— Sonja, geh einen Schritt von der Tür weg, ich schlage jetzt dieses verdammte Schloss auf! — Katja riss mit aller Kraft an dem schweren Metallbügel, der an den Scharnieren der geschwärzten Holztür der unbeheizten Sauna hing.
— Mama, ich habe Angst, hier ist es dunkel, und die Mäuse kratzen irgendwo herum, — erklang die zitternde, weinende Stimme ihrer achtjährigen Tochter.

— Halt durch, Häschen, Mama ist hier!
— Ich mache gleich auf!
Katja sah sich panisch um.
Neben dem Holzstapel, unter einem Stück alter Dachpappe, entdeckte sie eine rostige Eisenstange.
Sie packte das schwere Werkzeug mit beiden Händen, rannte zur Tür, schob das Ende der Stange unter das Türscharnier und stemmte sich abrupt mit ihrem ganzen Körper gegen den Hebel.
Die alten, verrosteten Nägel begannen mit einem unangenehmen Quietschen aus dem morschen Holz herauszukommen.
Katja drückte noch stärker, ohne den Schmerz in ihren aufgescheuerten Handflächen zu spüren.
Die Tür öffnete sich knarrend.
Katja stürmte in den dunklen Vorraum.
Sonja saß auf einer umgedrehten Plastikschüssel.
Sie trug nur einen dünnen Rollkragenpullover, eine leichte Strickhose und die riesigen Gummistiefel ihres Großvaters an den nackten Füßen.
Draußen waren es kaum mehr als vier Grad über null, der Novemberfrost hatte die schmutzigen Pfützen auf dem Grundstück bereits mit einer knackenden Eisschicht überzogen, und durch die unbeheizte Sauna zog ein eisiger Luftzug.
Katja warf ihrer Tochter schnell ihre dicke Steppjacke über die Schultern und zog den Reißverschluss bis unters Kinn zu.
— Wir gehen ins Haus.
— Sofort.
— Wer hat dich hier eingesperrt?
— Oma… — schluchzte Sonja mit klappernden Zähnen.
— Sie hat gesagt, ich soll bis zum Abend hier sitzen, bis ich über mein Verhalten nachgedacht habe.
— Ich habe aus Versehen die Tür am Gewächshaus kaputtgemacht…
— Ich werde denen jetzt allen etwas erzählen, — sagte Katja und betonte jedes einzelne Wort, während sie spürte, wie in ihr brennende Wut aufstieg.
Sie waren drei Jahre lang jedes Wochenende auf diese Datscha gekommen.
Jeden Freitag hatten sie sich in ihrem alten Renault Logan durch den Stau gequält, nur um hierherzukommen und kostenlos zu arbeiten.
Gerade dank Katjas Firmenrabatten hatte die Schwiegermutter auf der Datscha nun ein Dach aus Metallziegeln, Basalt-Dämmmaterial, teure finnische Farben und einen nagelneuen Boiler.
Die Schwiegermutter sagte immer mit einem seligen Lächeln: „Das ist doch alles für euch, Kinder.“
„Wir bauen eure Zukunft, euer Familiennest.“
„Was brauchen wir Alten denn schon groß?“
Katja trat die Eingangstür des warmen Hauses auf, das mit einer neuen und teuren Fassadenverkleidung verkleidet war.
In der Küche herrschte die reinste Idylle.
Vera Iljinitschna, eine sechzigjährige Frau mit zusammengepressten Lippen, schälte seelenruhig Kartoffeln über dem Spülbecken.
Viktor Pawlowitsch, ein kräftiger Mann mit rotem, wettergegerbtem Gesicht, saß im Schaukelstuhl, sah Nachrichten im Fernsehen und kommentierte lautstark das Geschehen.
Katjas Mann Roma saß an dem mit einer gelb geblümten Wachstuchdecke bedeckten Tisch und hantierte mit einem Schraubenzieher an einem auseinandergenommenen Vergaser eines Benzintrimmers.
Auf dem Tisch standen Tassen mit halb ausgetrunkenem Beuteltee.
— Roma, steh auf, — befahl Katja laut.
Roma zuckte zusammen und ließ eine kleine Schraube auf das Linoleum fallen.
— Katjuscha, warum bist du so früh da?
— Ich dachte, wir holen dich erst zum Abendessen am Bahnhof ab.
— Deine Tochter saß eingesperrt in einer eiskalten Sauna.
— Seid ihr hier völlig verrückt geworden?
Roma blinzelte verwirrt und sah abwechselnd seine Frau und seine Mutter an.
— Mama… ist das irgendein Scherz?
Vera Iljinitschna drehte nicht einmal den Kopf.
Kaltblütig schnitt sie die Schale von der nächsten Kartoffel.
— Was soll daran lustig sein?!
— Deine Tochter ist völlig unkontrollierbar.
— Ich habe sie gebeten, nicht in der Nähe des Gewächshauses herumzurennen.
— Ich habe eine strenge erzieherische Maßnahme angewandt.
— Eine erzieherische Maßnahme also?! — explodierte Katja und machte einen Schritt auf ihre Schwiegermutter zu.
— Sie haben mein Kind wegen irgendeines Gewächshauses in einer kalten Sauna eingesperrt!
— Sind Sie noch bei Verstand?
Viktor Pawlowitsch wandte sich vom Fernseher ab und beschloss, sich einzumischen.
— Wag es ja nicht, deine Mutter anzuschreien, du Hysterische! — brüllte der Schwiegervater und schlug mit seiner breiten Handfläche auf die hölzerne Armlehne des Sessels.
— Sie hat genau das Richtige getan!
— Dieses Mädchen muss schon lange an Arbeit und Disziplin gewöhnt werden.
— Sie wächst zu einer verwöhnten Nichtstuerin heran!
— In ihrem Alter haben wir schon Kühe gemolken, und sie kann nur auf ihrem Handy herumtippen und die Arbeit anderer kaputtmachen!
Katja trat einen Schritt vor und stellte sich schützend vor die zitternde Sonja.
— Und worin besteht Ihre Arbeit hier?
— Darin, vom Sessel aus Befehle zu erteilen?
— Katja, beruhige dich bitte, — murmelte Roma und wischte sich hektisch die Hände an einem schmutzigen Lappen ab.
— Papa, ihr seid aber auch zu weit gegangen.
— Warum ausgerechnet in die Sauna?
— Man hätte sie einfach in die Ecke stellen oder ihr Süßigkeiten verbieten können.
— Du hältst dich da ganz raus, Pantoffelheld! — brüllte Viktor Pawlowitsch.
— Du hast hier eine richtige Demokratie eingeführt.
— In meinem Haus gelten meine Regeln.
— Wem es nicht gefällt, für den steht das Tor offen!
— Roma, hörst du überhaupt, was sie sagen? — Katja wandte sich ihrem Mann zu, ihre Augen funkelten vor Wut.
— Sie haben deiner Tochter so etwas Widerliches angetan, und du stehst hier und rechtfertigst dich vor ihnen?
— Ich rechtfertige mich nicht! — Roma sah zum Fenster.
— Das Gewächshaus war einfach nicht billig…
— Mama hat sich eben aufgeregt, und jetzt springt ihr Blutdruck.
— Sonja, du aber auch, warum schaust du beim Rennen nicht, wohin du trittst?
Sonja, in die Jacke ihrer Mutter gewickelt, begann laut zu weinen und klammerte sich fest an Katjas Hosenbein.
— Also gut, — Katja holte tief Luft und versuchte, ihr rasend schlagendes Herz zu beruhigen.
— Das Gewächshaus ist euch also mehr wert als ein Kind.
Sie ging schnell zum Tisch.
— Vera Iljinitschna.
— Legen Sie jetzt dieses Messer hin.
Die Schwiegermutter schnaubte, spülte die Kartoffel unter fließendem Wasser ab und wandte sich langsam ihrer Schwiegertochter zu.
Ihr Gesicht blieb vollkommen undurchdringlich, ruhig und überheblich.
— Katerina, hör auf, hier einen Straßenmarkt-Streit zu veranstalten.
— Du befindest dich auf meinem Grundstück.
— Wir erziehen unsere Enkelin so, wie wir es für richtig halten.
— Wenn du mit deinen unmittelbaren Mutterpflichten nicht zurechtkommst, müssen eben wir sie übernehmen.
— Und sei dankbar, dass wir überhaupt unsere Zeit an euch verschwenden.
Katja lachte böse auf.
— Auf Ihrem Grundstück, sagen Sie?
— Ja, auf unserem, — brummte der Schwiegervater und erhob sich schwerfällig aus seinem Sessel.
— Und hör auf, hier Ansprüche zu stellen.
— Wir sind die Eigentümer.
— Roma, — Katja sah ihrem Mann direkt in die Augen.
— Sag mir, wer die Fassadenverkleidung für dieses Haus bezahlt hat?
— Katja, warum fängst du jetzt damit an… — Roma rieb sich nervös den Nacken.
— Antworte!
— Klar und deutlich.
— Wer hat letzten Monat die Fassadenverkleidung bezahlt?
— Wir haben sie bezahlt, — sagte ihr Mann leise.
— Und wer hat die Pumpstation für den Brunnen gekauft?
— Wer hat hundertzwanzig Meter Metallziegel geliefert?
— Wer hat die Arbeiter bezahlt, die das Fundament für genau diese Sauna gegossen haben, in der ihr heute mein Kind habt frieren lassen?!
— Das wird doch alles für euch gemacht! — mischte sich Viktor Pawlowitsch ein und schüttelte die Faust in der Luft.
— Deine Mutter und ich schuften hier in den Beeten, damit ihr anständiges Essen habt!
— Das ist doch alles euer Erbe, du dumme Idiotin!
— Wir tun das für Roma, für die Enkel!
— Damit ihr euch an der frischen Luft erholen könnt!
— Ach, wirklich? — Katja wich keinen Schritt zurück.
— Dann schauen wir doch einmal nach, was das für ein Erbe ist!
Sie ging mit schnellen Schritten zu der alten sowjetischen Vitrine, deren polierte Oberfläche stellenweise rissig geworden war.
— Hey, wo willst du hin? — empörte sich die Schwiegermutter und erhob zum ersten Mal ihre Stimme.
— Fass das nicht an!
— Da sind meine persönlichen Sachen drin!
Katja öffnete die Glastür, ohne auf ihren Schrei zu reagieren.
Sie wusste genau, dass ihre Schwiegermutter im zweiten Regal hinter den Kristallgläsern eine dicke grüne Druckknopfmappe aufbewahrte, in der Stromrechnungen, Kassenbons und Garantiescheine lagen.
Katja selbst hatte dort mehrfach Unterlagen über die gekauften Baumaterialien hineingelegt.
— Katja, leg das zurück, — Roma machte einen Schritt nach vorn.
— Das gehört sich nicht.
— Warum wühlst du in fremden Papieren herum?
— Was sich nicht gehört, Roma, ist, wenn deine eigene Mutter dich für einen kostenlosen Knecht und Geldautomaten hält.
Katja öffnete den Druckknopf, holte einen Stapel Papiere heraus und begann schnell, die Blätter durchzusehen.
Stromrechnungen, ein Garantieschein für den Rasenmäher, Quittungen für Zement, Lieferscheine für Wandverkleidung…
Und schließlich ein dickes DIN-A4-Blatt mit einem amtlichen Siegel.
— Da ist es, — Katja zog das Dokument heraus.
— Ein Auszug aus dem Einheitlichen Staatlichen Immobilienregister.
— Ganz aktuell.
— Vor eineinhalb Monaten ausgestellt.
— Ich habe mich damals schon gewundert, warum Vera Iljinitschna mich gebeten hat, die Quittung für die Zahlung der staatlichen Gebühr an meinem Computer auszudrucken.
— Ich dachte, sie würden das Grundstück neu vermessen lassen.
— Leg die Papiere hin, du Diebin! — die Schwiegermutter stürzte auf sie zu und versuchte, ihr das Blatt aus der Hand zu reißen, doch Katja streckte ihre freie Hand aus und hielt sie hart zurück.
— Stehen bleiben! — brüllte Katja.
— Roma, lies laut vor.
Sie drückte ihrem Mann das Blatt in die Hand.
Roma nahm das Papier unsicher entgegen, und seine Augen huschten über die Zeilen.
— Abschnitt eins…
— Angaben zu den Merkmalen des Immobilienobjekts…
— Datscha, Fläche sechzig Quadratmeter…
— Lies weiter!
— Abschnitt zwei!
— Eigentümer!
Roma ließ seinen Blick weiter nach unten wandern.
Plötzlich spannte sich sein Gesicht an, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
— Eigentümer…
— Smirnow Oleg Viktorowitsch.
Im Zimmer breitete sich eine schwere, zähe Stille aus.
Nur aus dem Fernseher plapperte eine fröhliche Stimme weiter über die Wettervorhersage für morgen.
— Oleg? — Roma hob einen völlig leeren und fassungslosen Blick zu seiner Mutter.
— Mama… Oleg?
— Mein Bruder?
Tamara Iljinitschna richtete den Kragen ihrer Strickjacke.
Ihr Gesicht wurde wieder eisig und ruhig.
— Ja.
— Oleg.
— Und was überrascht dich daran so?
— Ihr habt doch gesagt, dass die Datscha auf Papa eingetragen ist.
— Ihr habt gesagt, dass ihr sie später auf mich überschreiben werdet, weil Oleg überhaupt nicht hierherkommt, ein Stadtmensch ist und dieses Grundstück gar nicht braucht.
— Die Situation hat sich geändert, — antwortete die Mutter und verschränkte die Arme vor der Brust.
— Oleg hat gerade eine schwierige Phase in seinem Leben.
— Er hat seine Arbeit verloren und sich von seiner Freundin getrennt.
— Er braucht Sicherheit, er braucht ein eigenes Zuhause.
— Du und Katja bekommt ohnehin bald eine Wohnung mit Hypothek, ihr seid selbstständige, durchsetzungsfähige Menschen.
— Oleg ist der Jüngere, ihm muss man helfen.
— Wir haben einen Schenkungsvertrag auf seinen Namen abgeschlossen.
Roma sah sie an, als würde er sie zum ersten Mal in seinem Leben sehen.
— Das heißt…
— Ihr habt die Datscha vor eineinhalb Monaten auf Oleg überschrieben?
— Ja, Roma, vor eineinhalb Monaten, — mischte sich Katja ein.
— Genau zu dem Zeitpunkt, als wir zweihunderttausend für die neue Heizungsanlage bezahlt haben!
— Ihr habt unser Geld genommen und uns jedes Wochenende hier schuften lassen, während ihr Märchen über unser Familiennest erzählt habt, obwohl ihr längst alles diesem Nichtsnutz geschenkt hattet!
— Ihr seid verpflichtet, der Familie zu helfen! — schrie Viktor Pawlowitsch und schüttelte die Faust.
— Oleg ist dein Bruder!
— Und diese Datscha ist unser Eigentum, wir können sie schenken, wem wir wollen!
— Und überhaupt, zähl nicht das Geld anderer Leute, du Händlerin!
— Das Geld anderer Leute? — Katja lachte auf.
— Das war das Geld, das wir für Sonjas Urlaub am Meer zurückgelegt hatten!
— Aber Sie brauchten ja unbedingt sofort eine finnische Kläranlage!
— Niemand hat dich gezwungen, — erwiderte Vera Iljinitschna kaltblütig.
— Du hättest sie auch nicht kaufen müssen.
— Eigeninitiative wird eben bestraft.
— Dann erinnern wir uns doch an alles! — Katja begann, an den Fingern abzuzählen.
— Der Zaun aus Profilblech — achtzigtausend!
— Die Lieferung von Sand und Kies — fünfzehntausend!
— Kunststofffenster für den zweiten Stock — hundertzehntausend!
— Sie haben mich jeden Tag bei der Arbeit angerufen: „Katjenka, besorg uns doch einen Rabatt auf Zement, Katjenka, wir brauchen gute Schrauben, keine chinesischen.“
— Wir sind Rentner! — fauchte Viktor Pawlowitsch.
— Kinder sind gesetzlich verpflichtet, für ihre alten Eltern zu sorgen!
— Für sie sorgen — ja!
— Lebensmittel und Medikamente kaufen — ja!
— Aber keinen Palast für Ihren dreißigjährigen Riesen Oleg bauen, der den ganzen Tag auf dem Sofa liegt und Bier trinkt!
— Wag es nicht, so über meinen Sohn zu reden! — Tamara Iljinitschna zog streng die Augenbrauen zusammen.
— Er sucht sich selbst.
— Er ist eine sehr sensible Seele.
— Ihm fällt es schwer in dieser grausamen Welt.
Roma lachte bitter auf.
— Mama, er ist dreißig Jahre alt.
— Er hat noch nie irgendwo länger als einen Monat gearbeitet.
— Ihr habt ihm Omas Wohnung gegeben, er hat sie vermietet und das Geld verschleudert.
— Und jetzt habt ihr ihm auch noch die Datscha geschenkt.
— Und das war richtig so! — erklärte der Schwiegervater.
— Du bist doch versorgt, verdienst in der Werkstatt gutes Geld.
— Aber Oleg geht ohne unsere Hilfe zugrunde.
— Weißt du, Papa, — Roma ließ seinen Vater nicht aus den Augen.
— Mir ist gerade erst etwas klar geworden.
— Als ich ein Kind war, hast du mich wegen einer Vier in Mathematik mit dem Gürtel geschlagen.
— Du hast mich Kartoffeln graben lassen, bis mir schwarz vor Augen wurde.
— Aber Oleg hast du Spielkonsolen gekauft und ihn vor dem Militärdienst bewahrt.
— Ich dachte, du willst aus mir einen Mann machen.
— Aber in Wirklichkeit hast du mich einfach ausgenutzt, weil ich geschwiegen und alles ertragen habe.
— Ihr habt nur Oleg geliebt.
— Und mich habt ihr als kostenlose Arbeitskraft und Geldautomaten benutzt.
— Wag es nicht, so zu reden! — empörte sich Vera Iljinitschna.
— Wir haben euch beide gleich geliebt!
— Jeder braucht einfach eine andere Behandlung!
— Und deshalb habt ihr beschlossen, dass ich sein sorgenfreies Leben bezahlen soll? — Roma schüttelte den Kopf und zerknüllte das Papier in seiner Hand.
— Wisst ihr eigentlich, wie viele fremde Autos ich abends repariert habe, damit ich euch diesen Gaskessel kaufen konnte?
— Ich habe mir letzten Monat den Rücken kaputtgemacht.
— Manchmal arbeite ich bis Mitternacht, damit ihr hier im Warmen sitzen könnt.
— Und ihr habt meine Tochter wegen eines verdammten Gewächshauses in der Sauna eingesperrt.
Die Schwiegermutter gab nicht nach.
— Sie hat meine Gartenschere genommen und den Bewässerungsschlauch durchgeschnitten!
— Das war aus Versehen! — piepste Sonja hinter Katjas Rücken hervor.
— Ich wollte eine Schnur für meine Hütte abschneiden, aber die Schere ist abgerutscht.
— Siehst du! — sagte Vera Iljinitschna triumphierend.
— Eine Rowdytante und Zerstörerin!
— Kein bisschen Respekt vor fremdem Eigentum.
— Im Gegensatz zu Ihnen können wir für den Schlauch bezahlen, — sagte Katja scharf.
Sie zog ihre Geldbörse aus der Jeanstasche, nahm einen Fünftausend-Rubel-Schein heraus und legte ihn neben die Kartoffeln auf den Tisch.
— Hier.
— Für Ihre Tür, den Schlauch und den seelischen Schaden.
— Das Wechselgeld können Sie behalten.
— Kaufen Sie Oleg zur Feier des Tages Bier davon.
Vera Iljinitschna warf ihrer Schwiegertochter einen vernichtenden Blick zu, nahm das Geld vom Tisch jedoch an sich.
— Roma, — Katja wandte sich ihrem Mann zu.
— Pack deine Werkzeuge ein.
— Nimm die Taschen.
— Söhnchen, wo willst du denn hin? — Vera Iljinitschna verengte die Augen.
— Wer soll das Dach über der Veranda fertigstellen?
— Hast du gehört, was sie im Fernsehen gesagt haben?
— Morgen soll es stark regnen.
— Unsere Dachsparren liegen offen.
— Oleg soll kommen und es fertigstellen, — sagte Roma.
— Es ist jetzt sein Dach.
— Seine Dachsparren.
— Und euer Gewächshaus.
— Du wagst es, deine Eltern in so einem Moment wegen der Hysterie dieser Frau im Stich zu lassen?! — brüllte Viktor Pawlowitsch.
— Versuch nur zu gehen!
— Dann gibt es keinen Weg zurück!
— Ich streiche dich aus der Familie!
— Du kommst mir nie wieder über die Schwelle!
Roma ging schweigend zur Garderobe, nahm seine Jacke herunter und zog sie an.
— Dann streich mich, Papa.
— Ich habe meine eigene Familie.
— Und bei euch habe ich nichts mehr verloren.
Katja nahm Sonja bei der Hand, ohne die Schwiegereltern noch einmal anzusehen.
— Komm, mein Schatz.
— Wir werden nie wieder hierherkommen.
— Dann verschwindet doch! — schrie der Schwiegervater ihnen hinterher.
— Ich will euch hier nie wieder sehen!
— Verräter!
Vera Iljinitschna schwieg und stand weiterhin mit der geschälten Kartoffel in der Hand am Spülbecken.
Die Eingangstür fiel mit einem schweren Knall ins Schloss.
—
Acht Monate vergingen.
In der gemieteten Zweizimmerwohnung am Stadtrand arbeitete laut ein Standventilator und bewegte die Luft.
Die Julihitze ließ den Asphalt schmelzen.
Durch das offene Fenster drang das Dröhnen der Autos von der Hauptstraße herein.
Katja stand am Bügelbrett und dämpfte sorgfältig Sonjas dunkelrote Schuluniform.
Das Mädchen kam nun in die dritte Klasse.
Roma saß müde, aber ruhig auf dem ausziehbaren Sofa.
Er trug ein sauberes graues T-Shirt mit dem Logo „Auto-Master“.
Vor ihm lagen auf dem gläsernen Couchtisch farbige Ausdrucke verschiedener Wohnungsgrundrisse eines Bauträgers sowie Bankbroschüren.
— Schau mal, Katja, — Roma deutete mit dem Finger auf das Papier.
— Wenn wir eine Wohnung in dieser neuen Wohnanlage nehmen, reicht unser Geld inzwischen vollständig für die Anzahlung.
— In diesen sechs Monaten haben wir mehr gespart als in den drei Jahren davor.
— Und die Hypothekenrate ist völlig akzeptabel.
— Nächste Woche werde ich Vorarbeiter, mein Gehalt steigt um dreißig Prozent, dazu kommt noch eine Umsatzbeteiligung.
Katja lächelte, schaltete das Bügeleisen aus und hängte den gebügelten Rock auf einen Kleiderbügel.
— Das klingt wirklich großartig.
— Und der Balkon ist dort groß und verglast.
— Dort könnte man Blumen in Töpfen aufstellen.
— Aber bloß keine Beete und keine Setzlinge.
Roma lachte und legte die Unterlagen zur Seite.
In diesem Moment begann Romas Handy zu vibrieren.
Auf dem Display stand: „Mama“.
Roma sah lange auf den leuchtenden Bildschirm.
Das Telefon summte hartnäckig und bewegte sich dabei über die glänzende Oberfläche des Tisches.
— Gehst du ran? — fragte Katja leise.
Roma seufzte, drückte die grüne Taste und schaltete den Lautsprecher ein.
— Ja, Mama.
— Roma… Söhnchen… — Vera Iljinitschnas Stimme klang ungewohnt kläglich, ohne den sonst üblichen eisigen Unterton.
Im Hintergrund war Autolärm zu hören.
— Romotschka, kannst du kommen?
— Wohin?
— Zu uns nach Hause.
— In die Stadtwohnung.
— Was ist denn mit eurer wunderbaren Datscha passiert?
Am anderen Ende herrschte lange Stille, nur unterbrochen vom schweren Seufzen der Schwiegermutter.
— Die Datscha gibt es nicht mehr, Roma.
— Wie, die gibt es nicht mehr?
— Ist sie abgebrannt?
— Oleg hat sie verkauft, — die Stimme der Frau zitterte.
— An irgendwelche Wiederverkäufer, für einen Spottpreis.
— Er sagte, er brauche Geld.
— Die neuen Besitzer sind gestern mit der Polizei gekommen, haben die Schlösser abgesägt und unsere Sachen vor den Zaun gestellt.
— Sie haben uns nicht einmal die Kartoffeln mitnehmen lassen, die dein Vater gepflanzt hatte.
Roma schwieg.
Katja stand am Bügelbrett, stützte sich darauf und hörte aufmerksam zu.
— Papa ging es plötzlich schlecht mit dem Herzen, wir mussten einen Krankenwagen rufen, — fuhr Vera Iljinitschna fort.
— Jetzt sitzen wir in der Wohnung, und hier wurde seit zwanzig Jahren nichts renoviert.
— Der Wasserhahn tropft, die Elektrik schlägt Funken.
— Roma, wir brauchen deine Hilfe.
— Komm vorbei und schau dir die Elektrik an.
— Und etwas Geld könnten wir auch gebrauchen…
— Für Papas Medikamente.
Roma rieb sich mit zwei Fingern den Nasenrücken.
— Mama.
— Ja, Söhnchen?
— Wem habt ihr die Datscha geschenkt?
— Oleg…
— Dann soll Oleg auch den Wasserhahn reparieren.
— Aber er geht nicht ans Telefon!
— Er hat seine Nummer gewechselt!
— Roma, wir sind doch deine Eltern!
— Du kannst uns in so einer Situation nicht im Stich lassen!
— Wir sind doch eine Familie!
— Familie, Mama, bedeutet, dass man sich nicht gegenseitig ins Gesicht lügt, — sagte Roma hart, aber vollkommen ruhig.
— Familie bedeutet, dass man ein achtjähriges Mädchen nicht in einer Sauna einsperrt.
— Ich werde euch fünftausend für die Medikamente überweisen.
— Aber ich komme nicht, um die Elektrik zu reparieren.
— Ruft einen Handwerker über eine Anzeige.
— Roma, wie kannst du nur?! — in der Stimme seiner Mutter erklangen wieder die vertrauten herrischen Töne.
— Das ist alles der Einfluss dieser Schlange!
— Sie hat dich gegen uns aufgehetzt!
Roma hörte nicht weiter zu.
Er drückte die rote Taste und legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Im Zimmer wurde es still, und nur der Ventilator summte gleichmäßig weiter und bewegte die stickige Luft.







