Noch am selben Abend ließ ich die Schlösser in der Wohnung austauschen.
— Ich entscheide mich für Papa.

Bei ihm und Rita ist es cool, und niemand zwingt mich, Physik zu pauken, — sagte mein vierzehnjähriger Sohn ins Mikrofon.
Die Richterin rückte ihre schwere Hornbrille zurecht.
Im leeren Gerichtssaal breitete sich eine dröhnende Stille aus.
Lena saß auf einer harten Holzbank.
Sie umklammerte die Kante des lackierten Tisches so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
Der Kugelschreiber glitt ihr aus der Hand und rollte klappernd über das abgenutzte Linoleum.
— Artjom, verstehen Sie, dass das Gericht Ihren dauerhaften Wohnsitz festlegt? — fragte die Frau in der Robe trocken.
— Ja, ich verstehe.
Ich möchte bei meinem Vater leben, — Artjom trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
Er trug genau jene Turnschuhe für neuntausend Rubel.
Sein Ex-Mann hatte sie ihm genau einen Tag vor der Gerichtsverhandlung gekauft.
Davor hatte Igor sich mehr als ein halbes Jahr lang nicht einmal daran erinnert, welche Schuhgröße sein Sohn hatte.
Lena sah Igor an.
Ihr Ex-Mann lehnte sich lässig auf seinem Stuhl zurück.
Er richtete die Manschette seines blauen Hemdes.
Auf seinen Lippen lag ein kaum wahrnehmbares triumphierendes Lächeln.
— Euer Ehren, der Junge hat eine bewusste Entscheidung getroffen, — sagte Igors Anwalt.
— Mein Mandant ist bereit, seinem Sohn komfortable Lebensbedingungen zu bieten.
Und vor allem ein gesundes psychologisches Umfeld.
Ohne Druck.
— Welcher Druck? — Lena beugte sich abrupt nach vorn.
— Ich verlange doch nur, dass er lernt!
Er ist in der achten Klasse.
Er hat fünf mangelhafte Noten in diesem Quartal.
— Jelena Wiktorowna, halten Sie sich an die Ordnung, — sagte die Richterin scharf.
— Der Vater hat das Wort.
Igor stand auf.
Er seufzte theatralisch und spielte den Mann, der von endlosen Streitereien erschöpft war.
— Verstehen Sie, meine Ex-Frau ist vom Kontrollieren besessen.
Sie lässt dem Jungen keine Luft zum Atmen, — begann Igor mit sanftem Bariton.
— Nachhilfelehrer, Kurse, ständige Vorwürfe.
Artjom ist für sie ein Projekt.
Aber er braucht eine Familie.
Meine Verlobte Rita und ich werden ihm Freiheit und Verständnis geben.
Lena spürte, wie sich ihre Fingernägel in die Handflächen bohrten.
Freiheit.
Vor einem halben Jahr hatte Igor sie wegen der sechsundzwanzigjährigen Rita verlassen.
Er hatte Lena mit der Hypothek und dem Sohn mitten in der Pubertät allein gelassen.
Unterhalt zahlte er nur widerwillig.
Gerade einmal fünfzehntausend Rubel von seinem offiziell angegebenen Gehalt.
Doch sobald Lena Klage auf einen festen Unterhaltsbetrag von fünfunddreißigtausend Rubel erhoben hatte, schlug Igor zurück.
Er reichte eine Gegenklage zur Festlegung des Wohnsitzes des Kindes ein.
Wenn der Sohn bei ihm lebte, musste Lena Unterhalt zahlen.
Die Rechnung war einfach.
— Artjom, du verstehst doch, dass dein Vater einfach nicht zahlen will? — sagte Lena laut und sah ihrem Sohn direkt in die Augen.
— Mama, fang nicht wieder an, — Artjom verdrehte die Augen.
— Papa hat recht.
Du bist ständig mit allem unzufrieden.
Und Rita ist cool.
Gestern haben wir bis zwei Uhr nachts PlayStation gespielt.
Sie hat sogar selbst Pizza bestellt.
Die Richterin schlug laut mit dem Holzhammer auf den Tisch.
— Entscheidung des Gerichts.
Der Klage wird stattgegeben.
Der Wohnsitz des Minderjährigen wird beim Vater festgelegt.
Das Packen erinnerte an eine schlechte Komödie.
Artjom warf schweigend Kleidung in eine große karierte Tasche.
Er faltete nichts zusammen, sondern knüllte alles einfach zusammen und schleuderte es hinein.
Lena stand in der Tür seines Zimmers.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Der Geruch von Staub und jugendlichem Deodorant stieg ihr in die Nase.
— Die Algebra-Bücher liegen auf dem Tisch, — sagte Lena mit ruhiger Stimme.
— Hole ich später.
Morgen haben wir frei, — brummte Artjom, ohne sich umzudrehen.
Im Flur waren schwere Männerschritte zu hören.
Igor betrat die Wohnung, ohne zu klingeln.
Er hatte noch immer seine eigenen Schlüssel, die er nach der Scheidung nicht zurückgegeben hatte.
Hinter ihm schwebte Rita herein.
Sie roch stark nach süßem Vanilleparfüm.
Rita sah sich angewidert im engen Flur um.
— Hallo, Artjom!
Bist du fertig? — fragte Igor laut.
— Das Taxi wartet unten.
Rita hat dir dein neues Zimmer eingerichtet.
Alles wie vereinbart.
— Ja, Papa, fast.
Ich kann nur das Ladegerät für den Laptop nicht finden, — rief sein Sohn.
Lena trat ihrem Ex-Mann in den Weg.
— Igor.
Er muss am Montag sein Geschichtsprojekt abgeben.
Ich habe den Chemie-Nachhilfelehrer bezahlt.
Viereinhalbtausend Rubel für drei Stunden im Voraus.
Der Unterricht ist mittwochs um sechs.
Igor grinste.
Er zog sein Handy aus der Tasche und drehte es zwischen den Fingern.
— Lena, entspann dich.
Was für Nachhilfe?
Der Junge zieht gerade erst um.
Er muss sich erst einmal eingewöhnen.
— Sich woran gewöhnen?
Daran, dass er gar nichts tun muss? — Lenas Stimme brach.
— Er ist allergisch gegen Zitrusfrüchte, die Tabletten sind im Medizinschrank.
Für die Schule steht er um sieben Uhr fünfzehn auf.
Rita schnalzte laut mit der Zunge.
Sie strich über ihre perfekte Frisur und sah Lena mit schlecht verborgener Herablassung an.
— Jelena, Sie dramatisieren viel zu sehr, — sagte Rita mit zuckersüßer Stimme.
— Artjom ist schon ein großer Junge.
Wir werden schon einen gemeinsamen Draht finden.
Das Wichtigste ist Vertrauen und nicht Ihre strengen Regeln.
Artjom kam aus seinem Zimmer.
Er schleppte die viel zu schwere Tasche hinter sich her.
Auf seiner Schulter hing der Rucksack mit der Spielkonsole.
— Artjom, — Lena machte einen Schritt auf ihren Sohn zu.
— Wenn du jetzt so gehst, nur um von den Hausaufgaben frei zu sein, gibt es keinen Weg zurück.
Verstehst du?
Der Teenager zuckte mit den Schultern.
Er sah seine Mutter nicht einmal an.
— Mama, ich komme doch nicht ins Gefängnis.
Am Wochenende komme ich auf einen Teller Borschtsch vorbei, — er lachte über seinen eigenen Witz.
Igor unterstützte ihn mit einem lauten Klaps auf den Rücken.
— Komm, Mann.
Die Burger warten auf uns, — befahl Igor.
Die Haustür fiel laut ins Schloss.
Das Schloss klickte.
Lena blieb allein im leeren Flur zurück.
Langsam ließ sie sich auf den Schuhhocker sinken.
In der Stille konnte man hören, wie in der Küche Wasser aus dem nicht ganz geschlossenen Hahn tropfte.
Lena vergrub das Gesicht in den Händen.
Sie wollte nicht weinen.
In ihrem Inneren war nur eine seltsame, dröhnende Leere entstanden.
— Du hast diese Entscheidung selbst getroffen, mein Sohn, — flüsterte sie in die Stille.
Genau ein Monat verging.
Die Feiertage Anfang Mai waren vorbei.
Lena lernte, allein zu leben.
In der ersten Woche wachte sie aus Gewohnheit um halb sieben auf, um Syrniki zuzubereiten.
Dann erinnerte sie sich daran, dass es niemanden gab, für den sie kochen musste.
Sie begann, länger bei der Arbeit zu bleiben.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren ging sie abends ins Kino.
Sie kaufte sich eine teure Creme, für die sie früher nie Geld ausgegeben hätte, weil sie es für Artjoms Herbstjacke zurücklegte.
Die Anrufe ihres Sohnes wurden selten.
Anfangs rief er alle drei Tage an und erzählte von neuen Levels im Spiel.
Später rief er nur noch an, wenn er darum bat, dass sie ihm Taschengeld überwies.
Lena schickte ihm jeweils fünfhundert Rubel und beendete das Gespräch knapp.
Schon im ersten Monat schickte Igor ihr eine Kontonummer für die Unterhaltszahlungen.
Vierzehntausendzweihundert Rubel.
Die Hälfte ihres bescheidenen Gehalts als Bibliothekarin an einer Privatschule.
Lena überwies das Geld am Zahltag schweigend.
Gesetz ist Gesetz.
Eines Freitagabends leuchtete ihr Handybildschirm auf.
Hol ihn übers Wochenende ab.
Igor und ich fahren aufs Land. — 19:42 Uhr.
Die Nummer war unbekannt, aber Lena wusste, dass es Rita war.
Ruhig tippte sie eine Antwort.
Ich arbeite am Samstag.
Artjom hat einen Vater.
Klärt das mit ihm. — 19:45 Uhr.
Fast sofort klingelte das Telefon.
Auf dem Display erschien „Igor“.
Lena lehnte den Anruf ab und schaltete den „Nicht stören“-Modus ein.
Sie schaltete den Fernseher ein, goss sich heißen Tee mit Zitrone ein und öffnete ein Buch.
Sie hatte keinerlei Schuldgefühle.
Nur kalte Berechnung.
Am Montagmorgen schickte Artjoms Klassenlehrerin eine Sprachnachricht.
Artjom war seit Donnerstag nicht mehr in der Schule gewesen.
Lena leitete die Nachricht an Igor weiter.
Sie fügte nur ein Fragezeichen hinzu.
Igor rief eine Minute später zurück.
Seine Stimme klang nicht mehr samtig und selbstsicher.
Am anderen Ende hörte man sein gereiztes, schweres Atmen.
— Lena, hör zu.
Wir haben hier einen Notfall, — begann ihr Ex-Mann hastig.
— Der Junge ist völlig außer Kontrolle geraten.
Er schwänzt die Schule.
Rita und er haben sich gestern gestritten.
— Weswegen? — fragte Lena trocken.
Sie trat ans Fenster und beobachtete die vorbeifahrenden Autos.
— Wegen irgendeinem Unsinn.
Er hat angefangen, die Teller im Spülbecken zu stapeln.
Drei Tage lang hat er nicht hinter sich aufgeräumt.
Rita ist ausgerastet und hat alles in den Müll geworfen.
Daraufhin hat er sie beleidigt.
— Und was hast du gemacht? — Lena rieb sich mit der freien Hand die Stirn.
— Ich bin bei der Arbeit! — brüllte Igor.
— Ich verdiene Geld.
Ich habe keine Zeit, einem fast erwachsenen Faulpelz die Nase zu putzen.
Hör zu, nimm ihn zurück.
Wenigstens für einen Monat, bis ich hier alles geregelt habe.
— Nein, — antwortete Lena ruhig.
— Was heißt hier nein?
Das ist dein Sohn! — Igor begann zu schreien.
— Mein Sohn lebt aufgrund der Gerichtsentscheidung bei dir, Igor.
Du wolltest beweisen, dass ich eine schlechte Mutter bin.
Du hast es bewiesen.
Jetzt erzieh ihn.
Füttere ihn, wasche seine Sachen, zwing ihn, Hausaufgaben zu machen.
Und ich muss zur Arbeit.
Sie legte auf.
Ihre Hände zitterten ein wenig.
Lena öffnete den Küchenschrank, nahm eine Beruhigungstablette heraus und spülte sie direkt mit kaltem Leitungswasser hinunter.
Am Mittwochabend klingelte es lange und hartnäckig an der Tür.
Lena sah durch den Türspion.
Auf dem Treppenabsatz stand Artjom.
Zu seinen Füßen lag dieselbe karierte Tasche.
Daneben stand Igor mit rotem, wütendem Gesicht und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
Lena drehte den Schlüssel um, ließ aber die Sicherheitskette eingehängt.
Die Tür öffnete sich etwa fünfzehn Zentimeter.
— Mach auf, — sagte Igor schwer atmend.
— Wir sind da.
— Wo seid ihr da? — Lena lehnte sich an den Türrahmen.
— Mama, lass mich rein.
Ich komme zurück, — Artjoms Stimme zitterte.
Er sah müde aus.
Seine Haare waren bestimmt seit drei Tagen nicht gewaschen worden.
Die Turnschuhe für neuntausend Rubel waren mit einer dicken Schicht grauen Staubs bedeckt.
— Artjom, du wohnst bei Papa, — sagte Lena und betonte jedes Wort.
— Wir hatten eine Gerichtsverhandlung.
— Lena, hör mit diesem Zirkus auf! — Igor schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.
Der Putz rieselte auf die Fußmatte.
— Rita hat ihre Sachen gepackt und ist zu einer Freundin gegangen.
Sie hat gesagt, dass sie nicht zurückkommt, solange ein Teenager in der Wohnung lebt.
Ich kann mich nicht zerreißen!
Ich habe keine Zeit, ihm etwas zu kochen.
— Aber ich soll dafür Zeit haben? — Lena grinste.
— Vor einem Monat hast du vor Gericht noch geschrien, dass ich eine Diktatorin sei.
Dass es bei dir und Rita ein gesundes Umfeld geben würde.
Dann sorgt jetzt für dieses gesunde Umfeld.
Artjom zog die Nase hoch und sah seine Mutter von unten an.
— Mama, ich habe Hunger.
Bei Papa gibt es schon seit einer Woche nur Pelmeni.
Und Rita hat meine Konsole gegen die Wand geschleudert, weil ich mich geweigert habe, Hausaufgaben zu machen.
Sie ist kaputtgegangen.
Lena sah ihren Sohn an.
In seinen Augen war keine Reue.
Da war nur Ärger darüber, dass sein neues Spielzeug kaputt war.
Ärger darüber, dass das Fest des Ungehorsams an der harten Realität des Alltags gescheitert war.
Niemand wollte ihn kostenlos bedienen.
— Deine Konsole tut mir leid, Artjom.
Aber du selbst hast gesagt, dass ich dir mit Chemie auf die Nerven gehe.
Geh zurück zu Papa.
Dort hast du deine Freiheit.
— Lena, das darfst du nicht!
Das ist dein Kind!
Du musst ihn nach Hause lassen! — schrie Igor durch das ganze Treppenhaus.
Die Nachbarin aus der gegenüberliegenden Wohnung öffnete ihre Tür einen Spalt und lauschte interessiert dem Streit.
Lena schob die Hand durch den Türspalt und griff nach der Türkante.
— Gemäß der Gerichtsentscheidung vom vierzehnten April zweitausendsechsundzwanzig wurde der Wohnsitz des Minderjährigen beim Vater festgelegt.
Wenn Ihnen etwas nicht passt, reichen Sie eine neue Klage ein.
Die Verhandlung wird ungefähr in anderthalb Monaten angesetzt.
Gerade rechtzeitig zum Ende des Schuljahres.
— Bist du verrückt?
Du wirfst deinen Sohn wegen deiner gekränkten Gefühle auf die Straße? — Igor versuchte, seinen Schuh in den Türspalt zu schieben, doch Lena zog die Tür abrupt zu sich und zwang ihn, zurückzutreten.
— Ich werfe ihn nicht auf die Straße.
Ich gebe ihn seinem gesetzlichen Sorgeberechtigten zurück.
Papa wollte Unterhalt?
Papa wollte als toller Kerl dastehen?
Dann genieß es.
Und du, Artjom, denk in der Zwischenzeit mal über Chemie nach.
Man sagt, sie sei im Leben noch nützlich.
— Reicht Klage ein.
Und bis dahin gute Nacht.
Mit aller Kraft schlug sie ihnen die Tür vor der Nase zu.
Sie verriegelte beide Schlösser.
Dann überprüfte sie den Riegel.
Im Flur war es still.
Nur auf der anderen Seite der Tür waren Igors gedämpfte Flüche und das dumpfe Geräusch der hingeworfenen Tasche zu hören.
Lena richtete den verrutschten Läufer im Flur, schaltete das Licht aus und ging langsam in die Küche.
Sie nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, füllte ein Glas bis zum Rand und trank es in einem Zug aus.
Und wie würden Sie mit einem Teenager umgehen, der Sie für eine Spielkonsole und die Freiheit von Hausaufgaben verraten hat?







