— Gib die Schlüssel zur Wohnung her, sie gehört jetzt mir, — forderte der Ex-Mann.

Olja trat über die Schwelle und stellte ihre Tasche vorsichtig auf die Kommode.

Die Scheidungspapiere lagen noch in der Seitentasche, warm von ihrer Handfläche.

Sie war müde, aber es war die ruhige Müdigkeit eines Menschen, der längst alles entschieden hatte.

Viktor stand mitten im Flur, die Beine breit aufgestellt, als wäre er der Herr einer Festung.

— Du hast lange gebraucht, — warf er ihr statt einer Begrüßung hin.

— Ich dachte schon, du wärst dort über Nacht geblieben.

— Ich freue mich auch, dich zu sehen, Witja, — antwortete sie ruhig.

— Möchtest du Tee?

— Wir haben, glaube ich, noch den Tee, den du Hasenfutter genannt hast.

— Was für ein Tee.

Er trat näher und streckte die geöffnete Hand aus.

— Gib die Schlüssel zur Wohnung her, sie gehört jetzt mir.

Olja zog langsam ihre leichte Jacke aus und hängte sie an den Haken.

Sie hatte keine Eile, als wäre diese Langsamkeit ihre kleine Rüstung.

In ihrem Inneren war es still und gesammelt, wie es bei Menschen ist, die das Ende eines Theaterstücks im Voraus kennen.

— Witja, lass uns menschlich miteinander reden, — sagte sie sanft.

— Wir sind gerade erst aus dem Gerichtssaal gekommen.

— Lass mich wenigstens einmal Luft holen.

— Menschlich habe ich dir schon drei Jahre lang alles gegeben, — schnaubte er.

— Luft, Abendessen, ein Dach über dem Kopf.

— Es reicht.

— Die Scheidung ist durch?

— Sie ist durch.

— Also gehen wir auseinander.

— Gib die Schlüssel her, zieh die Sache nicht in die Länge.

— Wie flink du plötzlich bist, — sie lächelte mit einem Mundwinkel.

— Früher war es morgens eine ganze Militäroperation, dich mit dem Wecker aus dem Bett zu bekommen.

Viktor verzog das Gesicht und machte noch einen Schritt.

Sein Gesicht war ungeduldig, gierig, mit diesem vertrauten Funkeln, das Olja längst zu lesen gelernt hatte.

Er hörte ihr nicht zu — er zählte die Minuten bis zu dem Moment, in dem er hier allein bleiben würde.

— Hast du es nicht verstanden? — erhob er die Stimme.

— Schmiede das Eisen, solange es heiß ist, hast du das schon mal gehört?

— Bevor du es dir anders überlegst und anfängst, deine Rechte einzufordern, klären wir alles leise.

— Die Schlüssel.

— Auf den Tisch.

— Ich warte, bis du dich beruhigt hast.

— Ich werde dir gleich zeigen, wie ich mich beruhige!

Er stürzte zur Kommode, griff nach ihrer Tasche und steckte ohne jede Hemmung die Hand hinein.

Olja hatte nicht einmal Zeit, etwas einzuwenden — so dreist war es.

Er zog den Schlüsselbund heraus, schüttelte ihn in der Luft und presste ihn in seiner Faust zusammen, wie ein kleiner Junge ein weggenommenes Spielzeug.

— So, — atmete er triumphierend aus.

— Genau so.

— Siehst du, wie einfach das ist?

— Witja, du hast gerade deine Hand in eine fremde Tasche gesteckt, — sagte sie leise.

— Das ist, weißt du, sogar für dich ein neues Niveau.

— Fremd? — lachte er auf.

— Hier gehört alles mir.

— Und die Tasche wird bald zusammen mit dir vor der Tür stehen.

In diesem Moment klingelte Oljas Telefon.

Auf dem Bildschirm stand „Viktors Großmutter“.

Sie hob überrascht die Augenbrauen und nahm den Anruf an, wobei sie sich zum Fenster wandte, um sich wenigstens ein wenig von diesem Lärm abzuschirmen.

— Hallo… Ja, guten Tag, — ihre Stimme wurde sofort wärmer.

— Sie sind in der Stadt?

— Genau jetzt?

Viktor verzog das Gesicht und wedelte mit der Hand.

— Leg auf, — zischte er.

— Was für eine Oma, wir sind geschieden.

— Vergiss meine Verwandten, verstanden?

— Sie alle gehören jetzt nicht mehr zu dir.

— Warte, — Olja bedeckte das Mikrofon mit der Handfläche.

— Das ist deine Großmutter.

— Sie ist angekommen.

— Vielleicht holst du sie ab?

— Als hätte ich nichts Besseres zu tun, — brummte er und wandte sich ab.

— Kümmer dich selbst um sie, wenn du Lust hast.

— Ich habe jetzt keine Zeit für alte Frauen.

Olja sah ihn lange und sehr ruhig an.

Dann hob sie das Telefon wieder ans Ohr, sagte leise etwas Liebevolles und ging zum Ausgang.

Sie stritt nicht, sie begann nicht, ihre Sachen zu packen — sie nahm einfach ihre Jacke und trat hinaus.

— Wohin gehst du? — rief Viktor ihr verwirrt hinterher.

— He!

— Olja!

Die Tür schloss sich leise.

Er blieb allein zurück, mit dem Schlüsselbund in der Faust und mit dem seltsamen Gefühl, gewonnen zu haben, aber aus irgendeinem Grund nichts bekommen zu haben.

Autorin: Wika Trel © 5132пд

Viktor drehte die Schlüssel in der Hand, warf sie auf die Kommode und holte sein Telefon heraus.

Er rief seine Mutter an und lief nervös durch den schmalen Flur.

Die Freizeichen zogen sich langsam hin, und dadurch kochte in ihm alles noch mehr hoch.

— Na? — erklang es am anderen Ende statt eines „Hallo“.

— Ich habe die Schlüssel, — platzte er heraus.

— Ich habe sie ihr abgenommen.

— Direkt aus der Tasche geholt.

— Gut gemacht, — billigte sie trocken.

— Und wo ist sie?

— Genau das ist es ja, — er senkte die Stimme.

— Sie ist irgendwohin gegangen.

— Sie hat nichts gepackt, nichts mitgenommen.

— Sie hat einfach die Tür zugeschlagen, und das war’s.

— Ich frage sie, wohin sie geht, und sie schweigt.

— So, — die Stimme am anderen Ende wurde hart.

— Und du hast sie gehen lassen?

— Viktor, bist du ein kleines Kind?

— Wenn sie ihre Sachen nicht mitgenommen hat, dann kommt sie zurück.

— Und dann fängt sie an, ihre Rechte einzufordern.

— Man muss die Sache zu Ende bringen und nicht herumjammern.

— Ich dachte nur…

— Denken kannst du später, — schnitt sie ihm das Wort ab.

— Jetzt schicke ich Julia.

— Zu zweit packt ihr all ihren Kram in Tüten, damit bei dir nichts Weibliches herumliegt, wenn sie zurückkommt.

— Hast du mich verstanden?

— Verstanden, — murmelte Viktor und senkte die Hand mit dem Telefon.

Er blieb stehen und betrachtete sein eigenes Spiegelbild in der dunklen Schranktür.

Irgendwo ganz am Rand seines Bewusstseins regte sich etwas Unangenehmes: Alles lief zu glatt, zu schnell.

Aber Gier hatte in ihm schon immer solche Kleinigkeiten übertönen können.

Eine Stunde später klingelte es an der Tür.

Viktor öffnete — und statt seiner kämpferischen Schwester stand sein jüngerer Bruder Stepan auf der Schwelle, düster, die Hände in den Taschen.

— Hallo, — sagte Stepan und trat ohne Einladung ein.

— Ich war gerade in der Nähe.

— Ich habe die Neuigkeiten gehört.

— Was für Neuigkeiten, — Viktor wurde misstrauisch.

— Wer hat dich gerufen?

— Niemand, — Stepan sah sich im Flur um und bemerkte den Schlüsselbund auf der Kommode.

— Sind das Oljas Schlüssel?

— Waren mal ihre, — schnaubte Viktor.

— Jetzt sind sie meine.

Stepan drehte sich langsam zu seinem Bruder um.

— Was hast du vor, — sagte er leise.

— Willst du Olja wirklich rauswerfen?

— Einfach so, am Tag der Scheidung?

— Was ist denn dabei? — Viktor zuckte mit den Schultern.

— Wir sind doch geschieden.

— Jeder geht in seine eigene Ecke.

— In seine eigene Ecke, — wiederholte der Bruder.

— Nur welche Ecke hat sie denn?

— Erinnerst du dich, als meine Nastja im Krankenhaus lag?

— Wer saß zwei Wochen lang bei dem Kleinen?

— Wer hat nachts nicht geschlafen und das Fieber gesenkt?

— Olja.

— Nicht du, nicht deine Schwester.

— Olja.

— Ach, fang bloß nicht an, — verzog Viktor das Gesicht.

— Sie hat es aus Güte getan, schön und gut.

— Soll ich ihr dafür etwa ein Denkmal setzen?

— Ein Denkmal ist nicht nötig, — Stepan trat näher.

— Aber sich menschlich zu verhalten, das ist nötig.

— Sie ist für meine Frau wie eine Schwester.

— Sie telefonieren jeden Tag.

— Das weißt du ganz genau, Witja.

— Ich weiß, — er hob abrupt das Kinn.

— Und gerade deshalb sage ich: Misch dich nicht ein.

— Das sind meine Angelegenheiten.

— Deine Familie soll selbst entscheiden, wen sie anruft, aber in meine Wohnung sollt ihr eure Nase nicht stecken.

— Deine, — lächelte Stepan spöttisch.

— Geh jetzt.

— Ich komme ohne Ratgeber aus.

— Was für ein Beschützer du plötzlich bist.

Stepan blieb noch eine Sekunde stehen und betrachtete seinen Bruder so, als sähe er vor sich einen fremden, unangenehmen Menschen.

Dann schüttelte er den Kopf und trat zur Tür.

— Ich schäme mich für dich, — warf er zum Abschied hin.

— Du tust gerade etwas, das du nicht mehr zurückdrehen kannst.

— Geh schon, geh, Moralapostel, — murmelte Viktor und schloss hinter ihm die Tür.

Er lehnte sich an den Türrahmen und atmete aus.

In seinem Inneren fühlte es sich unangenehm und trüb an, aber wie immer sagte er sich, dass Stepan einfach weichherzig sei und vom Leben nichts verstehe.

*

Kaum war der Aufzug hinter Stepan verklungen, klingelte es wieder — und auf der Schwelle erschien Julia.

Sie trat energisch ein, zog sich im Gehen den Schal ab und ließ sofort den scharfen Blick einer Hausherrin durch die Wohnung gleiten.

— Na, was bist du so schlapp, — warf sie ihrem Bruder statt einer Begrüßung hin.

— Ich sehe es dir am Gesicht an — du bist schlapp.

— Hör auf zu jammern.

— Man muss schnell handeln, bevor deine Hochverehrte zur Besinnung kommt.

— Ich bin nicht schlapp, — brummte Viktor.

— Stepan war hier.

— Hat mir Vorträge gehalten.

— Der Bruder ist gutherzig auf Kosten anderer, — winkte Julia ab und holte ihr Telefon hervor.

— Er soll seiner Nastja Vorträge halten.

— Und wir kümmern uns um die Sache.

Sie drückte das Telefon ans Ohr und sprach schnell, geschäftsmäßig.

— Hallo, Lager?

— Ich brauche eine Zelle.

— Heute.

— Ja, sofort.

— Für eine Woche, vielleicht für zwei.

— Notieren Sie die Lieferadresse.

Viktor sah seine Schwester mit beinahe bewunderndem Staunen an.

Sie erinnerte an einen Wirbelsturm, der alles auf seinem Weg hinwegfegt und dabei genau weiß, wohin er weht.

— Mietest du jetzt schon ein Lager? — fragte er.

— Was dachtest du denn, — sie steckte das Telefon weg.

— Wohin mit ihrem Kram?

— Auf die Treppe stellen?

— Dann zerreißen sich die Nachbarn das Maul.

— Nein, mein Lieber.

— Alles sauber, alles mit Verstand.

— Jetzt bringt ein Kurier Kartons vorbei.

— Was für Kartons?

— Pappkartons, — schnaubte sie.

— Bist du völlig neben der Spur?

— Ich habe sie bestellt.

— In einer halben Stunde sind sie da.

Und tatsächlich dauerte es keine halbe Stunde, bis ein Kurier an der Tür klopfte.

Er brachte zwei Dutzend flache Pappkartons und eine feste Rolle Bauabfallsäcke herein, stellte alles an die Wand und verschwand.

Julia riss sofort die Verpackung auf und begann, einen Karton nach dem anderen aufzustellen.

— Also, — kommandierte sie.

— Der Schrank im Schlafzimmer ist dein Bereich.

— Alles, was ihr gehört, kommt in die Säcke.

— Blusen, Röcke, dieser endlose Klamottenkram.

— Nicht sortieren, nicht bewundern, einfach reinwerfen.

— Jul, vielleicht…

— Kein „vielleicht“, — sie zeigte mit dem Finger auf ihn.

— Bist du ein Mann?

— Geschieden bist du — also bring es zu Ende.

— Oder willst du, dass sie zurückkommt und hier wieder die Hausherrin spielt?

Viktor presste die Zähne zusammen und ging zum Schrank.

Zurückweichen konnte er tatsächlich nicht mehr — seine Schwester war so in Fahrt, dass sie aufzuhalten genauso unmöglich war, wie einen Stein zu stoppen, der einen Berg hinunterrollt.

Er begann, Oljas Sachen von den Bügeln zu nehmen und in den geöffneten Sack zu legen.

— Siehst du, — sagte Julia immer wieder, während sie im Nachbarzimmer hantierte.

— Es geht voran.

— Und du hattest Angst.

— Wovor soll man hier Angst haben?

— Wir nehmen uns nur, was uns gehört.

— Was uns gehört, — wiederholte Viktor wie ein Echo, und aus irgendeinem Grund wurde seine Kehle trocken.

Die Schränke leerten sich vor seinen Augen.

Im Flur wuchs ein Berg aus prallen Säcken und mit Klebeband verschlossenen Kartons.

Viktor wurde immer unwohler — er hatte es doch leise, friedlich gewollt, ohne diesen Haufen fremden Besitzes unter den Füßen.

— Jul, glaubst du nicht, dass wir übertreiben? — hielt er es schließlich nicht mehr aus.

— Ich glaube, dass du schon wieder weich wirst, — schnitt sie ihm das Wort ab.

— Übertreiben.

— So ein Unsinn.

— Sie hat sich dir drei Jahre lang auf den Hals gesetzt, und du redest von übertreiben.

In diesem Moment klingelte sein Telefon.

Olja.

— Ja, — antwortete Viktor angespannt.

— Witja, ich habe deine Großmutter getroffen, — sagte Olja ruhig.

— Ich habe sie selbst abgeholt, da du keine Zeit hattest.

— Ich habe sie gefüttert und begleitet.

— Ich soll dir Grüße von ihr ausrichten.

Er schämte sich — heiß, unangenehm, bis ihm die Ohren rot wurden.

Aber neben ihm wirbelte Julia herum, deutete auf Kartons, und seine Scham versank im allgemeinen Durcheinander.

— Ja, danke, — brummte er.

— Hör mal, ich habe keine Zeit.

— Wir reden später.

Er beendete den Anruf und steckte das Telefon in die Tasche.

— Wer war das? — kniff seine Schwester die Augen zusammen.

— Olja.

— Sie hat irgendwo meine Großmutter getroffen.

— Kümmert sich um sie.

— Dann soll sie sich eben kümmern, — schnaubte die Schwester.

— Vielleicht findet sie bei der alten Frau ja noch eine Bleibe.

— So, ich habe den Wagen gerufen, in zwanzig Minuten ist er da.

— Wir tragen alles nach unten.

Kaum hatten sie begonnen, die Kartons zum Aufzug zu tragen, erschien ihre Mutter.

Sie betrachtete den Berg aus Sachen im Flur mit dem Ausdruck ruhiger Zufriedenheit, wie man auf eine gut erledigte Arbeit blickt.

— Gut gemacht, — nickte sie.

— Von einer Last muss man sich schnell befreien, bevor sie wieder ins Haus hineinwächst.

— Julia, du bist wie immer schnell.

— Natürlich, — antwortete die Schwester stolz.

— Übrigens, — die Mutter wandte sich ihrem Sohn zu.

— Was ist das für eine Geschichte mit der Großmutter?

— Viktor, du hast gesagt, sie sei in der Stadt?

— Na ja, ja, — er zuckte mit den Schultern.

— Sie ist aus irgendeinem Grund gekommen.

— Stell dir vor, Olja hat sie statt meiner abgeholt.

Das Gesicht der Mutter spannte sich leicht an.

Sie holte ihr Telefon heraus, wählte eine Nummer und trat zum Fenster.

— Hallo, — sagte sie zurückhaltend.

— Du bist in der Stadt?

— Und hast nicht Bescheid gesagt.

— Was hast du denn für Angelegenheiten?

Am anderen Ende antwortete jemand lange und sanft.

Die Mutter hörte mit zusammengepressten Lippen zu, und in ihrem Blick erschien ein Schatten von Wachsamkeit.

— Du hast deine Urenkelin vermisst, — wiederholte sie.

— Du hast mit ihr gespielt und fährst wieder zurück.

— Verstehe.

— Na, dann fahr, wenn du zu tun hast.

Sie steckte das Telefon weg und murmelte leise vor sich hin:

— Sie hat also ihre Urenkelin vermisst.

— Fährt einfach herum und schweigt.

— Ist etwas nicht in Ordnung? — fragte Viktor.

— Doch, alles ist in Ordnung, — winkte sie ab.

— Die Alte spinnt.

— Ladet weiter ein, der Wagen steht unten.

✔️ — Es macht dich nicht ärmer, melde das Kind bei dir an, — forderte die Schwiegermutter.

Geschichten für die Seele von Elena Strisch, vor 2 Tagen.

Es wurde bereits dunkel, als die Arbeiter die letzten Säcke hinaustrugen.

Die Wohnung wurde hohl und leer, und jeder Schritt hallte so wider, wie es hier früher nie gewesen war.

Julia stand an der Tür, hielt den kleinen Schlüssel zur Lagerzelle in der Hand und betrachtete zufrieden das Ergebnis.

— Na also, — sie reichte Viktor den Schlüssel.

— Nimm.

— Hier ist ihr ganzer Kram.

— Wenn sie will, holt sie ihn ab, wenn nicht, ist das dein Problem.

— Ich habe meinen Teil erledigt.

— Danke, Jul, — er nahm den Schlüssel und drückte ihn in seiner Hand zusammen.

— Ehrlich, ohne dich hätte ich… ich weiß nicht.

— Ich weiß, ich weiß, — sie lächelte spöttisch.

— Du wärst zusammengebrochen und hättest sie wieder hereingelassen.

— Gut, ich muss los.

— Ich bin von deiner Scheidung müder als du selbst.

Sie warf sich den Schal um und ging, wobei ihre Absätze klackerten.

Die Mutter war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls gegangen und hatte zum Abschied gesagt, sie hätten „alles richtig gemacht“.

Viktor blieb allein in der leeren Wohnung zurück, mit dem Schlüssel zur Lagerzelle in der einen Tasche und Oljas Schlüsselbund in der anderen.

— Sie kommt zurück, — sagte er laut zu sich selbst.

— Wo soll sie denn hin?

Er versuchte, Olja anzurufen, aber ihr Telefon war ausgeschaltet.

Einmal, zweimal, dreimal — eine gleichgültige mechanische Stimme teilte mit, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei.

Viktor steckte das Gerät gereizt in die Tasche und beschloss, dass sie bei ihrer Mutter sei, wo jetzt auch die Tochter war.

— Dann sitz eben dort, — brummte er in die Leere.

— Und ich sage ihr die Adresse des Lagers, wenn sie anruft.

— Und den Schlüssel gebe ich ihr auch.

— Alles fair.

Die Nacht verbrachte er schlecht, wälzte sich auf dem kahlen Sofa hin und her, das ihm plötzlich ebenfalls fremd vorkam.

Am Morgen stand er zerknittert auf, machte sich hastig fertig und ging seinen Angelegenheiten nach, während er sich einredete, alles sei unter Kontrolle.

Der wichtigste Trumpf — der Schlüsselbund zur Wohnung — lag in seiner Tasche, und das wärmte ihn.

Den ganzen Tag blickte er hin und wieder auf sein Telefon.

Olja rief nicht an.

Das kratzte ein wenig an ihm, machte ihm aber keine Angst — er war sicher, dass die Initiative in seinen Händen lag.

Am Abend stieg er zu seiner Etage hinauf, öffnete die Tür — und erstarrte auf der Schwelle.

Die Wohnung war leer.

Nicht so leer wie am Morgen, als Oljas Sachen hinausgetragen worden waren, sondern wirklich leer: kein Sofa, keine Schränke, nicht einmal seine eigenen Sachen.

— Was ist das, — hauchte er und trat über den nackten Boden.

— Was… was soll das überhaupt?

Er rannte von Zimmer zu Zimmer und traute seinen Augen nicht.

Die Wände sahen ihn mit leeren Rechtecken an, wo die Regale abgenommen worden waren.

In seiner Brust begann es schnell und ängstlich zu pochen.

In diesem Moment klickte hinter ihm das Schloss.

Viktor drehte sich um — auf der Schwelle stand Olja.

Ruhig, gefasst, mit einem leichten halben Lächeln.

In der Hand hielt sie einen Schlüssel.

— Guten Abend, — sagte sie.

— Na, wie gefällt dir die Weite?

— Man atmet leichter, musst du zugeben.

— Du! — er stürzte auf sie zu.

— Wo sind meine Sachen?

— Was passiert hier?

— Wie bist du hereingekommen?

— Ein Duplikat, — sie bewegte den Schlüssel leicht.

— Vorsorge ist, weißt du, kein Fehler.

— Die Schlüssel, Witja.

— Gib die Schlüssel her.

— Was für Schlüssel willst du! — er griff hastig in die Tasche und zog den kleinen Schlüssel zur Lagerzelle heraus.

— Hier, nimm deinen Lagerraum.

— Die Adresse ist so und so, Zelle Nummer…

— Hol deinen Kram ab und lass dich hier nicht mehr blicken!

— Der Schlüssel zum Lager ist gut, — unterbrach sie ihn sanft.

— Aber ich brauche den Schlüssel zur Wohnung.

— Den von diesem Schlüsselbund.

— Morgen kommt ein Team, wir machen Renovierung.

— Was für eine Renovierung? — er war verblüfft.

— Was redest du da?

— Das ist meine Wohnung!

— Und genau da irrst du dich, — Olja machte einen Schritt nach vorn und blieb weiterhin ruhig.

— Seit gestern bin ich die Eigentümerin dieser Wohnung.

💯 — Gib mir die Autoschlüssel, du sitzt sowieso zu Hause, und mein Mann wird damit Geld verdienen, — erklärte die Schwester, aber schon zwei Tage später bereute sie es.

Familiensumpf | Geschichten, über die man schweigt, vor 2 Tagen.

Viktor erstarrte.

Die Worte seiner Schwester, seiner Mutter, sein eigenes gestriges Treiben — all das wirbelte plötzlich in seinem Kopf herum und fügte sich zu einem sehr unschönen Bild zusammen.

— Was heißt, du bist die Eigentümerin, — brachte er langsam hervor.

— Du redest Unsinn.

— Nein, — Olja lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen.

— Erinnerst du dich, dass gestern deine Großmutter gekommen ist?

— Du hast mich noch angefahren, ich solle deine Verwandten vergessen.

— Sie ist extra in die Stadt gekommen.

— Weißt du, warum?

— Warum, — fragte er dumpf.

— Um die Wohnung auf mich zu überschreiben, — sagte sie ruhig.

— Ich bin die Mutter ihrer Urenkelin.

— So hat sie entschieden.

— Die Dokumente sind fertig, alles ist sauber, alles ist legal.

— Wenn du es nicht glaubst, überprüfe es.

— Aber gib zuerst die Schlüssel her.

— Das kann nicht sein, — er schüttelte den Kopf.

— Das kann nicht sein!

— Das ist Großmutters Wohnung, ja, aber sie hat immer gesagt, dass sie sie den Enkeln überschreibt!

— Mir oder Julia!

— Nicht dir!

— Warum ausgerechnet dir?

— Das musst du schon sie fragen, — Olja zuckte mit den Schultern.

— Ich nenne dir eine Tatsache, keine Nacherzählung.

— Du lügst! — schrie er los.

— Du hast das alles eingefädelt, während ich hier…

— Ich habe dir doch selbst die Schlüssel abgenommen!

— Selbst!

— Hast du, — stimmte sie zu.

— Und du hast alles aus der Wohnung hinaustragen lassen, was darin war.

— Geschickt, das muss man sagen.

— Ich musste nicht einmal Säcke kaufen — ihr habt selbst alles eingepackt.

Langsam begann er zu begreifen, und dadurch wurde ihm wirklich Angst.

Er griff nach seinem Telefon und wählte mit zitternden Fingern die Nummer seiner Großmutter.

— Hallo!

— Oma! — schrie er.

— Ist das wahr?

— Hast du die Wohnung auf Olja überschrieben?

— Ist das wahr oder nicht?!

Am anderen Ende meldete sich eine ruhige Stimme.

— Es ist wahr, Witjenka, — sagte die Großmutter.

— Ich habe sie überschrieben.

— So habe ich entschieden.

— Aber warum?! — er bekam kaum Luft.

— Warum ihr und nicht mir?!

— Ich bin doch dein Enkel!

— Ich bin dir keine Erklärung schuldig, — antwortete sie sanft, aber fest.

— Ich habe es entschieden, und damit ist es entschieden.

— Ich habe keine Zeit, Witja.

— Bleib gesund.

Und die Verbindung brach ab.

Viktor stand mit dem Telefon am Ohr da, hörte die kurzen Töne und konnte sich nicht vom Fleck bewegen.

— Siehst du, — sagte Olja leise.

— Alles fair.

— Du magst dieses Wort doch so sehr.

— Das… das ist nicht fair, — flüsterte er.

— Das ist gemein.

— Gemein ist es, in eine fremde Tasche zu greifen, — bemerkte sie ohne Zorn.

— Gemein ist es, die Mutter seines Kindes am Tag der Scheidung hinauszuwerfen.

— Aber eine Wohnung auf den Menschen zu überschreiben, dem man vertraut, ist einfach das Recht des Eigentümers.

— Die Schlüssel, Witja.

Er öffnete langsam die Faust und legte den Schlüsselbund in ihre Hand.

Das Metall klirrte.

Viktor sah auf seine leere Hand.

— Gier, Witja, ist eine hungrige Sache, — sagte Olja und steckte die Schlüssel weg.

— Egal, wie sehr man sie füttert, es ist immer zu wenig.

— Du hattest es so eilig, dir alles zu schnappen, dass du nicht bemerkt hast, wie du mit nichts zurückgeblieben bist.

Er antwortete nicht.

Schweigend drehte er sich um, ging in den Flur, setzte sich auf den Boden — es gab nichts anderes mehr, worauf er sich setzen konnte — und begann, seine Schuhe anzuziehen.

Seine Hände gehorchten ihm kaum.

— Ich hole unsere Tochter morgen ab, — fügte Olja seinem Rücken zu.

— Sie ist bei meiner Mutter, alles ist gut.

— Ich sage dir Bescheid, wann du sie sehen kannst.

— Das verbiete ich dir nicht — du bist schließlich ihr Vater.

Viktor nickte, ohne sie anzusehen.

Er stand auf, stieß die Tür auf und ging hinaus ins Treppenhaus.

In seinem Kopf war es leer und hell klingend, wie in seiner ehemaligen Wohnung.

Er begann die Treppe hinunterzugehen, schwer, sich am Geländer festhaltend.

In der Kurve überholte ihn Olja leicht — sie eilte nach unten, leicht, frei, und verschwand hinter der Haustür, bevor er den ersten Stock erreichte.

Erst als Viktor auf die Straße trat, blieb er wie angewurzelt stehen.

Der Gedanke holte ihn verspätet ein, und ihm wurde innerlich kalt.

— Und die Sachen, — murmelte er.

— Meine Sachen.

— Wo sind meine Sachen?

Er steckte die Hand in die Tasche — leer.

— Olja! — rief er und sah sich um.

— Olja, bleib stehen!

Aber sie war schon nicht mehr da.

Er riss sein Telefon hervor, tippte auf ihre Nummer — und hörte das vertraute, gleichgültige: Der Teilnehmer ist nicht erreichbar.

Viktor senkte die Hand.

Er stand mitten im Hof, ohne Wohnung, ohne Sachen, ohne Schlüssel, ohne Frau und ohne das geringste Verständnis dafür, was er als Nächstes tun sollte.

Noch nie hatte er sich so überflüssig, so wertlos, so leer gefühlt wie ein Mensch, dem man gerade alles weggenommen hatte — und der es sich selbst weggenommen hatte.

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