Doch die erste Seite schlug ich auf.
— Und jetzt, meine lieben Verwandten, wollen wir über das sprechen, was uns schon lange auf der Seele liegt.

Über das Gewissen, — Larissas helle Stimme, die vor gespielter Aufregung leicht zitterte, durchschnitt das gemütliche Stimmengewirr des Familientreffens.
Sie schob das halb aufgegessene Stück Apfelkuchen abrupt von sich weg und stand auf.
Der Stuhl schrammte über das alte, aber sorgfältig mit Bohnerwachs polierte Parkett.
In der kleinen, aber erstaunlich hellen Wohnung meiner Schwiegermutter trat eine quälende Stille ein.
Ich legte ruhig meinen Dessertlöffel beiseite.
Mit meinen fünfundfünfzig Jahren hatte ich längst gelernt, auf die theatralischen Ausfälle meiner Schwägerin nicht mehr zu reagieren.
Als Leiterin eines großen Arzneimittellagers löste ich täglich Dutzende Konfliktsituationen und sah ständig die Panik, Erschöpfung und Verwirrung der Menschen.
Meine Psyche hatte sich längst einen gesunden Schutzpanzer zugelegt.
Doch jetzt, als ich Larissas puterrotes Gesicht betrachtete, verspürte ich eine undeutliche Unruhe.
— Was fängst du jetzt schon wieder an, Lara? — fragte mein Mann dumpf.
Pawel, ein großer, solider Mann mit den von der Arbeit gezeichneten Händen eines Aufzugmechanikers, rückte instinktiv näher zu mir, als wolle er mich mit seiner Schulter schützen.
Seine Finger umklammerten angespannt den Rand der Tischdecke.
— Nein, Pascha, ich fange nichts an, ich beende diesen Zirkus! — Larissas Augen blitzten triumphierend, und sie griff in ihre große Designertasche, die sie nicht einmal im Flur hatte stehen lassen.
Sie zog ein gewöhnliches Schulheft hervor.
Es war alt, mit einem blauen Kunstledereinband, wie man sie vor etwa vierzig Jahren an den sowjetischen Zeitungskiosken verkauft hatte.
Tamara Sergejewna, die Gastgeberin, die am Kopfende des Tisches in ihrem strengen Wollkleid saß, wurde plötzlich blass.
Ihre mageren, mit Pigmentflecken bedeckten Hände zitterten.
— Larissa, leg es zurück, — die Stimme der neunundsiebzigjährigen Frau klang leise, aber darin lag jener besondere metallische Unterton, an den sich noch die Leser der Bezirksbibliothek erinnerten, in der Tamara Sergejewna ihr ganzes Leben gearbeitet hatte.
— Hast du in meiner Kommode herumgewühlt?
— Ich habe das Blutdruckmessgerät gesucht, Mama! — entgegnete ihre Tochter, ohne auch nur im Geringsten verlegen zu sein.
— Und stattdessen habe ich das hier gefunden.
Den Beweis dafür, wie wir hier alle an der Nase herumgeführt werden!
Im Zimmer wurde es stickig.
Draußen fiel feiner Herbstregen, der auf das Blechgesims trommelte, und dieses monotone Geräusch erschien jetzt ohrenbetäubend laut.
Am anderen Ende des Tisches presste Vera Sergejewna missbilligend die Lippen zusammen, die jüngere Schwester der Gastgeberin, die aus der Provinz angereist war.
Larissa selbst hatte auf ihrer Anwesenheit bestanden und einen „wichtigen Familienrat“ angekündigt.
Die Tante, eine direkte Frau, die Intrigen nicht ausstehen konnte, kniff die Augen zusammen und betrachtete ihre Nichte.
Neben ihr saß der dreißigjährige Alexej, Larissas Sohn, ein ruhiger und anständiger junger Mann.
Verärgert rieb er sich den Nasenrücken, weil er bereits den nächsten Skandal seiner Mutter kommen sah.
— Schaut euch das an, Tante Vera, Ljoscha! — Larissa schwenkte das Heft über dem Tisch.
— Wir alle denken doch, unsere Galotschka sei eine Heilige.
Eine selbstlose Seele!
Sie flattert um ihre Schwiegermutter herum und kümmert sich so aufopferungsvoll um sie.
Aber unsere Heilige zieht ihrer Mutter offenbar seit Jahren Geld aus der Tasche!
— Larissa, halt sofort den Mund, — Pawel wollte aufstehen, doch ich legte ihm sanft die Hand aufs Knie und hielt ihn zurück.
— Gib Mama alles zurück!
Die Schulden sind aufgeschrieben! — verkündete meine Schwägerin dramatisch vor allen und schlug das Heft auf den Tisch.
— Ich verlange, dass diese sogenannten „Schulden“ zurückgezahlt werden.
Was hast du gedacht?
Dass Mama im Altersstarrsinn nichts mehr festhält?
Sie hat alles aufgeschrieben!
Wir ziehen diese Beträge einfach von deinem und Paschas Anteil am Erbe ab.
Mamas Wohnung ist schließlich je zur Hälfte meinem Bruder und mir vermacht worden.
Also rechnen wir jetzt einmal nach!
Sie schlug das Heft etwa in der Mitte auf und begann jedes Wort betont vorzulesen:
— „Siebzehnter März.
Galja – große Summe.“
„Fünfter April.
Galja – Reparatur.“
„Zwölfter August.
Galja – Sanatorium.“
Larissa ließ ihren triumphierenden Blick über die Verwandten schweifen.
— Und überall steht dein Name, Galja!
Und die Beträge.
Hunderttausende Rubel über all diese Jahre!
Mama hat aufgeschrieben, wie viel du dir von ihr genommen hast!
Hast du überhaupt kein Gewissen mehr?
Du nimmst deine eigene Schwiegermutter aus, eine Rentnerin, während sie krank ist?
Ich saß schweigend da.
In meinem Inneren zog sich alles zusammen, aber nicht vor Scham, sondern vor einem stechenden, schmerzhaften Mitleid.
Ich betrachtete Tamara Sergejewna, deren Augen sich nun mit hilflosen Tränen füllten.
Ich erinnerte mich sehr gut an diese Ausgaben.
Die Medikamente, die der Kardiologe verschrieben hatte, waren in jenem Monat nicht auf vergünstigtes Rezept erhältlich gewesen, weil es Lieferprobleme in der Poliklinik gab.
Ich fand sie in einer Apotheke und bezahlte sie selbst, weil die Behandlung nicht aufgeschoben werden durfte und für ein älteres Herz jeder versäumte Tag kritisch sein konnte.
Im April war tatsächlich der Kühlschrank kaputtgegangen.
Er war ausgelaufen und hatte die Hälfte der Lebensmittel verdorben.
Ich selbst rief einen Handwerker und bezahlte den Austausch des Kompressors, während mein Mann bei der Arbeit war.
Und das Sanatorium …
Tamara Sergejewna hatte nach einer Lungenentzündung große Schwierigkeiten beim Atmen und brauchte die Luft eines Nadelwaldes.
Ich hatte über die Gewerkschaft einen Kurplatz organisiert, aber einen beträchtlichen Teil des Betrags aus meinen eigenen Ersparnissen dazugezahlt.
Und jedes Mal, wenn meine Schwiegermutter versuchte, mir zerknitterte Geldscheine aus ihrer Rente zuzustecken, schob ich ihre Hand sanft, aber bestimmt zurück.
„Tamara Sergejewna, Sie beleidigen mich.
Wir sind doch keine Fremden.
Kaufen Sie sich lieber Obst davon.“
Ich hatte Larissa gegenüber nie Rechenschaft abgelegt.
Und nun stellte meine Schwägerin meine eigene Fürsorge auf den Kopf und versuchte, mich als Diebin hinzustellen.
— Na, was sagst du dazu? — Larissa grinste mich giftig an.
— Darauf hast du wohl keine Antwort?
— Du liest ab der Mitte, Larissa, — sagte ich ruhig, ohne die Stimme zu erheben.
— Aber die erste Seite schlage ich auf.
Ich beugte mich über den Tisch, nahm das blaue Heft unter den Händen meiner verblüfften Schwägerin hervor, blätterte ganz nach vorne und hielt das vergilbte Blatt so hoch, dass alle die Aufschrift sehen konnten.
— Tamara Sergejewna, lesen Sie es bitte selbst vor, — bat ich meine Schwiegermutter sanft.
Die alte Frau setzte ihre Brille auf.
Ihre Stimme zitterte, doch mit jedem Wort gewann sie jene längst vergessene Kraft aus ihrer Zeit in der Bibliothek zurück.
Sie las den einzigen Satz auf dem Blatt vor:
— „Schulden, die ich nicht mehr zurückzahlen können werde.“
Vera Sergejewna schnappte nach Luft.
Pawel senkte den Kopf und schluckte schwer.
— Was? — Larissa blinzelte verwirrt, während ihr triumphierendes Lächeln langsam verschwand.
— Was für Schulden?
— Vor zwei Jahren, nach meinem leichten Schlaganfall, begann ich Dinge zu vergessen, — Tamara Sergejewna nahm die Brille ab, und Tränen liefen über ihre faltigen Wangen.
— Zuerst waren es Kleinigkeiten.
Wo ich meine Schlüssel hingelegt hatte oder ob ich den Herd ausgeschaltet hatte.
Doch dann bekam ich Angst, Lara.
Eine tierische, schreckliche Angst vor dem Alter.
Ich bekam Angst, dass mein Verstand eines Tages dunkel werden könnte und ich vergessen würde, wer in meinen schlimmsten Tagen bei mir gewesen war.
Dass ich vergessen würde, wessen Hände mich aus dem Bett gehoben hatten.
Sie richtete ihren Blick auf mich.
In diesem Blick lag so viel grenzenlose Dankbarkeit, dass mir selbst der Atem stockte.
— Nicht ich habe Galja Geld gegeben, — fuhr meine Schwiegermutter fort, und ihre Stimme wurde fest.
— Galja hat für mich bezahlt.
Ich schrieb alles auf, was ich ihr schuldete.
Sie kaufte mir teure Medikamente, als ich kein Rezept hatte.
Sie brachte mir Lebensmittel und bezahlte Reparaturen.
Ich versuchte, ihr das Geld zurückzugeben, aber sie weigerte sich.
Also legte ich dieses Heft an.
Ich schrieb jede Hilfe von ihr auf.
Nicht, um diese Schuld später aus dem Erbe zurückzuzahlen.
Sondern damit ich, wenn mein Verstand mich eines Tages im Stich lässt, dieses Heft aufschlagen und lesen kann, wer in Wirklichkeit mein Halt gewesen ist.
Das ist mein Gedächtnis, Larissa.
Meine Beichte.
Und du hast sie mit Schmutz beschmiert.
Im Zimmer wurde es so still, dass man die alte Wanduhr ticken hören konnte.
Ich wischte mir schnell eine Träne weg und spürte, wie mein Mann unter dem Tisch fest meine Hand drückte.
Vera Sergejewna atmete geräuschvoll aus.
— Ach, Larisska … — sie schüttelte den Kopf.
— Was bist du nur für eine Närrin.
Und damit willst du ihr Vorwürfe machen!
Du solltest deiner Mutter zu Füßen fallen und dankbar sein, dass ihre Schwiegertochter sich um sie kümmert, während du dein Leben genießt!
Larissa bekam rote Flecken im Gesicht.
Ihre perfekte Frisur wirkte plötzlich lächerlich, und ihr teures Parfüm erschien erdrückend.
Doch nachzugeben war sie nicht gewohnt.
— Also wirklich! — kreischte sie und ging wie gewohnt zum Angriff über.
— Das ist doch alles Gefühlsduselei!
Pascha und ich sind ihre leiblichen Kinder!
Und ich helfe Mama übrigens auch!
Ich habe ihr die Rentenkarte eingerichtet, ich erledige ihre Einkäufe!
Ohne mich würdet ihr überhaupt nicht zurechtkommen!
Da hielt Pawel es nicht mehr aus.
Langsam stand er auf.
Bei seiner Arbeit hatte er häufig mit abgenutzten, verrotteten Seilen zu tun und wusste: Wenn irgendwo ein Riss entstanden ist, muss man die Verbindung kappen, sonst stürzt irgendwann alles ein.
— Du hilfst ihr, sagst du? — die Stimme meines Mannes war trügerisch ruhig.
— Mutter hat dir ihre Karte gegeben, damit du ihre Rechnungen bezahlst, weil es ihr schwerfällt, zur Bank zu gehen.
Und damit du Lebensmittel bestellst.
Richtig?
— Richtig! — entgegnete meine Schwägerin herausfordernd.
Tamara Sergejewna richtete sich plötzlich auf.
Die Trauer in ihrem Gesicht wich einer bitteren Entschlossenheit.
Sie schob das blaue Heft beiseite und öffnete eine Schublade des Tisches.
— Da heute offenbar unser Tag der Buchhaltung ist, — sagte sie mit eisiger Stimme, — rechnen wir alles bis zum Ende durch.
Sie holte einen dicken weißen Umschlag mit dem Logo einer Bank hervor.
— Letzten Dienstag bat ich Pascha, mich zur Bankfiliale zu fahren.
Ich wollte meine Ersparnisse für meine Beerdigung und für das Grabmal deines Vaters überprüfen, damit ihr später keine Ausgaben habt.
Die Bankangestellte druckte mir einen Kontoauszug aus.
Larissa sackte plötzlich in sich zusammen.
Ihre Augen weiteten sich, und ihre Hände klammerten sich krampfhaft an den Riemen ihrer Tasche.
— Mama, bitte nicht … — murmelte sie mit veränderter Stimme.
— Das ist doch Familiensache, warum vor allen …
— Vor allen! — schnitt Vera Sergejewna ihr das Wort ab und schlug mit ihrer mageren Hand auf den Tisch.
— Du selbst hast hier ein Tribunal veranstaltet, also wirst du dich auch vor allen verantworten!
Lies weiter, Toma!
Tamara Sergejewna nahm mehrere Blätter mit Kontoauszügen aus dem Umschlag.
— Also.
Meine Rente und das Geld, das ich für meine Beerdigung zurückgelegt habe, — begann sie und fuhr mit dem Finger über die Zeilen.
— April.
Einkauf in einem Kosmetikgeschäft – vierzehntausend Rubel.
Larissa, sag mir, meine Liebe, wozu brauche ich, eine alte Frau mit Arthritis, ein teures Serum und französisches Parfüm?
Larissa schwieg und zog den Kopf zwischen die Schultern.
— Mai, — fuhr ihre Mutter unerbittlich fort.
— Schönheitssalon.
Haarfärben, Spa-Programm.
Fast zehntausend.
Ich bin nur noch zur Poliklinik aus dem Haus gegangen, und meine Nägel schneidet Galja mir mit einer ganz gewöhnlichen Nagelzange.
Juli.
Reisebüro.
Fast meine gesamte Monatsrente.
Das waren vermutlich genau die „lebensnotwendigen Medikamente“, von denen du erzählt hast?
Ein Wochenendausflug?
— Mama, das war mein Geld! — schrie Larissa hysterisch.
— Ich habe nur … ich hatte mein Bargeld nicht auf meine Karte eingezahlt und deshalb mit deiner bezahlt!
Ich wollte es später zurückgeben!
— Ein halbes Jahr lang wolltest du es zurückgeben? — Pawel sah seine Schwester angewidert an.
— Du hast Zehntausende von Mutters Karte genommen, Lara.
Du hast auf Kosten einer Rentnerin gelebt, die sogar beim Quark spart.
Und jetzt wagst du es, meine Frau zu beschuldigen?
Alexej, der bis dahin blass und schweigend dagesessen hatte, beugte sich plötzlich ruckartig nach vorne.
— Warte, Oma, — die Stimme des jungen Mannes zitterte.
— Schau mal in den September.
Kurz vor dem Kälteeinbruch.
Gibt es dort eine Zahlung an ein Autoteilegeschäft?
Tamara Sergejewna fuhr mit den Augen über die Zeilen.
— Ja, Ljoschenka.
Achter September.
Zahlung für Reifen.
Einunddreißigtausend.
Alexej drehte sich langsam zu seiner Mutter um.
In seinem Blick lag so viel Verachtung, dass Larissa endgültig in sich zusammensank.
— Du hast mir gesagt, das sei dein Geburtstagsgeschenk für mich, — sagte er leise, aber jedes Wort deutlich betonend.
— Du hast gesagt: „Mein Sohn, ich habe mein Prämiengeld gespart, damit du sicher fahren kannst.“
Und du hast die Reifen vom Geld gekauft, das Oma für ihre Beerdigung zurückgelegt hatte?
— Ljoscha, mein Junge, was spielt das denn für eine Rolle! — Larissa wurde hektisch und versuchte, ihren Sohn an der Hand zu packen.
— Das ist doch gemeinsames Geld!
Oma hätte es dir sowieso geschenkt!
Es ist Erbe, es gehört uns ohnehin!
Alexej zog angewidert seine Hand zurück.
Er holte sein Smartphone heraus, öffnete seine Banking-App und tippte einige Sekunden lang schnell etwas ein.
In der Stille des Zimmers ertönte ein kurzer Signalton von Tamara Sergejewnas Telefon.
— Ich habe dir fünfunddreißigtausend überwiesen, Oma.
Mit Zinsen, — sagte Alexej und erhob sich vom Tisch.
— Verzeih mir.
Ich wusste es nicht.
Er blickte von oben auf seine Mutter herab.
— Ich schäme mich für dich, Mama.
— Ljoscha!
Wo willst du hin?! — schrie Larissa, als der junge Mann sich umdrehte und in den Flur ging.
Die Haustür fiel ins Schloss.
Larissa blieb allein im Kreuzfeuer der verurteilenden Blicke zurück.
Ihr Plan, mich öffentlich zu demütigen, hatte sich in eine Katastrophe verwandelt.
Sie hatte mich als berechnendes Biest darstellen wollen, um ihre eigenen Diebstähle zu rechtfertigen und ihren Anspruch auf die Wohnung abzusichern, doch am Ende war sie selbst in die Falle geraten.
Vera Sergejewna stand langsam auf und stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab.
— Weißt du was, Nichte, — sagte sie mit ihrem schweren regionalen Akzent.
— Unsere Familie hat immer arm und schwer gelebt.
Aber Ratten hatten wir nie.
Du hast deiner Mutter nicht nur Geld gestohlen.
Du hast ihr ihren Seelenfrieden gestohlen.
Raus mit dir.
— Das ist auch meine Wohnung!
Die Hälfte gehört mir! — kreischte Larissa und klammerte sich an ihr letztes Argument.
— Solange ich lebe, ist es meine Wohnung, — Tamara Sergejewnas Stimme klang wie ein Urteil.
Sie legte die Bankkarte auf den Tisch und bedeckte sie mit ihrer Handfläche.
— Morgen gehe ich zum Notar.
Das Testament wird geändert.
Pascha und Alexej werden die Erben sein.
Du, Larissa, hast dein Erbe bereits bekommen.
Die Karte lasse ich noch heute sperren.
Larissa rang nach Luft.
Sie schnappte sich ihre Tasche und stieß dabei beinahe eine Tasse mit kalt gewordenem Tee um.
— Ihr werdet das noch bereuen!
Ihr alle! — zischte sie.
— Ihr habt euch alle gegen mich verschworen!
Na wartet nur, wir werden ja sehen!
— Verschwinde! — brüllte Pawel so laut, dass das Geschirr im Schrank klirrte.
Er machte einen Schritt auf seine Schwester zu, und sie stieß einen erschrockenen Laut aus und schoss wie eine Kugel in den Flur.
Im Zimmer hing eine ohrenbetäubende Stille, die nur vom Rauschen des Regens unterbrochen wurde.
Tamara Sergejewna ließ sich schwer auf den Stuhl sinken.
Die künstliche Stärke verließ ihren Körper, und zurück blieb nur die grenzenlose Erschöpfung eines alten Menschen, der von einem geliebten Menschen verraten worden war.
Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, und zwischen ihren mageren Fingern drang ein dumpfes, schmerzhaftes Schluchzen hervor.
Ich war sofort bei ihr.
Ich umarmte meine Schwiegermutter an ihren schmalen, zitternden Schultern und drückte sie an mich.
— So, so, meine Liebe, — sagte ich leise beruhigend.
— Es ist vorbei.
Wir sind bei Ihnen.
Pascha ist hier, und ich bin hier.
Ich hob den Blick zu meinem Mann.
— Pascha, bring das Blutdruckmessgerät.
Tamara Sergejewna, atmen Sie ruhig.
Wir messen jetzt Ihren Blutdruck und geben Ihnen das Medikament, das Ihnen der Arzt verschrieben hat.
Keine schnellen Bewegungen.
Pawel zog ernst die Augenbrauen zusammen und eilte ins Zimmer, um das Gerät zu holen.
Vera Sergejewna seufzte schwer und wischte sich mit einer Ecke der Tischdecke die Augen.
— Du bist wirklich eine Frau mit einem Herzen aus Gold, Galka, — murmelte sie.
— Verzeih uns alten Narren.
Als Tamara Sergejewna sich etwas beruhigt hatte und das Blutdruckmessgerät akzeptable Werte zeigte, nahm ich vorsichtig das blaue Heft vom Tisch.
Ich schloss es und legte sanft meine Hand auf den alten Kunstledereinband.
— Sie schulden mir gar nichts, Tamara Sergejewna, — sagte ich bestimmt und sah ihr direkt in die Augen.
— Geben Sie nur nie wieder jemandem Ihre Karte.
Und bewahren Sie das Heft auf.
Nicht wegen der Schulden, sondern wegen der Erinnerungen.
Pawel schaltete schweigend den Wasserkocher ein, Vera Sergejewna begann den kalt gewordenen Apfelkuchen aufzuschneiden, und Tamara Sergejewna zog das blaue Heft näher zu sich heran.
Jetzt wusste sie ganz genau: Das Wichtigste in ihrer Erinnerung würde nicht mehr verloren gehen.







