— Macht auf, ihr Datschenleute!
Wir haben beschlossen, euch zu überraschen, weil ihr immer nur arbeitet und arbeitet und das Tageslicht kaum noch seht!
Die Stimme der Schwägerin klang hinter dem Zaun so laut, dass Marinas Hand zitterte und der Wasserstrahl aus dem Schlauch am Beet vorbeischoss, direkt auf den Gartenweg.
Sie wischte sich die nassen Finger am Saum ihrer alten Jeans ab und richtete sich langsam auf.
Ihr Rücken schmerzte nach der Arbeitswoche und dem dreistündigen Stau bei der Ausfahrt aus der Stadt entsetzlich.
Hinter dem Gartentor stand der dunkelblaue Crossover von Igor, dem Mann ihrer Schwägerin.
Sveta zog bereits am Metallgriff und versuchte, auf das Grundstück zu spähen.
Neben ihr trat ihr zwanzigjähriger Sohn Denis von einem Fuß auf den anderen, den Blick auf den Bildschirm seines Smartphones gerichtet.
Marina wandte sich zur Veranda um.
Ihr Mann Oleg stand mit der Axt in der Hand neben dem Holzstapel wie erstarrt.
Auf seinem Gesicht war deutliche Verwirrung zu lesen, vermischt mit einem schuldbewussten Lächeln.
— Oleg, wusstest du davon? — fragte Marina leise.
— Marina, ich schwöre, ich hatte keine Ahnung.
Vor einem Monat haben wir telefoniert, und ich habe nur so dahingesagt, sie könnten irgendwann mal bei unserer neuen Datscha vorbeikommen.
Wer konnte denn ahnen, dass sie so, an einem Freitagabend, ohne Anruf hereinplatzen würden?
Marina atmete tief die warme Abendluft ein, die nach erwärmten Kiefernnadeln und feuchter Erde roch.
Sie hatten dieses Grundstück erst vor einem halben Jahr gekauft.
Ein bescheidenes, aber solides Blockhaus, sechshundert Quadratmeter, Apfelbäume.
Den ganzen Frühling über hatten sie das Haus in Ordnung gebracht, den Müll der Vorbesitzer hinausgeschafft und die Böden gestrichen.
Und gerade heute war das erste Wochenende, an dem Marina fest beschlossen hatte: keine schwere Arbeit.
Sie hatte anderthalb Kilo ausgesuchten Schweinenacken gekauft, ihn selbst mit Zwiebeln und Gewürzen mariniert, eine Flasche guten trockenen Rotwein und frisches Gemüse mitgenommen.
Der Plan war perfekt: zu zweit Fleisch grillen, auf der Veranda sitzen und ausschlafen.
Oleg steckte die Axt hastig in einen Hackklotz und lief los, um das Tor zu öffnen.
— Svetochka, Igor!
Was für eine Überraschung!
Wir haben euch heute gar nicht erwartet.
— Wir haben uns selbst nicht erwartet! — lachte Igor laut, betrat das Grundstück und sah sich wie ein Hausherr um.
Wir fuhren vorbei und dachten, wir biegen mal zu den Verwandten ab.
Gleichzeitig weihen wir eure Datscha ein, wenn ihr sie schon heimlich gekauft und nicht einmal einen ausgegeben habt.
Sveta gab ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange und ging direkt auf Marina zu.
— Hallo, Hausherrin!
Na los, zeig uns deine Paläste.
Das Grundstück ist natürlich etwas klein.
Igors Chef hat fünfzehnhundert Quadratmeter, dort hat man wirklich Platz.
Aber für den Anfang reicht es.
Marina setzte ein pflichtbewusstes Lächeln auf.
— Hallo, Sveta.
Guten Abend zusammen.
Kommt herein.
Igor ging zum Kofferraum seines Autos und riss ihn auf.
Marina streckte unwillkürlich den Hals, in der Erwartung, Einkaufstüten aus dem Supermarkt zu sehen.
Schließlich war es eine ernste Sache, zu fünft für ein ganzes Wochenende auf eine Datscha zu Besuch zu kommen.
Igor holte eine Sporttasche, eine Angelrute und einen alten Fußball aus dem Kofferraum.
Der Kofferraum war völlig leer.
Kein Sack Kohle, keine Flasche Mineralwasser, nicht einmal ein Bund Bananen zum Tee.
Nichts.
Absolut nichts.
— Igor, und wo sind die Tüten? — fragte Oleg vorsichtig, der offenbar ebenfalls diese Merkwürdigkeit bemerkt hatte.
— Ach, Bruder, frag nicht! — Igor winkte mit der freien Hand ab.
Wir hatten es so eilig, aus der Stadt rauszukommen, dass wir nirgendwo angehalten haben.
Sveta sagte, Oleg und Marina hätten doch immer den Kühlschrank voll, sie würden uns schon nicht verhungern lassen.
Wir geben euch später etwas dazu, falls nötig.
Wo habt ihr hier den Grill?
Nach der Fahrt könnte ich jetzt ein ganzes Wildschwein essen!
Marina spürte, wie in ihr die Verärgerung zu kochen begann.
„Wir geben euch später etwas dazu.“
Dieses „später“ kannte sie nur zu gut.
In fünfzehn Jahren Ehe mit Oleg hatte sie die Gewohnheiten seiner Schwester auswendig gelernt.
Sveta war aufrichtig der Meinung, dass ihr jüngerer Bruder verpflichtet sei, sie allein aufgrund der Verwandtschaft auf höchstem Niveau zu empfangen.
— Der Grill steht hinter dem Haus, — antwortete Marina trocken.
— Nur haben wir Fleisch genau für zwei Personen.
Anderthalb Kilo.
Sveta, die bereits ihre Stadtsandalen ausgezogen und irgendwelche Gummischlappen angezogen hatte, die auf der Veranda standen, winkte fröhlich ab.
— Ach komm schon, Marina!
Wir sind doch nicht anspruchsvoll, wir brauchen nicht viel.
Wir essen alle ein Stückchen, kochen ein paar Kartoffeln und schneiden einen Salat.
Kartoffeln hast du doch, oder?
Los, sag uns, wo alles ist.
Denis, reiß dich vom Telefon los und geh Onkel Oleg helfen!
Denis schnalzte unzufrieden mit der Zunge, trottete aber Oleg zum Grill hinterher.
Marina ging schweigend in die Küche.
Der Abend hörte auf, angenehm zu sein.
Im Kühlschrank lag genau dieser Behälter mit Fleisch, fünf Tomaten, drei Gurken, ein Stück Butter, ein Dutzend Eier und ein Stück guter Käse fürs Frühstück.
Im Schrank standen eine Packung Nudeln und eine angebrochene Packung Buchweizen.
Sie hatte die Lebensmittel genau für zwei Tage faules Ausruhen für zwei Erwachsene eingekauft.
Sveta schwebte in die Küche.
Sie öffnete den Kühlschrank wie selbstverständlich, ließ den Blick über die Regale gleiten und presste unzufrieden die Lippen zusammen.
— Marina, seid ihr auf Diät?
Der Kühlschrank ist ja völlig leer.
Womit wollt ihr denn die Gäste bewirten?
— Ich habe dir doch gesagt, Sveta, wir haben keine Gäste erwartet, — sagte Marina, nahm ein Messer und begann, das Gemüse zu waschen.
Wir sind gekommen, um uns auszuruhen.
Der Laden im Dorf ist schon geschlossen, er hat bis sieben Uhr geöffnet.
Also essen wir das, was da ist.
— Na ja, irgendetwas auf Vorrat könntest du schon da haben, es ist schließlich eine Datscha, — sagte die Schwägerin belehrend und setzte sich an den Küchentisch.
Sag mal, habt ihr hier Internetempfang?
Denis beschwert sich, dass es kein Netz gibt.
— Schlechter Empfang.
Nur am Fenster.
Die nächsten zwei Stunden verschmolzen für Marina zu einem einzigen Marathon.
Statt in einem Sessel mit einem Glas Wein zu sitzen, schälte sie Kartoffeln, kochte sie in einem riesigen Topf und schnitt den einzigen Salat für alle.
Igor kommandierte Oleg am Grill herum und verlangte mal das richtige Holz, mal Anzündflüssigkeit, die sie noch nie besessen hatten.
Als sich alle an den großen Tisch auf der Veranda setzten, war es schon dunkel.
Marina brachte die Platte mit dem Schaschlik hinaus.
Die anderthalb Kilo Fleisch waren beim Grillen zu einem bescheidenen Häufchen zusammengeschrumpft.
Denis spießte sofort mit der Gabel die drei größten Stücke auf und legte sie auf seinen Teller.
Igor folgte dem Beispiel seines Sohnes und lud sich großzügig Fleisch auf.
— Mmm, nicht schlecht, — brummte Igor kauend.
Nur die Marinade ist etwas schlicht.
Man hätte sie mit Kefir machen sollen.
Und Zwiebeln sind zu wenig drin.
Oleg, wo habt ihr eure Vorräte?
Wir haben zum Fleisch ja nicht einmal etwas eingeschenkt.
— Wir haben nur eine Flasche Wein, — sagte Oleg und sah seine Frau schuldbewusst an.
Starken Alkohol trinken wir nicht.
— Ihr seid vielleicht welche! — Igor schlug enttäuscht mit der Hand auf den Tisch.
Auf die Datscha fahren ohne ordentlichen Vorrat.
Na gut, dann eben Wein.
Mach ihn auf.
Marina saß am Rand der Bank und sah zu, wie die Gäste rasch das vernichteten, was sie mit so viel Liebe vorbereitet hatte.
Für sie blieb ein kleines Stück Schaschlik und ein Löffel Salat.
Sveta erzählte ununterbrochen von ihren Problemen bei der Arbeit, Igor beklagte sich über die Benzinpreise, und Denis kaute schweigend, während er auf sein Telefon sah.
Das Schlafengehen gestaltete sich schwierig.
Im Haus gab es nur zwei Schlafzimmer.
In einem stand das Doppelbett der Hausherren, im zweiten, dem Gästezimmer, ein Schlafsofa.
— Marina, dann legen wir uns ins Gästezimmer, und Denis kommt auf der Klappliege auf der Veranda zurecht, — erklärte Sveta entschieden.
— Auf der Veranda ist es nachts kalt, — wandte Marina ein und spürte, wie ihr vor Müdigkeit die Schläfen zu pochen begannen.
Und dort sind Mücken.
— Macht nichts, dem Jungen tut Abhärtung gut.
Gib ihm einfach eine wärmere Decke.
In dieser Nacht konnte Marina lange nicht einschlafen.
Sie hörte, wie Igor hinter der Wand laut schnarchte und wie die Klappliege auf der Veranda knarrte.
Oleg schlief neben ihr, zur Wand gedreht.
Der Samstagmorgen begann um sieben Uhr.
Marina wachte aus Gewohnheit früh auf.
Sie ging in die Küche hinunter und blieb auf der Schwelle stehen.
Auf dem Tisch standen schmutzige Teller mit eingetrocknetem Ketchup und Gläser mit Weinresten.
Im Spülbecken türmte sich eine fettige Pfanne, in der Sveta am Abend offenbar die Kartoffelreste aufgewärmt hatte.
Marina füllte schweigend Wasser in den Wasserkocher.
Sie stellte ihn auf den Herd.
In diesem Moment kam der verschlafene Denis in die Küche hinunter.
— Guten Morgen, — murmelte er und kratzte sich unter dem ausgeleierten T-Shirt am Bauch.
Tante Marina, gibt es irgendetwas zu kauen?
Ich bin vor Hunger aufgewacht.
— Im Kühlschrank war noch Käse, — antwortete sie mit gleichmäßiger Stimme.
Denis riss die Tür auf und wühlte in den Regalen.
— Hier ist nur ein kleines Stück.
Und Brot gibt es auch nicht.
Machst du keine Pfannkuchen?
Mama macht am Wochenende immer welche.
Mit Kondensmilch.
— Nein, Denis, ich werde keine Pfannkuchen machen.
Und Kondensmilch haben wir auch nicht.
Der Junge zuckte unzufrieden mit den Schultern, nahm das Stück Käse, biss direkt davon ab und ging zurück auf die Veranda.
Gegen zehn Uhr wachten Sveta und Igor auf.
Die Schwägerin kam in einem flauschigen Morgenmantel in die Küche und streckte sich genüsslich.
— Schön habt ihr es hier, so ruhig.
Ich habe so gut geschlafen!
Sag mal, Marina, habt ihr löslichen Kaffee oder muss man ihn kochen?
Ich trinke nur Kaffee aus der Cezve.
Marina holte schweigend die Dose mit ihrem Lieblingskaffee hervor, den sie extra für dieses Wochenende mitgebracht hatte, und stellte sie auf den Tisch.
— Oh, ausgezeichnet.
Koch für alle, ja?
Igor wäscht sich gleich und kommt dann auch herunter.
Und was haben wir zum Frühstück?
Machst du Rührei mit Speck?
— Svetlana, — sagte Marina und stützte die Hände auf die Arbeitsplatte.
Ihre Stimme klang unnatürlich ruhig.
— Es gibt keinen Speck.
Es sind noch acht Eier da.
Brot gibt es nicht.
Wenn ihr frühstücken wollt, weckt Oleg und Igor und lasst sie zum Laden im Dorf fahren.
Er ist seit neun Uhr geöffnet.
Sveta schürzte beleidigt die Lippen.
— Warum regst du dich gleich so auf?
Du hättest auch selbst hingehen können, es sind nur fünfzehn Minuten zu Fuß.
Du bist doch die Gastgeberin.
Na gut, ich schicke jetzt Igor.
Igor zeigte keine Begeisterung, als er erfuhr, dass man zum Laden fahren musste.
— Oleg, fahren wir mit deinem Auto, meines umzuparken ist unbequem, es steht am Zaun eingeklemmt.
Dabei zeigst du mir gleich, wo man hier ordentliches Fleisch kaufen kann.
Heute machen wir Pilaw im Kasan!
Sie fuhren los.
Sveta ließ sich mit einer Tasse Kaffee in einem Korbsessel auf der Veranda nieder und blinzelte selig in die Sonne.
Marina begann, den Berg von Geschirr der Nacht und des Morgens abzuwaschen.
Das Wasser aus dem Boiler lief nur in einem dünnen Strahl, sodass sie den Wasserkocher erhitzen musste, um das erstarrte Fett abzubekommen.
Die Männer kamen nach einer Stunde zurück.
Oleg brachte zwei große Tüten in die Küche.
Sein Gesicht war angespannt.
Marina begann, die Einkäufe auszupacken.
Fünf Kilo Reis, zwei Kilo vom billigsten Hähnchen, eine riesige Flasche Ketchup, mehrere Dosen Bier, Chips, Salzgebäck, fünf Laibe Brot und ein Kilo billige Würstchen.
— Und wo ist das Fleisch für den Pilaw? — fragte Marina ihren Mann leise.
— Im Dorfladen gab es nur gefrorene Hähnchen, — flüsterte Oleg und schielte zum Fenster, hinter dem Igor bereits die erste Bierdose öffnete.
— Verstehe.
Und wer hat das bezahlt?
Oleg senkte den Blick.
— Na ja, ich.
Das Terminal hat Igors Karte nicht gelesen, und Bargeld hatte er nicht.
Ich dann später…
— Du später gar nichts, — schnitt Marina ihm das Wort ab.
Gut.
Der Tag zog sich wie klebrige Melasse dahin.
Marina marinierte das Hähnchen, putzte Zwiebeln und Karotten und stand am Herd.
Die Gäste ruhten sich aus.
Denis sonnte sich auf dem Rasen und ließ auf seinem Telefon irgendeine nervige rhythmische Musik laufen.
Igor und Oleg versuchten, ein altes Fahrrad zu reparieren, das sie im Schuppen gefunden hatten.
Sveta lief über das Grundstück und verteilte Ratschläge.
— Marina, hier ist dein Blumenbeet falsch angelegt.
Du hättest Pfingstrosen pflanzen sollen, nicht diese Gänseblümchen.
Das sieht billig aus.
Und das Gewächshaus habt ihr ungünstig hingestellt, der Schatten vom Zaun fällt darauf.
Zum Mittag hatte Marina einen großen Topf Suppe aus Hähnchenrücken gekocht und Nudeln mit Würstchen zubereitet.
Alle setzten sich an den Tisch.
— Hm, ziemlich dünn, — stellte Igor fest und rührte mit dem Löffel in seinem Teller.
Nichts für ungut, Marina, aber die Suppe ist leer.
Da hinein gehörte gutes geräuchertes Fleisch, Oliven, ein Zitronenscheibchen.
Eine Soljanka hätte man machen müssen.
Männer brauchen dickes, kräftiges Essen.
— Wo liegt dann das Problem, Igor? — Marina legte den Löffel hin.
Ihr hättet in die Stadt fahren, Räucherwaren kaufen, sie mitbringen und kochen können.
Ich hätte eure Soljanka sehr gern gegessen.
Am Tisch entstand eine peinliche Stille.
Sveta räusperte sich laut.
— Marina, warum tust du so, als wären wir Fremde?
Wir sind doch zu Besuch gekommen.
Igor hat eine schwere Arbeit, er will sich am Wochenende entspannen.
Und Kochen ist Frauenpflicht.
Du kochst zu Hause doch sowieso, was macht es für einen Unterschied, ob für zwei oder für fünf?
— Der Unterschied ist riesig, Sveta, — sagte Marina und sah ihrer Schwägerin direkt in die Augen.
Ich arbeite die ganze Woche mit Zahlen.
Am Freitag sind meine Augen vom Monitor rot, und mein Kopf platzt.
Ich bin hierhergekommen, um mich auszuruhen.
Stattdessen arbeite ich seit zwei Tagen als kostenlose Köchin, Spülkraft und Zimmermädchen für Menschen, die mit leeren Händen gekommen sind und nur Forderungen stellen.
— Was sind das denn für Sprüche! — fuhr Sveta auf und warf den Löffel auf den Tisch.
Wir sind zu meinem leiblichen Bruder gekommen!
Und du wirfst uns ein Stück Brot vor?
— Ein Stück Brot, das mein Mann gekauft hat, weil eure Karte wundersamerweise nicht funktioniert hat, — erwiderte Marina ruhig.
Und Fleisch, das für uns zwei gekauft worden war.
— Oleg! — empörte sich Igor.
Warum schweigst du?
Deine Frau beleidigt meine Familie!
Wir sind mit ganzem Herzen zu euch gekommen, und das ist der Empfang!
Oleg zog den Kopf zwischen die Schultern.
Er hasste Konflikte.
— Marina, ehrlich, warum so?
Sie sind nun mal gekommen, das sind doch unsere Leute.
Lasst uns nicht streiten.
Morgen Abend fahren sie weg, halt durch.
Marina ließ den Blick langsam über den Tisch schweifen.
Die wütende Sveta mit roten Flecken auf den Wangen.
Der mürrische Igor.
Den kauenden Denis, dem völlig egal war, was geschah, solange er gefüttert wurde.
Und Oleg.
Ihr Mann, der sich lieber hinter dem Wort „halt durch“ versteckte, als die unverschämte Verwandtschaft in die Schranken zu weisen.
In Marina machte es innerlich klick.
Als wäre eine bis zum Äußersten gespannte Saite gerissen, doch statt Schmerz kamen eine erstaunliche Ruhe und Klarheit der Gedanken.
Sie fühlte weder Müdigkeit noch Wut.
Nur kalte Berechnung.
Sie stand schweigend vom Tisch auf, ging von der Veranda hinaus und stieg in den zweiten Stock.
Im Schlafzimmer holte sie ihre kleine Reisetasche aus dem Schrank.
Sorgfältig legte sie einen Trainingsanzug und ihre Kosmetiktasche hinein und nahm vom Nachttisch das Ladegerät ihres Telefons.
Das Ganze dauerte nicht länger als zehn Minuten.
Dann ging sie hinunter.
Im Flur zog sie die Datscha-Turnschuhe aus und ihre Stadtschuhe an.
Vom Tischchen an der Tür nahm sie die Schlüssel ihres eigenen Autos, denn sie und Oleg kamen immer mit getrennten Autos, weil Marinas Arbeitstag freitags früher endete.
Als sie auf die Veranda trat, sah sie, dass die ganze Gesellschaft in den Pavillon umgezogen war.
Als sie Marina mit der Tasche sahen, verstummten die Gespräche.
— Marina, wohin gehst du? — Oleg sprang von der Bank auf, sein Gesicht wurde blass.
— Ich fahre nach Hause, in die Stadt, — sagte sie laut und deutlich, damit alle es hörten.
— Wie, in die Stadt?
Und wir? — fragte Sveta ehrlich erstaunt.
— Ihr bleibt.
Ihr seid doch gekommen, um euch auszuruhen, also ruht euch aus.
Das Haus steht euch zur Verfügung.
Der Rasen ist nicht gemäht, die Beete sind nicht gegossen.
In der Küche steht ein Berg schmutziges Geschirr.
Im Kühlschrank liegen billiges Hähnchen und Würstchen, genau das, was ihr mögt.
Kocht Soljanka, bratet Pilaw, härtet Denis ab.
— Bist du verrückt geworden? — kreischte die Schwägerin.
Du lässt die Gäste mitten am Wochenende sitzen?
Das ist eine unerhörte Unverschämtheit!
— Unverschämtheit, Sveta, — sagte Marina, ging zum Tor und drückte den Knopf des Schlosses, — ist, ohne Einladung und ohne Lebensmittel in ein fremdes Haus einzufallen, fremdes Essen aufzufressen und der Hausherrin zu erklären, dass sie ihre Blumenbeete falsch bepflanzt.
Ich bin hierhergekommen, um mich auszuruhen.
Und ich werde mich ausruhen.
Nur an einem anderen Ort.
Oleg lief zu ihr und packte sie am Ellbogen.
— Marina, blamier mich nicht.
Komm zurück ins Haus.
Was sollen sie denken?
Wie soll ich hier allein mit ihnen bleiben?
Marina löste vorsichtig, aber fest die Finger ihres Mannes von ihrem Arm.
— Das ist deine Schwester, Oleg.
Und dein Neffe.
Du hast doch selbst gesagt, das seien unsere Leute.
Dann verbringt eure Zeit eben familiär.
Vergiss nur nicht, hinter euch die Küche aufzuräumen.
Und spült das Geschirr mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher, ich habe den Boiler ausgeschaltet.
Sie ging durch das Tor hinaus, zu ihrem silbernen ausländischen Wagen, setzte sich ans Steuer und startete den Motor.
Im Rückspiegel sah sie, wie der verwirrte Oleg am Zaun stand, während Sveta wütend etwas schrie und mit den Armen fuchtelte.
Die Fahrt in die Stadt dauerte etwas mehr als eine Stunde.
In der Gegenrichtung gab es am Samstagnachmittag fast keine Staus.
Marina fuhr und hörte leise Instrumentalmusik.
Das Fenster war einen Spalt geöffnet, der Wind zerzauste ihr Haar.
Sie atmete unglaublich leicht.
Die Wohnung empfing sie mit vollkommener Stille und Kühle.
Es roch nicht nach verbranntem Fett, niemand verlangte Pfannkuchen, und sie musste nicht in der Schlange vor ihrer eigenen Toilette stehen.
Marina warf die Tasche in den Flur, ging ins Bad und drehte das Wasser auf.
Sie ließ die Badewanne voll, gab ihren Lieblingsschaum mit Lavendelduft hinein und tauchte in das heiße Wasser ein.
Das Telefon auf dem Schränkchen vibrierte.
Oleg rief an.
Sie ging nicht ran.
Dann kam eine lange Nachricht von Sveta: „Du bist eine verrückte Hysterikerin!
Wir sind mit ganzem Herzen zu euch gekommen, und du hast der Familie ins Gesicht gespuckt!
Unser Fuß wird nie wieder eure blöde Datscha betreten!
Igor ist völlig schockiert!“.
Marina lächelte, als sie den Text las, und wischte die Benachrichtigung weg.
Das war das bestmögliche Ergebnis.
Das Problem hatte sich von selbst gelöst.
Gegen Abend bestellte sie ein großes Sushi-Set und eine Flasche teuren Weißwein.
Der Lieferant kam nach vierzig Minuten.
Marina saß auf der breiten Fensterbank in der Küche, aß köstliche Rollen, sah auf die Lichter der abendlichen Stadt und spürte einen absoluten, unvergleichlichen Frieden.
Oleg kam am Sonntagabend zurück.
Er öffnete leise die Tür, stellte die Taschen in den Flur und ging in die Küche.
Er sah zerknittert und unglaublich müde aus.
Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
Marina saß am Tisch und las ein Buch.
Sie hob den Blick zu ihrem Mann.
— Hallo.
Wie habt ihr euch erholt?
Oleg ließ sich schwer auf den Stuhl ihr gegenüber sinken.
— Frag nicht.
Es war ein Albtraum.
— Ach ja? — Marina legte das Buch weg und tat so, als wäre sie aufrichtig überrascht.
Und was ist passiert?
Es sind doch eure Leute.
Oleg winkte hoffnungslos ab.
— Sveta machte einen Skandal, weil du weggefahren bist.
Dann verlangte Igor, dass ich ihm Hähnchen auf dem Grill brate, weil er Nudeln mit Würstchen nicht isst.
Ich habe einen halben Tag mit den Kohlen herumgemacht.
Denis jammerte, er habe eine Allergie gegen Mücken, und verlangte, dass ich den Mückenstecker einschalte, aber die Plättchen waren alle.
Dann tranken sie das ganze Bier aus und gingen los, um die Nachbarn kennenzulernen.
Igor geriet mit einem Mann zwei Grundstücke weiter aneinander, weil dieser zu laut Radio hörte.
Fast wäre es zu einer Schlägerei gekommen.
Ich konnte sie kaum auseinanderbringen.
Marina hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.
— Und wann sind sie gefahren?
— Heute nach dem Mittagessen.
Sveta sagte, ihr Fuß werde dort nie wieder auftauchen.
Dass wir ungastliche Geizhälse seien.
Und dass sie Mutter alles erzählen werde.
— Und haben sie ihr Geschirr abgewaschen? — fragte Marina ruhig.
Oleg senkte schuldbewusst den Kopf.
— Nein.
Sveta sagte, sie würde sich die Maniküre ruinieren, und wir hätten ja keine Spülmaschine.
Ich habe selbst gespült.
Mit kaltem Wasser, weil ich vergessen hatte, wie man den Boiler einschaltet.
Marina…
Ich habe nach ihnen zwei Säcke Müll weggefahren.
Er sah seine Frau mit den Augen eines geprügelten Hundes an.
— Verzeih mir, ja?
Ich habe wirklich nicht gedacht, dass sie so sind… so…
— So, wie sie ihr ganzes Leben lang waren? — Marina verschränkte die Arme vor der Brust.
Oleg, sie waren immer so.
Nur habe früher ich sie bedient, und du hast es nicht bemerkt.
Es war bequem für dich, auf meine Kosten der gute, gastfreundliche Bruder zu sein.
Auf Kosten meiner Zeit, meiner Nerven und meiner Arbeit am Herd.
Oleg schwieg.
Er hatte nichts zu entgegnen.
— Diesmal warst du auf deine eigenen Kosten der gute Bruder, — fuhr sie fort.
Ich hoffe, es hat dir gefallen.
— Nie wieder Gäste ohne deine Zustimmung, — sagte Oleg fest.
Ich schwöre es.
Wenn jemand kommen will, besprechen wir das vorher.
Und jeder bringt Lebensmittel für sich selbst mit.
Ich habe alles verstanden, Marina.
Wirklich.
Ich war nach diesen vierundzwanzig Stunden so erschöpft, als hätte ich einen Waggon Kohle entladen.
Marina nickte.
Sie wusste, dass Oleg sein Wort hielt, wenn man ihm eine richtige Lektion erteilte.
Diese Lektion hatte einen verdorbenen Freitagabend gekostet.
— Geh duschen, du armer Datschaheld, — sagte sie, nun weicher.
Im Kühlschrank sind richtige hausgemachte Frikadellen.
Ich habe sie heute gemacht.
Wärm sie dir auf, wenn du rauskommst.
Eine Woche später kam das nächste Wochenende.
Am Freitagabend fuhren sie wieder zur Datscha.
Marina öffnete das Tor und atmete den Duft von frisch gemähtem Gras ein.
Auf der Veranda war es sauber, und der Kühlschrank war mit Leckereien nur für sie beide gefüllt.
Den ganzen Abend saßen sie in Liegestühlen, tranken Tee mit Minze und schauten in die Sterne.
Olegs Telefon klingelte nur ein einziges Mal.
Es war Sveta.
Er sah auf den Bildschirm, drückte die Ablehnen-Taste und stellte das Gerät auf lautlos.
— Wer hat angerufen? — fragte Marina und trank einen Schluck Tee.
— Ach, nur irgendein Spam, — lächelte Oleg und legte den Arm um die Schultern seiner Frau.
Nichts Wichtiges.
Und Marina verstand, dass dieses Wochenende ganz sicher perfekt werden würde.
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