Als Dr. Narek auf dem Flur der Entbindungsstation auf Aram zukam, versuchte der Mann nicht einmal, seine Ungeduld zu verbergen.
„Geht es meiner Frau gut?“
„Ja. Die Mädchen leben, aber beide haben einen angeborenen Herzfehler. Sie müssen operiert werden.“
Arams Gesicht erstarrte.
„Wir haben also kranke Kinder bekommen?“

Der Arzt schwieg einen Moment. In zwölf Berufsjahren hatte er viele Reaktionen erlebt: Tränen, Panik, Gebete. Doch in dieser Frage lag etwas anderes.
„Sie haben zwei Töchter bekommen“, antwortete er ruhig. „Und jetzt brauchen sie unsere Hilfe.“
Aram zog sein Handy hervor.
„Ich muss meine Mutter anrufen.“
Währenddessen lagen auf der Intensivstation zwei winzige Schwestern nebeneinander. Die eine drückte ihre kleine Faust an die Wange, die andere hielt mit den Fingern den Rand ihrer Decke fest.
Sie hatten noch keine Namen.
Mariam sah ihre Kinder am nächsten Morgen zum ersten Mal.
Narek schob sie im Rollstuhl zur Glaswand.
„Rechts liegt die Ältere. Sie kam drei Minuten früher zur Welt.“
Mariam betrachtete die winzigen Gesichter. Ihre Lippen zitterten.
„Darf ich sie berühren?“
„Natürlich.“
Doch genau in diesem Moment erschienen Aram und seine Mutter Seda auf dem Flur.
„Mariam, wir müssen zuerst reden“, sagte die Schwiegermutter bestimmt.
Narek sah, wie die Frau ihre Hand zurückzog.
Als er später an ihrer halb geöffneten Zimmertür vorbeiging, hörte er ungewollt Sedas Stimme.
„Du wirst dein ganzes Leben in Krankenhäusern verbringen. Beide sind krank. Ihr seid noch jung. Ihr könnt gesunde Kinder bekommen.“
„Aber das sind meine Töchter“, flüsterte Mariam.
„Und was wird aus unserem Leben?“, unterbrach Aram sie. „Wir haben einen Kredit und nicht einmal eine eigene Wohnung. Hast du eine Vorstellung davon, welche Kosten auf uns zukommen?“
Narek klopfte an und trat ein.
„Das Krankenhaus hilft Ihnen bei der Organisation der Operationen. Treffen Sie diese Entscheidung nicht allein aus Angst vor den Kosten.“
Aram drehte sich verärgert um.
„Das ist eine Familienangelegenheit.“
„Und die Behandlung der Mädchen liegt in meiner Verantwortung.“
Drei Tage später reichten sie eine Erklärung ein, dass sie die Kinder nicht mit nach Hause nehmen wollten.
Während die Sozialarbeiterin das weitere Verfahren erläuterte, hielt Mariam den Blick gesenkt.
Narek hielt sie auf dem Flur auf.
„Sie müssen heute keine endgültige Entscheidung treffen. Sie können bleiben, die Mädchen besuchen und Unterstützung bekommen.“
Mariam sah ihm in die Augen.
„Und wenn sie nicht überleben?“
„Diese Angst kann ich Ihnen nicht nehmen. Aber es gibt eine Behandlungsmöglichkeit.“
Die Frau begann zu weinen.
„Ich halte das nicht aus.“
Narek wollte fragen: „Und wie sollen die beiden es ohne Sie aushalten?“ Doch er schwieg.
Aram wartete bereits am Aufzug.
„Mariam, wir gehen.“
Sie ging.
Am selben Abend befestigte die Krankenschwester Anahit zwei kleine Kärtchen an den Bettchen.
„Luse.“
„Nare.“
„Ich kann nicht ständig ‚das erste Mädchen‘ und ‚das zweite Mädchen‘ sagen“, erklärte sie.
Narek betrachtete die Namen lange.
„Sie sind wunderschön.“
***
Luse wurde zuerst operiert.
Vor der Tür des Operationssaals wartete niemand aus der Familie. Nur Anahit war nach ihrer Schicht geblieben und hielt eine Tasse kalten Tee zwischen den Händen.
Als Narek herauskam, sprang sie auf.
„Lebt sie?“
Der Arzt lächelte erschöpft.
„Sie lebt.“
Anahit sank auf den Stuhl und brach in Tränen aus.
Nares Operation war schwieriger. In der ersten Nacht nach dem Eingriff kehrte Narek dreimal auf die Station zurück, obwohl bereits ein Kollege Dienst hatte.
Am Morgen klingelte sein Handy. Es war seine Frau Eva.
„Kommst du wieder nicht nach Hause?“
„Es war eine sehr wichtige Nacht.“
Nach einigen Sekunden des Schweigens fragte Eva:
„Geht es der Kleinen gut?“
„Jetzt ja.“
„Dann bringe ich Frühstück vorbei. Für dich und Anahit.“
Eva sah die Mädchen an diesem Morgen zum ersten Mal. Sie stand lange an Nares Bettchen und legte dann vorsichtig einen Finger in ihre winzige Handfläche.
Das Mädchen umklammerte ihn.
Eva lächelte, doch ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Acht Jahre zuvor hatten sie und Narek ihren neugeborenen Sohn verloren.
Seitdem war es für sie beinahe unmöglich gewesen, eine Kinderstation zu betreten.
Die Monate vergingen.
Luse begann als Erste zu lächeln. Nare schlief gern ein, wenn jemand eine Hand auf ihren Rücken legte. Anahit sagte, die Kleine vergewissere sich ständig, dass sie nicht allein gelassen worden war.
Die Versuche, die Eltern zu erreichen, wurden dokumentiert. Telefonanrufe, Gesprächsangebote, verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten.
Aram ging meistens nicht ans Telefon. Mariam rief einmal an.
„Sind sie schon operiert worden?“
„Beide“, antwortete die Sozialarbeiterin. „Sie können vorbeikommen, dann besprechen wir die Situation.“
„Aram möchte im Moment nicht.“
Sie kam nicht.
Später leiteten die zuständigen Kinderschutzstellen das Verfahren ein, um eine Familie zu finden, die sich um die Mädchen kümmern konnte.
Damals sagte Eva ihrem Mann zum ersten Mal, was sie seit Wochen kaum auszusprechen wagte.
„Ich möchte, dass sie bei uns leben.“

Narek setzte sich neben sie.
„Wir müssen dasselbe Verfahren durchlaufen wie alle anderen. Meine Arbeit hier darf uns keine Vorteile verschaffen.“
„Ich weiß. Ich bin bereit.“
Sie stellten einen Antrag, führten Gespräche und durchliefen die notwendigen Prüfungen und Treffen. Narek war an den offiziellen Entscheidungen über die Unterbringung der Mädchen nicht beteiligt.
Zu Hause richtete Eva nach und nach ein Zimmer mit zwei Kinderbettchen ein.
Am Tag, an dem Luse und Nare entlassen wurden, brachte Anahit zwei rosa Stirnbänder mit Schleifen mit.
„Man muss schließlich sehen, dass heute ein Festtag ist.“
Narek nahm die Mädchen auf die Arme, und Eva hob ihr Handy.
„Lächle ein bisschen. Du stehst da, als müsstest du gleich eine Prüfung ablegen.“
Er lachte.
Genau in diesem Moment entstand das Foto: der junge Arzt, zwei schlafende Mädchen und hinter ihnen das Krankenzimmer, das sie nun verließen.
Mit Zustimmung der Familie veröffentlichte das Krankenhaus das Bild auf seiner Seite, ohne Einzelheiten über die Vergangenheit der Kinder preiszugeben.
Zwei Tage später sah Mariam das Foto.
Lange vergrößerte sie die Gesichter der Mädchen.
„Aram … es geht ihnen gut.“
Ihr Mann nahm das Handy.
„Sie haben sie also geheilt?“
Mariam nickte.
Am nächsten Morgen waren sie im Krankenhaus.
***
„Wir sind gekommen, um unsere Kinder abzuholen“, erklärte Aram an der Anmeldung.
Narek traf die beiden im Büro der Sozialarbeiterin.
„Die Mädchen sind nicht hier.“
„Dann holen Sie sie her. Wir sind ihre Eltern.“
„Sie leben bereits bei einer Familie. Über ihre Betreuung entscheiden die zuständigen Stellen.“
Aram wurde rot.
„Sie hatten kein Recht, sie jemand anderem zu geben.“
Die Sozialarbeiterin öffnete eine Akte.
„Wir haben Sie über den Verlauf des Verfahrens informiert. Mehrfach haben wir Ihnen Gespräche und Unterstützung angeboten.“
Mariam fragte kaum hörbar:
„Das heißt, Sie geben sie uns jetzt nicht?“
Narek hörte, wie ihre Stimme brach, antwortete aber ruhig.
„Wir können Ihnen die Kinder nicht einfach übergeben. Sie können auf dem vorgesehenen Weg einen Antrag stellen. Jede Veränderung in ihrem Leben muss vor allem ihrem Wohl dienen.“
Mariam setzte sich.
„Ich dachte, ich hätte noch Zeit.“
Niemand antwortete sofort.
An diesem Abend fand Eva Narek im Kinderzimmer.
Nare schlief an seiner Schulter, während Luse in ihrem Bettchen mit den Beinen strampelte.
„Ein schwerer Tag?“
„Ja.“

Eva trat näher und richtete Nares Decke.
„Werden sie wiederkommen?“
„Möglich.“
Die Frau schloss für einen Moment die Augen.
„Ich habe Angst.“
Narek nahm ihre Hand.
Nare bewegte sich im Schlaf und umklammerte mit ihrer kleinen Faust sein T-Shirt.
Eva betrachtete die winzigen Finger und beugte sich dann über Luse.
„So, ihr beiden“, flüsterte sie. „Jetzt schlafen wir. Morgen früh machen wir einen langen Spaziergang.“
Und zum ersten Mal nach diesen Worten ertönte kein Alarm eines Geräts, keine Tür wurde hastig geöffnet.
Zu hören waren nur zwei ruhige Atemzüge.







