— Nimm diesen billigen Fraß vom Tisch! — Galina Stepanowna stellte den Teller so heftig ab, dass die Soße auf die Tischdecke spritzte.
— Ich habe gesagt, du sollst das wegnehmen!

Mein Sohn verdient anständiges Essen und nicht deine Experimente!
Katja antwortete nicht.
Sie stand am Herd und betrachtete den Dampf, der über dem Topf aufstieg — gleichmäßig, ruhig, beinahe meditativ.
In den drei Jahren ihres Lebens in dieser Familie hatte sie genau das gelernt: wegzusehen und gleichmäßig zu atmen.
Es war schwieriger, als es schien.
Der Festtisch für den Geburtstag ihres Mannes Maxim wurde seit dem Morgen vorbereitet.
Genauer gesagt bereitete Katja ihn vor, während die Schwiegermutter mit dem Telefon im Sessel saß und jede Bewegung der Schwiegertochter kommentierte.
„Stell das nicht so hin“, „das passt nicht dazu“, „kannst du überhaupt Gäste empfangen?“
Galina Stepanowna gehörte zu den Menschen, die den gesamten Raum einnehmen konnten — mit ihrer Stimme, ihren Ansprüchen und ihrer bloßen Anwesenheit — ohne dabei auch nur das Geringste zu tun.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Maxim es bereits geschafft, die Torte abzuholen, die falsche mitzubringen, zurückzufahren und erneut die falsche zu kaufen.
Alles nach den Anweisungen seiner Mutter.
Mit vierunddreißig Jahren rief er sie noch aus dem Geschäft an, um zu fragen, welche Schokolade er genau zum Kaffee kaufen sollte.
Katja hatte längst aufgehört, sich darüber zu wundern.
Sie arbeitete einfach.
Die Gäste kamen um sieben.
Es war eine kleine Gesellschaft — Tante Rosa mit ihrem Mann, Maxims Cousine Lena und deren schweigsamer Freund.
Galina Stepanowna nahm sofort am Kopfende des Tisches Platz, wie die Vorsitzende einer Sitzung, und begann zu dozieren.
Sie erzählte von Maxim — wie klug und begabt er sei und wie er als Kind bei einer Physikolympiade den zweiten Platz belegt habe.
Katja servierte die Vorspeisen.
— Katjuscha, du solltest dich einmal hinsetzen — sagte Tante Rosa, eine freundliche Frau mit gesträhnten Schläfen.
— Sie ist das gewohnt — schnitt die Schwiegermutter ihr das Wort ab.
— Hauptsache, sie kann ständig herumwuseln.
Sitzen kann sie nicht.
Maxim schwieg.
In solchen Momenten schwieg er immer — er sah auf seinen Teller oder griff nach dem Brot, als hätte er nichts gehört.
Manchmal fragte Katja sich, ob er wirklich nichts hörte.
Oder ob er nur so tat.
Sie hatte nie entscheiden können, was schlimmer war.
Irgendwann, während die Gäste zu den Trinksprüchen übergegangen waren, vibrierte das Telefon in der Tasche von Katjas Schürze.
Sie ging in den Flur, angeblich um Servietten zu holen.
Die Nachricht war von Viktor Iwanowitsch, dem Direktor des Verlags, mit dem sie seit drei Wochen verhandelte.
Drei Wochen vorsichtiger E-Mails, Videoanrufe, Überarbeitungen und weiterer Gespräche — während die Schwiegermutter im Nebenzimmer Serien schaute, während Maxim schlief und während das Leben draußen seinen gewohnten Gang ging, ohne zu wissen, dass sich in dieser Wohnung langsam etwas veränderte.
„Jekaterina Sergejewna, der Vertrag ist von unserer Seite unterschrieben.
Ich warte auf Ihre Unterschrift.
Herzlichen Glückwunsch — das ist ein großes Projekt.“
Katja lehnte sich an die Wand.
In ihren Ohren rauschte es leicht.
Sie öffnete die App, fand das Dokument, setzte ihre elektronische Unterschrift darunter — drei Sekunden, eine einzige Wischbewegung — und steckte das Telefon wieder in die Tasche.
Dann nahm sie die Servietten und kehrte an den Tisch zurück.
— Du warst uns niemals ebenbürtig! — sagte Galina Stepanowna laut und deutlich, sodass alle es hören konnten.
Es geschah nach dem dritten Trinkspruch, als Tante Rosa etwas Höfliches über Katjas Arbeit sagte.
Die Schwiegermutter saß aufrecht da, mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich endlich dazu entschlossen hatte, die Wahrheit zu sagen.
— Maxim hätte sich ein Mädchen mit gesellschaftlicher Stellung suchen können.
Aus einer angesehenen Familie.
Aber er hat genommen, was er eben genommen hat.
Am Tisch wurde es still.
Lena starrte in ihr Glas.
Tante Rosa öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Lenas Freund tat so, als würde er seine Gabel untersuchen.
Maxim griff nach dem Brot.
Katja sah ihre Schwiegermutter an.
Galina Stepanowna erwiderte ihren Blick — triumphierend, wie immer, mit jener müden Sicherheit eines Menschen, der seit vielen Jahren sagt, was er will, und niemals auf Widerstand stößt.
— Galina Stepanowna — sagte Katja ruhig — Sie haben recht.
Ich komme nicht aus Ihren Kreisen.
Die Schwiegermutter hob siegessicher leicht das Kinn.
— Mein Vater war Schlosser, meine Mutter Krankenschwester.
Wir hatten keine eigene Wohnung und auch kein Wochenendhaus.
Ich bekam einen staatlich finanzierten Studienplatz, arbeitete seit dem zweiten Studienjahr und habe Sie kein einziges Mal um Geld gebeten — obwohl Sie mehrmals angedeutet haben, dass ich es tun sollte.
— Du…
— Ich bin noch nicht fertig — sagte Katja ohne Ärger und ohne ihre Stimme zu erheben.
Es war lediglich eine Feststellung.
Galina Stepanowna verstummte.
Vielleicht zum ersten Mal seit drei Jahren.
— Heute, während Sie im Sessel saßen und ich den Tisch deckte, habe ich einen Vertrag unterschrieben.
Einen Verlagsvertrag.
Für die Illustrationen einer Reihe von zwölf Büchern.
Die Summe dieses Vertrags entspricht ungefähr Ihrer Rente für fünf Jahre.
Sie sagte es nicht triumphierend.
Sie nannte es wie eine Zahl.
Wie eine Tatsache, die einfach existierte.
Tante Rosa keuchte leise auf.
Lena hob den Kopf.
Maxim hörte erst jetzt auf zu kauen.
Galina Stepanowna sah ihre Schwiegertochter an, und in ihrem Blick veränderte sich etwas.
Es war keine Reue.
Nein, davon war sie noch sehr weit entfernt.
Es war eher die erste Verwirrung seit langer Zeit.
Wie bei einem Menschen, der immer dieselbe Strecke gegangen ist und plötzlich feststellt, dass die Straße zu Ende ist.
Katja nahm ihr Glas, trank einen Schluck Wasser und stellte es wieder zurück.
— Guten Appetit — sagte sie.
Dann griff sie nach dem Salat.
Der Abend zog sich bis zehn Uhr hin.
Die Gäste verabschiedeten sich hastig — Tante Rosa umarmte Katja an der Tür länger als gewöhnlich und sagte nichts, sondern drückte nur ihre Hand.
Als Lena an ihr vorbeiging, flüsterte sie: „Gut gemacht“, und verschwand im Aufzug.
Galina Stepanowna blieb nicht zum Abwaschen.
Sie blieb überhaupt nie zum Abwaschen.
Sie fand immer einen Grund: der Rücken, der Blutdruck, die späte Stunde, die Müdigkeit.
Sie zog ihren Mantel an, küsste ihren Sohn auf die Wange und ging, ohne sich von ihrer Schwiegertochter zu verabschieden.
Maxim schloss die Tür hinter ihr und drehte sich um.
Katja stand mitten in der Küche und sammelte die Teller ein.
— Warum hast du das gesagt? — fragte er schließlich.
Sie sah ihn an.
Sein Gesicht wirkte ein wenig verwirrt und ein wenig beleidigt, wie das eines Jungen, dem man sein Spielzeug weggenommen hatte.
Sie kannte diesen Gesichtsausdruck.
— Weil es die Wahrheit ist — antwortete sie schlicht.
— Du hast Mama bloßgestellt…
— Maxim. — Sie stellte den Tellerstapel auf den Tisch.
— Morgen um zehn habe ich ein Treffen mit der Art-Direktorin.
Ich werde früh schlafen gehen.
Er wollte noch etwas sagen.
Sie sah, wie er nach Worten suchte — langsam und vorsichtig, wie immer, wenn er nicht wusste, was seine Mutter gutheißen würde.
Aber die Worte kamen nicht.
Katja drehte das Wasser auf.
Draußen vor dem Fenster summte die Stadt — lebendig, gleichgültig, riesig.
Irgendwo dort draußen in dieser Stadt lag ein unterschriebener Vertrag mit ihrem Namen.
Zwölf Bücher.
Anderthalb Jahre Arbeit.
Geld, das sie selbst verdienen würde.
Sie seifte den Schwamm ein und nahm den ersten Teller.
In ihrem Inneren war etwas — nicht einmal Freude.
Eher Festigkeit.
Wie bei einem Menschen, der lange bergauf gegangen ist und endlich ebenen Boden unter den Füßen spürt.
Am Morgen kam Maxim nicht zum Frühstück.
Katja hörte, wie er sich hinter der Wand hin und her wälzte — demonstrativ, mit Seufzern und gelegentlichem Husten, der keine Erkältung, sondern Beleidigtsein bedeutete.
Sie kannte diese Sprache auswendig.
In vier Jahren gemeinsamen Lebens hatte sie all seine Signale gelernt: Langes Schweigen bedeutete, dass er darauf wartete, dass sie zuerst zu ihm kam und fragte, was los sei.
Eine zugeschlagene Kühlschranktür bedeutete, dass er unzufrieden war, aber nicht wusste, wie er es sagen sollte.
Ein Anruf bei seiner Mutter um sieben Uhr morgens bedeutete, dass er bereits Bericht erstattet hatte und auf Anweisungen wartete.
Letzteres hörte sie um 7:14 Uhr.
Er sprach leise, beinahe flüsternd, aber die Wände der Wohnung waren nicht so dick, wie Maxim offenbar glaubte.
— Sie hat sich überhaupt nicht entschuldigt…
Nein, direkt vor allen…
Ich weiß nicht, Mama, sie ist irgendwie ein anderer Mensch geworden…
Katja schenkte sich Kaffee ein, nahm den Laptop und setzte sich ans Fenster.
Draußen war die Stadt bereits bei der Arbeit — unten schlugen Ladentüren zu, ein Müllwagen fuhr vorbei und jemand schrie mitten auf dem Gehweg in sein Telefon.
Das Leben ging ohne Warnung und ohne Pausen weiter.
Katja öffnete den Ordner mit ihren Skizzen — den ersten Entwürfen für die Buchreihe, an denen sie in den letzten zwei Monaten heimlich nachts gearbeitet hatte, während alle schliefen.
Zwölf Bücher.
Kinderillustrationen.
Der Verlag war seriös — keine kleine Selbstveröffentlichung, sondern ein wirklich großes, bekanntes Verlagshaus mit landesweitem Vertrieb.
Viktor Iwanowitsch hatte sie selbst kontaktiert.
Er hatte ihr Portfolio im Internet gefunden und ihr eine sorgfältig formulierte E-Mail geschrieben.
Katja hatte sie wohl fünfmal gelesen, bevor sie den Mut fand zu antworten.
Und dann noch zehnmal vor dem ersten Telefonat.
Sie hatte niemandem etwas erzählt.
Nicht, weil sie Angst hatte.
Sondern einfach: wozu?
Maxim hätte gesagt: „Mal sehen“, und dann wieder zum Fußball umgeschaltet.
Galina Stepanowna hätte begonnen zu erklären, warum das unsicher, unseriös und überhaupt keine richtige Arbeit sei und warum Katja sich besser eine normale Stelle mit festem Gehalt suchen sollte.
Bei dieser Familie hatte Katja längst eine Regel gelernt: zuerst tun, dann erzählen.
Um halb zehn machte sie sich fertig.
Sie zog ein geschäftliches Jackett an — grau, streng, ein Jahr zuvor im Ausverkauf gekauft und noch nie getragen.
Dazu einen weißen Rollkragenpullover.
Sie steckte ihr Haar zu einem Knoten hoch.
Sie betrachtete sich im Spiegel im Flur und begriff: So sah sie aus, wenn sie sich an niemanden anpassen musste.
Maxim kam aus dem Schlafzimmer, als sie bereits ihre Stiefel anzog.
Er blieb in der Küchentür stehen und verschränkte die Arme.
— Bist du lange weg?
— Ich weiß es nicht — antwortete sie ehrlich.
— Es hängt davon ab, wie das Treffen läuft.
— Und wann reden wir?
Katja zog den Reißverschluss zu und richtete sich auf.
— Heute Abend, Maxim.
Wenn ich zurückkomme, reden wir.
Er wollte noch etwas hinzufügen.
Sie sah es daran, wie er Luft holte, doch sie hatte die Tür bereits geöffnet.
Der Verlag befand sich im Stadtzentrum, in einem alten Gebäude mit hohen Decken und einem knarrenden Aufzug.
Katja fuhr mit der U-Bahn, stieg drei Stationen früher aus und ging den Rest zu Fuß.
Sie brauchte diese Zeit, diese zwanzig Minuten zwischen Menschen und Schaufenstern, um tief durchzuatmen und sich zu sammeln.
Die Art-Direktorin war eine Frau von etwa fünfundvierzig Jahren — kurz geschnittenes Haar, eine Brille mit dicken Rahmen, eine schnelle Sprechweise und die Angewohnheit, Menschen direkt anzusehen.
Sie hieß Marina Olegowna und breitete sofort Ausdrucke von Katjas Skizzen auf dem Tisch aus.
— Das hier. — Sie tippte mit dem Finger auf eines der Blätter.
— Genau das suchen wir seit einem Jahr.
Verstehen Sie?
Seit einem Jahr.
Wir hatten eine andere Illustratorin, dann noch eine — aber es war nicht das Richtige.
Sie dagegen haben Charakter.
Ihre Figuren haben Gesichter.
Katja betrachtete ihre eigenen Zeichnungen mit den Augen eines anderen Menschen.
Es war ein seltsames Gefühl, als würde man sich selbst in der Scheibe eines fremden Fensters sehen.
— Wir wollen das erste Buch bis zum Herbst herausbringen — fuhr Marina Olegowna fort.
— Das bedeutet ein hohes Tempo.
Sind Sie bereit für dieses Tempo?
— Ich bin bereit — sagte Katja.
Nicht, weil sie keine Angst hatte.
Sondern weil sie Angst hatte und trotzdem bereit war.
Sie hatte längst begriffen, dass genau darin der Unterschied zwischen den Menschen liegt, die handeln, und denen, die nur vorhaben zu handeln.
Sie saßen fast zwei Stunden zusammen.
Sie sprachen über das Konzept, die Farbpalette und darüber, wie die Figuren sein sollten — lebendig, nicht glatt und künstlich, mit Sommersprossen und zerzausten Haaren.
Katja machte sich Notizen, nickte und schlug manchmal eigene Ideen vor.
Marina Olegowna hörte zu.
Sie hörte wirklich zu und nicht nur aus Höflichkeit.
Als sie in den Flur traten, schüttelte die Art-Direktorin ihr die Hand und sagte:
— Willkommen im Team, Jekaterina Sergejewna.
Katja ging die Treppe hinunter und dachte: Das ist es.
So geschieht es — ohne Feuerwerk, ohne Tränen, nur ein Händedruck und Worte, die etwas in einem verändern, leise und für immer.
Galina Stepanowna rief um drei Uhr nachmittags an.
Katja saß in einem Café in der Nähe — sie trank Kaffee, sah aus dem Fenster auf die Straße und gönnte sich noch ein wenig von dieser Zeit, die nur ihr gehörte.
Das Telefon vibrierte, und auf dem Display erschien „Galina Stepanowna“.
Katja sah einige Sekunden darauf und nahm dann ab.
— Katja — begann die Schwiegermutter ohne Einleitung.
Ihre Stimme war hart wie immer, aber darin lag ein neuer Unterton — vorsichtig, abtastend.
— Ich möchte, dass wir reden.
Ganz normal.
Ich komme heute vorbei.
— Heute geht es nicht — antwortete Katja ruhig.
— Ich habe bis zum Abend zu tun.
Es folgte eine Pause.
Galina Stepanowna war an Pausen dieser Art nicht gewöhnt — Pausen, in denen das Schweigen nicht Unsicherheit bedeutete, sondern einfach Nein.
— Was soll das heißen, du hast zu tun?
Du sitzt doch zu Hause…
— Ich bin nicht zu Hause, Galina Stepanowna.
Ich bin in der Stadt und arbeite.
Kommen Sie am Wochenende, wenn Sie reden möchten.
Noch eine Pause.
Diesmal länger.
— Gut — sagte die Schwiegermutter schließlich.
Das Wort schien sie einige Mühe zu kosten.
Katja legte das Telefon beiseite und sah aus dem Fenster.
Die Menschen gingen schnell über den Gehweg — jeder seinen eigenen Angelegenheiten nach, jeder mit seiner eigenen inneren Geschichte.
Katja dachte: Sie wissen nicht, dass ich heute einen Vertrag unterschrieben habe.
Sie wissen nicht, dass sich gestern Abend etwas verschoben hat — nicht laut, aber endgültig.
Sie wissen nicht, dass ich hier sitze und spüre, wie der Boden unter meinen Füßen fester wird.
Sie trank ihren Kaffee aus, packte ihr Notizbuch ein und ging hinaus auf die Straße.
Noch vieles lag vor ihr.
Das Gespräch mit Maxim.
Der Besuch der Schwiegermutter.
Zwölf Bücher und anderthalb Jahre Arbeit.
Aber jetzt — genau jetzt — ging sie mit leichtem Schritt durch die Stadt.
Maxim wartete zu Hause.
Katja begriff es schon im Aufzug.
Durch den Glaseinsatz in der Tür sah sie, dass im Flur der Wohnung das Licht brannte, obwohl Maxim es sonst nie einschaltete und im Dunkeln nach dem Schalter tastete.
Also wartete er.
Also hatte er sich vorbereitet.
Sie trat ein, hängte den Mantel auf und stellte die Tasche ab.
Maxim saß am Küchentisch vor einer Tasse Tee — kalt, wie man daran erkennen konnte, dass er sie nicht angerührt hatte.
Vor ihm lag das Telefon mit dem Display nach unten.
Die Haltung eines Menschen, der ein Gespräch geprobt hatte.
— Setz dich — sagte er.
Katja setzte sich.
— Mama hat angerufen — begann Maxim.
— Sie sagt, du hättest unhöflich mit ihr gesprochen.
— Ich habe ihr gesagt, dass ich heute keinen Besuch empfangen kann.
— Sie wollte reden, sich erklären…
— Maxim. — Katja legte die Hände auf den Tisch.
— Deine Mutter hat gestern vor den Gästen gesagt, ich sei euch niemals ebenbürtig gewesen.
Davor hat sie mir drei Jahre lang gesagt, dass ich falsch koche, falsch putze, mich falsch anziehe und sogar falsch atme.
Und während dieser ganzen Zeit hast du geschwiegen.
Er öffnete den Mund.
— Ich bin noch nicht fertig — sagte sie ruhig.
— Ich sage nicht, dass du ein schlechter Mensch bist.
Ich sage, dass es so nicht weitergeht.
Nicht, weil ich beleidigt bin.
Sondern weil ich eine Entscheidung getroffen habe.
— Was für eine Entscheidung? — In seiner Stimme lag plötzlich Vorsicht.
— Ich habe ein Büro gemietet — sagte Katja.
Stille.
— Was?
— Einen kleinen Raum.
Genauer gesagt einen Platz in einem Coworking-Space in der Lesnaja-Straße.
Ich werde dort arbeiten.
Der Vertrag ist ernst, und ich brauche Platz.
Und Ruhe.
Maxim sah sie an, als hätte sie ihm mitgeteilt, dass sie auf einen anderen Planeten ziehen würde.
— Du…
Wann hast du das alles geschafft?
— Während du wegen der Torte hin und her gefahren bist — antwortete sie ohne Ironie.
— Maxim, ich arbeite.
Ich habe die ganze Zeit gearbeitet.
Ihr beide habt es nur für nichts Ernstes gehalten.
Er stand auf, ging in der Küche auf und ab und blieb am Fenster stehen.
— Katja, ich verstehe nicht, was hier passiert.
Es ist, als wärst du ein anderer Mensch.
— Ich bin derselbe Mensch — sagte sie.
— Jetzt sieht man es nur.
Galina Stepanowna kam am Samstag.
Katja öffnete die Tür, ließ sie in den Flur und bot ihr Tee an.
Die Schwiegermutter trat ein und sah sich mit ihrem gewohnten prüfenden Blick um, mit dem sie fremde Wohnungen stets inspizierte, als würde sie einen Kontrollbericht verfassen.
Sie betrachtete den Mantel an der Garderobe, das Regal im Flur und die Fußmatte an der Tür.
— Du hast endlich aufgeräumt — bemerkte Galina Stepanowna.
Katja antwortete nicht.
Sie schenkte Tee ein, stellte Kekse auf den Tisch und setzte sich ihr gegenüber.
Die Schwiegermutter brauchte lange, um es sich bequem zu machen — sie richtete ihren Rock, verschob die Tasse und zupfte einen unsichtbaren Faden von ihrem Ärmel.
Katja wartete.
— Nun — begann Galina Stepanowna schließlich — ich bin gekommen, wie du es wolltest.
Um zu reden.
— Sie wollten selbst reden — verbesserte Katja sie sanft.
— Ja, gut. — Es folgte eine Pause.
— Ich finde, dass du dich gestern…
Oder besser gesagt vorgestern, auf dem Geburtstag…
Hässlich verhalten hast.
Du hast mich vor den Leuten bloßgestellt.
— Galina Stepanowna — sagte Katja — vor denselben Leuten haben Sie gesagt, ich sei Ihnen niemals ebenbürtig gewesen.
Ich habe nur geantwortet.
— Ich meinte nicht das, was du gedacht hast.
— Was haben Sie denn gemeint?
Die Schwiegermutter schwieg.
Es war eine ungewohnte Frage für sie — direkt und ohne Ausweg.
Sie war es gewohnt, dass die Menschen sich nach ihren Worten entweder rechtfertigten oder schwiegen.
Katja tat weder das eine noch das andere.
— Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn — sagte Galina Stepanowna schließlich, und in ihrer Stimme lag etwas beinahe Echtes.
— Er ist mein einziges Kind.
Ich möchte, dass es ihm gut geht.
— Das möchte ich auch — sagte Katja.
— Genau deshalb verdiene ich Geld.
Und genau deshalb bitte ich Sie, nicht unangemeldet zu kommen, in unserer Küche nichts umzustellen und nicht zu kommentieren, wie ich unseren Haushalt führe.
Das ist unser Zuhause.
Maxims und meines.
Galina Stepanowna sah sie lange an.
In ihren Augen geschah etwas Kompliziertes und Vielschichtiges, wie immer bei Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Nein von jemandem hören, den sie lange für schwach gehalten haben.
— Du hast dich verändert — sagte sie schließlich.
— Nein — antwortete Katja.
— Sie haben nur angefangen, mir zuzuhören.
Der erste Arbeitstag im Coworking-Space war eine Woche später.
Katja kam um neun Uhr und fand ihren Platz am Fenster — einen langen Holztisch, einen bequemen Stuhl und eine Steckdose in der Nähe.
Sie holte ihr Tablet, ihre Stifte und ihr Notizbuch heraus.
An den benachbarten Tischen arbeiteten fremde Menschen — einige mit Kopfhörern, andere telefonierten leise.
Niemand fragte sie, ob sie richtig saß.
Sie öffnete die erste Datei — die Skizze für das erste Buch der Reihe — und begann zu zeichnen.
Die Figur war ein etwa siebenjähriges Mädchen mit roten Haaren, großen Knien und einem ernsten Blick.
Katja zeichnete sie lange und in mehreren Varianten, bis die Neigung des Kopfes stimmte — ein wenig trotzig, ein wenig überrascht.
Lebendig.
Um halb zwölf rief Maxim an.
— Wie ist es dort? — fragte er.
Seine Stimme klang anders — vorsichtig, ungewöhnlich leise.
— Gut — sagte Katja.
— Ich arbeite.
— Ich… — Er schwieg einen Moment.
— Ich habe nachgedacht.
Über das, was du gesagt hast.
Über Mama und über alles.
— Und?
— Wahrscheinlich hätte ich…
Früher. — Er beendete den Satz nicht, aber sie verstand.
Katja sah auf den Bildschirm des Tablets — auf das rothaarige Mädchen mit den ernsten Augen.
— Maxim, ich bin froh, dass du darüber nachdenkst.
Wirklich.
Aber ich muss jetzt arbeiten.
Reden wir heute Abend?
— Ja — sagte er.
— Wir reden dann.
Sie legte das Telefon beiseite.
Vor den Fenstern des Coworking-Space rauschte die breite Straße — eine Straßenbahn, Stimmen, Musik aus einem offenen Fenster gegenüber.
Eine gewöhnliche Stadt, ein gewöhnlicher Tag.
Niemand dort wusste, dass sie drei Wochen zuvor Angst gehabt hatte, die erste E-Mail an den Verlag zu schicken.
Niemand wusste, dass sie ein Jahr zuvor ernsthaft darüber nachgedacht hatte, alles aufzugeben — das Zeichnen, die Ideen, die zaghaften Hoffnungen — weil immer jemand in ihrer Nähe gewesen war, der erklären konnte, warum nichts funktionieren würde.
Jetzt funktionierte es.
Katja nahm den Stift und kehrte zu dem rothaarigen Mädchen zurück.
Sie musste noch die Hände fertigzeichnen — klein, trotzig und zu Fäusten geballt.
Die Hände eines Menschen, der seine Entscheidung bereits getroffen hat.
Eines Menschen, der nicht weitergeht, weil er keine Angst hat, sondern weil er muss.
Sie zeichnete und dachte, dass sie vielleicht eines Tages darüber schreiben würde.
Nicht mit Bildern.
Mit Worten.
Darüber, wie es ist, wenn man lange schweigt und dann seine Stimme findet.
Und feststellt, dass sie schon immer da war.
Nur hatte niemand zugehört.
Doch jetzt würden sie zuhören.
Das Buch erschien im Oktober.
Katja sah es zufällig in einer Buchhandlung.
Sie war hineingegangen, um ein Skizzenbuch zu kaufen, drehte sich um und da stand es: das vertraute Cover, das rothaarige Mädchen mit den ernsten Augen und den zu Fäusten geballten Händen.
Sie stand drei Minuten lang da und sah es an.
Ein Verkäufer fragte, ob sie Hilfe brauche.
Sie sagte: Nein, danke.
Ich schaue nur.
Sie kaufte zwei Exemplare.
Eines für sich selbst.
Das andere für Tante Rosa, die noch am selben Abend anrief und am Telefon weinte, obwohl sie behauptete, nicht zu weinen.
Maxim nahm das Buch aus dem Regal, blätterte schweigend darin, stellte es zurück und sagte: „Gut gemacht.“
Leise und ohne große Worte.
Katja dachte, dass das vielleicht fürs Erste genügte.
Vielleicht lernte auch er.
Langsam und auf seine Weise, aber er lernte.
Sie wusste nicht, wie alles enden würde — ihre Geschichte wurde noch immer geschrieben, und sie hatte aufgehört, das Ende im Voraus erraten zu wollen.
Galina Stepanowna rief im November an.
Ihre Stimme klang wie immer — ein wenig leiser als früher, aber ohne neue Untertöne.
— Ich habe deine Zeichnungen in der Buchhandlung gesehen — sagte sie.
— Ja — antwortete Katja.
Es folgte eine Pause.
— Du hast das Mädchen schön gezeichnet.
Katja sah durch das Fenster des Coworking-Space auf die kahlen Novemberzweige.
— Danke, Galina Stepanowna.
Sie schwiegen noch eine Weile und verabschiedeten sich dann.
Sie hatten sich nicht versöhnt.
Nein.
Aber etwas hatte sich ein wenig bewegt, wie ein schweres Möbelstück, das lange niemand angerührt hatte — knarrend, mühsam und ohne jede Garantie.
Katja legte das Telefon beiseite und öffnete eine neue Datei.
Das zweite Buch.
Dasselbe Mädchen — nun ein Jahr älter und um eine erlebte Jahreszeit reicher.
Katja sah auf den leeren Bildschirm und dachte, dass das Leben wahrscheinlich genau so funktioniert.
Nicht als eine einzige Wendung, nach der plötzlich alles anders wird.
Sondern als leise und beharrliche Bewegung nach vorn, Tag für Tag, Zeichnung für Zeichnung.
Sie nahm den Stift.
Draußen vor dem Fenster fiel Schnee.







