Eine Minute später brachte der Kellner die Rechnung, die alles veränderte.
Das Lachen an unserem Tisch war für ein gehobenes Restaurant viel zu laut.

Wadim saß am Kopfende des Tisches und hatte sich lässig in seinem Sessel zurückgelehnt.
Neben ihm saß, unnatürlich aufrecht, Alina — seine neue Stellvertreterin.
Ich saß ihnen gegenüber.
— Kellner! — Wadim schnippte mit den Fingern.
— Noch eine Flasche Pinot Noir.
Vom selben Jahrgang.
Der Kellner nickte.
— Wadim, meinst du nicht, dass es reicht? — fragte ich leise.
— Morgen ist der Quartalsbericht fällig.
— Wika, wir feiern doch, — er lächelte Alina breit an.
— Sieben Jahre Ehe.
Kupferhochzeit.
Oder Wollhochzeit?
Egal.
Wichtig ist, dass ich weiß, wie man seiner Frau eine Freude macht.
Alina senkte den Blick auf die Tischdecke.
— Ja, Wadim Sergejewitsch weiß wirklich, wie man Feste organisiert, — murmelte sie.
Ich sah auf mein Handy.
Der Bildschirm war dunkel.
Aber ich wusste, was dort stand.
Vor zehn Minuten war Wadim zur Bar gegangen.
Angeblich, um ein Überraschungsdessert zu bestellen.
In diesem Moment hatte mein Handy kurz vibriert.
Ich bin Finanzdirektorin des Unternehmens.
Auf meinem Handy werden alle Abbuchungen für Repräsentationskosten des Topmanagements angezeigt.
Wadim hatte nicht das Dessert bezahlt.
Er hatte die Restaurantrechnung bezahlt.
Mit der Firmenkreditkarte.
— Ich möchte einen Toast ausbringen, — Wadim stand mit dem Glas in der Hand auf.
Etwas Wein schwappte über.
— Auf den Erfolg.
Auf diejenigen, die keine Angst haben, sich vom Leben alles zu nehmen.
Nicht wahr, Alinotschka?
— Stimmt, — piepste Alina.
— Wika, warum sitzt du mit so einem Gesicht da? — er sah von oben auf mich herab.
— Lächle doch.
Dein Mann lädt ein.
Ich nahm mein Glas am dünnen Stiel.
Das Glas war kalt.
— Du lädst ein? — fragte ich.
— Natürlich.
Ich fragte nicht nach, mit wessen Geld genau.
Das tat ich schon seit einem halben Jahr nicht mehr.
Ich deckte seine kleinen Rechnungen für Geschäftsessen, die er allein führte, und seine Premium-Taxifahrten am Wochenende.
Ich selbst hatte all das ignoriert, damit es zu Hause keine Streitereien darüber gab, dass ich „seine Autorität untergraben“ würde.
— Guter Wein, — sagte ich und stellte das unberührte Glas zurück auf den Tisch.
— Der beste, — Wadim trank die Hälfte seines Glases.
— Morgen sage ich der Buchhaltung, sie soll das als Abendessen mit den Geschäftspartnern aus St. Petersburg verbuchen.
Alina, bereitest du die Anweisung vor?
Alina zuckte zusammen.
— Aber die Partner aus St. Petersburg sind doch schon gestern abgereist, — sagte sie leise.
— Alinotschka, du weißt eben noch so wenig über das Geschäftsleben, — Wadim tätschelte herablassend ihre Hand.
— Sie sind abgereist.
Aber das Abendessen ist geblieben.
Ich sah auf seine Hand, die auf Alinas Hand lag.
Mein Handy vibrierte erneut kurz in meiner Tasche.
TEIL 2. DIE RECHNUNGEN HÄUFEN SICH
— Überweis meiner Mutter Geld auf ihr Sberbank-Konto, — sagte Wadim, während er im Flur seinen Mantel zuknöpfte.
— Bei ihr ist der Heizkessel im Ferienhaus kaputtgegangen.
Das war am Dienstag.
Vor drei Tagen.
— Wie viel? — fragte ich und nahm mein Handy heraus.
— Dreißigtausend.
Und noch etwas für die Lieferung der Ersatzteile.
Ich öffnete die Banking-App.
Wadims Konten waren leer.
— Wadim, du hast doch letzte Woche eine Prämie bekommen.
Die Quartalsprämie.
Er hörte auf, die Knöpfe zu schließen.
Er sah mich an.
Ein langer, schwerer Blick.
— Viktoria.
Wir sind doch eine Familie, — seine Stimme war weich, fast zärtlich.
— Wir haben ein gemeinsames Budget.
Mein Geld habe ich in die Reparatur des Autos gesteckt.
Unseres Autos, wohlgemerkt.
Das Auto lief auf seinen Namen.
— Gut, — sagte ich und überwies das Geld.
— Brav, — lächelte er.
— Ich komme spät nach Hause.
Ich treffe mich mit Kunden im Restaurant.
— Schon wieder?
— Wika, ich bringe der Firma Millionen ein, — seufzte er, als würde er einem Erstklässler das Einmaleins erklären.
— Ich schließe Geschäfte ab.
Ich führe Verhandlungen.
Habe ich etwa kein Abendessen auf Firmenkosten verdient?
Ich spare schließlich unser persönliches Geld.
Das klang logisch.
Wenn man nicht genauer hinsah.
Wenn man vergaß, dass ich gegenüber den Gesellschaftern für jede einzelne Repräsentationsausgabe Rechenschaft ablegen musste.
Am Mittwoch kam er nach Mitternacht nach Hause.
Er roch nach teurem Parfüm.
Nicht nach meinem.
Und nach Alkohol.
— Du schläfst noch nicht? — fragte er und schaltete im Schlafzimmer das Licht ein.
— Ich habe auf dich gewartet.
— Hättest du nicht tun müssen.
Schwierige Verhandlungen.
Am Donnerstagmorgen kam ich früher als gewöhnlich ins Büro.
Ich öffnete die 1C-Datenbank.
Ich rief die Mitarbeiterakte von Romanow W. S. auf.
Die Ausgaben auf seiner Firmenkarte hatten das monatliche Limit um das Dreifache überschritten.
— Wika, — die Hauptbuchhalterin Anna steckte den Kopf in mein Büro.
— Hier sind die Belege von Wadim Sergejewitsch.
Vom letzten Freitag.
Sie legte die Papiere auf meinen Tisch.
Ich sah mir die Beträge an.
— Ein Hotel? — fragte ich leise.
— Ja.
Er sagt, er habe ein Zimmer für Geschäftspartner aus Jekaterinburg gebucht.
— Am Freitag war niemand aus Jekaterinburg hier.
Anna senkte den Blick.
— Ich weiß.
Was soll ich mit den Belegen machen?
Verbuchen?
Ich sah auf die Unterschrift meines Mannes auf den Belegen.
Groß, schwungvoll und selbstsicher.
Die Unterschrift eines Mannes, der genau wusste, dass seine Frau ihn decken würde.
Seine Frau, die Vorgesetzte.
— Verbuch sie, — sagte ich.
Ich selbst hatte ihm diese Macht gegeben.
Ich selbst hatte beim ersten Mal geschwiegen, als er seine Fitnessstudio-Mitgliedschaft mit der Firmenkarte bezahlt hatte.
Ich wollte nicht, dass er sich zurückgesetzt fühlte.
Er litt so sehr darunter, dass er weniger verdiente als ich.
Ich hatte sein männliches Ego geschützt.
Am selben Donnerstagabend aßen wir zu Hause zu Abend.
Ich hatte Hähnchenfilet zubereitet.
— Etwas fad, — Wadim schob den Teller von sich.
— Übrigens habe ich Alina eingeladen, mit uns ins Restaurant zu kommen.
Zu unserem Hochzeitstag.
Ich erstarrte mit der Gabel in der Hand.
— Warum?
— Das Mädchen gibt sich Mühe.
Sie muss sich ins Team integrieren.
Und außerdem liegt das Restaurant am Wasser.
Sie soll sehen, wie die Leute leben.
— Es ist unser Hochzeitstag, Wadim.
— Wika, fang nicht wieder an.
Du machst immer alles kompliziert.
Er stand vom Tisch auf und ging ins Wohnzimmer.
Ich blieb sitzen und sah auf das kalt gewordene Fleisch.
TEIL 3. DIE ROTE MAPPE
Am Freitagmorgen, zehn Stunden vor dem Restaurantbesuch, bat ich Anna, eine vollständige Abrechnung von Wadims Firmenkarte für das vergangene Jahr zusammenzustellen.
— Eine vollständige? — fragte Anna nach.
— Für ein ganzes Jahr.
Alle Transaktionen.
Zwei Stunden später lag eine rote Mappe auf meinem Schreibtisch.
Ich schloss die Bürotür.
Ich schenkte mir ein Glas Wasser ein.
Dann setzte ich mich und begann zu lesen.
Die Zahlen passten nicht zusammen.
Genauer gesagt passten sie zu einem vollkommen stimmigen und widerwärtigen Bild.
Ein Blumenladen am Leninski-Prospekt.
Jeden Freitag.
Siebentausend Rubel.
Ich hatte seit dem achten März keine Blumen mehr bekommen.
Ein Restaurant an den Patriarchenteichen.
Geschäftsessen für zwei Personen.
Regelmäßig.
Ein Juweliergeschäft.
Fünfunddreißigtausend Rubel.
Ein Anhänger.
Vor einem Monat.
Ich besaß keinen Anhänger.
Ich blätterte um.
Taxi.
Klasse „Comfort Plus“.
Fahrten vom Büro zur Straße Stroitelei.
Zweimal pro Woche.
In der Straße Stroitelei wohnte Alina.
Ich erinnerte mich daran aus ihrer Personalakte.
Ich sah auf meine Hände.
Sie zitterten.
Nicht vor Angst.
Sondern wegen der mathematischen Präzision, mit der man mich ausgenutzt hatte.
Er betrog mich nicht einfach nur.
Er tat es auf meine Kosten.
Auf Kosten der Firma, für die ich persönlich verantwortlich war.
Das Telefon auf dem Tisch klingelte.
Wadim.
— Ja.
— Wikulja, ich habe einen Tisch reserviert.
Um sieben Uhr abends.
Holst du mich ab?
— Ich komme selbst.
— Wie du willst.
Alina nehme ich mit, es liegt sowieso auf dem Weg.
— Gut.
— Deine Stimme klingt irgendwie sauer.
Probleme bei der Arbeit?
— Überhaupt keine Probleme, Wadim.
Ich legte auf.
Ich öffnete das Banksystem.
Ich wählte die Firmenkarte von Wadim Romanow aus.
Der Cursor schwebte über der Schaltfläche „Limits und Sperrungen“.
Ich klickte nicht auf „Sperren“.
Ich aktivierte stattdessen die Funktion „Automatische Sicherheitsüberwachung: Bei verdächtigen Transaktionen über 10.000 Rubel ohne SMS-Bestätigung der Finanzdirektorin sperren“.
Ich speicherte die Einstellungen.
Ich schloss die Datenbank.
Dann steckte ich die rote Mappe in meine Tasche.
TEIL 4. ROTWEIN
Im Restaurant herrschte reges Stimmengewirr.
Wadim bestellte Steaks.
Alina aß einen kleinen Salat.
— Ich sage immer, — Wadim schenkte sich noch mehr Wein ein, — das Wichtigste im Geschäft ist Durchsetzungsvermögen.
Viktoria wühlt bei uns in den Zahlen herum, aber das echte Geld bringe ich herein.
Alina sah mich mit einem Anflug von Mitleid an.
— Viktoria Andrejewna ist eine sehr gute Fachkraft, — sagte sie in einem einstudierten Ton.
— Als Fachkraft, ja.
Aber als Ehefrau… — er grinste betrunken.
— Eine Frau sollte weicher sein.
Nicht wahr, Alina?
— Wadim, — ich legte die Serviette auf den Tisch.
— Es reicht.
Er erstarrte mit dem Glas vor den Lippen.
— Was heißt hier „es reicht“?
— Du bist betrunken.
Du benimmst dich unanständig.
Und du demütigst mich vor meiner eigenen Untergebenen.
Alina sank regelrecht in ihrem Stuhl zusammen.
— Untergebenen? — Wadim stellte langsam sein Glas ab.
Sein Gesicht bekam rote Flecken.
— Hier bist du nicht die Chefin.
Hier bist du meine Frau.
Noch zumindest.
— Wadim, beruhige dich.
— Schreib mir nichts vor! — schrie er und sprang abrupt auf.
Der Stuhl flog mit einem lauten Krachen nach hinten.
Die Musik im Restaurant schien plötzlich leiser zu sein als seine Stimme.
Die Gäste an den Nachbartischen drehten die Köpfe zu uns.
Er griff nach seinem Glas mit dem restlichen Pinot Noir.
— Du bist nicht mehr meine Frau! — schrie er durch den ganzen Saal.
Dann schleuderte er mir mit einer heftigen Bewegung den Inhalt des Glases direkt ins Gesicht.
Der dunkelrote Wein traf mein Gesicht, durchtränkte meine weiße Bluse und lief mir den Hals hinunter.
Kalt.
Klebrig.
Im Saal herrschte plötzlich völlige Stille.
Ein Mann am Nachbartisch erhob sich halb von seinem Stuhl.
Alina hielt sich die Hand vor den Mund.
Ihre Augen waren riesengroß geworden.
Ich schrie nicht.
Ich sprang nicht auf.
Langsam nahm ich eine trockene Stoffserviette vom Tisch.
Ich wischte mir die Stirn ab.
Dann tupfte ich meinen Hals trocken.
Wadim stand da und atmete schwer.
Auf seinem Gesicht lag Triumph.
Er wartete auf Tränen.
Er wartete auf eine Hysterie.
Der Restaurantleiter kam mit schnellen Schritten auf unseren Tisch zu.
Er trug einen strengen Anzug und hielt eine Ledermappe in der Hand.
— Gibt es ein Problem, meine Damen und Herren? — fragte er und sah auf meine weinrote, durchnässte Bluse.
— Überhaupt kein Problem, — Wadim setzte sich wieder hin.
— Bringen Sie die Rechnung.
— Ich habe sie bereits mitgebracht, — sagte der Restaurantleiter und legte die Mappe auf den Tisch.
— Die Zahlung wurde abgelehnt.
Wadim runzelte die Stirn.
— Wie bitte, abgelehnt?
Ich habe vor zehn Minuten an der Bar bezahlt.
— Ihre Karte wurde von der Bank gesperrt, — sagte der Restaurantleiter deutlich.
— Es besteht der Verdacht auf eine unbefugte Verwendung von Firmengeldern.
Das System verlangt eine persönliche Bestätigung durch die Finanzdirektorin.
Wadim erstarrte.
Er sah den Restaurantleiter an.
Dann mich.
— Wika… was soll dieser Unsinn? — seine Stimme hatte plötzlich jede Lautstärke verloren.
— Bestätige es.
Ich schwieg.
— Wika, ich habe keine andere Karte dabei.
Bestätige die Zahlung!
Er griff nach der Mappe, um den Beleg herauszunehmen.
Der Restaurantleiter legte höflich, aber bestimmt eine Hand auf die Mappe und hielt Wadims Hand zurück.
— Mein Herr, die Zahlung ist nicht erfolgt.
Zuerst muss die Rechnung beglichen werden.
Alina starrte auf die rote Firmenkarte, die noch im Kartenlesegerät in der Hand des Kellners steckte.
Plötzlich begriff sie.
— Sie… Sie haben mit der Firmenkarte bezahlt? — flüsterte Alina.
— Für das alles?
Sie verstand, dass ein Skandal unvermeidlich war.
Und dass ihr Name in dieser Geschichte mit dem Diebstahl von Firmengeldern in Verbindung gebracht werden würde.
— Alina, sei still! — knurrte Wadim.
— Wika!
Entsperr sofort die Karte.
Ich stand auf.
Ich wischte meine Hände mit der Serviette ab.
Dann warf ich sie auf den mit Wein übergossenen Tisch.
— Morgen um Punkt zehn erwarte ich dich im Büro der Sicherheitsabteilung, — sagte ich mit ruhiger Stimme.
— Mit einer schriftlichen Erklärung.
Wegen des Anhängers.
Wegen der Taxifahrten.
Und wegen dieses Abendessens.
— Was für eine Sicherheitsabteilung… Wika, wir sind doch eine Familie! — er versuchte zu lächeln.
Ein jämmerliches, gebrochenes Lächeln.
— Du bist nicht mehr mein Mann, — gab ich ihm seine eigenen Worte zurück.
Leise.
Ohne zu schreien.
Ich sah Alina an.
— Einen schönen Abend noch.
Ich drehte mich um und ging zum Ausgang.
Hinter mir hörte ich Wadims stockendes Flüstern, während er den Restaurantleiter bat, ihm „fünf Minuten für einen Anruf“ zu geben.
TEIL 5. DER NACHGESCHMACK
Am Morgen roch es im Büro nach frischem Kaffee.
Wadim war zu einer internen Untersuchung bei der Sicherheitsabteilung vorgeladen worden.
Er saß dort bereits seit zwei Stunden.
Anna aus der Buchhaltung brachte mir die Kündigungsverfügung zur Unterschrift.
Eine fristlose Kündigung aus wichtigem Grund.
Ich unterschrieb sie mit einem blauen Kugelschreiber.
Ohne zu zittern.
Das Handy auf meinem Schreibtisch piepte.
Eine Nachricht von Wadim:
„Wika, ich flehe dich an.
Mach mir meinen Lebenslauf nicht kaputt.
Lass uns eine Einigung finden.“
Ich wischte die Benachrichtigung nach links weg.
Ich ging hinunter ins Erdgeschoss, in das kleine Café, in dem der Barista alle Mitarbeiter persönlich kannte.
— Wie immer, Viktoria Andrejewna?
Einen Espresso?
— Nein, — ich sah in die Auslage.
— Machen Sie mir einen Cappuccino.
Mit Karamellsirup.
Den größten.
Ich hatte nie süßen Kaffee getrunken.
Wadim hatte immer gesagt, das seien nur leere Kalorien.
Ich nahm den heißen Becher.
Ich ging nach draußen.
Ich nahm einen Schluck von dem süßen Milchschaum.
Der Wind wehte mir ins Gesicht.
Aber mir war nicht kalt.
Wer von uns hatte all die Jahre eigentlich wen ausgenutzt?







