— Ihr Sohn ist zu einer Jüngeren gegangen?

Dann laufen Sie doch zu ihr, wenn Sie Geld brauchen! — unterbrach Nadja den Besuch ihrer ehemaligen Schwiegermutter mitten im Satz.

Der Abend versprach ruhig zu werden.

Vor dem Fenster nieselte feiner Oktoberregen und trommelte auf das Blech der Fensterbank.

In der Wohnung roch es nach gebratenem Hähnchen und frischem Brot.

Nadja saß mit ihrer siebenjährigen Tochter am Tisch und kontrollierte deren Mathehausaufgaben.

Alisa schrieb sorgfältig die Zahlen ins Heft und runzelte manchmal lustig die Stirn, ganz wie ihr Vater.

Nadja ertappte sich bei diesem Gedanken und verscheuchte ihn sofort.

Sie wollte sich nicht erinnern.

Es klingelte scharf und fordernd an der Tür.

Nicht nur einmal, sondern mit einem langen, hartnäckigen Läuten, bei dem sich Nadja aus irgendeinem Grund sofort der Magen zusammenzog.

Sie sah durch den Türspion und erstarrte.

Auf der Schwelle stand Antonina Petrowna.

Ihre ehemalige Schwiegermutter.

In den Händen hielt die Frau eine große lackierte Tasche und einen Regenschirm, den sie nicht einmal im Treppenhaus zu schließen geruht hatte, sodass nasse Spuren auf dem Betonboden zurückblieben.

Nadja zögerte eine Sekunde, öffnete dann aber doch.

Einfach aus Neugier.

Welcher Teufel hatte diese Dame ein halbes Jahr nach der Scheidung in ihr Haus geführt?

Antonina Petrowna schwebte in den Flur, als wäre sie die Hausherrin.

Von ihr ging der Geruch teuren Parfüms mit einer bitteren Note und von Feuchtigkeit aus.

Sie ließ den Blick kurz durch den Korridor gleiten, blieb an den Kinderstiefelchen hängen und sagte mit zusammengepressten Lippen:

— Nun, guten Tag, Nadeschda.

Du hast mich wohl nicht erwartet.

— Nein, habe ich nicht, — antwortete Nadja trocken, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

— Ist etwas passiert?

Antonina Petrowna seufzte schwer, als wollte sie eine tragische Nachricht verkünden, und ging ohne Einladung ins Wohnzimmer.

Sie stellte die Tasche auf den Boden und setzte sich aufs Sofa, wobei sie ihren Rock zurechtrückte.

Alisa hob den Kopf vom Heft und sah die Großmutter überrascht an.

In einem halben Jahr hatte diese kein einziges Mal angerufen.

— Alisa, mein Schatz, geh bitte in dein Zimmer, — bat Nadja und bemühte sich, ruhig zu sprechen.

— Oma und ich müssen reden.

Das Mädchen sammelte gehorsam seine Hefte ein und ging, wobei es die Tür fest hinter sich schloss.

Antonina Petrowna sah ihr nach und legte, ohne Zeit mit langen Vorreden zu verschwenden, einen Stapel irgendwelcher Papiere auf den Tisch.

— Ich bin in einer Angelegenheit zu dir gekommen, Nadjuscha, — begann sie fast liebevoll.

— Verzeih, dass ich ohne Anruf gekommen bin.

Die Situation ist so, dass man es nicht länger ertragen kann.

Nadja schwieg und wartete auf die Fortsetzung.

— Unser Wadik ist in eine schwierige Lage geraten.

Das Geld reicht nicht.

Kristina, du weißt ja, ist ein junges Mädchen, sie hat ihre Ansprüche.

Mal will sie dies, mal das.

Sie mieten eine gute Wohnung.

Außerdem hängt Wadim noch ein Kredit aus eurer Zeit am Hals.

Das Auto muss bezahlt werden.

Kurz gesagt, diesen Monat wird er keinen Unterhalt überweisen können.

Versetz dich doch in seine Lage.

Nadja blinzelte.

Dann fragte sie langsam:

— Was?

Antonina Petrowna verdrehte die Augen, als spräche sie mit einem begriffsstutzigen Kind.

— Was heißt hier gleich „was“?

Du bist doch nicht taub.

Ich sage, diesen Monat wird es keinen Unterhalt geben.

Wadik hat eine schwierige Phase.

Kristina braucht einen Pelzmantel.

Der Winter kommt bald.

Und überhaupt lebt mein Junge mit einer jungen Frau zusammen und baut eine neue Familie auf.

Sie brauchen es jetzt dringender.

Du bist doch eine erwachsene, selbstständige Frau.

Du verdienst Geld.

Du wirst einen Monat irgendwie ohne seine Almosen überleben.

In Nadja brach etwas ab und kochte sofort in einer heißen Welle hoch.

Sie sah diese ältere Frau mit der ordentlichen Frisur und den goldenen Ohrringen an und konnte ihren Ohren nicht trauen.

Wadim war zu seiner Geliebten gegangen.

Er hatte sie mit einem Kind zurückgelassen.

Seit einem halben Jahr zog sie Tochter, Arbeit und Haushalt allein.

Und nun kam seine Mutter, die ihr nicht ein einziges Mal mit einem Kopeken oder einem guten Wort geholfen hatte, und bat sie, auf den Unterhalt zu verzichten, damit die neue Ehefrau einen Pelzmantel bekam?

— Antonina Petrowna, hören Sie sich eigentlich selbst? — Nadjas Stimme klang dumpf, doch darin vibrierte bereits Stahl.

— Ihr Sohn ist zu einer Jüngeren gegangen?

Dann laufen Sie doch zu ihr, wenn Sie Geld brauchen.

Zu mir brauchen Sie nicht zu kommen.

Die Schwiegermutter lief rot an.

Die gewohnte Maske der Freundlichkeit fiel augenblicklich von ihr ab.

Sie beugte sich nach vorn und spuckte fast:

— Was erlaubst du dir?

Ich bin übrigens zu ihr gekommen wie zu einer Verwandten.

Ich dachte, sie würde verstehen, Mitleid haben.

Und du!

Du warst schon immer hartherzig, Nadeschda.

Wadik hat richtig daran getan, dich zu verlassen.

Mit dir kann man ja unmöglich reden.

Schlange!

— Haben Sie alles gesagt? — Nadja nickte zur Tür.

— Dann gehen Sie.

Und nehmen Sie Ihre Papiere mit.

Antonina Petrowna sprang vom Sofa auf, griff nach ihrer Tasche und stürmte mit Getöse in den Flur.

An der Tür drehte sie sich um und schleuderte ihr entgegen:

— Du wirst es bereuen!

Glaubst du, ich wüsste nicht, wie ich dir beikomme?

Du wirst noch weinen, Mädchen!

Der Türknall klang wie ein Schuss.

Nadja lehnte sich an die Wand und schloss die Augen.

Ihr Herz hämmerte irgendwo im Hals.

Leise kam Alisa aus dem Zimmer.

Sie fragte nichts.

Sie umarmte ihre Mutter einfach um die Taille und schmiegte die Wange an sie.

Nadja strich ihr über den Kopf und flüsterte:

— Hab keine Angst, Häschen.

Wir schaffen das.

In der Nacht konnte Nadja lange nicht einschlafen.

Sie lag im Dunkeln und erinnerte sich.

Sieben Jahre Familienleben, die Antonina Petrowna methodisch und konsequent in einen Albtraum verwandelt hatte.

In den ersten Jahren war alles mehr oder weniger erträglich gewesen.

Die Schwiegermutter tauchte oft bei ihnen zu Hause auf, kündigte ihre Besuche aber wenigstens an.

Dann begannen die Anrufe bei Wadim mit der Forderung, über Einkäufe Rechenschaft abzulegen.

Antonina Petrowna verlangte Fotos von Kassenbons.

Sie musste wissen, wofür Nadja das Geld ihres Sohnes ausgab.

— Sie nimmt dich aus, — zischte die Schwiegermutter ins Telefon, und Wadim nickte gehorsam, wobei er vergaß, dass Nadja genauso arbeitete wie er und nicht weniger zum Familienbudget beitrug.

Als Alisa geboren wurde, wurde es nur noch schlimmer.

Antonina Petrowna kritisierte alles: die Art des Fütterns, die Windeln, die Farbe des Kinderwagens, den Namen des Kindes.

Sie verlangte, das Mädchen Antonina zu nennen.

Damals zeigte Nadja zum ersten Mal Charakter und blieb hart.

Den Namen hatten sie zusammen mit Wadim ausgesucht.

Damals konnte er noch selbstständige Entscheidungen treffen.

Die Schwiegermutter verzieh ihr das nicht.

Sie begann methodisch, den Sohn gegen seine Frau aufzuhetzen.

— Sieh sie dir an.

Nach der Geburt hat sie sich gehen lassen.

Läuft in einem alten Morgenmantel herum.

Was hast du nur an ihr gefunden?

Früher war sie wenigstens noch ganz passabel.

— Warum sitzt sie zu Hause?

In Elternzeit?

Als wäre das Arbeit.

Du schuftest wie ein Verdammter, und sie lackiert sich die Nägel.

— Sie betrügt dich.

Gestern habe ich gesehen, wie sie vor dem Hauseingang mit irgendeinem Mann gesprochen und gelächelt hat.

Sie betrügt dich ganz sicher.

Von diesen Gesprächen erfuhr Nadja zufällig.

Wadim rastete aus, schrie, und später, wenn er sich beruhigt hatte, erzählte er ihr die Enthüllungen seiner Mutter nach.

Er glaubte selbst daran.

Antonina Petrowna verstand sich meisterhaft auf Gehirnwäsche.

Die endgültige Wendung kam im April.

Wadim kam spät nach Hause und roch nach fremdem Parfüm.

Nadja schwieg.

Eine Woche später sagte er es direkt:

— Ich habe eine andere kennengelernt.

Kristina.

Wir lieben uns.

Ich reiche die Scheidung ein.

Nadja war damals sprachlos.

Sie stand einfach in der Küche und starrte auf einen Punkt.

Wadim trat von einem Fuß auf den anderen und fügte hinzu:

— Mama sagt, wir müssen uns zivilisiert trennen.

Ohne Skandale.

Du wirst meinem Glück doch nicht im Weg stehen?

Zumal du selbst schuld bist.

Du konntest die Familie nicht bewahren.

So also.

Sie hatte die Familie nicht bewahren können.

Einen Monat später waren sie bereits geschieden.

Das Vermögen teilten sie gerecht auf: ihm das neue Leben, ihr die alte Wohnung und die Tochter.

Am Morgen nach dem Besuch der ehemaligen Schwiegermutter rief Nadja die einzige Person an, der sie vertraute.

Veronika, eine Studienfreundin, arbeitete als Anwältin für Familienrecht.

Sie trafen sich in einem kleinen Café nicht weit von Veronikas Büro.

Veronika hörte zu, rührte in ihrem Cappuccino, und ihre Augenbrauen wanderten mit jeder Minute höher.

Als Nadja fertig war und Luft holte, pfiff die Freundin leise.

— Was für ein Zirkus.

In zehn Jahren Praxis habe ich vieles gehört, aber dass eine Schwiegermutter kommt und darum bittet, keinen Kindesunterhalt zu zahlen, damit die Geliebte einen Pelzmantel bekommt… das ist ein neues Genre.

Kunst.

— Was soll ich tun? — fragte Nadja leise.

— Ich will keine Demütigungen mehr.

Sie hat mir gedroht.

Sie sagte, sie werde schon ein Mittel gegen mich finden.

Veronika schob die Tasse beiseite und sah ihre Freundin ernst an.

— Merk dir eine einfache Sache.

Antonina Petrowna ist für dich eine Null.

Eine juristische Null ohne Strich.

Sie hat keinerlei Rechte, etwas zu fordern, keinerlei Grundlage für Ansprüche.

Den Unterhalt muss dein Ex-Mann zahlen.

Und nur er.

Wenn er nicht zahlt, ist das seine Schuld, nicht dein Problem.

Du bist hier die geschädigte Seite.

Das Kind hat Anspruch auf Unterhalt von beiden Elternteilen.

Punkt.

— Und wenn er wirklich nicht zahlt?

Veronika lächelte schief.

— Es gibt mehrere Szenarien.

Erstens die Gerichtsvollzieher.

Du eröffnest ein Vollstreckungsverfahren, und sie sperren seine Konten.

Alle.

Bis auf den letzten Kopeken.

Zweitens Verzugsstrafe.

Für jeden Tag Verspätung wird eine Strafe berechnet.

In einem halben Jahr kann die Schuld um ein Vielfaches anwachsen.

Drittens administrative Verantwortung.

Viertens strafrechtliche Verantwortung.

Wenn er sich böswillig entzieht, kann man ihn nach Artikel 157 des Strafgesetzbuches zur Verantwortung ziehen.

Da gibt es Pflichtarbeit und Arrest bis zu drei Monaten.

— Strafrechtlich? — Nadja schüttelte ungläubig den Kopf.

— Ist das realistisch?

— Absolut.

Ich hatte im letzten Jahr drei solche Fälle.

Alle drei liefen schneller zum Geldautomaten, als ich meinen Morgenkaffee austrinken konnte.

Niemand will eine Vorstrafe.

Besonders solche wie dein Wadim.

Muttersöhnchen in Handschellen sehen besonders erbärmlich aus.

Nadja dachte nach.

Vor ihren Augen stand wieder die gestrige Szene: die Schwiegermutter mit der Tasche, die Papiere auf dem Tisch, der fordernde Ton.

Und die letzten Worte: „Du wirst es bereuen.“

— Ich glaube, sie plant etwas, — sagte Nadja.

— Sie ist nicht einfach so gekommen.

Sie hat den Boden geprüft.

Sie wollte meine Reaktion testen.

— Gut möglich, — nickte Veronika.

— Deshalb rate ich dir, ihnen zuvorzukommen.

Warte nicht, bis sie sich die nächste Gemeinheit ausdenken.

Geh in die Offensive.

Prüfe zuerst, woher Wadim das Geld für sein neues Leben hat.

Wenn er Miete zahlt, Pelzmäntel kauft und Auto fährt, bedeutet das, dass er Einkommen hat.

Und höchstwahrscheinlich versteckt er es.

— Wie kann man das überprüfen?

— Dabei helfe ich dir.

Ich kenne einen Anwalt.

Arkadij Wiktorowitsch.

Ein Spezialist für Scheidungsverfahren.

Solche Fälle knackt er wie Sonnenblumenkerne.

Vereinbare einen Beratungstermin bei ihm.

Du verlierst eine Stunde, wirst aber deine wirklichen Möglichkeiten kennen.

Nadja schrieb die Telefonnummer und die Adresse auf.

Als sie das Café verließ, hatte sich das Wetter schon aufgeklart.

Die Wolken hatten sich verzogen, und durch sie brach eine zaghafte Oktobersonne.

Plötzlich verspürte sie eine seltsame Leichtigkeit.

Zum ersten Mal seit Langem hörte die Situation auf, hoffnungslos zu wirken.

Sie hatte Halt.

Wissen.

Einen Plan.

Zwei Tage später saß sie im geräumigen Büro des Anwalts.

Arkadij Wiktorowitsch erwies sich als hagerer älterer Mann mit einer Brille in dünner Goldfassung.

Er sprach knapp, aber jedes seiner Worte traf genau ins Ziel.

Nadja legte alle Unterlagen vor ihn: den Gerichtsbeschluss über die Unterhaltszahlung, ihre Berechnungen, den Schriftwechsel mit dem Ex-Mann, in dem er zum hundertsten Mal versprach, „nächste Woche zu zahlen“.

Der Anwalt sah die Papiere durch, notierte etwas in seinem Block und sagte:

— Das Bild ist klar.

Rückstand für drei Monate.

Die Hauptschuld beträgt ungefähr zweihundertvierzigtausend Rubel.

Plus Verzugsstrafe.

Wenn man alles korrekt berechnet, lässt sich gerichtlich eine Summe eintreiben, die sich einer halben Million nähert.

— Er hat kein solches Geld.

Offiziell verdient er Kleingeld.

— Offiziell ja, — der Anwalt rückte seine Brille zurecht und erlaubte sich zum ersten Mal ein leichtes Lächeln.

— Und inoffiziell?

Wir werden Anfragen stellen.

Wir werden die Kontobewegungen prüfen.

Selbst wenn er Schwarzlohn bekommt, bleiben immer Spuren.

Wohnungsmiete kostet Geld.

Kreditkarten, Einkäufe in Geschäften, Zahlungen fürs Auto.

Wenn die Ausgaben das deklarierte Einkommen erheblich übersteigen, nennt man das ungerechtfertigte Bereicherung.

Gerichte mögen solche Dinge überhaupt nicht.

Dann tauchen Fragen der Steuerinspektion auf.

Und dort beginnen bereits ganz andere Probleme.

Nicht nur familiäre, sondern auch administrative.

— Und was soll ich jetzt sofort tun?

— Jetzt beobachten.

Sagen Sie vorerst niemandem etwas.

Lassen Sie Ihren Ex-Mann und seine Mutter glauben, dass Sie aufgegeben und die Beleidigung geschluckt haben.

Und wir sammeln still Beweise.

Wir fordern Auszüge an.

Wir sehen uns an, wer dieses Mädchen Kristina ist und wovon sie lebt.

Nadja nickte.

Dieser Rat stimmte völlig mit dem überein, was Veronika gesagt hatte.

Keine Eile.

Kalte Berechnung.

Als sie den Anwalt verließ, spürte sie einen ungekannten Anflug von Entschlossenheit.

Zu Hause warteten Alisa, Hausaufgaben und alltägliche Sorgen auf sie.

Aber nun war in die gewohnte Routine ein neuer Faden eingewoben.

Dünn, aber fest wie eine Stahlsaite.

Das Warten auf Vergeltung.

Die nächsten zwei Wochen vergingen mit dem Sammeln von Informationen.

Nadja ging vorsichtig vor und bemühte sich, ihre Absichten durch nichts zu verraten.

Vadim rief sie nur einmal an und teilte ihr in trockenem Ton mit, dass es vorerst kein Geld gebe, aber bald ganz sicher welches kommen werde.

Sie stritt nicht, und das schien ihn zu beruhigen.

Auch Antonina Petrowna tauchte nicht auf.

Wahrscheinlich berichtete sie ihrem Sohn von ihrer erfolglosen Mission und wartete darauf, dass die Schwiegertochter hysterisch wurde.

Nadja schwieg, und dieses Schweigen ähnelte trügerisch einer Kapitulation.

Inzwischen half Veronika über ihre Kanäle, die ersten Informationen zu beschaffen.

Am Abend, als Alisa schon schlief, schickte die Freundin eine Nachricht mit der Bitte, dringend anzurufen.

Nadja wählte die Nummer.

— Sitzt du? — Veronikas Stimme klang aufgeregt.

— Ich habe etwas Interessantes gefunden.

— Sprich.

— Erinnerst du dich, dass du erzählt hast, Kristina habe mit einer neuen Stelle geprahlt?

Dass sie angeblich als Marketingfrau in einer Firma in der Hauptstadt angefangen habe?

— Ja, so war es.

Vadim sagte, sie verdiene viel.

— Nun.

Sie ist überhaupt keine Marketingfrau.

Sie arbeitet seit März überhaupt nicht.

Sie hat ihre letzte Stelle gekündigt.

Offiziell ist sie nirgendwo beschäftigt.

Dafür hat sie in den letzten sechs Monaten ein Auto gekauft.

Gebraucht, aber trotzdem nicht kostenlos.

Und Achtung, im August ist sie mit Freundinnen ins Ausland geflogen.

Für eine Woche.

Nach den Fotos in den sozialen Netzwerken zu urteilen, die sie nicht für nötig hält zu verstecken, hat sie sich dort ziemlich gut erholt.

Nadja sank langsam auf einen Stuhl.

In ihrem Kopf klickten Zahlen.

Ihre Tochter bat um neue Stiefel für den Winter, und sie zählte jeden Kopeken.

Ihr Ex-Mann schenkte seiner Geliebten Auslandsreisen.

— Woher kommt das Geld? — flüsterte sie.

— Genau da wird es interessant.

Ich habe ein paar Verbindungen spielen lassen.

Ich werde nicht ins Detail gehen, aber es ist gelungen herauszufinden, dass Vadim vor einem halben Jahr die Arbeit gewechselt hat.

Er hat bei einer Speditionsfirma eines entfernten Verwandten angefangen.

Offiziell für den Mindestlohn.

Tatsächlich bekommt er im Umschlag sehr ordentliche Summen.

Daher kommen die Miete in einer guten Gegend, die Reisen und die Pelzmäntel.

— Er hat ein anderes Gehalt und verheimlicht es dem Gericht, — sagte Nadja langsam, mehr zu sich selbst als zu ihrer Freundin.

— Genau.

Und das ist ein schwerwiegender Verstoß.

Verschleierung von Einkünften mit dem Ziel, sich der Unterhaltszahlung zu entziehen.

Da zeichnet sich bereits strafrechtliche Verantwortung ab, wenn man die Anzeige korrekt einreicht.

Arkadij Wiktorowitsch wird begeistert sein.

Solche Fälle liebt er.

Nadja verabschiedete sich und legte das Telefon auf den Tisch.

In der Wohnung war es still.

Nur der Kühlschrank summte leise in der Küche, und irgendwo hinter der Wand sahen die Nachbarn fern.

Sie saß im Dunkeln und sah auf die Straßenlaterne vor dem Fenster.

Das gelbe Licht verschwamm auf der nassen Scheibe.

In ihr kehrte sich etwas um.

Keine Wut.

Nein.

Eine kalte, grimmige Entschlossenheit.

Sie war nicht mehr das Opfer.

Sie war die Jägerin.

Am nächsten Tag traf Nadja den Anwalt erneut.

Auf dem Tisch vor Arkadij Wiktorowitsch lagen ausgedruckte Fotos aus Kristinas sozialem Netzwerk: Strand, Pool, ein lächelndes Mädchen mit einem Glas in der Hand.

Daneben lagen Screenshots von Verkaufsanzeigen für das Auto, die mit dem Account der Geliebten ihres Ex-Mannes verbunden waren.

Und Kontoauszüge, die Veronika durch irgendein Wunder hatte beschaffen können.

— Das reicht, — sagte der Anwalt kurz.

— Wir reichen Klage ein.

Unterhaltsrückstand, Verzugsstrafe, plus Antrag auf Feststellung der tatsächlichen Einkommenshöhe.

Ich bereite den Antrag in drei Tagen vor.

Die Verhandlung wird frühestens in einem Monat angesetzt, damit der Beklagte weniger Zeit zur Vorbereitung hat.

Und separat rate ich, eine Anzeige bei der Steuerinspektion einzureichen.

Sollen sie prüfen, woher ein arbeitsloses Mädchen Geld für teure Spielzeuge hat.

— Und werden sie prüfen?

— Sie sind verpflichtet dazu.

Eine anonyme Meldung, aber mit beigefügten Beweisen.

Begründet.

Solche Dinge bleiben selten unbeachtet.

Besonders jetzt, da die Kontrolle bei Steuerhinterziehung verschärft wurde.

Nadja unterschrieb die Unterlagen, die Vollmacht und ging hinaus auf die Straße.

Es war November.

Ein kalter Wind trieb welke Blätter über den Gehweg.

Sie stellte den Kragen ihres Mantels hoch und ging langsam zur Metro.

In ihrer Tasche lag eine Mappe mit Kopien der Klage.

Dort lag auch ein USB-Stick mit Fotos von Kristina.

Aufnahmen aus dem Urlaub, auf denen das Mädchen vor dem Ozean posierte, während im Hintergrund eine Männerhand zu sehen war.

Die Hand ihres Ex-Mannes, der „keinen Unterhalt zahlen konnte“, weil er angeblich kein Geld hatte.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie Alisa im vergangenen Jahr an Grippe erkrankt war.

Das Fieber war fast auf vierzig gestiegen, und sie hatten den Krankenwagen rufen müssen.

Vadim war damals auf Geschäftsreise und rief nicht einmal zurück.

Nadja verbrachte die Nacht im Krankenhaus und drückte ihre heiße, fiebernde Tochter an sich.

Und er arbeitete zu dieser Zeit, wie sich später herausstellte, überhaupt nicht.

Er erholte sich mit Kristina in einer Pension außerhalb der Stadt.

Die Schwiegermutter hatte Nadja später sogar noch vorgeworfen: „Du kannst dein Kind nicht schützen und nennst dich Mutter.“

Diese Erinnerungen taten nicht mehr weh.

Sie zementierten nur noch fester ihre Entschlossenheit.

Sie würde diesen Menschen nicht länger erlauben, ihr Leben mit Füßen zu treten.

Die Klage wurde angenommen.

Der Termin für die Verhandlung wurde festgelegt.

Vadim erfuhr eine Woche vor der Anhörung vom Gericht.

Wahrscheinlich hatte er die Ladung erhalten.

Nadja erwartete den Anruf.

Und er kam.

Am Abend, als sie Alisa ins Bett brachte, vibrierte das Telefon auf dem Nachttisch.

Sie ging in den Flur und hielt den Hörer ans Ohr.

— Nadja, was machst du da? — Vadims Stimme zitterte vor Empörung.

— Bist du völlig verrückt geworden?

Warum hast du Klage eingereicht?

— Weil du keinen Unterhalt zahlst, — antwortete sie ruhig.

— Ich habe es doch erklärt!

Ich habe vorübergehende Schwierigkeiten.

Einen Monat.

Nur einen Monat.

Ist es wirklich so schwer zu warten?

— Ich habe nicht deine Schwierigkeiten.

Ich habe deine Tochter, die Essen, Kleidung und Medikamente braucht.

Deine Mutter ist zu mir nach Hause gekommen und hat mich gebeten, dich von deinen Pflichten zu entbinden, damit deine neue Frau einen Pelzmantel bekommt.

Hältst du das für normal?

In der Leitung entstand eine Pause.

Offenbar hatte Antonina Petrowna ihrem Sohn die Einzelheiten ihres Besuchs nicht berichtet.

— Mama hat das nicht so gemeint.

Du verdrehst alles, wie immer!

Du verdrehst immer alles.

Mit dir kann man nicht reden.

— Vadim, bis zum Gericht bleibt eine Woche.

Mein Anwalt hat die Unterlagen vorbereitet.

Deine Einkünfte, deine Ausgaben, Kristinas Reisen, das Auto, der Urlaub im Ausland.

All das wird dem Gericht vorgelegt.

Wenn du die Sache friedlich lösen willst, begleich die Schuld vollständig.

Mit Verzugsstrafe.

Vor der Verhandlung.

— Drohst du mir? — Er schrie fast.

— Du, die unsere Ehe zerstört hat, versuchst jetzt, meine neue Familie zu zerstören?

Bist du neidisch?

Neidisch, weil ich glücklich bin und du allein in deinem Loch sitzt?

Denkst du, du wirst glücklicher, wenn du mir schadest?

Wirst du nicht!

— Vor dem Gericht, — wiederholte Nadja und legte auf.

Ihre Hände zitterten.

Aber in ihrer Seele war es ruhig.

Sie hatte alles richtig gemacht.

Jetzt hatte das Gesetz das Wort.

Die Gerichtsverhandlung fand am Mittwoch um zwei Uhr nachmittags statt.

Der Saal war klein, stickig und irgendwie heruntergekommen.

Hohe Fenster, Holzbänke, blassgrüne Wände.

Nadja kam fünfzehn Minuten vor Beginn zusammen mit Arkadij Wiktorowitsch.

Der Anwalt wirkte unerschütterlich, blätterte in irgendwelchen Papieren und gab nebenbei letzte Anweisungen:

— Sprechen Sie nur, wenn man Sie fragt.

Lassen Sie sich nicht provozieren.

Wenn die Schwiegermutter oder der Beklagte grob werden, schweigen Sie.

Ich werde für Sie sprechen.

Vadim erschien eine Minute später.

Neben ihm ging Antonina Petrowna und hielt ihn untergehakt.

Auch Kristina geruhte zu erscheinen.

Sie hatte sich herausgeputzt wie zu einem Festessen: kurzes Kleid, hohe Absätze, auffälliges Make-up.

Die Schwiegermutter musterte Nadja von Kopf bis Fuß, zischte etwas zwischen den Zähnen und setzte sich demonstrativ auf eine Bank am hinteren Ende des Saals.

Die Schriftführerin verkündete die Besetzung des Gerichts.

Die Richterin, eine Frau um die fünfundvierzig mit müdem Gesicht und scharfem Blick, nahm ihren Platz ein.

Die Verhandlung begann.

Zuerst sprach Nadjas Anwalt.

Er sprach leise, aber jedes Wort klang gewichtig.

Er legte die Fakten dar.

Die Summe der Hauptschuld.

Die Fristen.

Die Verzugsstrafe.

Die Berechnung der Strafe.

Dann ging er zu den Beweisen für die Verschleierung von Einkommen über.

Auszüge.

Fotos aus sozialen Netzwerken.

Kopien von Verkaufsanzeigen für das Auto, die mit dem Account der neuen Ehefrau des Beklagten verbunden waren.

Nachweise über Auslandsreisen.

Die Richterin runzelte die Stirn, während sie die Dokumente studierte.

Dann erhob sich Vadim.

Sein Anwalt, ein junger und offensichtlich unerfahrener Kerl, versuchte darauf zu pochen, dass die Einkünfte des Beklagten nicht belegt seien, dass das Auto mit dem Geld von Kristinas Eltern gekauft worden sei und dass die Reise ein Geschenk einer Freundin gewesen sei.

Doch jedes seiner Argumente zerbrach an Gegenfragen.

Die Richterin fragte:

— Belegen Sie bitte dokumentarisch die Herkunft der Mittel für den Kauf des Autos.

Gibt es einen Schenkungsvertrag?

Quittungen?

Vadims Anwalt geriet ins Stocken.

Quittungen gab es nicht.

— Die Angaben zu den Einkünften des Beklagten, — fuhr die Richterin fort und blätterte in den Papieren, — zeigen, dass sein offizielles Gehalt fast viermal niedriger ist als seine monatlichen Ausgaben.

Wie erklären Sie das?

— Der Beklagte nutzt Ersparnisse. — Die Stimme des Anwalts klang unsicher.

— Ersparnisse, die auf keinem Konto ausgewiesen sind, — konterte Arkadij Wiktorowitsch.

— Ich beantrage, eine Bankbescheinigung über das Nichtvorhandensein von Einlagen zu den Akten zu nehmen.

Die Richterin nickte zustimmend.

Der letzte Tropfen war der Auftritt von Antonina Petrowna.

Sie bat um das Wort, und die Richterin erlaubte es nach kurzem Zögern.

— Euer Ehren, — begann die Schwiegermutter mit süßer, salbungsvoller Stimme, — diese Frau hat meinen Sohn zugrunde gerichtet.

Sie war immer gierig und rachsüchtig.

Sie will nur Geld.

Sie lässt ihn nicht einmal das Kind sehen!

Und der Junge möchte nur ein neues Leben aufbauen.

Er ist jung, schön.

Er braucht Freiheit.

Und diese da, — sie winkte mit der Hand in Nadjas Richtung, — saugt ihn aus.

Ich bitte Sie, versetzen Sie sich in seine Lage.

Die Richterin nahm die Brille ab und sah Antonina Petrowna lange und schwer an.

— Sehr geehrte Frau, sind Sie fertig?

Das Gericht verhandelt einen Fall der Umgehung von Unterhaltszahlungen.

Ihre Meinung über die persönlichen Eigenschaften der Klägerin hat keinen Bezug zum Gegenstand des Verfahrens.

Setzen Sie sich bitte.

Antonina Petrowna lief purpurrot an und wollte etwas erwidern, doch ihr Anwalt flüsterte ihr etwas ins Ohr, und sie ließ sich mit zusammengepressten Lippen auf die Bank sinken.

Kristina saß bleich und wütend da.

Sie hatte offenbar nicht mit einer solchen Wendung gerechnet.

Die Richterin verkündete eine kurze Pause und verlas dann die Entscheidung.

— Den Klageforderungen wird teilweise stattgegeben.

Vom Beklagten wird der Unterhaltsrückstand in voller Höhe eingezogen, ebenso die Verzugsstrafe für jeden Tag der Verspätung.

Der Gesamtbetrag der Zahlung beläuft sich auf vierhundertsiebenundachtzigtausend Rubel.

Außerdem verpflichtet das Gericht den Beklagten, wahrheitsgemäße Angaben zu seinen Einkünften vorzulegen, und leitet die Akten des Falls an die Steuerinspektion weiter, um die Tatsachen der Einkommensverschleierung zu prüfen.

Vadim fiel die Kinnlade herunter.

Er stand da und konnte seinen Ohren nicht trauen.

Kristina packte ihn am Ärmel und zischte:

— Was für vierhundertachtzigtausend?

Du hast gesagt, wir regeln alles.

Du hast gesagt, sie würde sich nicht trauen!

Antonina Petrowna wurde weiß wie ein Laken.

Sie sah Nadja mit einem solchen Hass an, dass die Luft im Saal zu glühen schien.

Nadja sammelte schweigend ihre Papiere ein, dankte dem Anwalt und ging auf den Flur.

Sie drehte sich nicht um.

Sie wusste, das war noch nicht das Ende.

Der eigentliche Sturm begann erst.

Der Sturm brach noch am selben Abend los, aber nicht bei Nadja, sondern an einem ganz anderen Ort.

Kristina kam zuerst nach Hause.

Sie warf die Schlüssel auf die Kommode und ging, ohne den Mantel auszuziehen, ins Wohnzimmer.

In ihr kochte die Wut.

Vierhundertsiebenundachtzigtausend.

Dazu eine Steuerprüfung.

Dazu die Schande vor Gericht.

Und wofür?

Um in einem stickigen Saal zu sitzen und zuzuhören, wie seine Mami irgendeinen Unsinn über eine gierige Ex-Frau redete?

Eine halbe Stunde später kamen Vadim und Antonina Petrowna in die Wohnung.

Die Mutter hielt den Sohn untergehakt und sprach aufgeregt:

— Wir legen Berufung ein.

Das ist rechtswidrig.

Ich rufe Semjon Arkadjewitsch an, er ist ein alter Jurist, er wird helfen.

Mach dir keine Sorgen, mein Junge.

Wir werden sie fertigmachen.

Diese Schlange wird es noch bereuen.

Kristina stand in der Tür zum Wohnzimmer, die Arme vor der Brust verschränkt.

Ihr Gesicht drückte keine Hingabe und keine Liebe mehr aus.

Nur kalte Gereiztheit.

— Genug, — sagte sie scharf.

Antonina Petrowna verstummte.

— Was heißt „genug“? — fragte sie und senkte den Ton.

— Genug von diesem Gerede über Schlangen und Berufungen.

Ihr Sohn schuldet fast eine halbe Million.

Verstehen Sie, was das für eine Summe ist?

Ich habe dieses Geld nicht.

Wir haben dieses Geld nicht.

Haben Sie vor Gericht gehört, was die Richterin gesagt hat?

Steuerprüfung.

Wenn sie herausfinden, woher das Geld für mein Auto und die Reise stammt, bekomme ich große Probleme.

Mir haben gerade noch Bußgelder gefehlt.

— Kindchen, — säuselte Antonina Petrowna und versuchte, die Lage unter Kontrolle zu bringen, — du musst dich nicht so aufregen.

Wir regeln alles.

Wir verkaufen das Auto, leihen uns Geld von Bekannten.

Aber das Wichtigste ist, dieser Drecksperson keinen Sieg zu lassen.

Du liebst Vadik doch?

Kristina kniff die Augen zusammen.

In ihrem Blick blitzte etwas Hartes auf.

— Lieben?

Ich liebe ein ruhiges Leben.

Und Ihr Sohn hat mich vor Gericht gezerrt und mich als völlige Idiotin dastehen lassen.

Sie haben mir versprochen, dass es mit der Ex-Frau keine Probleme geben würde.

Dass sie eine stille graue Maus sei, die kein Wort dagegen sagen würde.

Und wo ist diese Maus jetzt?

Sie hat uns zu Staub zermahlen.

Und Sie stehen da und erzählen mir etwas von Berufung.

Vadim, der bis dahin geschwiegen hatte, trat vor.

— Kristina, hör zu…

— Nein, jetzt hörst du zu. — Sie stieß ihm den Finger gegen die Brust.

— Du hast mir ein normales Leben versprochen.

Und am Ende schuldest du deiner Ex-Frau Geld, deine Mutter mischt sich in unsere Angelegenheiten ein, und jetzt wird auch noch die Steuerbehörde in meinen Einkünften herumwühlen.

Ich brauche das nicht.

Ich habe meinen eigenen Kopf auf den Schultern.

Und weißt du was?

Ich werde deine Schulden nicht bezahlen.

Das sind deine Probleme.

Du hast sie geschaffen, du räumst sie weg.

— Aber wir sind doch eine Familie, — murmelte Vadim verwirrt.

— Familie? — Kristina lachte bitter.

— Was für eine Familie?

Du kannst nicht einmal genug verdienen, damit deine eigene Tochter nicht jeden Kopeken zählen muss.

Glaubst du, ich will so einen Mann?

Antonina Petrowna trat hinter dem Rücken ihres Sohnes hervor, und ihr Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken.

— Ach, du undankbares Mädchen!

Vadik und ich haben so viel für dich getan!

Die Wohnung bezahlt, das Auto geschenkt, diese dummen Urlaube!

Und jetzt rümpfst du die Nase?

Glaubst du, du findest jemanden Besseren?

Wer braucht dich denn mit diesem Charakter?

— Die Wohnung bezahlt? — Kristina hielt sich nicht mehr zurück.

— Ihr habt ein halbes Jahr gejammert, dass kein Geld da ist.

Das Auto haben wir auf Kredit genommen.

Und der Kredit läuft übrigens auf mich.

Den Urlaub habe ich mir selbst organisiert.

Ihr Sohn hat nur versprochen, mir die Hälfte zurückzugeben, und hat es nicht getan.

Also haben Sie mir gar nichts geschenkt.

Dafür haben Sie mir Probleme bis über beide Ohren geschenkt.

Sie drehte sich scharf um, ging zum Schrank und holte eine Reisetasche hervor.

— Schluss.

Das Gespräch ist beendet.

Vadim, bis morgen Abend will ich hier nichts mehr von dir sehen.

Ich packe deine Sachen und stelle sie in den Flur.

Die Wohnung ist gemietet, der Vertrag läuft auf mich.

Ich habe kein Geld mehr, um die Miete zu bezahlen.

Du kannst zu Mami zurückkehren.

Und ich fahre zu meinen Eltern.

— Kristina, mach keine Dummheiten, — Vadim wurde blass.

— Wir lieben uns doch.

Lass uns einfach ruhig hinsetzen und reden.

— Es gibt nichts zu reden.

Du bist bankrott.

Du hast Schulden und Gerichtsverfahren.

Deine Mutter ist eine verrückte alte Frau, die alle um sich herum für schuldig hält.

Und ich will ruhig leben.

Ohne Hysterie und Prüfungen.

Geh.

Antonina Petrowna griff sich ans Herz und sank in den Sessel, doch ihre theatralische Geste rührte niemanden.

Kristina ging schweigend ins Schlafzimmer und schloss die Tür ab.

Vadim blieb mitten im Wohnzimmer stehen.

Er starrte auf die geschlossene Tür und konnte nicht glauben, dass alles so schnell und so unwiderruflich zusammenbrach.

Antonina Petrowna jammerte leise im Sessel und klagte über die Ungerechtigkeit der Welt und die schwarze Undankbarkeit der Jugend.

Ihr Sohn sank langsam auf das Sofa und fasste sich mit den Händen an den Kopf.

In der Wohnung hing eine klingende Stille.

Dieselbe wie damals im Gericht, als die Richterin das Urteil verlas.

Noch in derselben Nacht rief Kristina im Schlafzimmer liegend ihre Mutter an.

Das Gespräch war kurz, aber inhaltsreich.

— Mama, komm morgen früh.

Hilf mir, die Sachen zu packen.

— Was ist passiert?

— Ich verlasse Vadim.

Er hat sich als Luftnummer erwiesen.

Schulden, Unterhalt, Steuerbehörde.

Das brauche ich nicht.

— Und die Wohnung?

Ihr habt doch gemietet.

— Der Vertrag läuft auf mich.

Ich habe die Vermieterin informiert.

Morgen ziehe ich aus.

Vadim werfe ich raus.

Er soll zu seiner Mami rollen.

Sie ist bei ihm doch die Klügste, also soll sie ihn jetzt ernähren.

— Und das Auto?

— Das Auto läuft auf mich.

Der Kredit auch.

Aber ich werde es verkaufen.

Und überhaupt, Mama, weißt du was?

Ich habe absichtlich alles auf mich schreiben lassen.

Du hast es mir doch beigebracht.

Vadim ist so ein Trottel, dass er nicht einmal gelesen hat, was er unterschreibt.

Also verliere ich nichts.

— Braves Mädchen.

Richtig so.

Man darf nicht wegen fremder Dummheit zugrunde gehen.

Komm nach Hause.

Dein Vater wird sich freuen.

Am nächsten Tag kam Vadim früher als gewöhnlich von der Arbeit zurück und fand seine Sachen ordentlich in zwei großen Taschen im Flur zusammengepackt.

Die Wohnungsschlüssel waren nicht in seiner Tasche.

Kristina hatte sie schon am Morgen genommen.

Die Schlafzimmertür stand offen.

Leere Kleiderbügel hingen verlassen im Schrank.

Er rief Kristina an.

Sie drückte ihn weg.

Er rief noch einmal an.

Stille.

Dann wählte er die Nummer seiner Mutter.

— Mama, sie hat mich rausgeworfen.

Antonina Petrowna, die ihren gestrigen Herzanfall vergessen hatte, begann Kristina mit den schlimmsten Worten zu beschimpfen und erklärte dann:

— Siehst du?

Ich habe es dir gesagt.

Alle Weiber sind gleich.

Außer der Mutter.

Komm her.

Dein Zimmer steht so da, wie es war.

Du kommst erst einmal unter.

Und dann überlegen wir uns etwas.

Ich werde es diesen Drecksweibern noch zeigen.

Sowohl Nadka als auch dieser Kristina.

Die werden noch nach meiner Pfeife tanzen.

Vadim legte auf, packte die Taschen und ging ins Treppenhaus hinaus.

Die Tür fiel hinter ihm mit einem dumpfen metallischen Schlag ins Schloss.

Er stand im Halbdunkel des Hausflurs und spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Das Leben, das gestern noch hell und vielversprechend gewirkt hatte, war nun auf zwei staubige Taschen in einem heruntergekommenen Korridor zusammengeschrumpft.

Ein halbes Jahr verging.

Nadja stand am Fenster ihrer Küche und sah in den Hof.

Der Frühling trat schüchtern, aber beharrlich in seine Rechte.

Der Schnee war geschmolzen und hatte das graue Gras des Vorjahres freigelegt, doch hier und da zeigten sich bereits die ersten Löwenzähne.

Die Sonne schien hell und warm.

Alisa rannte mit ihren Freundinnen über den Hof, lachte hell und schwang Springseile.

Das Geld von Vadim kam zwei Monate nach dem Gericht.

Zuerst ging der erste Teil auf dem Konto ein, dann der zweite.

Wie er es beschafft hatte, wusste Nadja nicht und wollte es nicht wissen.

Er hatte etwas verkauft, sich von Bekannten Geld geliehen oder bei der Bank einen Kredit zu Wucherzinsen aufgenommen — es ging sie nicht mehr an.

Der Anwalt hatte seine Arbeit getan.

Die Gerichtsvollzieher hatten sauber gearbeitet.

Der Unterhalt für den nächsten Monat kam pünktlich auf den Tag, wie nach Plan.

Weitere Verzögerungen gab es nicht.

Antonina Petrowna verschwand vom Horizont.

Nur einmal sah Nadja sie zufällig in einem Einkaufszentrum.

Die Schwiegermutter stand am Geldautomaten, drückte nervös auf die Tasten und schüttelte wütend ihre Handtasche.

Sie sah gealtert und irgendwie mitgenommen aus.

Entweder war die Haarfarbe verblasst, oder die Falten waren deutlicher geworden.

Sie hob den Kopf, traf Nadjas Blick und wandte sich sofort ab, als hätte sie sie nicht erkannt.

Nadja ging nicht zu ihr hin.

Sie ging einfach vorbei und schob den Einkaufswagen mit Lebensmitteln leicht vor sich her.

Am Abend desselben Tages rief Veronika an.

— Stell dir vor, hast du die Neuigkeit gehört?

— Nein.

Welche Neuigkeit?

— Ich habe im Gericht eine gemeinsame Bekannte getroffen, eine Sekretärin aus der Geschäftsstelle.

Sie erzählte, dass die Steuerprüfung bei Kristina mit einer hohen Geldstrafe und Nachzahlungen endete.

Sie haben ihr alles angehängt: nicht gezahlte Steuern auf Einkommen und irgendwelche Verstöße in den Erklärungen.

Am Ende mussten ihre Eltern die Datscha verkaufen, um die Schulden zu begleichen.

So ist das.

Nicht jeden Tag ist Feiertag.

— Sie tut mir fast leid, — sagte Nadja leise.

— Zu Unrecht.

Sie wusste, worauf sie sich einließ.

Sie wusste, dass der Mann ein Kind hat, dass er keinen Unterhalt zahlt, und trotzdem schleppte sie ihn durch Ferienorte und verlangte Pelzmäntel.

Also soll sie jetzt ernten, was sie gesät hat.

Gerechtigkeit gibt es.

Nadja verabschiedete sich und legte das Telefon weg.

Sie schenkte sich Tee ein, setzte sich an den Tisch und blätterte geistesabwesend in der gestrigen Zeitung.

In der Küche war es still.

Vor dem Fenster wurde es dunkel.

Es klingelte an der Tür.

Nadja zuckte zusammen.

Seit einiger Zeit löste ein abendliches Klingeln an der Tür in ihr ein dauerhaftes Gefühl der Unruhe aus.

Sie ging zum Spion und erstarrte.

Auf der Schwelle stand Vadim.

Er war allein.

Ohne Mutter.

Ohne Kristina.

Nur ein Mann in einer zerknitterten Jacke, mit eingefallenem Gesicht und Dreitagebart.

In den Händen hielt er eine Papiertüte.

Er sah schuldig und zugleich bittend aus.

Nadja öffnete die Tür, trat aber nicht in den Flur zurück.

Sie blieb in der Türöffnung stehen und versperrte den Eingang.

— Hallo, — sagte Vadim leise.

— Darf ich reinkommen?

— Wozu?

— Um zu reden.

Ich habe Alisa ein Geschenk mitgebracht.

Nur eine Kleinigkeit.

Ich möchte sie sehr gern sehen.

Bitte.

— Alisa schläft schon, — log Nadja.

— Was wolltest du sagen?

Vadim trat verlegen von einem Fuß auf den anderen und wechselte die Tüte von einer Hand in die andere.

— Nadja, ich will zurückkommen.

Ich habe alles verstanden.

Ich war ein Idiot.

Mama hat mich verwirrt, Kristina hat mich benutzt.

Ich habe den Kopf verloren.

Aber jetzt habe ich es begriffen.

Du bist die Einzige, die mich wirklich geliebt hat.

Lass es uns noch einmal versuchen.

Wir haben doch eine Tochter.

Wir sind doch eine Familie.

Ich werde mich ändern.

Ehrenwort.

Ich werde arbeiten, ich werde helfen.

Gib mir nur eine Chance.

Nadja hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen.

Sie sah diesen Menschen an, den sie einst bis zum Zittern geliebt hatte, und fühlte nichts.

Nur Müdigkeit.

Und leichten Widerwillen.

— Vadim, du bist zu spät, — sagte sie leise, aber fest.

— Der Zug ist abgefahren.

Du hast deine Wahl damals getroffen, vor anderthalb Jahren.

Ich bin nicht deine Ersatzspur.

Ich bin nicht der Flugplatz, auf den man zurückkehrt, wenn man sich die Flügel gebrochen hat.

Geh.

Lass das Geschenk hier, ich gebe es Alisa von dir.

Aber du selbst komm nicht mehr hierher.

Sie nahm die Tüte aus seinen kraftlosen Fingern, machte einen Schritt zurück und schloss die Tür.

Hinter der Tür war schweres Atmen zu hören.

Dann Schritte.

Dann Stille.

Nadja kehrte in die Küche zurück, stellte die Tüte auf die Fensterbank und nahm wieder die Tasse Tee in die Hände.

Der Tee war fast kalt.

Sie nahm einen Schluck und dachte daran, dass sie morgen die Nebenkosten bezahlen, ihre Tochter zum Tanzen anmelden und neue Stiefel für den Frühling kaufen musste.

Es gab viel zu tun.

Das Leben ging weiter.

Und zwei Häuserblocks von ihrem Zuhause entfernt stand zur selben Zeit Antonina Petrowna in einer kleinen Bankfiliale.

Sie knetete nervös eine Quittung in den Händen.

Hinter der Glasscheibe saß eine junge Kassiererin und wartete geduldig, während die ältere Frau zerknitterte Scheine zählte.

— Es fehlen noch vierhundertzweiunddreißig Rubel, — wiederholte die Kassiererin.

— Das ist die nächste Rate für den Kredit Ihres Sohnes.

Zahlen Sie bar oder mit Karte?

— Bar, — brummte Antonina Petrowna und begann in ihrer Geldbörse zu wühlen.

Sie holte das letzte Geld heraus, legte es in die Schale und murmelte vor sich hin, aber laut genug, dass man es hörte:

— Bald kommt die Rente.

So weit ist es gekommen.

Der Sohn bis über beide Ohren verschuldet, die ehemalige Schwiegertochter eine heimtückische Schlange, diese flatterhafte Kristina hat sich überhaupt als Betrügerin entpuppt.

Jetzt muss ich allein alles ausbaden.

Und warum?

Weil gute Menschen keinen vernünftigen Rat geben können.

Überall nur Bosheit.

Die Kassiererin nahm die Scheine entgegen und konnte sich nicht zurückhalten, leise, fast zu sich selbst, zu sagen:

— Macht nichts.

Vielleicht denkt er beim nächsten Mal nach, bevor er seine Familie verlässt.

Antonina Petrowna riss den Kopf hoch, bereit zu einer wütenden Tirade, doch die Kassiererin hatte sich bereits zum Monitor gedreht und tippte auf der Tastatur.

Die Schlange hinter der Schwiegermutter begann dumpf zu murren.

Die Frau schnappte sich ihre Handtasche und ging, purpurrot vor Empörung, zum Ausgang.

Die Türen der Bank schlossen sich hinter ihr und schnitten sie von Wärme und Licht ab.

Draußen begann es wieder zu regnen.

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