Noch in derselben Stunde nahm ich ihr die Schlüssel ab und setzte sie vor die Wohnungstür ins Treppenhaus.
— Anka, zieh deine Schuhe leiser aus, ich habe hohen Blutdruck! — ertönte es aus der Küche, kaum dass sich der Schlüssel im Schloss gedreht hatte.

Anna blieb wie angewurzelt an der Tür stehen.
Ein stechender Geruch nach verbranntem Öl und gebratenen Zwiebeln schlug ihr entgegen.
Diesen Geruch hatte es in ihrer Wohnung seit fünf Jahren nicht mehr gegeben.
Die Laptoptasche glitt ihr aus der Hand.
Sie stieß die Küchentür auf.
Galina Wassiljewna stand am Herd.
Sie trug Annas Lieblingsmorgenmantel aus Seide.
Direkt auf der neuen Quarzarbeitsplatte hackte die Schwiegermutter auf einem Stück gefrorenem Fleisch herum.
Dafür benutzte sie Annas teures japanisches Kochmesser.
— Was machen Sie hier? — fragte Anna kalt.
Die Schwiegermutter drehte sich nicht einmal um.
— Oh, da bist du ja endlich.
Wasch dir die Hände.
Gleich essen wir zu Abend.
— Ich frage, warum Sie meinen Morgenmantel tragen.
Und wo ist das Schneidebrett?
Galina Wassiljewna rammte das Messer mit voller Wucht in das gefrorene Fleisch.
Auf dem weißen Quarz blieb ein tiefer Kratzer zurück.
— Deinen Morgenmantel? — die Schwiegermutter stemmte die Hände in die Hüften.
— Jetzt gehört uns doch alles gemeinsam, Anetschka.
Wir sind jetzt eine Familie.
Wanka, komm mal her!
Deine Frau ist unzufrieden.
Im Flur waren Schritte zu hören.
Iwan erschien.
Er trug eine Jogginghose und hielt sein Smartphone in der Hand.
Auf seinem Gesicht lag ein schuldbewusstes, aber zugleich dreistes Lächeln.
— Oh, Anjuta.
Du bist heute aber früh von der Arbeit zurück.
— Wanja, — Anna bemühte sich, gleichmäßig zu atmen.
— Was geht hier vor?
Warum ist deine Mutter hier?
— Anja, bitte keine Hysterie, — verzog er das Gesicht.
— Wir haben Neuigkeiten.
Mama wird bei uns wohnen.
— Wie lange?
— Na ja, für immer.
Sie hat ihre Einzimmerwohnung verkauft.
Anna hatte das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.
Seit fünf Jahren lebten sie in der Wohnung, die Anna noch vor der Ehe gekauft hatte.
Sie hatten dort ruhig gelebt.
— Verkauft?
Warum?
— Paschka brauchte Geld, — mischte sich Galina Wassiljewna ein.
— Der Kleine hatte Schulden wegen seines Geschäfts.
Fast hätten sie den Jungen ins Gefängnis gesteckt.
Wir mussten ihn retten.
— Und deshalb sind Sie zu mir gezogen? — Annas Stimme zitterte.
— Wohin denn sonst? — fragte Iwan ehrlich erstaunt.
— Du bist doch meine Frau.
Du gehörst zur Familie.
Mama hat keinen Ort zum Leben.
— Und Pascha wollte seine Mutter nicht bei sich aufnehmen?
— Pascha hat Stress! — brüllte die Schwiegermutter.
— Er muss sich erholen.
Und ihr habt hier einen Palast.
Drei Zimmer.
Und Kinder habt ihr sowieso nicht.
Anna schob schweigend den Teller der Schwiegermutter an den Rand des Tisches.
In ihr begann ein eisiges Feuer zu lodern.
— Gut, — sagte Anna leise.
— Und jetzt kommt die wichtigste Neuigkeit, Wanja.
Wir haben für die Renovierung und für eine künstliche Befruchtung gespart.
Das Geld liegt im Safe.
Iwan wich ihrem Blick aus.
— Ich warte, Wanja.
— Anja, verstehst du… — er begann nervös am Saum seines T-Shirts zu zupfen.
— Paschkas Schulden waren groß.
Mamas Wohnung hat nicht gereicht.
Wir haben 2026, die Preise sind verrückt.
— Wie viel?
— Ich habe unsere Ersparnisse dazugegeben.
Anna rannte ins Schlafzimmer.
Sie riss die Schranktür auf und gab den Code des kleinen Haussafes ein.
Die Tür piepte.
Drinnen war nichts.
900.000 Rubel waren verschwunden.
Anna kehrte in die Küche zurück.
Iwan saß am Tisch und kaute eine Frikadelle.
Die Schwiegermutter schenkte Tee ein.
— Du hast mein Geld gestohlen, — sagte Anna und betonte jedes einzelne Wort.
— Wieso dein Geld? — empörte sich Iwan.
— Wir sind eine Familie!
Unser Budget gehört uns gemeinsam!
— Von diesen 900.000 habe ich genau 700.000 selbst zurückgelegt.
Das war mein Jahresbonus.
Das war mein Nebenverdienst.
— Na und? — schnaubte Galina Wassiljewna.
— Meine Güte, was für eine Prinzessin.
Ist dir das Geld für deinen eigenen Mann etwa zu schade?
Wolltest du seine leibliche Mutter auf die Straße setzen?
— Ich wollte eine künstliche Befruchtung machen lassen.
Damit wir ein Kind bekommen.
— Mein Gott, was willst du überhaupt mit Kindern! — die Schwiegermutter winkte ab.
— Wanka braucht einen gesunden Erben.
Und du bist kaputt.
Macht nichts, du sparst eben wieder neues Geld.
Iwan schwieg.
Er sah sie nicht einmal an.
Er kaute einfach weiter.
— Wanja, — Anna trat dicht an ihn heran.
— Du rufst jetzt deinen Bruder an.
Und du sagst ihm, dass er das Geld zurückgeben soll.
— Anja, bist du noch ganz bei Trost? — er legte die Gabel hin.
— Er hat nichts.
Er ist bankrott.
Alles ist an die Gläubiger gegangen.
— Das interessiert mich nicht.
— Weißt du was! — plötzlich sprang Iwan auf.
— Du bist eine Egoistin!
Du bist völlig auf dein Geld fixiert!
Mein Bruder steckt in Schwierigkeiten, und du zählst jeden Kopeken!
— 900.000 sind keine Kopeken.
— Schluss jetzt! — er schlug mit der Faust auf den Tisch.
— Mama wird hier wohnen.
Das Geld haben wir der Familie gegeben.
Damit ist das Thema erledigt.
Wenn es dir nicht gefällt, da ist die Tür.
— Da ist die Tür? — Anna grinste.
— Die Wohnung gehört mir, Wanja.
— Aber ich habe renoviert! — brüllte er.
— Ich habe die Tapeten geklebt!
Ich habe die Fliesen im Bad verlegt!
Wir sind seit fünf Jahren verheiratet!
Das ist auch mein Zuhause!
Galina Wassiljewna lächelte triumphierend und biss in einen Keks.
— Ganz genau.
Beruhige dich, Anka.
Schenk Tee ein und setz dich hin.
Eine Frau muss weise sein.
Anna antwortete nicht.
Sie drehte sich schweigend um, ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür ab.
In ihr waren keine Tränen.
Es gab nur eine kristallklare, schneidende Gewissheit.
Er hatte sie nicht einfach nur verraten.
Er hatte ihren Traum von einem Kind mit Füßen getreten, um seinen faulen Bruder zu retten.
Und er hatte diese unverschämte Aufseherin in ihr Haus gebracht.
Anna nahm ihr Handy heraus.
Am Morgen ging Iwan zur Arbeit.
Er arbeitete als Logistiker in einem großen Unternehmen.
Diesen Job hatte ihm Annas leiblicher Onkel Michail besorgt.
Die Schwiegermutter schlief bis zehn Uhr.
Als Galina Wassiljewna aus ihrem Zimmer kam, machte Anna sich bereits fertig, um zu gehen.
— Anka, hör mal, — sagte die Schwiegermutter heiser und kratzte sich am Bauch.
— Kauf heute Abend guten Käse.
Mit Schimmel.
Und Rotwein.
Ich habe hohen Blutdruck, die Ärzte empfehlen das.
— Natürlich, — antwortete Anna mit ruhiger Stimme.
Sie verließ die Wohnung.
Sie stieg in ihr Auto.
Und statt ins Büro fuhr sie zur Bank.
Iwan hatte eine Kreditkarte mit einem Limit von einer Million Rubel.
Anna kannte alle seine Passwörter.
Die Karte war mit ihrer gemeinsamen Banking-App verknüpft.
Sie öffnete die App.
Sie überwies genau 900.000 Rubel von Iwans Kreditkarte auf ihr persönliches Konto, auf das er keinen Zugriff hatte.
Einen Verwendungszweck gab sie nicht an.
Die Überweisung wurde erfolgreich ausgeführt.
Die Bank verlangte eine Gebühr, aber das war Anna egal.
Danach rief sie Onkel Mischa an.
— Onkel Mischa, hallo.
Hier ist Anja.
— Hallo, Kleine.
Ist etwas passiert?
Deine Stimme klingt wie Stahl.
— Ja, etwas ist passiert.
Entlass Iwan.
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
— Ernsthaft? — fragte Michail.
— Habt ihr euch gestritten?
— Er hat mein Geld für die künstliche Befruchtung gestohlen.
Und er hat seine Mutter bei mir einquartiert.
Ich reiche die Scheidung ein.
Wirf ihn noch heute raus.
Und sorg dafür, dass ihn niemand mehr einstellt.
— Verstanden.
Ich kümmere mich darum.
Anna beendete das Gespräch.
Der Bildschirm ihres Handys leuchtete auf.
Eine Benachrichtigung war eingegangen.
Kauf dringend eine Salbe für die Gelenke. — 11:42
Und Weißbrot, Mama isst kein Schwarzbrot. — 11:45
Warum antwortest du nicht?
Ich warte. — 11:50
Eine Nachricht nach der anderen traf ein.
Anna stellte das Handy auf lautlos.
Als Nächstes fuhr sie zu einem Autohaus.
Iwans Wagen, ein luxuriöser Geländewagen, war während der Ehe gekauft worden.
In den Papieren war er jedoch auf ihn zugelassen.
Anna wusste, wo die Ersatzschlüssel und der Fahrzeugbrief lagen.
Außerdem hatte Iwan ihr vor einem Monat selbst eine Generalvollmacht ausgestellt, nachdem ihm wegen Fahrens auf der Gegenfahrbahn für ein halbes Jahr der Führerschein entzogen worden war.
Anna übertrug das Auto mithilfe der Generalvollmacht auf ihren Vater.
Die Rechtmäßigkeit des Geschäfts bewegte sich an der Grenze, aber im Moment spielte das keine Rolle.
Das Auto verschwand aus Iwans Vermögen.
Gegen Mittag kehrte sie in den Hof ihres Hauses zurück.
Mit ihr kamen drei kräftige Möbelpacker.
Der Schlüssel drehte sich leise im Schloss.
Galina Wassiljewna saß vor dem Fernseher.
Sie schaltete den Sender um und schnalzte unzufrieden mit der Zunge.
— Was schleppst du dich schon wieder hierher?
Ich habe doch um die Salbe gebeten!
Anna betrat das Wohnzimmer.
Hinter ihr kamen die Möbelpacker herein und stapften schwer mit ihren Stiefeln.
— Wer sind die denn? — die Schwiegermutter sprang auf und zog ihren Morgenmantel enger um sich.
— Packt die Sachen ein, — Anna zeigte den Möbelpackern auf den Schrank.
— Jungs, habt ihr schwarze Säcke dabei?
Perfekt.
Packt den ganzen Männer- und Frauenkram ein.
Meine Sachen lasst ihr stehen.
Die Möbelpacker machten sich zügig an die Arbeit.
Iwans Hemden, Pullover und Trainingsanzüge flogen aus den Regalen.
— Bist du verrückt geworden! — kreischte Galina Wassiljewna.
— Ich rufe jetzt die Polizei!
Ich rufe Wanjuscha an!
Mit zitternden Händen griff sie nach dem Telefon.
Es klingelte lange.
Schließlich ging Iwan ran.
— Söhnchen!
Deine Schlampe wirft uns hier raus!
Komm sofort!
Zwanzig Minuten später flog die Tür mit einem Tritt auf.
Iwan stürmte rot im Gesicht und außer Atem in die Wohnung.
— Was zum Teufel machst du da?! — brüllte er und stürzte auf Anna zu.
Einer der Möbelpacker stellte sich ihm lässig in den Weg.
Iwan blieb stehen.
— Das ist meine Wohnung, Wanja, — Anna saß auf einem Stuhl und trank Kaffee.
— Und du wohnst hier nicht mehr.
— Ich gehe nicht! — schrie Iwan und spuckte dabei vor Wut.
— Ich bin hier gemeldet!
Ich bin dein Mann!
— Du bist hier nicht dauerhaft gemeldet.
Du hattest nur eine vorübergehende Registrierung, und die ist vor drei Tagen abgelaufen.
Ich habe sie nicht verlängert.
Verschwinde.
— Ich gehe trotzdem nicht!
Ich rufe die Polizei!
Ich verklage dich wegen der Renovierung!
Anna stellte die Tasse ab.
Sie sah von oben auf ihn herab.
— Und womit willst du dir einen Prozess leisten, Wanja?
Onkel Mischa hat dich vor einer halben Stunde entlassen.
Deine Abfindung bekommst du nicht, weil er das als Schadensersatz für einen geplatzten Vertrag verbucht hat.
Iwans Gesicht wurde lang.
Er öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut heraus.
— Ach ja, — Anna lächelte.
— Außerdem habe ich 900.000 Rubel von deiner Kreditkarte abgebucht.
Genau die Summe, die du mir gestohlen hast.
— Was?! — brüllte Iwan und fasste sich an den Kopf.
— Das ist Diebstahl!
Ich bringe dich ins Gefängnis!
— Das wirst du nicht.
Du hast keine Beweise.
Es war eine freiwillige Überweisung zwischen Ehepartnern.
Die Möbelpacker banden den letzten Müllsack zu.
Insgesamt waren es 14 Säcke.
— Fertig, Chefin.
Sollen wir alles rausbringen?
— Ja.
Direkt ins Treppenhaus.
Galina Wassiljewna griff sich plötzlich ans Herz.
Sie sank zu Boden und begann laut zu stöhnen.
— Oh… Ich sterbe…
Herzinfarkt…
Wanka, den Krankenwagen…
Iwan stürzte zu seiner Mutter.
— Du bringst sie um! — schrie er Anna mit Tränen in den Augen an.
— Den Krankenwagen!
Ruf einen Krankenwagen!
— Der Krankenwagen ist schon unterwegs.
Er wird draußen auf euch warten.
Anna nickte den Möbelpackern zu.
Diese packten Galina Wassiljewna unter den Armen und trugen sie buchstäblich ins Treppenhaus.
Danach schoben sie auch den sich wehrenden Iwan hinaus.
Die 14 schwarzen Säcke flogen hinterher in den Flur.
Als Letztes warf Anna die teure Angelrute ihres Mannes und seine geliebte Spielkonsole hinaus.
— Anja! — Iwan hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür.
— Lass mich rein!
Wir haben nicht einmal ein Auto, ich kann sie nicht fahren!
Wo ist das Auto?!
— Bei meinem Vater, — antwortete Anna durch die mit der Sicherheitskette nur einen Spalt geöffnete Tür.
— Mit Vollmacht überschrieben.
Gewöhn dich an Kleinbusse, Wanja.
Und an Schulden.
Sie schlug die Tür zu.
Sie drehte den Schlüssel im Schloss.
Hinter der Tür waren noch lange Schreie, Flüche und das gespielte Stöhnen der Schwiegermutter zu hören.
Doch Anna hörte ihnen nicht mehr zu.
Sie nahm einen Lappen, um den Kratzer von der Arbeitsplatte zu entfernen.
Die Wohnung gehörte wieder nur ihr.
Kein Geruch nach verbranntem Öl.
Keine fremden Menschen.
Und würdet ihr euren Mann und eure kranke Schwiegermutter ebenfalls mit einem Millionenkredit auf der Straße stehen lassen, nur um euch zu rächen?







