Ich stritt nicht mit ihm, sondern sperrte einfach das intelligente Türschloss.
— Mach sofort das Zimmer für meine Tochter frei!

Sinaida stemmte die Hände in die Hüften und sah ihre Schwiegertochter fordernd an.
— Anja wird in einer Stunde mit ihren Sachen hier sein.
Lena hörte auf zu tippen.
Sie löste den Blick vom Bildschirm ihres Arbeitslaptops und sah langsam zu ihrer Schwiegermutter hinüber.
Diese stand mitten in der Küche in einem geblümten Hausmantel und strahlte mit ihrer ganzen Haltung Unnachgiebigkeit und Kampfbereitschaft aus.
— Sinaida Pawlowna, Sie reden Unsinn.
— Ich bin völlig bei Verstand!
Die Schwiegermutter richtete den Kragen ihres Hausmantels, als wäre es der Mantel eines Generals.
— Anetschka hat sich mit diesem Nichtsnutz Romka fürchterlich gestritten.
Sie hat ihre Taschen gepackt.
Sie hat keinen Ort, an dem sie wohnen kann.
Und dein Arbeitszimmer steht leer.
— Es steht nicht leer.
Das ist mein persönliches Arbeitszimmer.
Lena klappte den Laptop zu.
In Ruhe weiterzuarbeiten war offensichtlich unmöglich.
Der Bericht konnte warten, doch der Angriff auf ihren persönlichen Raum duldete keinen Aufschub.
— Und dort wird niemand wohnen.
Schon gar nicht Ihre Tochter.
— Seht sie euch nur an!
Die Schwiegermutter warf empört die Hände in die Luft und hätte beinahe den Salzstreuer vom Tisch gefegt.
— Die eigene Verwandtschaft steht auf der Straße, und sie zittert um ihre Quadratmeter!
Mein Sohn fährt ständig auf Geschäftsreisen und ruiniert seine Gesundheit, während du hier gemütlich vor dem Computer sitzt.
Du könntest wenigstens ein wenig Verständnis zeigen.
Das Mädchen muss sich beruhigen und wieder zu sich kommen.
— Ihr Sohn schuftet für unser gemeinsames Ferienhaus.
Wir bauen es zusammen.
Lena sah die Besucherin ruhig an und bemühte sich, ihre Stimme nicht zu erheben.
— Diese Wohnung habe ich jedoch vor der Ehe gekauft.
Mit einer Hypothek.
Von meinem eigenen Geld.
Und die Regeln bestimme hier ich.
Sinaida war vor anderthalb Wochen in die Stadt gekommen.
Angeblich musste sie dringend mehrere Ärzte in der regionalen Poliklinik aufsuchen, weil die Fachärzte in ihrem Bezirk angeblich nichts taugten.
Lena, die während ihrer Arbeit im Homeoffice an vollkommene Ruhe gewöhnt war, biss die Zähne zusammen, stellte ihr aber einen Platz auf dem Sofa im Wohnzimmer zur Verfügung.
Sie tat es ausschließlich ihrem Mann Sascha zuliebe.
Zur Bequemlichkeit ihrer Schwiegermutter hatte Lena sogar einen vorübergehenden PIN-Code für die Eingangstür eingerichtet.
Das Schloss war ein kompliziertes Modell aus dem Smart-Home-System.
Lena hatte einfach in der Smartphone-App eine neue Zahlenkombination eingegeben, damit die Schwiegermutter selbstständig zu ihren Arztterminen gehen konnte und sie nicht ständig über die Gegensprechanlage rufen musste.
Wie sich herausstellte, war das ein Fehler gewesen.
Die Besucherin lebte sich schnell ein.
Die Ärzte rückten dabei in den Hintergrund.
Am dritten Tag begann sie, das Geschirr in den Küchenschränken nach ihrem eigenen Geschmack umzustellen.
Am fünften Tag beschwerte sie sich darüber, dass Lena nur Fertiggerichte zubereitete, anstatt Pelmeni mit eigenen Händen zu formen.
Und nun, am zehnten Tag, hatte sie beschlossen, aus der Wohnung eine Familienpension für verlassene Verwandte zu machen.
— Also gut, mein Kind.
Sinaida hob hochmütig das Kinn und sah von oben auf ihre Schwiegertochter herab.
— Kraft meiner mütterlichen Entscheidung bestimme ich, dass Anja hier wohnen wird.
Ihr habt mehr als genug Platz.
Ob ihr nun eine Hypothek bezahlt habt oder nicht, wir sind eine Familie.
Dann lernst du auch gleich, für eine normale Anzahl von Menschen zu kochen.
Ihr stopft ständig nur Nuggets in euch hinein, dass einem schlecht wird.
Ein Mann braucht Fleisch und kräftige Suppen, aber du setzt ihm nur Grünzeug vor.
— Ich werde selbst entscheiden, womit ich meinen Mann ernähre.
Lena schloss kurz die Augen.
Mit einem Menschen zu streiten, der in einer erfundenen Wirklichkeit lebte, hatte keinen Sinn.
Anja, die dreißigjährige Schwester ihres Mannes, wechselte ihre Verehrer nach einem festen Zeitplan, nämlich alle sechs Monate.
Und jedes Mal wurde ihr Auszug von Dramen, Tränen, der Aufteilung gemeinsam gekaufter Wasserkocher und einem vorübergehenden Umzug zu ihrer Mutter begleitet.
Doch diesmal war ihre Mutter in der Stadt.
Und Lena hatte nicht vor, diesen ganzen Zirkus in ihr Arbeitszimmer zu lassen.
— Ich habe alles gesagt, Sinaida Pawlowna.
Anja wird hier nicht wohnen.
Weder heute noch morgen.
— Und wohin soll sie deiner Meinung nach gehen?!
— Wenn sie keinen Ort zum Wohnen hat, soll sie sich ein Hotelzimmer nehmen.
Oder sie fährt zu Ihnen in den Bezirk zurück.
Die Züge fahren alle zwei Stunden.
— Das werden wir noch sehen!
Die Schwiegermutter drehte sich abrupt um und stieß dabei beinahe mit der Schulter gegen den Türrahmen.
— Ich gehe meine Tochter unten vor dem Haus abholen.
Ich helfe ihr mit den Sachen.
Und du räumst inzwischen die Regale im Schrank deines sogenannten Arbeitszimmers frei.
Und mach mich nicht wütend, Lena.
Wenn Sascha zurückkommt, werde ich ihm erzählen, wie wenig du seine eigene Mutter respektierst!
Er wird dich schnell auf deinen Platz verweisen.
— Sie können es ihm gerne erzählen.
Sinaida stampfte in den Flur.
Geräuschvoll zog sie ihren alten Mantel vom Haken neben dem Spiegel.
Dann begann sie, sich unter lautem Ächzen die Schuhe anzuziehen, demonstrativ zu schnauben und wütende Blicke in Richtung Küche zu werfen.
— Die Jugend hat heutzutage überhaupt kein Gewissen mehr, — murmelte Sinaida vor sich hin, aber laut genug, damit Lena jedes Wort hören konnte.
— Da nimmt man so eine eingebildete Stadtpflanze bei sich auf.
Kein Respekt vor den Älteren und kein Mitgefühl für die Familie.
Das Bedienfeld des Schlosses piepte, als es das Signal von innen empfing.
Die Klinke bewegte sich.
Die Tür fiel ins Schloss.
Lena blieb allein zurück.
Schwer ließ sie sich auf einen gewöhnlichen Küchenstuhl sinken.
In ihr brodelte Wut, vermischt mit einer ungeheuren Müdigkeit.
Morgen musste sie ein großes Projekt beim Kunden abgeben, von dem ihre Prämie abhing.
Doch anstatt Tabellen fertigzustellen, musste sie sich gegen die Wohnraumansprüche der Verwandten ihres Mannes verteidigen.
Sie zog das Telefon aus der Tasche ihrer Haushose.
Dann wählte sie die Nummer ihres Mannes.
Es klingelte lange.
— Ja, Lenotschka, ich bin auf der Baustelle, hier ist es laut!
Saschas Stimme klang dumpf.
Im Hintergrund arbeitete irgendein leistungsstarkes Werkzeug, das seine Worte beinahe übertönte.
— Sascha, geh bitte an einen ruhigeren Ort.
Es ist wichtig.
— Was ist denn passiert? — fragte ihr Mann hörbar unzufrieden darüber, dass man ihn störte.
— Deine Mutter hat beschlossen, Anja bei uns einzuquartieren.
— Welche Anja?
— Deine Schwester.
Welche Anja denn sonst?
Lena rieb sich den Nasenrücken.
— Sie hat sich wieder von ihrem Freund getrennt.
Von ihrem Romka.
Sinaida Pawlowna ist hinuntergegangen, um sie mit ihren Sachen vor dem Haus abzuholen.
Sie verlangt, dass ich sofort mein Arbeitszimmer freimache.
Am anderen Ende der Leitung entstand eine lange Pause.
Das Werkzeug im Hintergrund verstummte.
Sascha war offenbar zur Seite gegangen.
— Hör zu … lass sie doch für ein paar Tage in der Küche oder im Wohnzimmer übernachten.
Ist das wirklich so schlimm?
Platz ist doch vorhanden.
Lena umklammerte das Telefon fester.
— Mir geht es nicht um den Platz.
Ich muss in Ruhe arbeiten.
Anja kann nicht leise leben.
Sie wird tagelang weinen und ständig Aufmerksamkeit verlangen.
Und deine Mutter wohnt bereits die zweite Woche bei uns, obwohl sie ihre Arzttermine schon am Donnerstag erledigt hatte.
Es gefällt ihr einfach, in einem fremden Haus herumzukommandieren.
— Lena, fang bitte nicht damit an.
In der Stimme ihres Mannes erschienen die vertrauten müden Töne, mit denen er Problemen auswich.
Er machte das immer so, wenn es um seine Familie ging.
— Mama ist nicht mehr jung, und Anja ist eben ein bisschen lebensuntüchtig.
Hab noch etwas Geduld.
Klärt das einfach unter euch, ja?
Ich kann eure Frauengeschichten nicht vom anderen Ende der Region aus regeln.
Mein Beton härtet gerade aus.
— Ich soll es also selbst regeln?
— Ja.
Ihr seid doch kluge Mädchen.
Ich komme am Freitag zurück, dann reden wir.
Also gut, ich muss Schluss machen.
Der Polier ruft.
Das Gespräch wurde beendet.
Lena starrte auf den dunklen Bildschirm ihres Smartphones.
Klärt das unter euch.
Wie praktisch.
Aus der Entfernung ein guter Sohn und Bruder zu sein, war wirklich sehr einfach.
Man musste keine Schreie und keine Skandale ertragen.
Man delegierte einfach alle unangenehmen Gespräche an die eigene Frau.
Es war nichts zu machen.
Dann würde sie die Sache eben selbst regeln.
Sie stand auf.
Sie ging ins Wohnzimmer, wo die geöffnete Reisetasche ihrer Schwiegermutter lag.
Darin befanden sich nur noch wenige Sachen: ein paar Pullover, der geblümte Hausmantel, den Sinaida gerade ausgezogen hatte, eine Kosmetiktasche und Wechselwäsche.
Den Rest bewahrte Sinaida auf einem Stuhl auf.
Lena schob ohne Umstände alles zu einem Haufen zusammen.
Dann stopfte sie die Sachen in die Tasche.
Sie zog den Reißverschluss so heftig zu, dass die Naht beinahe aufplatzte.
Anschließend warf sie auch die Hausschuhe ihrer Schwiegermutter hinein.
Ihre Finger zitterten leicht vor Adrenalin.
Verwandte vor die Tür zu setzen war nicht dasselbe, wie auf dem Laptop eine Taste zu drücken.
Das bedeutete einen gewaltigen Skandal, der jahrelang andauern konnte.
Sinaida würde allen Nachbarinnen in ihrem Bezirk erzählen, was für eine Schlange ihr Sohn bei sich aufgenommen hatte.
Andererseits war es noch schlimmer, sich in der eigenen Wohnung schikanieren zu lassen, für deren Hypothek Lena fünf Jahre lang bezahlt und dabei auf Urlaube verzichtet hatte.
Lena öffnete die Smart-Home-App auf ihrem Telefon.
Sie suchte den Bereich „Zugriffsverwaltung“.
Die Zeile „Gast 1“ leuchtete grün.
Daneben stand das Ablaufdatum des Zugangs, nämlich das Ende des Monats.
Lena hatte absichtlich etwas mehr Zeit eingestellt, weil sie gedacht hatte, die Untersuchungen könnten länger dauern.
Ohne zu zögern drückte sie auf die Schaltfläche „Löschen“.
Das System verlangte mit roter Schrift eine Bestätigung.
Eine kurze Berührung des Bildschirms genügte, und der Zugang wurde aufgehoben.
Die digitale Zahlenkombination ihrer Schwiegermutter würde nicht mehr funktionieren.
Anschließend öffnete Lena die Taxi-App.
Sie gab die Adresse des Bahnhofs ein.
Die Fahrt bezahlte sie im Voraus mit ihrer hinterlegten Kreditkarte.
Es war nicht viel Geld, doch die Wirkung würde beeindruckend sein.
Das Auto sollte in zehn Minuten eintreffen.
Lena zog die große Tasche ihrer Schwiegermutter in den Flur.
Sie stellte sie direkt vor die Tür.
Daneben legte sie eine Tüte mit den übrig gebliebenen Keksen der Besucherin.
Zwei Minuten später begann jemand, aggressiv mit den Fäusten gegen die Tür zu hämmern.
Man benutzte nicht die Klingel, sondern schlug direkt auf das Metall.
Lena trat dicht an die Tür heran.
— Lena!
Mach sofort auf!
Sinaidas Stimme hallte vom Treppenhaus durch das gesamte Stockwerk und wurde von den Betonwänden zurückgeworfen.
— Diese verdammte Teufelsmaschine ist kaputt!
Der Code piept nicht!
Alles leuchtet rot!
Lena, schläfst du etwa?!
Lena drehte den inneren Riegel um, öffnete die Tür jedoch nicht vollständig.
Sie öffnete sie nur so weit, dass sie die Reisetasche nach draußen schieben und selbst den Durchgang versperren konnte.
Auf dem Treppenabsatz stand Sinaida und blinzelte verwirrt.
Neben ihr stand Anja, die einen riesigen unförmigen Rucksack umklammerte und unruhig von einem Fuß auf den anderen trat.
Das Make-up der Schwägerin war verschmiert, ihre Nase war angeschwollen und sie sah ausgesprochen unglücklich aus.
Sie war das typische Opfer einer weiteren großen Liebe.
— Das Schloss funktioniert einwandfrei, — sagte Lena ruhig und sah ihrer Schwiegermutter direkt in die Augen.
— Warum leuchtet es dann rot?!
Sinaida fuhr wütend auf und versuchte, Lena mit der Schulter zur Seite zu schieben und sich in den Flur zu drängen.
Es gelang ihr nicht.
Lena stützte ihre Hand fest gegen den Türrahmen und blockierte den Zugang.
— Lass uns rein!
Anja hat eine lange Fahrt hinter sich und muss sich waschen!
Sie ist drei Stunden in einem Kleinbus durchgeschüttelt worden!
— Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass sie hier nicht wohnen wird.
Keine Stunde und keinen Tag.
Lena schob die Tasche ihrer Schwiegermutter leicht mit dem Fuß an, sodass sie auf die Fliesen des Treppenhauses rollte.
— Und Sie, Sinaida Pawlowna, sind ebenfalls lange genug zu Gast gewesen.
Ihre Arztbesuche sind längst erledigt.
Sie sollten sich besser zu Hause in Ihrer gewohnten Umgebung ausruhen.
— Was hast du vor?!
Die Schwiegermutter sah zuerst auf die hinausgeschobene Tasche und dann auf ihre Schwiegertochter.
Langsam begann sie zu begreifen, was geschah.
Rote Flecken der Empörung erschienen auf ihren Wangen.
— Du wirfst die Mutter deines Mannes ins Treppenhaus?!
Du jagst seine eigene Schwester fort?!
Er wird dich vernichten, wenn er das erfährt!
Er wird sich für eine solche Schlange in Grund und Boden schämen!
Er lässt sich sofort von dir scheiden!
— Er weiß Bescheid.
Lena wich ihrem Blick nicht aus.
Sie sprach vollkommen ruhig, und genau das machte Sinaida am wütendsten.
— Ich habe ihn gerade angerufen.
Er sagte, wir sollten das unter uns regeln.
Er habe nicht vor, sich in Frauengeschichten einzumischen.
Also habe ich die Sache geregelt.
In meiner Wohnung wird es kein Familienlager geben.
Anja meldete sich empört hinter ihrer Mutter zu Wort.
— Du hättest es doch einfach ein bisschen aushalten können!
In meinem Leben ist eine Tragödie passiert!
Roma hat sich als so ein Mistkerl herausgestellt, und du spielst hier die Königin!
Deine eigene Familie friert auf der Straße!
— Deine Tragödien, Anja, geschehen regelmäßig einmal pro Jahreszeit.
Lena holte ihr Telefon heraus.
— Vor dem Haus ist ein weißes Auto angekommen.
Ich habe euch ein Taxi zum Bahnhof bestellt.
Die Fahrt ist vollständig mit meiner Karte bezahlt.
Ihr werdet bequem ankommen.
Sinaida öffnete den Mund.
Die Worte waren ihr offenbar im Hals stecken geblieben.
Mit einem solchen Widerstand ihrer sonst schweigenden und nachgiebigen Schwiegertochter hatte sie nicht gerechnet.
Früher hatte Lena nur geseufzt und war in ein anderes Zimmer gegangen.
— Ich … wir … Ich rufe jetzt sofort meinen Sohn an!
— Tun Sie das.
— Die Fahrkarten für den Zug kaufen Sie selbst, — sagte Lena beiläufig und bereitete sich darauf vor, die Tür zu schließen.
— Ich bin sicher, Anja hat die heimlichen Ersparnisse ihres Exfreundes mitgenommen.
Auf Wiedersehen, Sinaida Pawlowna.
Gute Fahrt.
Sie zog die schwere Tür zu sich.
— Du Miststück! — ertönte es mit sich überschlagender Stimme aus dem Treppenhaus.
— Ich werde nie wieder einen Fuß in dieses Loch setzen!
Du wirst es noch bereuen!
Lena drückte die Tür schweigend vollständig zu.
Im Mechanismus drehte sich ein massiver Riegel und blockierte den Eingang endgültig.
Sie lehnte ihre Stirn gegen das kalte Metall.
Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in den Schläfen spürte.
Gleichzeitig überkam sie ein seltsames, leichtes Gefühl vollständiger Befreiung.
Sie musste die Regeln anderer Menschen nicht länger ertragen.
Fünf Minuten später ging sie zum Fenster.
Das weiße Taxi mit dem Schachbrettmuster stand noch immer vor dem Haus.
Dann wurde der Kofferraum geschlossen.
Die hintere Tür fiel zu.
Das Auto rollte langsam durch den Hof und brachte die ungebetenen Gäste zum Bahnhof.
Lena atmete aus.
Sie schaltete den Wasserkocher ein und kehrte zu ihrem Laptop zurück.
Bis zum Abend schaffte sie es nicht nur, den Bericht fertigzustellen, sondern auch in der Küche Ordnung zu schaffen.
Dabei stellte sie das Geschirr genau so hin, wie es für sie selbst bequem war.
Ihr Mann kehrte wie versprochen am Freitagabend zurück.
Von dem gewaltigen Skandal wusste er bereits.
Seine Mutter hatte ihn mit Anrufen und Beschwerden über seine angeblich unangemessene, unverschämte und grausame Ehefrau bombardiert.
Sie verlangte eine sofortige Klärung und eine Entschuldigung.
Lena hatte den ganzen Tag auf ein schwieriges Gespräch gewartet.
Sie hatte Argumente vorbereitet und sich innerlich auf einen Streit eingestellt.
Doch Sascha zog einfach an der Türschwelle seine Schuhe aus.
Er zog seine Arbeitsjacke aus.
Dann blickte er in das leere Wohnzimmer, in dem keine fremden Taschen und Hausmäntel mehr lagen.
Er sah seine Frau kurz an und fragte knapp:
— Sind sie abgereist?
— Sie sind abgereist, — antwortete Lena ruhig.
Sascha ging schweigend ins Badezimmer, um sich die Hände zu waschen.
Er sprach das Thema weder an diesem Abend noch eine Woche später wieder an.
Es stellte sich heraus, dass auch ihm ein Leben ohne die wertvollen Ratschläge seiner Mutter, ihre ständigen Vorwürfe und Anjas regelmäßige Dramen wesentlich besser gefiel.
Er hatte sich lediglich nicht getraut, es laut auszusprechen, Verantwortung zu übernehmen und seiner Familie klare Grenzen zu setzen.
Die Ergebnisse der Entschlossenheit eines anderen nutzte er jedoch sehr gerne.
Sinaida hielt ihr lautstarkes Versprechen.
Sie kam nie wieder zu Besuch.
Stattdessen beschwerte sie sich ausschließlich am Telefon über ihre angeschlagene Gesundheit und ihre undankbare Schwiegertochter.







