— Wie konntest du meinen Sohn verlassen? Wer soll jetzt seinen Kredit bezahlen? — schrie die Schwiegermutter böse ins Telefon.

Valerija Sergejewna rief um sieben Uhr fünf an, als Vera gerade die übergekochte Milch vom Herd schrubbte.

Das Telefon vibrierte auf der Fensterbank, und schon an diesem Summen wusste Vera, wer anrief.

Lera liebte frühe Anrufe.

Da hat ein Mensch sich noch nicht gesammelt, noch keine Schutzmauer aufgebaut, noch keine vernünftige Antwort gefunden.

Vera nahm den Hörer ab und klemmte ihn mit der Schulter fest, während sie weiter mit dem nassen Lappen über den weißen Kreis auf der Kochplatte fuhr.

— Wie konntest du meinen Sohn im Stich lassen?

— Wer soll jetzt seinen Kredit bezahlen?

Die Stimme klang, als wäre Vera nicht vor zwei Wochen aus der Wohnung ausgezogen, sondern hätte sie angezündet und wäre geflohen.

— Guten Morgen, Valerija Sergejewna.

— Spar dir dein Guten Morgen.

— Er hat übermorgen eine Zahlung fällig.

— Achtundvierzigtausend siebenhundert.

— Verstehst du überhaupt, was ein Zahlungsverzug bedeutet?

— Glaubst du, die werden warten?

Vera hörte auf, den Herd zu schrubben.

— Ich lebe nicht mehr mit Ihrem Sohn zusammen.

— Und die Datscha?

— Hast du beschlossen, auch die Datscha zu verlieren?

— Hat dir die Wut jetzt endgültig das Gehirn blockiert?

Der weiße Kreis auf dem Herd verschwamm unter dem Lappen.

Vera richtete sich auf.

Gleb hatte bis zuletzt behauptet, die Datscha habe damit nichts zu tun.

Dann sagte er, das sei nur eine Formalität auf dem Papier.

Dann begann er zu schreien, sie verstehe nichts von Männerangelegenheiten und mische sich dort ein, wo sie nichts zu suchen habe.

Und Lera hatte sofort von der Datscha gesprochen, ohne nachzudenken.

— Woher wissen Sie von der Datscha? — fragte Vera.

Am anderen Ende wurde es still.

Dann hustete Valerija, als hätte sie sich an ihrem eigenen Schrei verschluckt.

— Alle wissen es schon, die Bank weiß es, der Notar weiß es.

— Und du bist wie immer die Einzige, die nichts begreift.

— Waren Sie bei der Bank?

— Ich war dort, na und?

— Sollte er dort etwa allein krepieren?

— Ich bin seine Mutter.

Lera begriff, dass sie zu viel gesagt hatte, und hob sofort wieder die Stimme.

— Und häng dich nicht an Worten auf.

— Wegen dieses ewigen Sich-an-Worten-Aufhängens läuft euer ganzes Leben schief.

Vera beendete den Anruf und setzte sich auf den Hocker.

In der kleinen gemieteten Küche war es still.

Auf dem Tisch standen eine geöffnete Packung Haferflocken, ein Messer und eine Milchtüte mit einer Klammer.

Hinter der Wand hustete jemand und drehte dann das Wasser auf.

Ein gewöhnlicher Morgen, einer von denen, die durch nichts in Erinnerung bleiben.

Aber jetzt hatte er eine scharfe Kante.

Vera holte eine Mappe aus ihrer Tasche.

Gestern hatte sie sie in Eile mitgenommen, ohne sie richtig durchzusehen, und sie nur zusammen mit dem Nachthemd und der Hausapotheke in eine Tüte gesteckt.

Die Papiere waren zerknittert, ein Teil in Klarsichthüllen, ein Teil lose.

Kreditvertrag, Kontoauszug, Kopie ihres Passes.

Antrag auf Eintragung einer Verpfändung.

Und die Zustimmung als Ehefrau.

Die Unterschrift sah ihrer ähnlich, wenn man nicht lange hinsah.

Wenn man nicht wusste, wie sie den Buchstaben W schrieb und dass sie den Schwung am Nachnamen nie durchstrich.

Vera fuhr mit dem Finger über das Papier.

Sie hatten es nicht wie im Film gefälscht, grob und dreist, sondern sich wirklich Mühe gegeben.

Sie erinnerte sich daran, wie alles begonnen hatte und wohin es geführt hatte.

Nicht mit der Bank und nicht einmal mit dem Brief, sondern mit einem Topf Borschtsch.

Gleb war damals an einem Donnerstag früher als sonst nach Hause gekommen, was schon seltsam war.

Normalerweise verspätete er sich entweder, rief an und sagte, er sei bei Ljokha vorbeigefahren, oder tauchte einfach nach neun auf, mit dem Geruch fremder Zigaretten und seinen ewigen Worten: Was schaust du so, ich war nicht in der Kneipe.

Diesmal aber kam er um sechs, und er hatte sogar Brot und Tomaten gekauft, obwohl zu Hause welche da waren.

— Was ist denn heute für ein Feiertag? — fragte Vera, als er allzu munter mit den Tüten raschelte.

— Einfach so.

— Darf man das nicht?

Er küsste sie auf die Wange, was er schon lange nicht mehr getan hatte.

Er setzte sich in die Küche und begann zu erzählen, dass sich bei einem Bekannten eine gute Sache mit Lieferungen ergeben habe, man müsse nur ein wenig investieren, dafür könne man danach ruhig leben, ohne jede Kopeke zu zählen.

Vera schenkte ihm Borschtsch ein, stellte den Brotkasten auf den Tisch und verstand sofort: Das Geld hatte er bereits genommen.

Er fing immer erst dann von Weitem an, wenn er schon etwas angestellt hatte.

— Wie viel? — fragte sie.

— Immer bist du so.

— Wie viel?

— Nicht viel.

— Gleb.

Er verzog das Gesicht.

— Hundert.

— Von wem?

— Nicht von Banditen, falls du das meinst.

— Von wem?

Er nahm den Löffel, pustete auf den Borschtsch und sah sie nicht an.

— Von der Bank.

— Wofür?

— Für ein Geschäft.

Vera setzte sich ihm gegenüber.

— Was für ein Geschäft?

— Fang nicht an.

— Ich habe es dir gerade erst gesagt, und du bist schon wie eine Ermittlerin.

Nach fünf Minuten sprachen sie bereits lauter.

Nach zehn Minuten schrie er, in diesem Haus könne man nichts tun, ohne verhört zu werden.

Nach fünfzehn Minuten knallte er die Tür zu.

Nach einiger Zeit fand Vera einen Brief in der Schublade.

Nicht über hundert, sondern über vierhundertachtzig.

Und es war nicht die erste Rate, sondern eine Mahnung wegen Zahlungsverzugs.

Als Gleb am Abend zurückkam, war die Suppe bereits kalt.

— Setz dich, — sagte Vera.

— Ich bin müde.

— Setz dich.

Er setzte sich.

Er sah auf den Brief, dann auf sie.

— Also hast du herumgewühlt.

— Das lag in der Schublade mit den Quittungen.

— Ich wühle nicht, ich wohne hier.

Er wollte etwas erwidern, überlegte es sich aber anders.

— Das ist alt.

— Hier steht das gestrige Datum.

— Das ist eine Umschuldung.

— Was?

— Ich habe den alten mit einem neuen geschlossen.

— Welchen alten?

Und genau da verhedderte er sich.

Zuerst sagte er etwas vom Auto, dann von einem Freund, dann von irgendeinem Geschäft.

Dann von dringender Hilfe für seine Mutter.

Und am Ende erklärte er, sich selbst widersprechend, das sei überhaupt nicht ihre Sache, weil er ein Mann sei und das selbst regeln werde.

Vera hörte zu und begriff plötzlich, dass hinter der Wut nicht einmal mehr Überraschung war.

Nur Müdigkeit, längst vertraut wie ein kranker Zahn.

Sie stand auf und ging zum Schrank, in dem die Mappe mit den Dokumenten für die Wohnung und die Datscha lag.

Die Mappe war nicht da.

— Wo sind die Dokumente? — fragte sie.

— Welche Dokumente?

— Tu nicht so.

— Ich habe nichts genommen.

— Gleb, wo ist die Mappe für die Datscha?

Er antwortete zu schnell:

— Ich habe deine Datscha nicht angerührt.

Das war schlimmer als ein Geständnis.

In der Nacht schnarchte er, stand dann auf, um zu rauchen, und schnarchte danach wieder.

Und Vera lag da und starrte an die Decke.

Sie dachte weder an Liebe noch an Verrat.

Sie dachte an den schiefen Riss über dem Schrank, den man längst hätte zuspachteln müssen, daran, dass im Gefrierfach Hackfleisch lag, an die Freitagsschicht und daran, dass es nicht mehr nur um Lügen ging, wenn die Mappe wirklich nicht an ihrem Platz war.

Lügen waren in ihrem Haus längst zu Möbeln geworden.

Hier ging es um etwas Teureres.

Am Morgen fand sie die Mappe in der Abstellkammer, hinter der Kiste mit den Winterschuhen.

Aus ihr waren die Kopien der Eigentumsunterlagen und ihr alter Pass verschwunden.

Dafür war eine Vollmacht aufgetaucht, die sie noch nie im Leben gesehen hatte.

Vera fuhr direkt nach der Arbeit zur Bank.

Dort roch es nach Kaffee aus dem Automaten und nach fremden Parfüms.

Das Mädchen hinter der Scheibe wiederholte mit auswendig gelernter Stimme, dass Informationen nur dem Kunden erteilt würden.

Vera wollte schon gehen, als ein Mann im grauen Anzug vorbeiging, mit dem Blick über ihre Papiere glitt und stehen blieb.

— Sie sind wegen des Grundstücks in Malachowka hier? — fragte er leise.

Sie nickte.

— Warten Sie.

Er führte sie in ein kleines Büro ohne Fenster und sprach schnell, als wolle er nicht, dass ihn jemand hörte.

Es gab zwei Kredite.

Der erste war mit dem zweiten abgelöst worden, und beim zweiten diente ihr Grundstück als Sicherheit.

Bei dem Geschäft war die Mutter des Kreditnehmers anwesend gewesen.

Und es gab noch eine Merkwürdigkeit: Ein Teil des Geldes aus dem zweiten Kredit war nicht zur Tilgung des ersten gegangen, sondern per Vollmacht in bar abgehoben worden.

— Mit welcher Vollmacht? — fragte Vera.

Der Mann drehte den Bildschirm zu ihr.

Dort war ein eingescanntes Formular.

Eine Unterschrift in ihrem Namen und eine bevollmächtigte Person.

Nicht Gleb.

Eine Frau.

Eine gewisse Valerija Andrejewna Schukowa.

— Wer ist das? — fragte Vera.

Die Schwiegermutter hieß Valerija Sergejewna.

— Wahrscheinlich eine Verwandte, — der Mann zuckte mit den Schultern.

— Bei uns ist es so angegeben.

Vera sah auf den Bildschirm und verstand nicht sofort, was genau sie daran stutzig machte.

Dann verstand sie es.

Valerija Andrejewna.

Lera nannte sich Lera, obwohl sie laut Pass Valentina Sergejewna hieß.

Immer, ihr ganzes Leben lang.

Sie schimpfte sogar in der Poliklinik, wenn man sie dort Valentina nannte.

Also war es nicht die Schwiegermutter.

Sie verließ die Bank mit einem Gesichtsausdruck, bei dem der Wachmann an der Tür sie etwas fragen wollte, es aber nicht wagte.

Draußen nieselte feiner Regen.

Vera stand unter dem Vordach und sah zu, wie Menschen mit Mappen über dem Kopf über den Parkplatz rannten.

Lera war nicht Lera.

Eigentlich eine Kleinigkeit, ein fremder Name.

Aber genau an solchen Kleinigkeiten beginnt plötzlich das ganze gewohnte Bild zu reißen.

Als hätte man jahrelang geglaubt, vor sich eine tragende Wand zu haben, und dann stellt sich heraus, dass es Gipskarton ist.

Sie ging nicht sofort nach Hause.

Sie setzte sich auf eine Bank hinter dem Laden, holte das Telefon heraus und rief ihre Tochter an.

Alina ging nicht sofort ran.

— Mama, ich bin bei der Arbeit.

— Ich muss dich etwas fragen.

— Weißt du, warum Oma Lera genannt wird?

— Wie meinst du das?

— Sie wurde immer so genannt.

— In den Dokumenten heißt sie Valentina.

Die Pause war kurz, aber Vera hörte sie.

— Na ja, ja, — sagte Alina.

— Papa sagte, das sei irgendeine Familiengeschichte.

— Dass Oma ihren richtigen Namen nicht mag.

— Wann sagte er das?

— Ich weiß nicht mehr.

— Vor langer Zeit.

— Weißt du noch etwas?

— Mama, was ist passiert?

Vera erzählte nicht alles über die Bank.

Nur von der Datscha und der gefälschten Unterschrift.

Alina seufzte ins Telefon.

— Fang nur keinen Skandal an.

— Meinst du das gerade ernst?

— Was soll ich denn sonst sagen?

— Er ist sowieso schon völlig nervös.

— Und Oma auch.

— Oma, — wiederholte Vera.

— Ja.

— Wann hast du sie zuletzt gesehen?

— Vor ungefähr drei Wochen.

— Sie hat mich gebeten, Medikamente vorbeizubringen.

— Bei ihr zu Hause?

— Nein.

— In einer anderen Wohnung.

Vera schwieg.

— In was für einer anderen Wohnung, Alina?

Auch die Tochter schwieg.

Dann sagte sie vorsichtiger:

— Mama, schrei bitte nicht.

— Ich dachte, du weißt es.

— Oma hat wohl irgendwo am Bahnhof ein Zimmer.

— Papa bat mich, ein Paket hinzubringen, dort war eine Frau mit einem Jungen.

— Ich dachte, es sei vielleicht eine Pflegerin oder Mieter.

— Ich habe mich nicht eingemischt.

Vera sah auf den nassen Asphalt unter ihren Füßen.

Der Regen hatte schon aufgehört, aber sie hatte das Gefühl, als fließe irgendwo in ihr Wasser.

— Du hast es mir nicht gesagt.

— Was hätte ich sagen sollen?

— Ich dachte wirklich, du weißt es.

Eine halbe Stunde später stand sie bereits vor Leras Tür.

Nicht Lera öffnete die Tür.

Eine Frau um die fünfunddreißig, dunkelhaarig, in einem alten Haus-T-Shirt.

Aus dem Zimmer schaute ein Junge mit einer Kappe hervor, genau der, von dem die Nachbarin gesprochen hatte.

Er sah Vera und verschwand sofort.

Auch die Frau wich zurück, als hätte sie sie von einem Foto erkannt.

— Wen suchen Sie?

Aus der Küche kam Leras Stimme:

— Wer ist da, Nastja?

Und alles fügte sich so abrupt an seinen Platz, dass Vera sogar die Angst verlor.

Lera erschien im Flur mit einer Schüssel in den Händen.

Sie sah Vera und wurde weiß.

Und das war keine Redewendung.

Sie wurde wirklich weiß, sogar ihre Lippen wurden grau.

— Wie hast du das gefunden?

Vera wandte den Blick der Frau zu.

— Ist das diese Valerija Andrejewna?

Nastja drückte die Schüssel an ihren Bauch.

— Gleb hat nicht gesagt, dass Sie kommen.

— Hätte er das sollen?

Lera fasste sich als Erste wieder.

— Komm rein, wenn du schon da bist.

— Was stehst du in der Tür?

Die Wohnung gehörte nicht Valerija.

Zu neue Möbel, eine billige, aber frische Renovierung, ein Kinderrucksack auf dem Stuhl, Dosen mit Säuglingsnahrung auf der Fensterbank, obwohl der Junge sie offensichtlich nicht mehr brauchte.

Dort war einfach vor Kurzem noch jemand Kleineres gewesen, oder es war von einem anderen Kind übrig geblieben.

Auf dem Tisch lagen Hefte der zweiten Klasse und ein Kassenbon aus einem Möbelgeschäft.

In der Zeile Empfänger konnte Vera noch Glebs Nachnamen lesen.

Nastja senkte die Augen.

Lera begann zu sprechen, als sei nichts geschehen:

— Nun.

— Zufrieden?

— Du hast es gesehen.

— Jetzt wirst du wenigstens keine Vermutungen mehr anstellen.

— Wer ist sie?

— Die Mutter des Kindes.

— Das habe ich verstanden.

— Wer ist sie für Sie?

Lera setzte sich auf einen Stuhl und zog schwerfällig einen Hocker zu sich.

— Meine Tochter.

Vera blinzelte nicht.

Sie konnte es einfach nicht.

— Sie haben doch keine Tochter.

— Doch.

— Nur nicht für alle.

Nastja stand an der Wand, schmal, angespannt, mit jener Müdigkeit im Gesicht, die Vera aus dem Spiegel nur zu gut kannte.

— Diese Ihre Tochter ist Glebs Schwester? — fragte Vera, weil ihr Verstand sich an jede Version klammerte, nur nicht an die offensichtliche.

— Halbschwester, — murmelte Valerija.

— Von meinem ersten Mann.

— Ich habe sie früh zu meiner Schwester nach Rjasan gegeben, und dann blieb es so.

— Für alle war es, als gäbe es sie nicht, und dann kam sie mit einem Kind und ohne Geld hierher zurück.

— Und Gleb…

— Hat geholfen, — sagte Lera scharf.

— Wir sind doch keine Fremden.

Vera sah von der einen zur anderen.

— Welches Kind haben Sie Enkel genannt?

— Meins, — sagte Lera.

— Ich bin seine Großmutter.

— Und was ist daran?

Erst jetzt wurde Vera wirklich schwindlig.

Nicht wegen eines Seitensprungs, ein Seitensprung wäre sogar einfacher gewesen.

Hier war etwas Dichteres, Klebrigeres und Schlimmeres.

Gleb war jahrelang nicht zu einer Geliebten gelaufen, sondern zu einer Halbschwester, von der zu Hause niemand wusste, zu ihrem Sohn.

Zu einem Kind, das wie schmutzige Wäsche versteckt wurde.

Und für diese Hilfe hatten sie Vera in einen Kredit hineingezogen, abgesichert durch ihre Datscha.

Ihr Kopf drehte sich.

— Hat er mit ihr geschlafen? — fragte Vera, ohne selbst zu glauben, dass sie es laut aussprach.

Nastja riss den Kopf hoch.

— Sind Sie verrückt geworden?

— Warum hat er dann alles auf sich geregelt?

— Warum nicht Sie?

Nastja lachte kurz und böse.

— Auf mich?

— Ich habe mal Arbeit, mal keine, ich habe einen Rückstand auf der Kreditkarte, mir hätte niemand etwas gegeben.

— Er hatte Familie, Registrierung, alles war sauber.

Valerija mischte sich ein:

— Wage es nicht, meinen Sohn so zu verleumden.

— Und warum sollte ich es nicht wagen? — brach es plötzlich aus Nastja heraus.

— Habe ich ihn etwa gebeten, den zweiten Kredit aufzunehmen?

— Ich sagte, wir würden etwas Billigeres mieten.

— Ihr alle wolltet es anständig, damit der Junge eine Schule hat, ein Viertel, damit man sich nicht schämen muss.

Der Junge schaute wieder aus dem Zimmer.

Lera änderte sofort ihr Gesicht.

— Geh deine Hausaufgaben machen, Dim.

Er ging.

Vera stand mitten in der Küche und spürte, dass das Schlimmste noch vor ihr lag.

Es gab zu viele seltsame Kleinigkeiten, Valerija hatte am Morgen zu sicher wegen der Zahlung geschrien.

Nastja sprach zu ruhig über den zweiten Kredit.

Etwas stimmte hier nicht.

— Zeigen Sie die Dokumente, — sagte Vera.

— Ich bin nicht verpflichtet, — antwortete Lera.

— Dann rufe ich jetzt sofort die Polizei wegen der gefälschten Unterschrift.

Nastja zuckte als Erste zusammen.

— Keine Polizei.

— Dann die Dokumente.

Lera sah sie mit schwerem Blick an, stand dann auf, ging zur Kommode und holte eine Mappe heraus.

Vera öffnete sie gleich dort in der Küche.

Der Kaufvertrag für die Wohnung lief nicht auf Nastja.

Er lief auf die Tochter Alina.

Sie las den Nachnamen dreimal.

Dann noch einmal.

— Was ist das?

Nastja wurde blass.

Lera setzte sich wieder.

— Deshalb habe ich dich ja im Guten angerufen.

— Wenn das Geschäft platzt, bleibt Alina auf der Schuld sitzen.

Vera hob langsam den Kopf.

— Was heißt, auf Alina?

Lera zuckte mit den Schultern, als ginge es um einen missglückten Kühlschrankkauf.

— Es wurde auf sie eingetragen.

— Sie hat einen niedrigeren Zinssatz, ein offizielles Gehalt.

— Gleb sagte, du würdest für dich selbst nicht zustimmen, und Alina vertraut ihm.

Vera konnte die Worte nicht sofort zu einem Sinn zusammensetzen.

Die Wohnung für Nastja und Dima war auf ihre Tochter eingetragen.

Der Kredit war durch ihre Datscha abgesichert.

Und wenn alles zusammenbrach, würden die Bank und die Gerichtsvollzieher nicht nur zu ihr kommen.

— Weiß Alina davon?

— Teilweise, — sagte Lera.

— Man sagte ihr, es sei vorübergehend, wie eine Investition.

— Dass wir es später umschreiben.

Vera nahm das Telefon.

Zuerst trafen ihre Finger den Bildschirm nicht.

— Wag es nicht, sie jetzt anzurufen, — sagte Lera scharf.

— Sie ist bei der Arbeit.

— Genau deshalb rufe ich sie an.

— Du zerstörst ihr Leben.

Vera sah sie nicht einmal an.

Alina ging fast sofort ran.

— Mama, ich kann nicht lange.

— Du kannst.

— Hast du mit Papa beim Notar irgendetwas unterschrieben?

Stille.

— Alina.

— Mama, es ist nicht das, was du denkst.

— Was hast du unterschrieben?

— Irgendeine Vollmacht.

— Er sagte, man müsse vorübergehend ein Objekt eintragen, später werde es umgeschrieben, es sei wie eine Investition, ich habe es nicht genau gelesen.

Vera schloss die Augen.

— Die Wohnung läuft auf dich.

— Welche Wohnung?

— Die, in der Omas Tochter und deren Sohn wohnen.

Am anderen Ende wurde es so still, dass Vera irgendwo weit weg bei ihrer Tochter eine Tür klicken hörte.

— Wessen Tochter? — fragte Alina sehr langsam.

— Lera ist nicht nur die Mutter deines Vaters, — sagte Vera.

— Das heißt, sie ist seine Mutter, aber da ist auch noch ihre versteckte Tochter.

— Und die Wohnung läuft auf dich.

— Mama, was redest du da überhaupt?

— Das, was ich in den Dokumenten lese.

Nach einer Minute weinte Alina bereits, aber nicht laut.

So, mit kurzen Atemzügen, wie in der Kindheit, wenn sie sich bemühte, nicht zu zeigen, dass es wehtat.

— Er hat Geld von mir genommen, — sagte sie.

— Im Frühjahr, hundertzwanzigtausend.

— Er sagte, es sei für Omas Behandlung, und danach bat er mich noch, bei irgendeiner kleinen Sache Mitschuldnerin zu werden, aber ich habe abgelehnt.

— Er war beleidigt.

— Mama… was soll ich jetzt tun?

Und da verstand Vera endgültig: Dieser ganze Zirkus um den verlassenen Sohn, den Kredit und die Datscha war nur die Spitze des Eisbergs.

Sie hatten bereits begonnen, sich an die Tochter heranzuschieben.

Vorsichtig, durch eine Vollmacht, durch Worte wie vorübergehend, Investition, später schreiben wir es um.

Genau so, wie sie sich einst an sie herangeschoben hatten.

— Unterschreib nichts mehr, — sagte Vera.

— Nichts.

— Und schick mir sofort alles, was du vom Notar hast.

Als das Gespräch beendet war, herrschte in der Küche eine solche Stille, dass man im Bad den Wasserhahn tropfen hörte.

— Seid ihr denn alle völlig verrückt geworden?!!! — sagte Vera.

Lera ging sofort zum Angriff über.

— Was hätten wir denn tun sollen?

— Das Mädchen hat keinen Platz zum Leben, der Junge hat seine Schule, Gleb rennt wie ein Verfluchter herum, und du jammerst nur und zählst Kopeken.

— Wenigstens einmal hättest du an jemanden anderen denken können als an dich selbst.

— An jemanden anderen als an mich selbst?

— Sechsundzwanzig Jahre lang habe ich nicht an mich gedacht.

— Wegen Ihres Sohnes habe ich meine Zähne auf Kredit behandeln lassen, als er seine Arbeit verlor.

— Ich habe Ihnen Möbel gekauft, als Ihr Schrank auseinanderfiel.

— Ich habe seine Schulden bezahlt, weil man ihn hätte verprügeln können.

— Ich habe meiner Tochter erklärt, warum ihr Vater nicht zu ihrem Abschluss gekommen ist.

— Und die ganze Zeit haben Sie mir ins Gesicht gesehen und mich belogen!!!!

Nastja setzte sich plötzlich und bedeckte ihr Gesicht mit der Hand.

— Ich wollte nicht, dass es so kommt, — sagte sie dumpf.

— Er hat sich selbst hineingestürzt, am Anfang hat er nur geholfen.

— Dann sagte Mama, man könne es über Sie machen, Sie seien stark, Sie würden es schaffen.

Vera drehte sich zu ihr um.

— Über mich?

— Ja.

— Bei Ihnen ist alles geregelt, offizielle Arbeit, Datscha.

— Er sagte, Sie würden ihn sowieso nicht verlassen.

Und das war das Treffendste.

Nicht über Geld, nicht über Kredite und nicht über geheime Verwandte.

Sie würden ihn sowieso nicht verlassen.

Punkt.

Vera rannte aus der Wohnung, ohne die Tür zuzuschlagen.

Im Treppenhaus roch es nach nassem Lappen und Katzenfutter.

Im ersten Stock briet jemand Zwiebeln.

Ein gewöhnlicher Hauseingang.

Ein gewöhnlicher Tag.

Gleb wartete zu Hause auf sie.

Offenbar hatte Lera ihn schon angerufen.

— Warum bist du dorthin gefahren? — begann er von der Schwelle aus.

— Verstehst du überhaupt, was du angerichtet hast?

— Ich verstehe es.

— Und du?

— Dramatisier nicht.

— Die Wohnung läuft auf Alina.

— Soll ich das auch nicht dramatisieren?

Er zuckte zusammen.

— Hat meine Mutter es dir gesagt?

— Die Dokumente haben es mir gesagt.

Er setzte sich in die Küche und begann plötzlich nicht mit wütender, sondern mit müder Stimme zu sprechen, einer Stimme, die früher schlimmer auf Vera gewirkt hatte als jedes Schreien.

— Ver, was hätte ich denn tun sollen?

— Nastja mit Kind im Wohnheim, Mutter völlig fertig, der Junge darf die Schule nicht wechseln.

— Ich wollte es doch nur gut machen, später hätte sich alles eingependelt.

— Auf wessen Rücken?

— Nicht auf jemandes Rücken.

— Auf wessen?

Er schwieg.

— Ich hätte es zurückgezahlt.

— Womit?

Er breitete die Hände aus.

Auf dem Tisch vor ihm lag eine Packung teuren Kaffees und ein Kassenbon aus einem Elektronikgeschäft.

Im Flur standen neue Turnschuhe.

Vera sah das alles und wurde nicht einmal mehr wütend.

Sie legte es einfach zu einem einzigen Haufen zusammen.

— Hast du von Alina noch etwas genommen? — fragte sie.

— Nein.

— Lüg nicht.

— Na ja, ich habe ein paarmal um ihre Karte gebeten.

— Wofür?

— Ich musste Überweisungen machen.

— An wen?

Er antwortete nicht.

Vera nahm das Telefon heraus und schaltete die Aufnahme ein.

Sie versteckte es nicht, direkt vor ihm.

Gleb sah hin und grinste höhnisch.

— Ernsthaft?

— So weit sind wir schon?

— Ja.

— So weit sind wir.

Vielleicht war es genau wegen der Aufnahme, dass er ausrastete.

Menschen wie Gleb lügen ruhig, solange sie sicher sind, dass man später alles umdrehen kann.

Und wenn sie begreifen, dass die Worte bleiben werden, fangen sie an, sich zu verheddern.

Er sprang auf.

— Ja, ich habe genommen.

— Und was?

— Ich habe es von meiner eigenen Tochter genommen, nicht von einer Fremden.

— Ich bin schließlich ihr Vater.

— Ein Vater nimmt seiner Tochter kein Geld für eine geheime Wohnung und neue Sachen für sich selbst!

— Und woher hätte ich es nehmen sollen?

— Du hättest es mir nicht gegeben.

— Natürlich hätte ich es dir nicht gegeben.

— Weil du geizig bist.

— Nein, weil ich normal bin.

Er schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.

— Hör doch endlich damit auf.

— Normal, normal.

— Wer von euch ist denn normal?

— Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang eine Tochter versteckt, damit niemand sich einmischt.

— Nastja ist allein mit einem Jungen.

— Ich stehe zwischen allen.

— Du zählst nur, wer wem wie viel schuldet.

— Du stehst nicht zwischen allen, Gleb.

— Du bist auf allen herumgeritten.

Er holte aus, als nicht einmal gegen sie, sondern gegen die Luft.

Er schlug nicht zu, sondern ließ die Hand sinken.

Aber Vera trat trotzdem einen Schritt zurück und spürte, wie in ihr etwas endgültig ausrastete.

Nicht Angst, eher der letzte Nagel.

Sie nahm die Mappe mit den Papieren, ihre Dokumente, den alten Umschlag mit den Quittungen und ging.

In der Nacht kam Alina allein, ohne Vorwarnung.

Sie setzte sich auf den Hocker in der gemieteten Küche und schwieg lange, während sie auf die Fliesen am Boden starrte.

Dann sagte sie:

— Ich dachte wirklich, du übertreibst.

— Die ganze Zeit.

— Dass du einfach müde bist und anfängst, das Schlimmste in Papa zu suchen.

Vera setzte den Wasserkessel auf.

— Ich habe das selbst gedacht.

— Er hat mich heute angerufen.

— Er sagte, du hättest alles verdreht, Oma sei krank, du würdest dich an ihr rächen.

— Dass Nastja überhaupt nur eine entfernte Verwandte sei und mich das nichts angehe.

— Und du?

Alina zuckte mit den Schultern und rieb sich plötzlich sehr kindlich mit der Faust die Nase.

— Ich habe gefragt, warum die Wohnung dann auf mich läuft.

— Er hat aufgelegt.

Sie saßen schweigend da, bis das Wasser kochte.

Dann holte Alina eine Mappe aus ihrer Tasche.

— Hier ist alles, was er mir zum Unterschreiben gegeben hat.

— Und außerdem der Kartenauszug, da sieht man, wohin ich überwiesen habe.

Vera öffnete sie.

Zwischen den Papieren lag eine Lebensversicherung des Kreditnehmers.

Kreditnehmerin: Alina Glebowna Sokolowa.

Begünstigter: Gleb Valerjewitsch Sokolow.

Vera las es zweimal.

Dann sah sie ihre Tochter an.

— Wusstest du davon?

— Nein.

— Was ist das?

— Nichts Gutes.

Sie begann nicht sofort zu erklären, weil es ihr selbst widerwärtig war, laut auszusprechen, wie weit sie gegangen waren.

Sie hatten nicht nur die Wohnung und die Verpflichtungen auf die Tochter eingetragen.

Auch noch eine Versicherung, bei der der Vater Geld bekommen hätte, falls etwas passiert.

Vielleicht war das ein Standardschema, vielleicht hatte niemand etwas Schreckliches geplant.

Aber allein die Tatsache war so schmutzig, dass Vera das Papier mit zwei Fingern weglegte, als wäre es etwas Fremdes.

Am Morgen rief Valerija wieder an.

Diesmal war ihre Stimme dumpf.

— Die Bank verlangt die Zahlung, — sagte sie.

— Gleb ist irgendwo verschwunden, sein Telefon ist ausgeschaltet.

— Nastja schreit, Alina geht nicht ran.

— Na, bist du zufrieden?

Vera stand mit einer Tasse Tee am Fenster und sah zu, wie der Hausmeister nasse Blätter zu einem Haufen zusammenkehrte.

— Nein, — sagte sie.

— Ich bin nicht zufrieden.

— Dann hilf.

Und darin lag alles.

Keine Entschuldigung, keine Scham, kein Versuch, die Dinge beim Namen zu nennen.

Nur die alte Gewissheit, dass Vera aufstehen, sich zusammenbinden und weitertragen würde.

Sie legte die Versicherungspolice auf den Tisch, dann den alten Umschlag mit ihren Notizen.

Rechts die Beträge, links die Anmerkungen: Zähne, Reifen, Medikamente, Schuld bei Ljokha.

Zimmer.

Operation.

Vorübergehend.

Kein Leben, sondern ein endloses Vorübergehend.

Auf dem Telefon blinkte eine neue Nachricht von Alina: Ich habe einen Termin bei einem Anwalt gemacht.

Wenn du kannst, fahren wir zusammen.

Vera tippte eine kurze Antwort: Ich kann.

Dann sagte sie ins Telefon:

— Ich bezahle nichts mehr für Ihren Sohn.

— Du bringst ihn ins Gefängnis.

— Das sind nicht meine Probleme.

— Schamlose.

— Vielleicht.

Sie legte auf.

Dann setzte sie sich an den Tisch, nahm einen Stift und schrieb auf die Rückseite einer alten Quittung zum ersten Mal seit vielen Jahren keine Ausgabe.

Der erste Punkt war, die Belastung von der Datscha zu entfernen.

Der zweite war, Gleb die Schlüssel abzunehmen.

Der dritte war, der Tochter zu helfen, aus all dem herauszukommen.

Kein Wort darüber, wie man Gleb retten könnte.

Und erst da begriff Vera, dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht den Brand eines anderen vor Augen hatte, sondern ihr eigenes Leben.

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