Ich lachte so laut, dass es durch die ganze Küche hallte.
— Anja, wir müssen reden.

Sergej schob den Teller mit dem halb aufgegessenen Abendessen beiseite und trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte.
Anna hob den Blick von ihrem Buch, und in ihrem Inneren zog sich alles verräterisch zusammen.
Sie kannte diesen trockenen, distanzierten Ton nur zu gut.
Genauso hatte er gesprochen, als er trotz ihrer Einwände ihr gemeinsames Budget mit einem riesigen Kredit für ein neues Auto belastet hatte.
Sie legte ein Lesezeichen zwischen die Seiten und schloss langsam das Buch.
Dutzende Gedanken schossen ihr durch den Kopf.
Probleme bei der Arbeit?
Fehlte ihm schon wieder Geld?
— Es geht nicht um die Arbeit, — Sergej fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Mit zweiunddreißig begann er bereits deutlich kahl zu werden, und das kränkte seinen Stolz.
— Es geht um uns.
Ich will mich scheiden lassen.
Die Stille in der Küche wurde ohrenbetäubend.
Annas Hand zitterte, und das Buch fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Tisch.
Zwei Jahre Ehe wurden in einem einzigen Augenblick ausgelöscht.
— Ich empfinde nicht mehr dasselbe wie früher, — fuhr Sergej wie auswendig gelernt fort und vermied sorgfältig ihren Blick.
— Wir sind zu verschieden.
Ich habe die Routine satt.
Wir beide verdienen eine Chance auf Glück.
Anna sah den Mann an, für den sie ihren geliebten Beruf als Lehrerin aufgegeben hatte.
Den Mann, für den sie zu einer perfekten Hausfrau geworden war.
Sie bügelte seine Hemden, backte seine Lieblingspasteten und ertrug die endlosen Sticheleien seiner unverschämten Mutter.
Und all das war für ihn nur „Routine“.
— Hast du jemand anderen kennengelernt? — fragte sie leise.
Sergej verzog angewidert das Gesicht, als hätte sie gegen die Regeln des Anstands verstoßen.
Lange wich er aus und erklärte, die Probleme hätten schon vor langer Zeit begonnen.
Doch unter dem eisigen Blick seiner Frau gab er schließlich nach.
— Ja.
Sie heißt Ksenia.
Mit ihr fühle ich mich wieder lebendig.
Ich fühle mich wieder wie zwanzig!
„Er ist zwanzig“, dachte Anna mit einem bitteren inneren Lächeln.
„Und wie alt ist sie?“
Es stellte sich heraus, dass Ksenia fünfundzwanzig war.
Ksenia war ein Model.
Und Sergej hatte bereits alles entschieden.
Am nächsten Tag wollte er seine Sachen packen und in ein neues, aufregendes Leben aufbrechen.
Großzügigerweise überließ er seiner verlassenen Frau ihre eigene Wohnung, die ihr bereits vor der Ehe gehört hatte.
— Verschwinde, — Annas Stimme zitterte nicht vor Tränen.
In ihr klang stählerne Wut.
— Verschwinde sofort.
Ich will dich morgen nicht mehr sehen.
Sergej versuchte, sie zu einem „vernünftigen Gespräch unter Erwachsenen“ zu bewegen.
Doch Anna lachte nur.
Zwei Jahre lang hatte er sie wie eine bequeme Dienstmagd behandelt, und jetzt verlangte er Verständnis?
Noch am selben Abend fiel die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss.
„Mach meinem Sohn das Leben nicht kaputt“
Eine Woche verging wie im Nebel.
Die Tage verschwammen zu einer endlosen Folge aus Schlaflosigkeit, kalt gewordenen Tassen Tee und Versuchen zu verstehen, an welcher Stelle sie falsch abgebogen war.
Doch wirklich wach wurde Anna erst, als auf ihrem Handydisplay der Name ihrer Schwiegermutter erschien.
— Anjetschka! — Die Stimme von Tatjana Iwanowna floss süß wie Honig.
In den zwei Jahren zuvor hatte sie ihre Schwiegertochter nicht ein einziges Mal in diesem Ton angesprochen.
— Wie geht es dir, meine Liebe?
Anna antwortete kühl, dass alles in Ordnung sei.
Daraufhin kam die Schwiegermutter direkt zur Sache.
— Ich wollte dich um etwas bitten, — zwitscherte Tatjana Iwanowna.
— Mach Serjoscha bitte keine Szenen!
Er leidet ohnehin schon sehr.
Du bist noch jung und hast dein ganzes Leben vor dir.
Es ist eben so gekommen.
Sei ihm bitte nicht böse.
Anna wollte schreien.
Diese Frau rief nicht an, um sie zu unterstützen.
Sie rief an, um ihren kleinen Jungen zu beschützen, der wieder einmal großen Schaden angerichtet hatte.
Sergej konnte ein Auto zu Schrott fahren, seine Arbeit verlieren oder seine Familie verraten.
Doch in Tatjana Iwanownas Augen blieb er immer das unschuldige Opfer der Umstände.
Ohne sich die salbungsvollen Reden bis zum Ende anzuhören, legte Anna auf.
Wie vorhersehbar und widerlich das alles war.
Eine Stunde später kam eine Nachricht von ihrer Schwägerin, Sergejs Schwester.
„Wie geht es dir?“
„Wir vermissen dich.“
„Soll ich auf einen Tee vorbeikommen?“
Olga war immer der einzige Lichtblick in dieser Familie gewesen.
Im Gegensatz zu ihrer überheblichen Mutter wirkte sie einfach und bodenständig.
Anna stimmte zu.
Die Wahrheit aus dem Supermarkt
Olga saß am Küchentisch in Annas Wohnung und gestikulierte aufgeregt mit den Händen.
Es stellte sich heraus, dass Sergej seine junge Geliebte bereits seiner Mutter vorgestellt hatte.
— Es ist ein Albtraum, Anja!
Der Rock reicht kaum über die Hüften, die Lippen sind aufgespritzt, und sie sieht uns an, als wären wir ihre Bediensteten!
— erzählte ihre Schwägerin.
— Mama bringt ihr ihre berühmten Pasteten, und diese Frau rümpft nur die Nase und sagt: „Ich esse kein Mehl, ich habe ein Fotoshooting.“
Danach lag Mama zwei Tage lang mit Herztabletten im Bett!
Olga zufolge gab Sergej wahnsinnige Summen für seine neue Liebe aus.
Er hatte ihr ein Telefon und eine teure Tasche gekauft.
Er warf mit Geld um sich, als wäre er plötzlich Millionär geworden.
„Interessant“, dachte Anna.
„Bei mir hat er immer gejammert, dass das Geld nicht einmal für einen vernünftigen Urlaub reicht.“
Doch der Besuch ihrer Schwägerin war nicht nur ein Höflichkeitsbesuch.
Nachdem Olga ihrem Ärger Luft gemacht hatte, senkte sie die Stimme.
— Anja, da wäre noch etwas.
Ich habe am Samstag einen wichtigen Termin, und mein Mann ist auf Geschäftsreise.
Könntest du auf Mischa aufpassen?
Nur drei oder vier Stunden.
Er liebt dich doch so sehr!
Anna erstarrte.
Während ihrer Ehe hatte sie ständig auf ihren Neffen aufgepasst und ihre angeblich immer beschäftigte Schwägerin vertreten.
Aber jetzt?
Nach allem, was geschehen war?
Doch ihre Zuneigung zu dem Jungen war stärker.
Sie seufzte und sagte zu, ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal sein würde.
Am Abend ging Anna in den Supermarkt, um Käse zu kaufen.
Dort traf sie Marina, eine ehemalige Kollegin aus der Schule.
Im Laufe des Gesprächs gestand Anna, dass sie sich scheiden ließ.
Sergej hatte sie wegen einer anderen verlassen.
— Weißt du, das überrascht mich überhaupt nicht, — sagte Marina mitfühlend und schüttelte den Kopf.
— Ich habe dir doch schon vor der Hochzeit gesagt, dass er ein Frauenheld ist.
Die Einkaufstüte wäre Anna beinahe aus den Händen geglitten.
— Was?
Du hast mir so etwas nie gesagt.
Marina wurde blass und hielt sich die Hand vor den Mund.
— Anja, mein Mann arbeitet doch mit Sergej in derselben Firma.
Ein paar Monate vor eurer Hochzeit hatte dein Liebster eine leidenschaftliche Affäre mit einer neuen Mitarbeiterin aus der Buchhaltung.
In ihrer Firma wussten viele davon.
Aber alle dachten, du wüsstest ebenfalls Bescheid und würdest einfach die Augen davor verschließen.
In Annas Kopf fügten sich plötzlich alle Teile des Puzzles zusammen.
Deshalb hatte Sergej so hartnäckig darauf bestanden, dass sie nach der Hochzeit ihre Arbeit aufgab und Hausfrau wurde!
Er wollte sie nicht „versorgen und vor Stress beschützen“.
Er hatte nur Angst, dass sich seine Kollegen früher oder später verplappern würden.
Der Preis ihrer Zeit
Sie wachte um acht Uhr morgens von einem hartnäckigen Klingeln auf.
Tatjana Iwanowna rief an.
— Anjetschka, ich muss für eine Untersuchung ins Krankenhaus, — die Stimme ihrer Schwiegermutter klang fordernd.
— Olga ist bei den Eltern ihres Mannes, und Serjoscha ist beschäftigt.
Diese verantwortungslose Tussi von ihm hatte versprochen, mich zu fahren, aber plötzlich hat sie ein Fotoshooting!
Bringst du mich hin?
Anna schwieg.
Noch vor zwei Wochen hätte sie sich bereits die Jeans angezogen und das Auto gestartet.
Sie war immer die bequeme Schwiegertochter gewesen.
— Rufen Sie sich ein Taxi, — antwortete Anna ruhig.
— Ein Taxi?! — empörte sich die Schwiegermutter.
— Die Fahrer sind doch unhöflich!
Außerdem kostet das Geld.
Und du sitzt doch sowieso nur zu Hause!
„Du sitzt doch sowieso nur zu Hause.“
Dieser Satz schnitt Anna mitten ins Herz.
Als wäre ihr Leben leer und bedeutungslos und würde nur darauf warten, dass die vornehme Familie ihres zukünftigen Ex-Mannes wieder einmal einen kostenlosen Fahrdienst benötigte.
— Entschuldigen Sie, Tatjana Iwanowna.
Ich habe heute einen wichtigen Termin.
Ich kann Ihnen nicht helfen.
Alles Gute.
Sie legte auf.
Ihr Herz raste wie verrückt, doch auf ihren Lippen lag ein Lächeln.
Zum ersten Mal hatte sie dieser toxischen Frau eine Bitte abgeschlagen.
Die Vergeltung folgte noch am selben Abend.
Die empörte Olga rief an.
— Mama hat gesagt, du hättest dich geweigert, ihr zu helfen.
Bist du beleidigt oder was?
Womit kannst du überhaupt beschäftigt sein?
Du arbeitest doch nicht!
Für beide Frauen war Anna also lediglich eine kostenlose Ressource.
Eine Ressource, die nach ihrer Kündigung offenbar vergessen hatte, wo ihr Platz war.
— Ich werde wieder an die Schule zurückkehren, Olga.
Ich bin frei und werde tun, was ich möchte.
Am anderen Ende der Leitung herrschte schweres Schweigen.
Dann sagte ihre Schwägerin etwas, das Anna dazu brachte, die letzten Verbindungen endgültig zu kappen.
— Bedeutet das, dass du jetzt auch am Wochenende nicht mehr auf Mischa aufpassen willst?
Ich habe für Samstag bereits alles geplant!
Wie kannst du nur so verantwortungslos gegenüber deinem Neffen sein?
Mama hat recht.
Du warst schon immer egoistisch!
Anna hatte zwei Jahre lang die Interessen anderer bedient.
Sie hatte ihren Beruf und ihre Träume vergessen.
Und plötzlich war sie die Egoistin.
Nur weil sie es gewagt hatte, nicht mehr auf einen Fingerschnipp zu reagieren.
— Er ist Sergejs Neffe, Olga.
Und wir lassen uns scheiden.
Leb wohl.
Absurdität in ihrer reinsten Form
Anna war gerade dabei, die letzten Unterlagen für ihre Rückkehr in den Beruf zusammenzustellen, als Sergej anrief.
Die Stimme ihres Noch-Ehemannes klang samtig und charmant, als hätten sie sich im besten Einvernehmen getrennt.
— Hallo, Anja.
Warum bist du so unhöflich zu meiner Familie?
Ich wollte doch nur fragen, wie es dir geht.
Offensichtlich verfolgte er ein verborgenes Ziel.
Und er ließ nicht lange damit auf sich warten.
— Hör mal, — Sergej räusperte sich.
— Ksjuscha und ich veranstalten am Wochenende eine kleine Party für Freunde.
Nichts Besonderes.
Und ich wollte fragen, ob du vielleicht deine berühmten Pasteten backen könntest.
Ksjuscha hat es versucht, aber sie hat zwei linke Hände.
Deine waren immer so luftig und lecker.
Anna erstarrte und hielt das Telefon in der Hand.
Dieser Mann hatte sie verraten.
Er hatte sie wegen eines fünfundzwanzigjährigen Models aus seinem Leben geworfen.
Er hatte sie durch Täuschung dazu gebracht, ihre Karriere aufzugeben.
Und jetzt rief er an und bat sie, Pasteten zu backen.
Für eine Party mit seiner Geliebten.
— Habe ich dich richtig verstanden? — fragte Anna langsam und betonte jede einzelne Silbe.
— Du möchtest, dass ich Pasteten für dich und für die Frau backe, wegen der du mich verlassen hast?
— Ach, Anja, warum musst du das so ausdrücken? — Sergej klang ehrlich verletzt.
— Ich dachte, du hättest dich inzwischen beruhigt.
Wir sind doch erwachsene Menschen.
Wir können doch Freunde bleiben!
Anna konnte nicht mehr an sich halten.
Sie begann zu lachen.
Laut, ehrlich und so heftig, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Ihr Lachen hallte durch die leere Küche.
Es erschreckte sie und befreite sie zugleich von ihren letzten Illusionen.
— Ich rufe zurück! — brachte sie zwischen zwei Lachanfällen hervor und beendete das Gespräch.
Die Rückkehr zu sich selbst
Einen Monat später saß Anna im hellen Lehrerzimmer.
Der vertraute Geruch von Kreide, der Lärm während der Pausen und die Stapel voller Schulhefte wirkten nun nicht mehr wie Routine.
Es war eine echte, lebendige Welt.
Eine Welt, in der man sie wegen ihres Verstandes und ihrer Arbeit schätzte.
Nicht wegen ihrer Fähigkeit, die Hosen anderer Menschen zu bügeln.
Eine Kollegin steckte schüchtern den Kopf durch die Tür.
— Anja, du hast Besuch.
Im Schulflur stand Olga und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
Sie hielt den kleinen Mischa fest an der Hand.
Der Junge stürzte sich mit einem Freudenschrei in Annas Arme.
Sie umarmte ihn fest.
Sie hatte das Kind wirklich vermisst.
Er konnte schließlich nichts für all das.
Olga senkte den Blick.
— Ich wollte mich entschuldigen.
Für alles.
Du hattest recht, Anja.
Wir haben dich wie eine Dienstmagd behandelt.
Wir haben dich für selbstverständlich gehalten.
Anna schwieg und ließ ihre Schwägerin ausreden.
Dann kamen Einzelheiten ans Licht, die alles endgültig an seinen Platz rückten.
Sergejs Märchen hatte nicht lange gehalten.
Ksenia hatte ihn wegen eines erfolgreichen Fotografen verlassen.
Zuvor hatte sie ihm noch eine beträchtliche Summe aus geliehenem Geld entlockt.
Das Mädchen hatte lediglich einen Sponsor gesucht, um in die entsprechenden Kreise hineinzukommen.
Nun saß Sergej, der sich „im Herzen wie zwanzig“ fühlte, mit gebrochenem Herzen und leeren Taschen in der Küche seiner Mutter.
Diese jammerte ununterbrochen, sie habe „dieses Miststück schon immer durchschaut“.
— Er fragt sehr oft nach dir, — begann Olga vorsichtig, die Lage auszuloten.
— Er sagt, er habe verstanden, wen er verloren hat.
Er sagt, er habe zu schnell gehandelt.
Ihr könntet noch einmal ganz von vorne anfangen.
Noch vor wenigen Monaten hätte Anna bei diesen Worten geweint.
Jetzt herrschte in ihrem Inneren eine vollkommene, klingende Leere.
Keine Wut.
Keine Schadenfreude.
Nur die nüchterne Feststellung, dass dieser Mensch der Vergangenheit angehörte.
— Wir beide verdienen etwas Besseres, — sagte Anna entschieden.
— Ich habe nichts dagegen, Mischa weiterhin zu sehen.
Aber nur zu meinen Bedingungen.
Keine überraschenden Anrufe mehr, bei denen ich als kostenlose Babysitterin einspringen soll.
Olga nickte eilig.
Als Anna zu ihrem Schreibtisch und den Schulheften zurückkehrte, empfand sie eine unglaubliche Leichtigkeit.
Sie hatte eine Familie verloren, die sie nie wirklich geschätzt hatte.
Dafür hatte sie etwas viel Wertvolleres gefunden.
Sich selbst.
Manchmal sind ein brutaler Tritt des Schicksals und der Verrat nahestehender Menschen die einzige Möglichkeit, aus einem goldenen Käfig auszubrechen.
Aus einem Käfig, in dem man aus irgendeinem Grund ständig Pasteten für das Glück anderer backen soll.
Wie hättet ihr an Annas Stelle gehandelt?
Hättet ihr der ehemaligen Schwägerin erlaubt, den Neffen weiterhin vorbeizubringen?
Oder hättet ihr diese gesamte Familie restlos aus eurem Leben gestrichen?







