— Was zum Teufel soll dieses Verbot?! — brüllte mein Mann.

Er war gekommen, um mein Ferienhaus zu beleihen.

— Ich habe alles durchdacht, es geht um ganz andere Dimensionen, da muss man doch nicht wegen so einer alten Bruchbude zittern!

Boris schwenkte eine brandneue Ledermappe durch die Luft.

Die Mappe hatte er gestern extra für den Bankbesuch gekauft und mit seiner Kreditkarte bezahlt.

Er war der Meinung, dass man vor Investoren nur perfekt herausgeputzt erscheinen dürfe.

Margarita stand am Fensterbrett und sortierte sorgfältig Tulpenzwiebeln.

Die verfaulten flogen in einen Müllbeutel, die festen kamen in einen Karton.

Ihren Mann sah sie nicht einmal an.

— Hast du diese Bruchbude etwa gebaut? — fragte sie ruhig.

— Oder hast du dort vielleicht auch nur einen einzigen Nagel eingeschlagen?

— Wir sind verheiratet! — entgegnete ihr Mann herausfordernd.

— Und die Generalvollmacht hast du mir selbst unterschrieben.

— Schon vergessen?

— Wir saßen beim Notar, und du hast persönlich unterschrieben.

Sie hatte es nicht vergessen.

Vor drei Jahren hatten sie versucht, Gas auf das Grundstück legen zu lassen.

Margarita war damals rund um die Uhr bei der Arbeit und hatte schlicht keine Zeit, von Behörde zu Behörde zu laufen.

Deshalb hatte sie ihrem Mann eine Vollmacht ausgestellt, damit er selbst die Bescheinigungen einholen und unterschreiben konnte.

Gas hatte Boris am Ende nie verlegen lassen.

Sein Enthusiasmus war bereits bei der Abstimmung des Projekts versiegt.

Doch das Dokument war geblieben.

— Und du hast entschieden, dass dir das das Recht gibt, das Haus meines Vaters zu verscherbeln? — Margarita legte die nächste Tulpenzwiebel beiseite.

— Niemand wird hier irgendetwas verscherbeln! — empörte sich Boris.

Er begann, in der Diele auf und ab zu gehen.

An seinen Füßen trug er neue Schuhe, die er gekauft hatte, um wie ein erfolgreicher Geschäftsmann auszusehen.

— Das ist Business! — verkündete ihr Mann.

— Die Risiken sind kalkuliert.

— Wir bauen ein Vertriebsnetz für intelligente Blumentöpfe aus China auf.

— Die haben eine automatische Bewässerung und Lichtsensoren eingebaut.

— Das ist die Zukunft!

— Aber du siehst einfach keine Perspektiven.

— Du nörgelst so lange an mir herum, bis ich nachgebe, und willst dich selbst nicht einmal damit befassen.

— Hauptsache, du kannst in deinen Beeten herumwühlen!

Margarita grinste.

Den Kreditsachbearbeiter nannte ihr Mann stolz seinen „Investor“.

Seit einem Monat war Boris von der Idee besessen, Importeur zu werden.

Dass sein vorheriges Geschäft mit der Zucht von Rassehunden mit Schulden und damit geendet hatte, dass sie die Welpen an Bekannte verschenken mussten, störte Boris nicht.

Davor hatte es noch eine Farm fürs Kryptowährungs-Mining gegeben.

Jetzt brauchte er dringend eine große Summe als Startkapital.

Und die wollte er sich beschaffen, indem er ihr Ferienhaus als Sicherheit hinterlegte.

— Perspektiven habe ich schon gesehen, Borja.

— Damals, als wir den Kredit für deine Hunde zurückgezahlt haben, — antwortete Margarita ruhig.

— Die Hypothek für unsere Wohnung müssen wir noch acht Jahre lang bezahlen.

— Wenn dein chinesisches Wunder scheitert, stehen wir auf der Straße.

— Es wird nicht scheitern!

— Grischa hat einen hervorragenden Lieferanten gefunden.

— Wir werden bald herrlich leben, und die Nachbarn werden noch neidisch auf uns sein!

Von draußen ertönte eine Autohupe.

Margarita sah aus dem Fenster.

Vor dem Haus stand Grigoris gebrauchter Wagen, der einem Freund ihres Mannes und zukünftigen kaufmännischen Direktor des Blumentopf-Imperiums gehörte.

Grischa rauchte neben der geöffneten Autotür.

— So, mein Partner wartet.

— Heute Abend komme ich mit dem Vorvertrag zurück, — sagte Boris geschäftsmäßig und richtete seinen Hemdkragen.

— Vergiss diesen alten Kram endlich.

— Wir steigen jetzt in eine neue Liga auf.

Im Flur raschelte seine Jacke, dann klickte das Schloss.

Boris ging.

Margarita wandte sich wieder ihren Tulpen zu.

Erstaunlicherweise war sie innerlich völlig ruhig.

Die Nachbarn über ihnen rückten Möbel, und im Hof dröhnte ein Rasenmäher.

Ein ganz gewöhnlicher Samstagmorgen.

Sie brachte den Karton mit den Zwiebeln auf die Loggia, wusch sich die Hände mit Seife und begann, Teig für kleine Pfannkuchen anzurühren.

Das Telefon auf dem Tisch vibrierte.

Auf dem Display erschien die Nummer ihrer Schwiegermutter.

Alla Fjodorowna rief selten an, meistens nur an Feiertagen, doch diesmal ging es offensichtlich um etwas Geschäftliches.

Margarita nahm den Anruf an und stellte auf Lautsprecher.

— Ja, Alla Fjodorowna.

— Rita, hallo, — die Stimme ihrer Schwiegermutter klang streng und hatte diesen unverwechselbar belehrenden Ton.

— Borja hat mich gerade angerufen.

— Er sagte, dass du schon wieder Theater machst?

— Was für Theater?

— Er hat die Unterlagen genommen und ist weggefahren.

— Und das war auch richtig so! — schnitt die Schwiegermutter ihr das Wort ab.

— Der Junge steht vor einer großen Sache, und du legst ihm Steine in den Weg.

— Er muss sich entwickeln, wachsen, expandieren!

— Und du klammerst dich an dieses Stück Land.

— Wen interessieren denn eure Tomaten dort?

— Wozu brauchen wir noch ein weiteres Geschäft, Alla Fjodorowna? — Margarita schlug ein Ei in eine Schüssel.

— Beim letzten Mal sind wir gerade noch davongekommen.

— Wir haben eine Hypothek.

— Das Ferienhaus ist das einzige Eigentum, auf dem keine Schulden lasten.

— Der Appetit kommt beim Essen! — zitierte die Schwiegermutter ihr Lieblingssprichwort.

— Gib dem Jungen eine Chance.

— Er schläft nachts nicht und schreibt Businesspläne.

— Er hat eben Unternehmergeist.

— Unternehmergeist ist wunderbar.

— Nur ist das Ferienhaus, das er dafür beleihen will, das Haus meiner Eltern.

Für einen Moment entstand eine Pause.

Alla Fjodorowna verdaute dieses Argument, fand aber schnell eine neue Angriffsrichtung.

— Das hättest du dir früher überlegen müssen, als du einen ehrgeizigen Mann geheiratet hast! — erklärte sie.

— Was sollen die Leute sagen?

— Die eigene Frau unterstützt ihren Mann nicht.

— Er tut das doch für die Familie.

— Du sitzt dein ganzes Leben in deinem langweiligen Job, während er versucht, aus diesem Leben auszubrechen.

— Dann soll er eben mit seinem eigenen Geld ausbrechen, — stimmte Margarita friedlich zu.

— Du bist wie ein verschlossenes Buch, Rita!

— Du hast überhaupt kein Mitgefühl für den Menschen, der dir am nächsten steht!

— Das Schicksal wird alles an seinen Platz stellen, du wirst schon sehen!

— Das hat es bereits getan.

— Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Sie legte auf.

Mit Alla Fjodorowna zu diskutieren, war völlig sinnlos.

Für sie war ihr Sohn immer ein verkanntes Genie, das einfach tödliches Pech mit der Wirtschaft im Land und mit seiner Ehefrau hatte.

Margarita goss Öl in die Pfanne.

Der Teig begann angenehm zu zischen.

Das Telefon erwachte erneut zum Leben.

Diesmal erschien der Name „Lera“ auf dem Bildschirm.

Valeria war die Frau von eben jenem Grischa.

Die Frauen hatten nur selten miteinander zu tun und trafen sich meistens bei gemeinsamen Feiern.

— Hallo, Lera?

— Rita, hallo.

— Entschuldige, dass ich störe, — Valerias Stimme versagte, und die Worte brachen ihr beinahe weg.

— Ist deiner schon weggefahren?

— Ja.

— Mit deinem.

Am anderen Ende der Leitung war ein lauter, krampfartiger Atemzug zu hören.

— Rita, ich weiß nicht, was ich tun soll, — Valeria sprach schnell und verschluckte die Wortenden.

— Meiner hat gestern das ganze Geld vom Sparkonto unseres Sohnes abgehoben.

— Wir haben fünf Jahre lang für sein Studium gespart.

— Heute Morgen habe ich in die App geschaut, und da waren nur noch Nullen.

Margarita stellte die Hitze unter der Pfanne kleiner.

— Lera, warte mal.

— Was für Nullen?

— Ganz normale Nullen!

— Er sagte, es sei eine Investition.

— Dass ihr euer Ferienhaus beleihen würdet und er sein eigenes Geld einbringt.

— Und dass wir in sechs Monaten eine Wohnung kaufen könnten.

— Lera, beruhige dich.

— Wir beleihen überhaupt kein Ferienhaus.

— Wie, ihr belehnt es nicht? — fragte Valeria verwirrt.

— Grischa sagte, Boris hätte längst alles entschieden.

— Er hat eine Vollmacht.

— Sie fahren gerade jetzt zur Bank, um den Deal abzuschließen.

— Rita, wenn die dieses Geld in chinesische Blumentöpfe stecken, lasse ich mich von ihm scheiden.

— Ich schwöre dir, ich packe meine Sachen.

— Lera, hör mir genau zu, — Margarita wendete einen goldbraunen Pfannkuchen mit dem Pfannenwender.

— Niemand wird irgendetwas abschließen.

— Dein Mann wird mit dem Geld nach Hause zurückkommen.

— Hauptsache, du fängst es rechtzeitig ab und zahlst es wieder auf das Konto ein.

— Aber wie?

— Boris hat doch gesagt, dass alles geregelt ist.

— Ich verspreche es dir.

— Es wird keinen Deal geben.

— Warte einfach zu Hause auf ihn.

Sie beendete das Gespräch.

Sie betrachtete die goldenen Teigkreise und dachte darüber nach, wie leicht zwei erwachsene Männer bereit waren, alles zu verspielen, was ihre Familien jahrelang aufgebaut hatten.

Es ging bereits auf Mittag zu.

Jetzt müssten Boris und Grischa eigentlich gerade in den Ledersesseln beim Bankberater sitzen, lächeln, Papiere unterschreiben und anschließend bedeutungsvoll zum Registeramt marschieren.

Margarita holte eine Dose Kondensmilch heraus, goss sie über die heißen Pfannkuchen und setzte sich an den Tisch.

Zwei Stunden später kratzte ein Schlüssel im Schloss.

Boris’ Schritte waren schwer.

Er zog nicht einmal die Schuhe aus, sondern ging in seinen neuen Statusschuhen direkt in die Küche und warf die Ledermappe auf den Tisch.

— Was hast du getan?!

Margarita nahm ruhig einen Schluck Kompott aus ihrem Glas.

— Ich sitze zu Hause und esse Pfannkuchen.

— Was ist denn passiert?

— Hast du die Vollmacht widerrufen?! — tobte ihr Mann.

— Wir hatten alles abgesprochen!

— Man hatte uns grünes Licht gegeben!

— Dann wollten wir die Sicherheit eintragen lassen, und plötzlich wurden wir wieder weggeschickt!

— Ich habe die Vollmacht nicht widerrufen, — sagte Margarita ehrlich.

— Sie ist weiterhin gültig.

— Du kannst damit Bescheinigungen einholen.

— Geh doch endlich zum Gasversorger, jetzt hast du ja Zeit.

— Was zum Teufel soll dann dieses Verbot?! — schrie Boris.

— Sie halten mir ein Blatt Papier hin, und da steht schwarz auf weiß: Verbot von Registrierungshandlungen ohne persönliche Anwesenheit des Eigentümers!

— Was soll das?!

— Wir stehen vor allen Leuten wie Idioten da!

— Grischa wäre dort vor Scham fast im Boden versunken!

— Das, Borja, ist eine uralte weibliche List.

— Sie nennt sich Gosuslugi.

— Man öffnet die App, drückt ein paar Knöpfe, und fertig.

— Niemand kann dein Ferienhaus ohne deine persönliche Anwesenheit verkaufen oder als Sicherheit nehmen.

Boris erstarrte.

Seine ganze Überheblichkeit verschwand augenblicklich und machte unverhohlener Wut Platz.

— Das hast du hinter meinem Rücken gemacht?

— Vor drei Wochen.

— Gleich nachdem du zum ersten Mal von Millionen mit Blumentöpfen gesprochen hast.

— Ich brauchte einfach eine Absicherung gegen deine genialen Ideen.

— Na toll, wie clever du alles eingefädelt hast! — fauchte Boris giftig.

— Und was jetzt?

— Wie soll ich meinem Investor noch in die Augen schauen?

— Wir haben dieses Modell ein halbes Jahr lang vorbereitet!

— Das Modell, wie man mir mein Erbe wegnimmt? — fragte Margarita nach.

— Sag Grischa, er soll das Geld wieder auf das Sparkonto seines Sohnes einzahlen, bevor Lera ihn noch vor die Tür setzt.

— Grischa ist mir völlig egal! — Boris schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass die Teller klirrten.

— Du hast mich vor meinen Geschäftspartnern gedemütigt!

— Ich bemühe mich für uns!

— Damit wir nicht von Gehalt zu Gehalt jeden Cent zählen müssen, sondern endlich wie normale Menschen leben!

— Und du schlägst mir jedes Mal auf die Finger!

— Borja, du machst das für dich selbst, — Margarita schob den Teller beiseite.

— Du brauchst diesen Status, diese Ledermappen und die Gespräche über Investitionen.

— Aber für deinen Status bezahle ich.

— Wenigstens versuche ich, etwas zu verändern!

— Im Gegensatz zu dir!

— Du versuchst, mit dem Geld anderer Leute Geschäftsmann zu spielen, — entgegnete sie scharf.

— Die Hunde wurden von meinem Urlaubsgeld bezahlt.

— Die Kryptowährungen wurden mit einem Kredit finanziert, den wir gemeinsam zurückgezahlt haben.

— Und jetzt wolltest du dir auch noch das Ferienhaus schnappen.

— Wir sind eine Familie! — brüllte Boris.

— In einer Familie unterstützt man sich gegenseitig!

— Meine Mutter hat recht, von dir kommt überhaupt nichts zurück.

— Du ziehst mich nach unten!

— Dann geh doch zu deiner Mutter, — schlug Margarita ruhig vor.

— Sie wird dich unterstützen.

— Sie hat eine große Wohnung.

— Ihr könnt dort ein Lager für Blumentöpfe einrichten oder gleich ein Büro.

Boris verstummte.

Eine schwere, unangenehme Stille hing in der Luft.

Er hatte mit Rechtfertigungen, einem Streit oder Tränen gerechnet, aber ganz sicher nicht damit, dass sie ihm die Tür zeigte.

— Wirfst du mich gerade aus dem Haus? — fragte er leise.

— Ich schlage dir nur vor, zu expandieren, — antwortete seine Frau im gleichen Ton.

— Ich brauche einen Ehemann und keinen Investor mit Schulden.

— Packst du deine Sachen selbst oder soll ich dir helfen?

Boris antwortete nicht.

Er drehte sich um und stapfte laut ins Zimmer.

Margarita hörte, wie dort die Schranktüren knarrten und Kleiderbügel auf das Bett flogen.

Sie ging ihm nicht hinterher.

Sie nahm einen Lappen, wischte die Krümel vom Tisch, hob die hingeworfene Mappe auf und legte sie auf das Fensterbrett.

Das Schicksal stellte tatsächlich alles selbst an seinen Platz.

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