— Begreifst du überhaupt, was hier passiert? — Igor schleuderte sein Handy so heftig aufs Sofa, dass es hochsprang und auf den Boden rutschte.
— Ich habe herausgefunden, mit wem du dort den ganzen Tag zusammensitzt.

— Glaubst du, ich bin blind?
Vera stand am Küchentisch und sah ihren Mann an.
In den Händen hielt sie ein Messer und eine nur halb geschälte Gurke.
Draußen vor dem Fenster schmolz der Sommer förmlich dahin, die Hitze hielt bereits die dritte Woche an, und in der Wohnung roch es nach heißer Luft und frischen Kräutern.
— Igor, — sagte sie ruhig, — wovon redest du?
— Davon, dass du dort irgendeinen Viktor Sergejewitsch hast, dem du jeden Tag Bericht erstattest!
— Jeden Abend kommst du spät nach Hause, dein Handy ist lautlos gestellt, und du lächelst vor dich hin …
Vera legte das Messer hin.
Langsam.
Vorsichtig.
Acht Jahre Ehe.
Seit acht Jahren kannte sie diesen Menschen — seinen Geruch, seine Angewohnheit, sich am Hinterkopf zu kratzen, wenn er log, und seine Art, die eigene Unruhe in die Schuld eines anderen zu verwandeln.
Das war typisch für ihn.
Ganz und gar, als läge sein Wesen offen vor ihr.
— Viktor Sergejewitsch ist mein Projektleiter, — sagte sie.
— Und wenn du nicht verstehst, was ein Quartalsbericht ist, heißt das nicht, dass ich es dir erklären muss.
— Der Bericht ist mir völlig egal!
— Ich werde ihn trotzdem anrufen.
Vera sah ihren Mann lange an.
Wegen dieses Blicks hatten ihre Kollegen ein wenig Angst vor ihr — nicht weil sie schrie, sondern weil sie genau auf diese Weise schwieg.
— Wen willst du anrufen?
— Deinen Chef.
— Er soll mir erklären, was das für Überstunden sind.
— Oder ich werde ihm selbst einiges erklären.
Sie antwortete nicht.
Sie ging ins Zimmer und schloss die Tür fest hinter sich.
Vera Kowaljowa arbeitete seit fünf Jahren in der Werbeagentur „Merkur“.
Sie hatte als Managerin angefangen und betreute inzwischen allein drei große Kunden — ohne Assistenten und ohne jemanden, der sie absicherte.
Viktor Sergejewitsch Gromow war der Direktor der Agentur: fünfzig Jahre alt, wortkarg und mit der Angewohnheit, beim Nachdenken mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.
Ein Mann, der überflüssige Worte nicht ausstehen konnte und nur Ergebnisse schätzte.
Genau deshalb verstand Vera sich so gut mit ihm.
Die späten Abende im Büro kamen daher, dass der Kunde — eine große Apothekenkette — eine neue Produktlinie eingeführt hatte und die Kampagne buchstäblich schon gestern haben wollte.
Anrufe, Änderungen, Abstimmungen.
Vera kam mit dem Gefühl nach Hause, etwas wirklich Wichtiges geleistet zu haben.
Igor verstand das nicht.
Er arbeitete in einer Autowerkstatt, ging um acht Uhr morgens aus dem Haus, kam um sechs zurück, und seine Welt war klar und verständlich, ohne unnötige Fragen.
Die Frau ist zu Hause — gut.
Die Frau ist nicht da — schlecht.
Er brauchte keine Erklärungen, nur ihre Anwesenheit.
Sie waren unterschiedliche Menschen.
Vera wusste das schon lange.
Doch in den vergangenen Monaten hatte sich dieser Unterschied wie eine Entfernung angefühlt — nicht wie Meter, sondern wie Kilometer.
Am Morgen ging Igor, ohne sich zu verabschieden.
Vera trank Kaffee, band sich die Haare zusammen, zog eine weiße Bluse an — jene, in der sie sich besonders gefasst fühlte — und fuhr zur Arbeit.
In der U-Bahn war es stickig.
Die Menschen standen Schulter an Schulter, manche lasen etwas auf ihren Handys, andere dösten im Stehen.
Vera sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden dunklen Tunnelwände und dachte daran, dass Igor vielleicht tatsächlich anrufen würde.
Einfach aus Prinzip.
Er konnte aus Prinzip Dummheiten machen — darin hatte er beinahe Talent.
Im Büro ging sie sofort zu ihrem Schreibtisch, schaltete den Computer ein und öffnete ihre E-Mails.
Unter den Nachrichten waren drei vom Kunden, eine vom Designer und … eine von Gromow.
Betreff: „Besprechung um 11 Uhr“.
Merkwürdig.
Normalerweise wurden Besprechungen bereits am Vortag angesetzt.
Im Besprechungsraum saß außer Gromow noch eine Frau.
Vera kannte sie nicht — etwa fünfundvierzig, in einem mausgrauen Businesskostüm und mit einem Gesichtsausdruck, auf dem sich ein leichtes Missfallen für immer festgesetzt zu haben schien.
Sie hieß Ella Romanowna.
Sie war Vertreterin des Kunden — genau jener Apothekenkette.
— Vera, — Gromow bot ihr nicht an, sich zu setzen, was bereits ein Zeichen für sich war.
— Heute Morgen hat mich ein gewisser Igor Kowaljow angerufen.
— Er hat sich als Ihr Ehemann vorgestellt.
Vera bewegte sich nicht.
Nur irgendwo in ihrem Inneren flammte kurz etwas Heißes auf.
— Er erklärte, — Gromow sprach gleichmäßig und ohne jede Betonung, — dass er Ihre Arbeitsbedingungen besprechen wolle.
— Angeblich bleiben Sie ohne Grund länger im Büro.
— Und er deutete an, dass ich möglicherweise eine … unangenehme Atmosphäre schaffe.
Ella Romanowna sah Vera mit jenem Gesichtsausdruck an, mit dem man einen unangenehmen, aber interessanten Vorfall betrachtet.
— Viktor Sergejewitsch, — sagte Vera, — ich entschuldige mich für diesen Anruf.
— Sie müssen sich nicht entschuldigen.
Gromow deutete nun endlich auf den Stuhl.
— Setzen Sie sich.
— Ich möchte, dass Sie verstehen: Ich habe dieses Gespräch abgebrochen.
— Aber die Situation ist unangenehm.
— Ella Romanowna war dabei, als der Anruf kam.
Das war es also.
Hier lag das eigentliche Problem.
Der Kunde hatte alles gehört.
Der Kunde, den Vera seit acht Monaten betreute und der ihr die Abstimmung jedes Entwurfs und jedes Textes anvertraute — dieser Kunde sah sie nun durch das Prisma eines Skandals, den ihr Mann um acht Uhr morgens verursacht hatte.
— Ich möchte verstehen, — sagte Ella Romanowna, — ob das ein einmaliger Vorfall ist oder ob wir überdenken sollten, wer unser Projekt betreut.
Vera sah sie an.
Ruhig.
Fast sanft.
— Ella Romanowna, in acht Monaten Zusammenarbeit wurde keine einzige Deadline verpasst.
— Keine einzige Korrektur blieb länger als einen Tag unbearbeitet.
— Sie selbst haben die Ergebnisse des letzten Quartals mit dem Vermerk „ausgezeichnet“ unterschrieben.
— Meine privaten Umstände beeinflussen meine Arbeit nicht.
— Noch nicht, — bemerkte Ella Romanowna.
— Genau.
— Noch nicht und auch künftig nicht.
Gromow sah Vera an.
Sie wusste nicht, was er dachte — er war nie leicht zu lesen.
Doch in seinem Blick lag weder Mitleid noch Verurteilung.
Etwas anderes.
Etwas, das einer Einschätzung ähnelte.
— Gut, — sagte er schließlich.
— Vera, das Projekt bleibt bei Ihnen.
— Aber ich bitte Sie, die Sache zu Hause zu klären.
— Die Agentur kann kein Schauplatz für familiäre Auseinandersetzungen sein.
— Verstanden, — sagte sie.
Nach der Besprechung ging Vera nach draußen.
Nicht um zu rauchen — sie rauchte nicht.
Einfach nur, um einen Moment draußen zu stehen.
Der Juli drückte mit seiner ganzen Hitze von oben, die Luft über dem Asphalt flimmerte, und irgendwo in der Nähe lief eine Klimaanlage und blies heiße Luft in die ohnehin heiße Umgebung.
Sie nahm ihr Handy heraus.
Suchte Igors Nummer.
Drückte auf Anrufen.
Er ging sofort ran — offenbar hatte er darauf gewartet.
— Na, rufst du jetzt an, um dich zu rechtfertigen?
— Nein, — sagte Vera.
— Ich rufe an, um dir mitzuteilen, dass du mich gerade beinahe meinen Job gekostet hättest.
— Und das Gespräch darüber, wie es weitergeht, führen wir heute Abend.
— Nicht morgen.
— Heute.
Sie steckte das Handy weg und ging zurück ins Büro.
Doch etwas wusste Igor noch nicht.
Nämlich, dass Ella Romanowna nach der Besprechung geblieben war und Gromow noch etwas gesagt hatte — leise, als Vera nicht mehr in der Nähe war.
Und dass auf Gromows Schreibtisch bereits eine Mappe mit Unterlagen lag, in denen der Name Igor Kowaljow in einem vollkommen anderen Zusammenhang auftauchte.
In einem ganz anderen.
Am Abend kam Igor früher als gewöhnlich nach Hause.
Das allein war schon seltsam — normalerweise hatte er es nie eilig, blieb immer noch mit den Männern in der Werkstatt, trank dort Tee aus einem Metallbecher und redete über fremde Autos und fremde Probleme.
Doch diesmal war es erst halb sieben, und er saß bereits in einem Unterhemd in der Küche, schnitt Brot und tat so, als wäre alles völlig normal.
Vera hängte ihre Tasche auf und zog die Schuhe aus.
Sie ging in die Küche und stellte den Wasserkocher an.
Kein Wort.
Igor hielt es als Erster nicht mehr aus.
— Wie lange willst du noch schweigen?
— Ich bin gerade erst zur Tür hereingekommen, — sagte sie.
— Ver, ich wollte doch nur herausfinden, was los ist.
— Du verstehst doch selbst, wie das von außen aussieht.
— Jeden Tag bis neun, du gehst nicht ans Telefon …
— Ich gehe ans Telefon.
— Nicht immer.
— Während einer Besprechung gehe ich nicht ran.
— Das nennt man Arbeit, Igor.
Er schwieg.
Er kaute sein Brot und sah auf den Tisch.
Draußen schrien Kinder im Hof, irgendwo unten schlug eine Autotür zu.
Ein gewöhnlicher Sommerabend.
Nur in der Wohnung war die Luft anders — dicht und angespannt wie vor einem Gewitter, das einfach nicht beginnen wollte.
— Beinahe hätten sie dich gefeuert, — sagte er schließlich.
Nicht voller Bedauern.
Eher mit einer seltsamen Zufriedenheit, als würde das seine eigene Sicht bestätigen.
Vera sah ihn an.
— Sie haben mich nicht gefeuert.
— Und sie werden es auch nicht tun.
— Woher willst du das wissen?
— Weil ich gut arbeite.
Sie goss kochendes Wasser in eine Tasse.
— Und du hast meinen Direktor um acht Uhr morgens angerufen und ihm vor einem Kunden Unsinn erzählt.
— Verstehst du überhaupt, was du da getan hast?
— Ich wollte von Mann zu Mann mit ihm reden.
— Mit meinem Chef.
— Über meine Arbeit.
— Ohne mich.
Igor zuckte mit den Schultern — seine Lieblingsgeste, wenn ihm nichts mehr einfiel, er es aber nicht zugeben wollte.
— Na gut, — sagte er.
— Vielleicht habe ich überreagiert.
— Aber du bist selbst schuld — du hast mich so weit gebracht.
Vera stellte ihre Tasse auf den Tisch.
Leise, ohne sie hinzuknallen.
— Weißt du was, — sagte sie, — lass uns jetzt nicht über Schuld reden.
— Lass uns über etwas anderes sprechen.
Sie ging ins Zimmer, nahm ein ausgedrucktes Blatt aus der Schreibtischschublade, brachte es in die Küche und legte es vor Igor.
Er sah darauf.
Runzelte die Stirn.
— Was ist das?
— Ein Kontoauszug.
— Von unserem gemeinsamen Konto.
— Für die letzten drei Monate.
Igor wurde blass — nur ein wenig, kaum merklich, aber Vera bemerkte es.
Acht Jahre sind eine lange Zeit.
Man beginnt, einen Menschen wie ein vertrautes Buch zu lesen, selbst wenn einem dieses Buch längst nicht mehr gefällt.
— Na und? — fragte er.
— Vierundsiebzigtausend.
— In mehreren Beträgen abgehoben, immer bar, immer während der Arbeitszeit.
Sie setzte sich ihm gegenüber.
— Ich bin keine Buchhalterin, Igor, aber ich kann rechnen.
Er schwieg.
— Wohin geht das Geld?
— Es ist auch mein Geld.
— Unseres, — korrigierte sie ihn.
— Unser gemeinsames Geld.
— Das Geld, das wir für die Renovierung gespart haben.
— Und ich habe das Recht zu wissen, was damit passiert.
Draußen wurde es dunkel.
Die Kinder im Hof waren verschwunden, es wurde still, nur der Kühlschrank summte monoton in der Ecke.
— Schulden, — sagte Igor schließlich.
— Ich habe Schulden.
— Ich kümmere mich darum.
— Bei wem?
— Geht dich nichts an.
Und genau in diesem Moment spürte Vera, wie in ihrem Inneren etwas an seinen Platz rückte.
Klar, beinahe hörbar.
Denn genau diesen Satz — geht dich nichts an — hatte sie im letzten halben Jahr viel zu oft gehört.
Wenn sie fragte, warum er so nervös nach Hause kam.
Warum er plötzlich die Anrufe seiner Mutter nicht mehr beantwortete.
Warum er eines Nachts hinaus in den Hof gegangen war und eine halbe Stunde dort gestanden hatte.
Geht dich nichts an.
Und heute Morgen hatte er ihren Direktor angerufen und ihr Leben zu seiner Angelegenheit gemacht.
Am nächsten Tag fuhr Vera nicht sofort ins Büro.
Zuerst fuhr sie zur Bank, in jene Filiale an der Bolschaja Puschkarskaja, bei der ihr gemeinsames Konto geführt wurde.
Sie bat um einen vollständigen Kontoauszug für die vergangenen sechs Monate.
Die Bankangestellte — eine junge Frau mit Pferdeschwanz und ernstem Gesicht — druckte mehrere Blätter aus und reichte sie ihr über den Tresen.
Vera saß in einem Sessel am Fenster und las.
Menschen gingen an ihr vorbei, in einer Ecke weinte ein Kind, und es roch nach klimatisierter Luft und Plastik.
Das Bild, das sich ergab, sah nicht gut aus.
Die Abhebungen erfolgten regelmäßig — alle zwei bis drei Wochen, die Beträge waren unterschiedlich, aber immer rund.
Gleichzeitig gingen Überweisungen auf das Konto ein — kleinere Summen von verschiedenen Namen, die Vera nicht kannte.
Sie fotografierte die Blätter mit ihrem Handy.
Als sie die Bank verließ, rief ihre Freundin Oksana an, mit der sie schon seit dem Studium befreundet war.
Oksana arbeitete als Juristin, hatte eine scharfe Zunge und beschönigte niemals etwas.
— Wo bist du? — fragte Oksana.
— Ich komme gerade aus der Bank.
— Hör zu, ich muss mit dir reden.
— Komm vorbei.
— Ich bin bis drei im Büro.
Oksanas Kanzlei befand sich in einem alten Haus auf der Petrograder Seite — im zweiten Stock, mit Holztreppen und Fenstern zu einem Innenhof.
Drinnen roch es nach Kaffee und Papier.
Oksana selbst — klein, energisch, mit kurzem Haarschnitt und der Angewohnheit, ihrem Gesprächspartner direkt in die Augen zu sehen — hörte Vera zu, ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen.
Sie hörte einfach zu, nickte und betrachtete die Fotos der Kontoauszüge auf dem Handy.
— Verstehe, — sagte sie schließlich.
— Weißt du, wonach das aussieht?
— Ich kann es mir denken.
— Er schuldet jemandem Geld.
— Ernsthaft viel Geld.
— Und er nimmt es vom gemeinsamen Konto, weil er selbst nichts mehr hat.
Oksana nahm einen Schluck Kaffee.
— Hast du überprüft, ob irgendetwas auf deinen Namen läuft?
— Eine Bürgschaft zum Beispiel?
Vera schwieg eine Sekunde.
— Nein.
— Habe ich nicht.
— Dann fang genau damit an.
Sie saßen noch eine Stunde zusammen.
Oksana erklärte ihr alles ruhig und präzise, so wie nur sie es konnte: was sie überprüfen sollte, wohin sie sich wenden musste und welche Unterlagen sie vorsichtshalber zusammenstellen sollte.
Nicht weil bereits alles schlimm war.
Sondern weil es besser war, Bescheid zu wissen.
Als Vera nach draußen trat, war die Sonne bereits über den Mittag hinausgewandert.
Sie ging am Ufer entlang, vorbei an Touristen mit Eis, an Radfahrern und an einem alten Mann, der am Geländer Tauben fütterte.
Die Stadt lebte ihr eigenes Leben — laut, sommerlich und sorglos.
Doch in ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke.
Gromow hatte gesagt, dass auf seinem Schreibtisch eine Mappe lag.
Und dass Igors Name darin in einem anderen Zusammenhang auftauchte.
In welchem, hatte er nicht erklärt.
Und nun fragte sich Vera: Sollte sie ihn danach fragen?
Oder war es besser, zuerst selbst herauszufinden, was ihr Mann eigentlich angestellt hatte, während sie bis neun Uhr im Büro saß und dachte, es sei einfach nur ein schwieriges Quartal?
Am nächsten Morgen ging Vera von sich aus zu Gromow.
Sie klopfte, trat ein und schloss die Tür.
Er saß am Schreibtisch und sah auf den Monitor, doch als sie hereinkam, schob er die Tastatur beiseite.
Eine kleine, aber vielsagende Geste.
— Viktor Sergejewitsch, Sie haben gestern diese Mappe erwähnt.
— Ich möchte wissen, was darin ist.
Gromow schwieg einen Moment.
Dann stand er auf, ging zum Schrank und holte eine graue Pappmappe heraus — eine ganz gewöhnliche mit Bändern.
Er legte sie vor Vera auf den Tisch.
— Setzen Sie sich.
Sie setzte sich.
— Vor einem Monat kam ein Mann zu mir.
— Er stellte sich als Freund Ihres Mannes vor.
— Er sagte, Igor Kowaljow sei in eine unangenehme Geschichte geraten — er habe sich von einer Privatperson gegen einen Schuldschein Geld geliehen und es nicht rechtzeitig zurückgezahlt.
— Und dieser Mann sei bereit, die Sache zu erledigen, wenn unsere Agentur seine Firma als Kunden übernimmt.
— Ohne Ausschreibung.
— Einfach so.
Vera sah auf die Mappe.
— Ich habe abgelehnt, — fuhr Gromow fort.
— Aber ich habe das Gespräch aufgenommen.
— Für alle Fälle.
— Danach habe ich Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass diese Firma auf Strohmänner registriert ist, seit weniger als einem Jahr existiert und das Finanzamt sich bereits für sie interessiert.
— Sie wussten das gestern schon, als Sie mit mir gesprochen haben?
— Ich wusste es.
— Warum haben Sie es mir nicht gleich gesagt?
— Ich wollte sehen, wie Sie sich verhalten.
Er sagte es ohne Entschuldigung, einfach als Tatsache.
— Sie haben sich nicht gerechtfertigt und auch nicht darum gebeten, ein Auge zuzudrücken.
— Das ist wichtig.
Vera öffnete die Mappe.
Darin lagen Ausdrucke, Kopien und ein Blatt mit Namen.
Unter den Namen stand Igor Kowaljow.
Und daneben ein weiterer: Denis Rjaschin.
Diesen Namen hatte sie einmal gehört, beiläufig, vor ungefähr einem Jahr.
Igor hatte ihn als alten Bekannten erwähnt.
Danach war das Thema nie wieder aufgekommen.
— Was soll ich damit machen? — fragte sie.
— Das ist nicht mehr meine Angelegenheit, — sagte Gromow.
— Aber falls Sie einen Anwalt brauchen, kenne ich einen guten.
— Nicht billig, aber zuverlässig.
Sie nickte.
Schloss die Mappe.
An diesem Abend hatte sie es nicht eilig, nach Hause zu kommen.
Sie verließ das Büro, ging bis zum Ufer der Fontanka und setzte sich auf eine Bank am Wasser.
Ein Ausflugsschiff fuhr vorbei, auf dem Deck lachten Menschen mit Gläsern in der Hand.
Der Sonnenuntergang färbte das Wasser rosa und kupferfarben.
Schön, wenn man nicht nachdachte.
Doch Vera dachte nach.
Acht Jahre.
Sie hatten sich kennengelernt, als sie sechsundzwanzig war — sie hatte gerade ihren ersten vernünftigen Job bekommen, und er wirkte zuverlässig, ruhig und solide.
Wie jemand, neben dem man keine Angst haben musste.
Später stellte sich heraus, dass Ruhe und Verlässlichkeit zwei verschiedene Dinge waren.
Dass sich hinter äußerer Gelassenheit nicht Stärke verbergen konnte, sondern manchmal einfach nur der Unwille, vorauszudenken.
Sie war nicht wütend.
Es war seltsam, nicht wütend zu sein.
Aber da war keine Wut.
Nur etwas Schweres und Müdes, wie ein Rucksack, den man schon so lange trägt, dass man nicht mehr weiß, warum man ihn überhaupt mitgenommen hat.
Das Handy vibrierte.
Oksana.
— Na, hast du etwas herausgefunden?
— Habe ich, — sagte Vera.
— Kommst du morgen früh vorbei?
— Es gibt Unterlagen, die du dir ansehen musst.
— Um wie viel Uhr?
— Um neun.
— Ich mache Kaffee.
Igor war an diesem Abend ungewöhnlich still.
Er saß vor dem Fernseher, sah aber nicht wirklich hin — sein Blick ging einfach durch den Bildschirm hindurch.
Als Vera hereinkam, drehte er den Kopf.
— Spät.
— Ja, — stimmte sie zu.
Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und schloss ihn wieder.
Sie hatte keinen Appetit.
Sie schenkte sich Wasser ein und trank es im Stehen am Spülbecken.
Igor kam ihr nach.
Er blieb in der Tür stehen — groß und unbeholfen wie jemand, der etwas sagen will, aber nicht weiß, wie er anfangen soll.
— Ver, — sagte er schließlich.
— Ich stecke in Schwierigkeiten.
— In ernsthaften Schwierigkeiten.
Sie drehte sich zu ihm um.
— Ich weiß, — sagte sie einfach.
Damit hatte er offenbar nicht gerechnet.
Er blinzelte.
— Woher?
— Unwichtig.
— Erzähl.
Und er erzählte.
Lange, verworren und mit Pausen — wie Denis ihm vor einem Jahr vorgeschlagen hatte, in „eine Sache“ zu investieren, wie sicher alles gewirkt hatte, wie er sich von einem gewissen Ruslan, den er kaum kannte, Geld gegen einen Schuldschein geliehen hatte, wie das Geschäft scheiterte, wie Ruslan zuerst höflich anrief und später weniger höflich, wie Denis verschwand und die Schulden blieben.
Aus siebzigtausend waren mit allen Zinsen hundertzwanzigtausend geworden.
— Du hast versucht, das über meinen Direktor zu regeln, — sagte Vera.
Igor senkte den Kopf.
— Das war Denis’ Idee.
— Er sagte, die Agentur würde seine Firma als Kunden nehmen, er würde Geld bekommen, Ruslan zurückzahlen und dann wäre die Sache erledigt.
— Und du hast zugestimmt.
— Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Vera sah ihn an.
Diesen Menschen, der acht Jahre lang neben ihr geschlafen und mit ihr an einem Tisch gegessen hatte, der sie manchmal zum Weinen vor Lachen gebracht und sie manchmal so gereizt hatte, dass sie mit den Zähnen knirschte.
Der ihren Direktor nicht aus Bosheit angerufen hatte — sondern aus Feigheit.
Was vielleicht sogar noch schlimmer war.
— Du hättest es mir einfach sagen können, — sagte sie.
— Ich habe mich geschämt.
— Geschämt, — wiederholte sie.
— Aber einen fremden Menschen wegen meiner Arbeit anzurufen, war dir nicht peinlich?
Er antwortete nicht.
Was hätte er auch sagen sollen.
Am Morgen kam Oksana — in Leinenhosen, mit einem Coffee-to-go, geschäftig und schnell wie immer.
Sie saßen zu dritt in der Küche: Vera, Oksana und Igor, der aussah wie jemand beim Arzttermin — er wusste, dass es notwendig war, fühlte sich aber trotzdem unwohl.
Oksana blätterte durch die Unterlagen und stellte kurze, präzise Fragen.
Igor antwortete.
Ohne Ausflüchte — offenbar hatte er dafür keine Kraft mehr.
— Also gut, — sagte Oksana und schloss die Mappe.
— Der Schuldschein ist miserabel formuliert, und die Zinsen wurden unter Verstoß gegen die Vorschriften berechnet.
— Das bedeutet nicht, dass keine Schulden bestehen — sie bestehen.
— Aber die Summe ist eine andere.
— Ich kümmere mich darum.
— Das wird kosten … — begann Igor.
— Viel, — unterbrach Oksana ihn.
— Aber weniger als das, worin ihr euch da verstrickt habt.
Igor nickte.
Er sah Vera kurz und beinahe schuldbewusst an.
Sie stand auf, sammelte die Tassen ein und stellte sie ins Spülbecken.
Draußen rauschte der Hof, das Nachbarskind spielte Fußball, und irgendwoher kam Musik — leicht, sommerlich und unverbindlich.
— Ich fahre zur Arbeit, — sagte Vera.
— Ver, — rief Igor ihr nach.
Sie drehte sich um.
— Und wir … wie geht es jetzt mit uns weiter?
Sie dachte eine Sekunde nach.
Wirklich ehrlich.
Nicht nur zum Schein.
— Ich weiß es nicht, — antwortete sie.
— Zuerst klären wir die Sache mit den Schulden.
— Danach reden wir.
Das war keine Grausamkeit.
Das war die Wahrheit — das Einzige, womit sie auf schwierige Fragen antworten konnte.
Im Büro hielt Gromow sie an der Kaffeemaschine auf.
— Wie geht es Ihnen?
— Ich arbeite, — sagte Vera.
Er nickte.
Er schenkte sich Kaffee ein und wollte bereits gehen, drehte sich dann jedoch noch einmal um.
— Vera.
— Ella Romanowna hat heute eine E-Mail geschickt.
— Sie verlängert den Vertrag um ein Jahr.
— Sie schrieb, dass sie Stabilität im Team schätzt.
Vera lächelte leicht.
— Gut.
— Gut, — stimmte Gromow zu und ging den Flur entlang, während er seinen Kaffee umrührte.
Sie stand mit der Tasse in den Händen am Fenster.
Unten gingen Menschen die Straße entlang, Autos fuhren vorbei, und ein Verkäufer am Kiosk legte Zeitungen aus.
Die Stadt blieb keine einzige Minute stehen — gleichgültig und lebendig zugleich.
Das Leben war nicht einfacher geworden.
Vor ihr lagen Gespräche, Entscheidungen, müde Abende und Fragen ohne schnelle Antworten.
Doch genau jetzt — an diesem Ort, an diesem Fenster — spürte Vera festen Boden unter den Füßen.
Ihren eigenen.
Von niemandem besetzt.
Und fürs Erste reichte das aus, um weiterzugehen.
Oksana klärte die Sache mit den Schulden innerhalb von drei Wochen.
Ruslan erwies sich als längst nicht so furchteinflößend, wie Igor ihn sich in seinen nächtlichen Ängsten vorgestellt hatte — einfach ein gewöhnlicher Mann, der nur sein Geld zurückhaben wollte.
Ohne unnötiges Theater.
Oksana traf sich mit ihm, zeigte ihm, wie genau der Schuldschein formuliert war, und nannte die tatsächliche Summe.
Er verzog das Gesicht, stimmte aber zu.
Das Geld brachten sie zusammen — einen Teil aus ihren Ersparnissen, einen Teil lieh Vera sich von ihrer Mutter, kurz und ohne Einzelheiten zu erklären.
Denis tauchte nie wieder auf.
Igor suchte auch nicht mehr nach ihm.
Im August führten Vera und Igor schließlich dieses Gespräch.
Lange, am Tisch, ohne Fernseher und ohne Handys.
Vera sprach ruhig — nicht weil sie alles verziehen hatte, sondern weil es keinen Grund gab zu schreien.
Ihre Worte kamen auch so an.
Igor hörte zu.
Er unterbrach sie nicht und versuchte nicht, sich zu rechtfertigen.
Das war ungewohnt und auf seine Weise wichtig.
Sie lösten nicht alles an einem einzigen Abend.
Aber auf eines einigten sie sich: keine verschlossenen Türen mehr.
Kein „Geht dich nichts an“ mehr, wenn es um gemeinsames Geld ging, und keine Anrufe bei fremden Menschen wegen der Arbeit des anderen.
Einfache Regeln.
Fast selbstverständlich.
Aber manchmal versteht man das Selbstverständliche erst, nachdem man all das hier durchgemacht hat.
Im Herbst wurde Vera befördert.
Gromow bot ihr die Stelle als Abteilungsleiterin an — kurz und ohne großes Aufheben, als wäre es etwas, das längst beschlossen worden war.
Sie sagte ebenso knapp zu.
An diesem Abend fuhren sie und Igor ans Ufer — einfach so, ohne besonderen Anlass.
Sie aßen Eis und sahen aufs Wasser.
Sie redeten über belanglose Dinge.
Es war schön.
Nicht perfekt.
Aber schön — und auch das ist schon sehr viel.







