Nach der Ohrfeige hörte ich das Ticken der Wanduhr am deutlichsten.
Sie lief einfach weiter, als wäre in unserem kleinen Wohnzimmer nichts geschehen.
Durch das Fenster fiel das trübe Tageslicht.
Auf dem Tisch stand mein halb ausgetrunkener Tee, und über der Sofalehne lag Sofias Strickjacke, die sie in der Schule getragen hatte.
Noch vor wenigen Sekunden war all das mein Zuhause gewesen.
Jetzt stand ich mitten im Zimmer und wusste nicht, wohin mit meinen Händen.
Jakob hatte seine Hand bereits gesenkt.

Ich starrte auf einen Knopf an seinem Hemd.
Am Morgen hatte ich ihn selbst wieder festgenäht, weil sich der Faden gelöst hatte.
Zwölf Jahre Ehe, und zum ersten Mal hatte ich Angst, meinem eigenen Mann in die Augen zu sehen.
„Du hast versprochen, dass du so etwas niemals tun würdest“, sagte ich schließlich.
Er öffnete den Mund, doch in diesem Augenblick hörte ich die Stimme unserer Tochter von der Tür.
„Mama … können wir gehen?“
Sofia war sieben Jahre alt.
Sie stand im Flur und drückte ihren abgewetzten Stoffhasen an die Brust.
Eine ihrer Socken war weiter heruntergerutscht als die andere.
Ich verspürte den unsinnigen Wunsch, zu ihr zu gehen und sie hochzuziehen.
Dann begriff ich, dass sie auf meine Antwort wartete.
Der Streit hatte mit einem Stellenangebot begonnen.
Vor Jahren hatte ich in einer Buchhandlung gearbeitet.
Nach Sofias Geburt war ich zu Hause geblieben, anfangs auf unseren gemeinsamen Wunsch hin.
Als unsere Tochter eingeschult wurde, sprach ich davon, wieder arbeiten zu gehen.
Jakob fand jedes Mal einen Grund, noch ein wenig zu warten.
Diesmal hatte die Besitzerin der Buchhandlung selbst angerufen.
Drei Tage in der Woche, passende Arbeitszeiten, eine Arbeit, die ich liebte.
Ich hatte zugesagt.
Als ich es Jakob nach dem Mittagessen erzählte, legte er seine Gabel neben den Teller.
„Du hast dich also schon entschieden.“
„Ich dachte, wir könnten heute Abend über die Arbeitszeiten sprechen.“
„Was gibt es da noch zu besprechen, wenn du schon zugesagt hast?“
Danach ging es um meine Undankbarkeit.
Um das Geld, das er verdiente.
Um die Hausarbeit.
Darum, wer Sofia von der Schule abholen sollte.
Zum ersten Mal versuchte ich nicht zu beweisen, dass ich alles schaffen würde.
„Ich werde die Stelle antreten, Jakob.“
Er kam näher.
Ich blieb stehen.
Und dann kam jenes Geräusch, wegen dem Sofia ihr Zimmer verlassen hatte.
Jetzt stand meine Tochter noch immer an der Tür.
Ich ging zu ihr und nahm ihre Hand.
„Ja, mein Schatz.“
„Zieh deine Schuhe an.“
Jakob bewegte sich auf uns zu.
„Charlotte, bitte.“
„Mach daraus jetzt nicht …“
Ich hob meine freie Hand.
„Bleib dort.“
Meine Stimme überraschte sogar mich selbst.
Sie zitterte nicht.
Ich nahm mein Handy, die Schlüssel und Sofias Mantel.
Daran, eine Tasche zu packen, dachte ich nicht.
Ich dachte nur daran, dass ich die Tür öffnen musste, solange meine Beine mir noch gehorchten.
Draußen nieselte es.
Ich setzte Sofia ins Auto und schnallte sie an.
Dann setzte ich mich ans Steuer und stellte fest, dass meine Hände so stark zitterten, dass ich den Schlüssel nicht ins Zündschloss stecken konnte.
„Mama, tut es weh?“

Im Rückspiegel begegnete ich ihrem Blick.
„Ja, meine Kleine.“
Sie schwieg einen Moment.
„Ich werde brav sein.“
„Ich kann meine Spielsachen allein aufräumen.“
Ich drehte mich zu ihr um.
„Du hast nichts falsch gemacht.“
„Das ist nicht deinetwegen passiert.“
„Aber Papa war wütend, weil es zu Hause so viel Arbeit gibt.“
Ich löste meinen Sicherheitsgurt und beugte mich zu meiner Tochter.
„Auch wenn es viel Arbeit gibt, hat niemand das Recht, jemanden zu schlagen.“
„Du musst nicht braver werden, damit Erwachsene sich richtig verhalten.“
Sie nickte langsam.
Ich wusste nicht, wie viel sie verstanden hatte, aber ich beschloss, dass sie diese Worte noch oft hören sollte.
Meine Mutter öffnete die Tür in Hausschuhen.
Sie sah mir ins Gesicht, dann zu Sofia und trat zur Seite.
„Kommt rein.“
„Ich habe gerade Wasser für Tee aufgesetzt.“
Bei diesem alltäglichen Satz hätte ich beinahe geweint.
Meine Mutter nahm meine Tochter mit in die Küche, gab ihr Brot und Käse und kam dann zu mir zurück.
Ich stand noch immer mit angezogenem Mantel im Flur.
„Er hat mich geschlagen.“
Meine Mutter nahm mir langsam die Schlüssel aus der Hand.
„Es war richtig, dass du gekommen bist.“
Als Sofia in meinem alten Kinderzimmer eingeschlafen war, hatte ich bereits Dutzende Nachrichten auf dem Handy.
Zuerst entschuldigte sich Jakob.
Dann schrieb er, ich hätte ihn zur Weißglut getrieben.
Danach fragte er, wie ich unsere Tochter gegen ihn aufbringen könne.
In seiner letzten Nachricht bat er mich, zurückzukommen, bevor die Nachbarn Fragen stellten.
Ich sah lange auf den Bildschirm.
Dann legte ich das Handy auf den Tisch und bat meine Mutter, sich neben mich zu setzen.
Am nächsten Morgen rief ich in der Buchhandlung an.
Ich wollte sagen, dass ich nicht arbeiten könne.
Die Worte lagen mir schon auf der Zunge, als die Besitzerin fröhlich fragte:
„Dann erwarte ich dich am Montag?“
Ich sah zu Sofia, die am Fenster frühstückte.
„Ja.“
„Ich komme.“
Die folgenden Wochen waren nicht leicht.
Ich ließ mich beraten, dokumentierte das Geschehene und begann, die Dinge für unser getrenntes Leben zu regeln.
Unsere Sachen holte ich zusammen mit meinem Bruder ab.
Jakob stand mit Blumen an der Tür.
„Ich werde alles wiedergutmachen.“
Ich packte gerade Sofias Schulbücher ein.
„Du kannst dir Hilfe suchen.“
„Aber ich werde jetzt nicht nach Hause zurückkehren.“
Er sah meinen Bruder an, als wäre jemand anderes für meine Antwort verantwortlich.
Dieser Blick half mir, weiterzupacken.
Einige Monate später mietete ich eine kleine Wohnung in der Nähe der Buchhandlung.
Die Küchenstühle passten nicht zusammen, der Wasserhahn im Bad tropfte, und meine Mutter kürzte die Vorhänge mit ihrer Nähmaschine.
Sofia suchte sich eine gelbe Tagesdecke für ihr Zimmer aus.
Anfangs fragte sie mich oft, ob ich wütend sei.
Wenn eine Tasse zerbrach, erstarrte sie.
Ich lernte, ruhig zu antworten, selbst wenn ich müde war.
Eines Abends verschüttete sie versehentlich Tee auf dem frisch gewischten Boden.
„Das macht nichts, hol einen Lappen, wir wischen es zusammen auf.“
Sie lief in die Küche.
Dann kam sie zurück und erzählte mir von etwas Lustigem, das in der Schule passiert war.
Sie erzählte, lachte und wischte den Boden.
Ich kniete neben ihr und bemerkte plötzlich, dass sie nicht mehr in mein Gesicht sah, um meine Stimmung zu prüfen.
An diesem Abend legte Sofia ihren Hasen vor dem Einschlafen neben das Kopfkissen.
„Mama, weißt du noch, als ich gesagt habe, dass wir gehen sollen?“
„Das weiß ich noch.“

Sie zog die Decke bis zum Kinn.
„Gut, dass du auf mich gehört hast.“
Ich küsste sie auf die Stirn und schaltete das Licht aus.
Dann ging ich in die Küche.
Ich musste Brote für den nächsten Morgen zur Arbeit vorbereiten, das Hemd für die Schule bügeln und einen Klempner für den Wasserhahn finden.
Es waren ganz gewöhnliche Aufgaben.
Ich schaltete den Wasserkocher ein und begriff zum ersten Mal seit langer Zeit, dass ich keine Angst vor dem nächsten Tag hatte.







