn hat dich doch überhaupt erst durchgefüttert!
Wer bist du überhaupt?
Du bist in diese Familie gekommen, ohne irgendetwas zu besitzen!
— Oleg arbeitet seit drei Jahren nicht, — sagte Alisa ruhig und schloss die Mappe.
— Das Bankett bezahle ich.
Der Vertrag mit dem Restaurant läuft auf meinen Namen.
Der Vertrag ist bei mir.
Wenn ich anrufe und sage, dass weniger Gäste kommen, bekomme ich die Differenz abzüglich der Stornogebühr zurück.
Ihr werdet zu diesem Bankett nicht kommen.
Sie drehte sich zu Oleg um.
Er stand mit offenem Mund da.
— Und du, Oleg, kannst kommen, wenn du willst.
Aber nur, wenn du dich für gestern entschuldigst.
Und für alles andere.
— Fahr zur Hölle! — kreischte Lena.
— Mama, sag doch was!
Das ist doch eine Unverschämtheit!
Sie schmeißt uns aus unserer eigenen Feier!
Tamara Petrowna machte einen Schritt auf Alisa zu und ballte die Fäuste.
Ihre Augen funkelten vor Wut.
— Du bist eine Schmarotzerin! — schrie sie.
— Dein ganzes Leben hast du auf Olegs Kosten gelebt!
Und jetzt spielst du dich hier auf!
Ohne ihn würdest du unter einer Brücke sitzen!
Alisa sah ihre Schwiegermutter an.
Dann richtete sie ihren Blick auf ihren Mann.
— Oleg, sag deiner Mutter die Wahrheit, — sagte sie leise.
— Oder ich sage sie.
Oleg erstarrte.
In seinen Augen flackerte Angst auf.
Er wusste genau, wovon seine Frau sprach.
Alisa wartete fünf Sekunden.
Oleg schwieg.
— Gut, — Alisa atmete aus.
— Dann sage ich es selbst.
Tamara Petrowna, Ihr Sohn hat seit vierunddreißig Monaten keinen einzigen Rubel zum Familienbudget beigetragen.
Ich habe unsere Wohnung gekauft.
Ich habe die Renovierung Ihrer Wohnung bezahlt.
Ich habe das Auto gekauft, mit dem Oleg jetzt herumfährt.
Und auch dieses Bankett bezahle ich.
Wenn hier also jemand auf jemandes Kosten lebt, dann lebt Ihr Sohn auf meine Kosten.
Und Sie gleich mit ihm.
Lena schnappte nach Luft und griff sich an die Brust.
Tamara Petrowna schwankte, blieb aber stehen.
— Du lügst! — schrie sie.
— Mein Olegschenka ist ein Goldjunge!
Er hat uns immer versorgt!
— Fragen Sie ihn, — sagte Alisa und nickte in Richtung ihres Mannes.
Oleg wurde blass.
Er öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus.
Das war besser als jedes Geständnis.
Alisa nahm die Mappe und ging Richtung Ausgang.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
— Das Bankett ist am Samstag.
Im Restaurant „Prag“.
Um sechs Uhr abends.
Wenn ihr wollt, könnt ihr zur Erkundung kommen.
Aber hineinlassen wird man euch nicht, ich werde der Security eure Fotos geben.
Sie ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.
Hinter ihr brach Geschrei aus, doch Alisa hörte bereits nicht mehr hin.
Oleg kam zwei Stunden später nach Hause.
Er trat ein, ohne zu klopfen, obwohl Alisa die Tür abgeschlossen hatte, denn er besaß seine eigenen Schlüssel.
Sein Gesicht war vor Wut verzerrt.
Er warf den Schlüsselbund auf die Kommode und ging ins Wohnzimmer.
— Was hast du da veranstaltet? — schrie er schon von der Tür aus.
— Warum hast du meine Mutter gestrichen?
Bist du völlig krank?
Alisa saß mit ihrem Laptop auf dem Sofa.
Auf dem Bildschirm war der Vertrag mit dem Restaurant geöffnet.
Sie hob den Kopf.
— Ich habe deine Mutter gestrichen, weil sie meine Mutter gestrichen hat.
Ist das nicht gerecht?
— Das ist etwas anderes! — Oleg warf die Hände in die Luft.
— Deine Mutter ist doch eine einfache Frau!
Sie gehört nicht in anständige Gesellschaft!
Aber meine Mama ist meine Mama!
Sie hat mich geboren!
Sie hat ihr ganzes Leben für uns geopfert!
— Meine Mutter hat mich ebenfalls geboren.
Und ebenfalls ihr ganzes Leben geopfert.
Nur hat sie sich nie in unser Leben eingemischt, dich nie beleidigt und nie verlangt, dass ich dich verlasse.
Obwohl sie jedes Recht dazu gehabt hätte.
Oleg erstarrte.
Mit einer solchen Wendung hatte er offensichtlich nicht gerechnet.
Dann verzog sich sein Gesicht erneut.
— Du darfst nicht so über meine Familie reden!
— Und du darfst meine Familie nicht anfassen, — entgegnete Alisa scharf.
— Das war’s, Oleg.
Das Gespräch ist beendet.
Wenn du willst, kannst du bleiben.
Aber das Bankett findet ohne deine Verwandten statt.
Oleg trat näher.
Seine Stimme wurde plötzlich schmeichelnd.
— Alisotschka, was soll das denn?
Du willst doch keinen Skandal.
Mama macht sich Sorgen.
Sie hat wegen der Nerven schon ihren Blutdruck gemessen.
Lenka weint.
Du willst doch nicht, dass unser Fest ruiniert wird?
Alisa lehnte sich auf dem Sofa zurück.
— Oleg, interessiert dich überhaupt, was ich will?
— Natürlich, — er setzte sich neben sie und versuchte, ihre Hand zu nehmen.
— Ich liebe dich doch.
Versteh einfach, Mama ist ein älterer Mensch.
Sie braucht Respekt.
— Meine Mutter ist ebenfalls ein älterer Mensch.
Und sie braucht, dass man sie nicht wie irgendeine ungebildete Verwandte von einer Gästeliste streicht.
Oleg seufzte, als würde er mit einem begriffsstutzigen Kind sprechen.
— Deine Mama wird doch nicht beleidigt sein.
Sie liebt dich schließlich.
Aber meine Mama …
— Deine Mutter, — unterbrach Alisa ihn, — hat meine Mutter drei Jahre lang „Bauerntrampel“, „Küchenweib“ und „Tollpatsch“ genannt.
Und du hast kein einziges Mal etwas gesagt.
Du standest einfach daneben und hast gelächelt.
Aber jetzt ist Schluss, Oleg.
Die Regeln haben sich geändert.
Sie öffnete den Laptop und zeigte ihm den Bildschirm.
— Heute Morgen habe ich die Scheidung eingereicht.
Elektronisch.
Über das staatliche Dienstleistungsportal.
Innerhalb von drei Tagen bekommst du eine Benachrichtigung.
Sie geht an deine Meldeadresse, also verlier sie nicht.
Oleg wurde blass.
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.
— Meinst du das ernst?
— Absolut.
— Das darfst du nicht!
Ich werde nicht zustimmen!
— Deine Zustimmung ist nicht nötig.
Eine Ehe kann auf Antrag eines Ehepartners geschieden werden.
Du kannst den Prozess verzögern, aber das schiebt das Unvermeidliche nur hinaus.
Er sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu laufen.
Er fasste sich an den Kopf.
— Du bist verrückt geworden!
Du zerstörst alles!
Und was ist mit der Wohnung?
Was ist mit …
— Die Wohnung wurde vor der Ehe gekauft, — antwortete Alisa ruhig.
— Sie gehört mir.
Das Auto läuft auf meinen Namen.
Das Ferienhaus läuft auf meinen Namen.
Dir, Oleg, bleibt nur dein Koffer.
Er blieb stehen.
In seinen Augen erschien nackte Angst.
— Das wagst du nicht.
— Ich habe es schon gewagt.
Alisa stand auf, ging ins Schlafzimmer und holte einen alten, abgewetzten Koffer aus dem Schrank.
Sie stellte ihn mitten ins Wohnzimmer.
— Ich bin kein böser Mensch.
Ich gebe dir Zeit zum Packen.
Aber wohnen wirst du hier nicht mehr.
Deine Mutter hat immer davon geträumt, dass ihr Sohn wieder nach Hause kommt.
Dann soll sie es jetzt genießen.
Oleg starrte auf den Koffer, als wäre er eine Bombe.
— Du wirfst mich raus?
Einen Mann?
Mitten in der Nacht?
— Es ist sieben Uhr abends, Oleg.
Übertreib nicht.
Sie ging zur Tür und öffnete sie.
— Geh.
Und während du noch hier bist, denk darüber nach, wer von uns beiden die ganze Zeit überflüssig war.
Oleg schnappte sich seine Jacke und ging zum Ausgang, drehte sich an der Schwelle jedoch noch einmal um.
Sein Gesicht war vor Bosheit verzerrt.
— Du wirst es noch bereuen!
Mama wird schon einen Weg finden!
Wir werden dich ruinieren!
— Viel Glück bei der Jobsuche, — lächelte Alisa.
Sie schloss die Tür und drehte den Schlüssel um.
Dann lehnte sie sich an den Türrahmen und schloss die Augen.
Ein schwerer, zitternder Atemzug entfuhr ihr.
—
Die nächsten beiden Tage ähnelten einer militärischen Operation.
Alisa telefonierte mit dem Administrator des Restaurants, stimmte die neue Sitzordnung ab, bat darum, das Bankettmenü durch ein raffinierteres zu ersetzen und überflüssige Gerichte zu streichen, die nur wegen des Appetits ihres Schwiegervaters und Onkel Koljas bestellt worden waren.
Die Summe wurde kleiner, dafür stieg die Qualität.
Am Donnerstagabend klingelte es an der Tür.
Alisa sah durch den Türspion und grinste.
Auf dem Treppenabsatz standen Tamara Petrowna und Lena.
Lena hielt eine Schachtel von einer teuren Torte in den Händen.
Die Schwiegermutter richtete ihre Frisur und drückte erneut auf die Klingel.
Alisa öffnete die Tür, bat sie aber nicht herein.
— Ich höre.
Tamara Petrowna versuchte, sich an ihr vorbeizudrängen, doch Alisa hielt den Arm vor.
— Ohne Einladung kommt niemand hinein.
— Was führst du auf, du Miststück! — zischte die Schwiegermutter.
— Du hast Oleg aus dem Haus geworfen!
Der Junge hat keinen Platz zum Übernachten!
Er will jetzt nach Woronesch zu Onkel Kolja fahren!
— Na, umso besser, — antwortete Alisa ruhig.
— Onkel Kolja kann ihm dann die Decke machen.
Lena griff ihre Mutter am Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Tamara Petrowna winkte ab.
— Ich habe dich durchschaut, — sagte sie laut und zeigte mit dem Finger auf Alisa.
— Du hast das alles absichtlich eingefädelt!
Du wolltest die Familie bloßstellen!
Uns vor der ganzen Stadt wie Bettler aussehen lassen!
— Ich stelle niemanden bloß.
Ich spare lediglich Geld.
Ihr habt euch doch selbst darüber beschwert, dass überflüssige Leute im Restaurant nichts zu suchen haben.
Lena zog ihr Handy heraus und richtete es auf Alisa.
— Ich filme alles!
Ich werde Mama das alles für das Gericht geben!
Du wirst uns Schmerzensgeld zahlen!
Du hast unsere Familie zerstört!
Alisa sah in die Kamera und lächelte.
— Film nur.
Ich brauche sowieso Beweise für eure Aggression.
Drinnen, auf einem Regal neben dem Spiegel, stand eine Smart-Kamera, die auf den Flur gerichtet war.
Alisa nickte in ihre Richtung.
— Der Blickwinkel beträgt hundertzwanzig Grad.
Alles, was ihr sagt, wird in der Cloud gespeichert.
Eure Drohungen sind also bereits aufgezeichnet.
Tamara Petrowna erstarrte.
Dann sah sie zur Kamera.
Ihr Gesicht wurde dunkelrot und fleckig.
— Du Miststück …
Sie stürmte nach vorn, stieß Alisas Arm zur Seite und drängte sich in den Flur.
Lena rannte kreischend hinter ihr her.
Im selben Augenblick standen beide drinnen und warfen dabei den Schuhständer um.
— Ruf die Polizei! — schrie Lena und fuchtelte mit dem Handy herum.
— Ich will, dass alle erfahren, wie du mit deinem Mann umgehst!
Alisa versuchte nicht, sie aufzuhalten.
Sie wich ins Wohnzimmer zurück und nahm ihr Handy vom Regal.
— Ihr seid ohne Einladung in meiner Wohnung.
Ich habe das Recht, Gewalt anzuwenden und die Polizei zu rufen.
Und genau das tue ich jetzt.
Sie wählte 112.
— Hallo, guten Tag.
Zwei Frauen sind gewaltsam in meine Wohnung eingedrungen.
Sie verhalten sich aggressiv.
Ja, sie drohen mir.
Ja, ich zeichne alles auf Video auf.
Adresse: Nowaja-Straße 14, Wohnung 67.
Ja, ich warte.
Tamara Petrowna wurde blass.
— Du hast wirklich angerufen?
— Wirklich.
Lena packte ihre Mutter am Ärmel.
— Mama, wir gehen!
Sie ist verrückt!
Sie lässt uns noch verhaften!
Doch Tamara Petrowna konnte nicht gehen, ohne das letzte Wort zu haben.
Sie stürmte auf ein gläsernes Regal zu und griff nach der Vase, die dort stand.
Eine wunderschöne Vase aus Muranoglas, mit einem sanften Farbverlauf von Blau zu Grün.
Ein Geschenk von Alisas Mutter zur Einweihung.
— Da hast du! — schrie die Schwiegermutter und schleuderte die Vase auf den Boden.
Das Glas zersprang in tausend Stücke.
Blaue und türkisfarbene Splitter klirrten über das Parkett.
Lena schnappte nach Luft und sprang zurück.
Alisa senkte ihr Handy.
Sie sah auf die Scherben.
Dann auf ihre Schwiegermutter.
— Diese Vase hat dreihundertfünfzigtausend Rubel gekostet, — sagte sie leise.
— Ich habe die Quittung.
Sie haben gerade eine Straftat begangen.
Wenn Sie nicht sofort gehen, erstatte ich Anzeige wegen Sachbeschädigung.
Und das fällt unter einen Strafrechtsartikel.
Artikel 184.
Tamara Petrowna presste die Hände an die Brust.
— Du lügst!
Das ist doch nur billiges Glas!
— Die Quittung.
Habe.
Ich.
Das werden wir dann vor Gericht überprüfen.
Lena wurde blass.
— Mama, komm!
Sie ist verrückt! — sagte sie und zog ihre Mutter Richtung Ausgang.
An der Tür drehte Tamara Petrowna sich um.
— Ich lasse das nicht auf mir sitzen!
Wir werden dich ruinieren!
— Schließen Sie die Tür, — antwortete Alisa.
Eine Minute später war es in der Wohnung wieder still.
Alisa stand über den Scherben und sah sie an.
Dann ging sie in die Hocke und hob vorsichtig das größte Stück auf.
Das Licht des Kronleuchters spiegelte sich darin.
Mama hatte ihr diese Vase an dem Tag geschenkt, als Alisa zum ersten Mal in ihre eigene Wohnung gezogen war.
An diesem Tag hatte ihre Mutter vor Glück geweint.
Und jetzt lagen die Scherben auf dem Boden wie eine Erinnerung daran, wie schnell alles zerbrechen konnte, was jahrelang aufgebaut worden war.
Alisa rief einen Gutachter an.
Danach einen Anwalt.
—
Am Freitag rief Oleg selbst an.
Alisa hatte nicht mit seinem Anruf gerechnet, nahm aber ab.
— Hast du meine Mutter angezeigt? — fragte er ohne Begrüßung.
— Deine Mutter?
Nein.
Noch nicht.
Aber ich habe es vor.
— Das kannst du nicht!
Sie ist alt!
Sie hat hohen Blutdruck!
Man kann sie doch nicht vor Gericht zerren!
— Oleg, deine Mutter hat eine Vase im Wert von dreihundertfünfzigtausend Rubel zerstört.
Sie ist in meine Wohnung eingedrungen.
Ich habe das Recht, Schadensersatz zu verlangen.
Und ich werde dieses Recht nutzen.
— Du bist verrückt geworden!
Das ist doch nur ein Gegenstand!
Was spielt es für eine Rolle, wie viel er gekostet hat?
Kauf dir einfach eine andere!
— Es spielt sehr wohl eine Rolle.
Diese Vase war ein Geschenk meiner Mutter.
Und deine Mutter hat sie absichtlich zerstört.
Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.
Dann seufzte Oleg.
— Alis, lass uns vernünftig reden.
Du bist doch nicht so.
Ich kenne dich.
Du bist doch gutherzig.
Du musst dich einfach beruhigen.
— Ich bin ruhig.
— Nein, du bist wütend.
Du bist wegen einer Kleinigkeit völlig ausgerastet.
Na und, Mama hat halt etwas Falsches gesagt.
Sie hat es doch nicht böse gemeint.
Sie ist einfach von der alten Schule und hat ihre eigenen Vorstellungen von Familie.
— Oleg, deine Mutter hat meine Mutter „Küchenweib“ genannt.
Vor meinen Augen.
Und du hast geschwiegen.
Deine Mutter hat meine Mutter von der Gästeliste gestrichen.
Und du selbst hast es mir mitgeteilt.
Deine Mutter hat die Vase zerstört.
Und du verteidigst sie.
Das war’s.
Punkt.
Das Gespräch ist beendet.
— Alis!
Sie legte auf.
Eine Minute später kam eine Nachricht: „Du wirst es bereuen.
Ohne mich bist du niemand.“
Alisa blockierte seine Nummer.
—
Der Samstag begann mit leichtem Nebel.
Alisa wachte früh auf, stand lange unter der Dusche und trank Kaffee ohne Zucker.
Ihre Stimmung war seltsam.
Sie war weder fröhlich noch traurig.
Es fühlte sich an, als wäre in ihrem Inneren ein langer, zermürbender Krieg zu Ende gegangen.
Zwei Stunden vor Beginn kam sie im Restaurant an.
Sie überprüfte den Saal.
Weiße Tischdecken, Vasen mit frischen Lilien und Besteck, das millimetergenau ausgerichtet war.
Der Administrator versicherte ihr, dass die Security informiert sei und keine ungebetenen Personen hineingelassen würden.
Ihre Mutter kam als Erste.
Lidija Iwanowna war klein, grauhaarig und trug ein schlichtes, aber sehr schönes Kleid in dunklem Kirschrot.
Alisa selbst hatte es zwei Wochen zuvor ausgesucht.
Ihre Mutter stieg die Treppe hinauf, sah sich um und legte beide Hände an die Wangen.
— Töchterchen, das ist … das ist so schön …
Alisa umarmte sie.
— Das ist alles für dich, Mama.
Auch für dich.
Und wage es nicht zu sagen, dass du hier nicht hingehörst.
Gerade du gehörst hierher.
Ihre Mutter schluchzte und vergrub das Gesicht an der Schulter ihrer Tochter.
Um sieben Uhr abends hatte sich der Saal mit Gästen gefüllt.
Alisas Freundinnen, Geschäftskollegen und eine Nachbarin aus demselben Treppenhaus, mit der Alisa seit ihrer Kindheit befreundet war.
Zwanzig Menschen.
Herzlich, fröhlich und vertraut.
Kein einziger Verwandter von Oleg kam.
Niemand rief an.
Niemand schrieb.
Alisa atmete frei auf und hob ihr Glas.
— Ich möchte einen Toast aussprechen, — sagte sie und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen.
— Auf diejenigen, die still lieben können.
Auf diejenigen, die für ihre Güte keine Dankbarkeit verlangen.
Auf meine Mutter.
Auf euch alle.
Die Gäste applaudierten.
Ihre Mutter begann wieder zu weinen, diesmal jedoch mit einem Lächeln.
Alisa wischte sich eine Träne von der Wange und nahm einen Schluck Champagner.
Der Abend wurde warm und unbeschwert.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren achtete Alisa nicht darauf, wer sie wie ansah.
Sie fragte sich nicht, ob die Schwiegermutter zufrieden sein würde oder ob die Schwägerin etwas auszusetzen hätte.
Sie lachte einfach, tanzte und aß Dessert, ohne Kalorien zu zählen.
Nach dem Bankett, als die Gäste langsam gingen, trat Alisa nach draußen, um frische Luft zu schnappen.
Die Abendluft roch nach Frühling und nassem Asphalt.
Sie lehnte sich an eine Säule am Eingang und schloss die Augen.
— Na, zufrieden? — ertönte eine betrunkene Stimme aus der Dunkelheit.
Alisa öffnete die Augen.
Unter einer Straßenlaterne stand schwankend Oleg.
Er sah zerknittert aus, sein Hemd war aus der Hose gerutscht und seine Haare waren zerzaust.
— Du hast ohne mich gefeiert.
Du hast mich verlassen.
Du hast meine Mutter bloßgestellt.
Und jetzt stehst du hier so hübsch, als wäre nichts passiert.
Alisa stieß sich von der Säule ab.
— Geh, Oleg.
Ruinier mir nicht den Abend.
— Ich habe dich geliebt! — schrie er.
— Und du!
Du!
— Du hast mein Geld geliebt, Oleg.
Und das bequeme Leben.
Ich habe dich geliebt.
Ich habe nur damit aufgehört.
Er machte einen Schritt auf sie zu, doch aus dem Eingang kamen bereits die Sicherheitsleute.
— Gibt es ein Problem? — fragte einer von ihnen und sah Oleg an.
— Nein, — antwortete Alisa.
— Nur ein Betrunkener.
Bringen Sie ihn bitte weg.
Oleg versuchte, sich loszureißen und schrie etwas Unverständliches, doch die Sicherheitsleute packten ihn vorsichtig, aber fest an den Armen und führten ihn Richtung Parkplatz.
Alisa sah ihm nach.
In ihrem Inneren war es leer und ruhig.
Sie stieg in ein Taxi, nannte ihre Adresse und lehnte sich auf dem Sitz zurück.
Zu Hause erwartete sie Stille.
Sauber, gemütlich und erfüllt vom Duft frisch gekochten Kaffees, den sie auf dem Herd zurückgelassen hatte.
Alisa zog die Schuhe aus, ging barfuß ins Schlafzimmer, legte sich aufs Bett und starrte an die Decke.
Ihre Mutter hatte vor zwanzig Minuten angerufen.
Sie hatte gesagt, dass sie gut zu Hause angekommen sei.
Sie hatte sich für den Abend bedankt.
Alisa hatte geantwortet, dass es der schönste Tag der letzten Jahre gewesen sei.
Und das war die Wahrheit.
—
Eine Woche später öffnete Alisa die sozialen Netzwerke.
In ihrem Feed tauchten Fotos aus Lenas Storys auf.
Darauf war ein Tisch in irgendeiner billigen Kantine gedeckt.
Karierte Wachstuchtischdecke, Plastikbecher und aufgeschnittene Wurst.
Auf dem Foto strahlte Tamara Petrowna, während Oleg neben ihr mürrisch dreinsah.
Die Bildunterschrift lautete: „Familie ist das Wichtigste!
Nicht euer Angeberei-Kram!“
Alisa grinste und legte das Handy weg.
Dann nahm sie es wieder in die Hand und blockierte sämtliche Accounts ihrer ehemaligen Verwandten.
Es klingelte an der Tür.
Vor der Tür stand ihre Mutter mit einer Tüte selbst gebackener Piroggen.
— Ich habe dir etwas mitgebracht, — sagte sie lächelnd.
— Du hast dich diese Woche bestimmt nur von Fertiggerichten ernährt.
Alisa umarmte sie ganz fest.
— Mama, ich bin so froh, dass es dich gibt.
— Ich auch, Töchterchen.
Ich auch.
Sie gingen in die Küche.
Sie machten Tee.
Sie setzten sich ans Fenster und sahen auf die abendliche Stadt.
Irgendwo dort hinter den Häusern lebte Oleg mit seiner Mutter.
Irgendwo waren Lena und Serjoscha.
Irgendwo ging ihr Leben weiter, voller Vorwürfe, Streit und ewiger Unzufriedenheit.
Doch hier, in der kleinen Küche, roch es nach Minze, Zimt und Frieden.
Und das war das Wichtigste.
Alisa lächelte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war es ihr völlig egal, was andere hinter ihrem Rücken über sie sagen würden.
Denn ihr Leben gehörte jetzt nur noch ihr.
Und denjenigen, die sie bedingungslos lieben konnten.







