— Eure Ernte haben wir für uns eingesammelt, ihr zwei könnt so viel sowieso nicht essen, — verkündete meine Schwägerin fröhlich auf unserer Datscha.

Meine Gegenmaßnahme zwang sie dazu, alles zurückzugeben.

Der schwere, stickige Geruch von zerdrücktem Tomatenlaub stieg mir in die Nase, sobald ich die Schwelle des Gewächshauses überschritt.

Noch am Mittwoch hatten hier schwere Trauben der Sorte „Ochsenherz“ gehangen, prall gefüllt mit glänzendem Saft, zwischen den Blättern hatten sich dickbauchige dunkelrote „Schwarze Mauren“ versteckt, und zarte Paprikaschoten hatten golden geleuchtet.

Ich hatte geplant, dieses Wochenende ganz dem Einkochen und Einmachen zu widmen.

Doch jetzt standen vor mir nur noch kahle, zerfledderte Pflanzen mit abgebrochenen Zweigen.

Auf dem Boden lagen zertretene grüne Tomaten, die jemand in aller Eile abgerissen und weggeworfen hatte, weil er sie für minderwertig hielt.

Die Erde war von fremden Fußspuren zertrampelt.

Ich stand da und konnte kaum atmen, während ich spürte, wie in mir eine kalte, erstickende Welle der Wut aufstieg.

In diesem Moment hörte ich hinter mir Schritte und eine fröhliche, völlig unbekümmerte Stimme.

— Oh, Anja, ihr seid schon da?

Wir haben eure Ernte hier für uns eingesammelt.

Na und?

Ihr zwei könnt so viel doch sowieso nicht essen, sonst verdirbt es nur! — verkündete meine Schwägerin Rita fröhlich und wischte sich die Hände an meinem Lieblingsküchentuch ab.

Sie stand am Eingang des Gewächshauses, rosig, zufrieden und mit einem Strohhut auf dem Kopf, den sie ohne zu fragen von der Garderobe im Flur genommen hatte.

Etwas weiter entfernt, am offenen Tor unseres Grundstücks, stand der staubbedeckte Nissan ihres Mannes Igor.

Der Kofferraum war weit geöffnet, und ich konnte deutlich dicht an dicht gestellte Kartons und Plastikkisten erkennen, die bis oben hin mit meinen Tomaten, Gurken, Paprikaschoten und sogar jungem Knoblauch gefüllt waren.

Damit ihr die ganze Tiefe meiner Verzweiflung verstehen könnt, müsst ihr die Vorgeschichte dieser Datscha kennen.

Mein Mann Pascha und ich hatten dieses Grundstück in einer alten Gartensiedlung bei Dmitrow vor drei Jahren gekauft.

Es war weder eine spontane Entscheidung noch eine Laune gewesen.

Wir hatten lange gespart und uns vieles versagt, um endlich ein eigenes Stückchen Erde fern vom Moskauer Asphalt und der endlosen Hektik zu besitzen.

Das Grundstück war völlig verwahrlost, mit einem schiefen Zaun und einem Boden, der eher Beton ähnelte.

Im ersten Jahr rodeten wir nur alte, kranke Bäume und ließen tonnenweise fruchtbare Erde anliefern.

Noch heute zieht sich mein Rücken zusammen, wenn ich daran denke, wie Pascha und ich diese Schubkarren voller Erde geschleppt haben.

Dann kam das Gewächshaus — mein ganzer Stolz.

Ich ging an die Gartenarbeit nicht wie eine Hobbygärtnerin heran, sondern wie eine Forscherin.

An Winterabenden studierte ich verschiedene Sorten und bestellte seltene Samen bei Sammlern.

Im Februar verwandelten sich die Fensterbänke unserer Stadtwohnung in eine Kinderstube für Setzlinge.

Ich beleuchtete sie zusätzlich mit Pflanzenlampen, achtete auf die Luftfeuchtigkeit, pikierte und düngte sie.

Jede einzelne Pflanze war von meinen eigenen Händen großgezogen worden.

Für Pascha und mich war dieser Garten kein Mittel zum Überleben, sondern ein Rückzugsort und unser gemeinsames Projekt.

Die Verwandten meines Mannes sahen unsere Arbeit auf der Datscha allerdings ganz anders.

Rita, Paschas jüngere Schwester, zeichnete sich schon immer durch eine erstaunliche Unbekümmertheit aus.

Sie ist achtunddreißig, hat zwei laute Söhne mit geringem Altersabstand und einen Mann namens Igor, dessen größte Talente darin bestehen, Schweinenacken in billiger Mayonnaise zu marinieren und Fußballspiele im Fernsehen lautstark zu kommentieren.

Eine eigene Datscha wollten sie auf gar keinen Fall, weil sie so etwas für eine Beschäftigung von Rentnern hielten.

Dafür kamen sie mit bewundernswerter Regelmäßigkeit zu uns.

Ihre Besuche liefen immer gleich ab: Am Freitagabend fielen sie als laute Horde bei uns ein, brachten eine Packung billiger Würstchen und eine Flasche Bier mit und verbrachten anschließend das ganze Wochenende mit Erholung.

Rita sonnte sich auf der Liege, die Kinder rannten über die Beete und trampelten dabei zarte Triebe nieder, während Igor Schaschlik grillte und verlangte, dass ich ständig frische Salate aus allem schnitt, was gerade im Garten gewachsen war.

Bei jeder Bitte von mir, wenigstens ein einziges Beet zu jäten oder die Erdbeeren zu gießen, machte Rita große, beleidigte Augen.

Sie erklärte, sie seien gekommen, um sich von der Hektik der Stadt zu erholen und nicht, um sich hier den Rücken krummzuarbeiten, und außerdem hätten schließlich wir selbst eine Datscha gewollt, also sollten wir uns auch selbst darum kümmern.

Pascha, von Natur aus ein sanfter Mensch, versuchte immer, die Wogen zu glätten.

„Anja, sie ist doch meine Schwester, lass die Kinder ein bisschen an der frischen Luft sein“, seufzte er.

Und ich ertrug es.

Meinem Mann zuliebe und um des Familienfriedens willen.

Doch diesmal lagen die Dinge anders.

Der Sommer war unglaublich heiß und sonnig gewesen.

Die Ernte reifte buchstäblich vor unseren Augen.

Meine seltenen Tomatensorten hingen in riesigen, zuckersüßen Trauben an den Pflanzen.

Ich hatte mir extra für Freitag und Montag freigenommen, um vier Tage auf der Datscha zu verbringen, Letscho für den Winter einzukochen, Gurken einzulegen und hausgemachte Tomatenpaste zuzubereiten.

Am Mittwochabend rief uns eine Nachbarin aus unserem Wohnhaus in der Stadt an.

Sie sagte, dass aus dem Steigrohr Wasser ströme, wir von oben überschwemmt würden und dringend nach Hause kommen müssten.

Wir brachen sofort auf und ließen alle Arbeiten auf der Datscha liegen.

Nachdem sich herausgestellt hatte, dass das Problem in der Wohnung ernst war und Klempner sowie Reparaturarbeiten nötig waren, saßen wir zwei Tage lang in der Stadt fest.

Ich machte mir große Sorgen um die Ernte.

Die Gurken konnten zu gelben Keulen auswachsen, und die schweren Tomaten konnten die Zweige abbrechen.

Am Freitagnachmittag, nachdem wir die Angelegenheit mit den Handwerkern geklärt hatten, fuhren wir so schnell wie möglich zurück.

Und als wir das Gartentor öffneten, bot sich uns genau dieses Bild.

— Wie meinst du das, für euch eingesammelt? — Meine Stimme zitterte, und ich ballte die Fäuste so fest, dass sich meine Fingernägel in die Handflächen bohrten.

Rita ließ sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen.

Sie kam näher, rückte ihren Hut zurecht und begann in einem vertraulichen Ton zu erklären, als würde sie einem begriffsstutzigen Kind grundlegende Wahrheiten beibringen.

— Anja, sieh das doch mal objektiv.

Ihr habt keine Kinder, wozu braucht ihr so viel?

Ihr könnt das doch körperlich gar nicht alles essen.

Aber meine Jungs wachsen noch, sie brauchen Vitamine.

Hausgemacht und ohne Chemie!

Igor hat den Kofferraum gerade komplett vollgepackt.

Ihr seid doch nicht geizig, oder?

Wir haben euch da sogar etwas für einen Salat übrig gelassen, in der kleinen Kiste neben der Veranda.

Ich sah zu Pascha.

Er stand beim Auto und blinzelte verwirrt.

Man konnte deutlich sehen, dass ihn diese Dreistigkeit ebenfalls schockierte, doch seine Gewohnheit, seiner Schwester nachzugeben, kämpfte in ihm gegen seine Empörung an.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ich kam ihm zuvor.

In diesem Moment machte es in meinem Kopf plötzlich Klick.

Die Wut, die noch vor einer Sekunde in Form von Schreien und einem Skandal aus mir herausbrechen wollte, verwandelte sich plötzlich in einen vollkommen kalten, berechnenden Plan.

Ein Streit würde nichts bringen.

Rita würde mich als hysterisch darstellen, Pascha würde sich schuldig fühlen, und meine Tomaten würden in ihr gefräßiges Nest verschwinden.

Ganz bestimmt nicht.

Ich atmete langsam aus.

Auf meinem Gesicht erschien echtes Entsetzen.

Ich fasste mir an die Wangen und sah meine Schwägerin mit weit aufgerissenen Augen an.

— Rita… — flüsterte ich, machte einen Schritt zurück und starrte sie an, als hätte ich ein Gespenst gesehen.

— Rita, sag mir bitte, dass die Kinder nichts direkt vom Strauch gegessen haben.

Bitte sag mir, dass ihr nichts davon probiert habt!

Das Lächeln auf dem Gesicht meiner Schwägerin begann langsam zu verschwinden.

Unsicher trat sie von einem Fuß auf den anderen.

— Nein, wir haben alles sofort in die Kisten gelegt…

Was ist denn passiert?

Anja, warum bist du so blass?

Ich fasste mir theatralisch ans Herz und lehnte mich an den Türrahmen des Gewächshauses.

— Pascha! — rief ich meinem Mann zu und versuchte, meine Stimme möglichst tränenerstickt klingen zu lassen.

— Sie haben die Ernte eingesammelt!

Genau diese!

Mein Mann kam völlig ahnungslos näher, doch als er meinen verzweifelt vielsagenden Blick auffing, entschied er klugerweise, lieber zu schweigen.

— Welche „genau diese“? — In Ritas Stimme waren die ersten Anzeichen von Unruhe zu hören.

Hinter dem Auto tauchte Igor auf, mit einem halb aufgegessenen Apfel in der Hand, und kam zu uns herüber.

— Rita, was habt ihr bloß getan? — Ich wechselte zu einem tragischen Flüsterton.

— Warum seid ihr ohne Erlaubnis aufs Grundstück gegangen?

Ich habe doch am Mittwochabend, direkt bevor wir in die Stadt gefahren sind, eine komplette chemische Behandlung durchgeführt!

— Was für eine Behandlung?

Du hast doch immer gesagt, bei dir sei alles biologisch und sauber! — empörte sich Igor und hörte auf zu kauen.

— Das war es auch! — rief ich verzweifelt.

— Bis ich letzte Woche Spinnmilben und die ersten Anzeichen von Kraut- und Braunfäule entdeckt habe.

Wenn ich nichts getan hätte, wären wir am Ende ganz ohne Ernte geblieben.

In einem Forum für Agronomen hat man mir einen richtig heftigen Cocktail empfohlen.

Ich habe „Bi-58“ in doppelter Konzentration mit einem systemischen Fungizid gemischt.

Das ist extrem schwere Organophosphat-Chemie!

Ich warf mit erschreckend klingenden Fachbegriffen um mich, die ich aus den Gebrauchsanweisungen verschiedener Mittel kannte, die ich irgendwann einmal in einem Gartencenter gesehen hatte.

— Na und?

Dann waschen wir alles eben gründlich mit Seife ab, — versuchte Rita tapfer zu klingen, doch die Röte war bereits aus ihrem Gesicht verschwunden.

— Abwaschen?! — Ich lachte hysterisch.

— Rita, das ist ein systemisches Mittel!

Es liegt nicht einfach auf den Blättern, sondern zieht auf zellulärer Ebene in das Pflanzengewebe ein.

Die Wartezeit bis zur Ernte beträgt mindestens einundzwanzig Tage!

Dieses Gemüse ist momentan so giftig wie Rattengift.

Wenn man es isst, kann innerhalb weniger Stunden die Leber versagen, es kommt zu einer schweren Vergiftung und zu einem Quincke-Ödem!

Deshalb habe ich das Gemüse doch an den Pflanzen hängen lassen, damit sich das Gift abbaut, und bin dann weggefahren!

Es entstand eine dröhnende Stille.

In der Ferne hörte man den Hund eines Nachbarn bellen.

Igor wurde blass, ließ langsam die Hand mit dem angebissenen Apfel sinken, obwohl ich die Apfelbäume überhaupt nicht erwähnt hatte, und schluckte schwer.

— Du…

Meinst du das ernst? — murmelte Rita und betrachtete entsetzt ihre Hände, mit denen sie gerade noch die Tomaten gepflückt hatte.

— Mein Gott, ihr habt das alles auch noch ins Auto geladen! — fuhr ich fort und steigerte die Dramatik noch weiter.

— In dem geschlossenen Kofferraum sammeln sich doch die Dämpfe!

Igor, ihr müsst jetzt sogar den Innenraum professionell reinigen lassen.

Ihr fahrt doch mit den Kindern in diesem Auto, ihr atmet das alles ein!

Holt sofort alles aus dem Auto und bringt es hierher.

Ich werde es in einer speziellen Grube hinter dem Grundstück entsorgen, möglichst weit weg vom Grundwasser.

Was danach geschah, erinnerte an einen auf Schnellvorlauf abgespielten Comedyfilm.

Igor murmelte Flüche vor sich hin und stürmte zum Kofferraum.

Er packte die Kisten mit meinen kostbaren Tomaten, hielt sie so weit wie möglich von seinem Körper entfernt und rannte mit ihnen zurück auf unser Grundstück.

Rita lief quietschend zum Waschbecken draußen und begann, sich die Hände zu waschen.

Sie schrubbte sie mit Kernseife so heftig, als wollte sie ihre Fingerabdrücke vollständig entfernen.

Die Kinder, die mit ihren Tablets im Auto saßen, wurden sofort nach draußen evakuiert.

Fünfzehn Minuten später stand unser gesamtes Gemüse ordentlich auf der Veranda des Hauses.

Der Kofferraum des Nissan war leer.

— Anja, äh…

Entschuldige bitte, wir wussten das doch nicht, — murmelte Igor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

— Wir dachten, die Sachen würden nur verderben.

Wir fahren dann wohl lieber.

Die Kinder müssen noch Hausaufgaben machen.

Sie gingen nicht einmal mehr ins Haus.

Hastig stiegen sie ins Auto und fuhren so schnell los, dass der Kies unter den Reifen hervorspritzte.

Pascha und ich blieben allein im Hof zurück.

Ich betrachtete den Berg der eingesammelten Ernte.

Das Gemüse war geradezu perfekt sortiert worden: die großen Stücke zu den großen und die kleineren zu den kleineren.

Man musste Rita zugutehalten, dass sie wirklich gründlich gearbeitet hatte.

Pascha kam langsam auf mich zu.

Ein seltsames Lächeln spielte auf seinem Gesicht.

— Anja…

Wir haben doch überhaupt keine Grube zur Entsorgung, — sagte er leise.

— Natürlich nicht, — antwortete ich ruhig und nahm die größte, perfekte rosafarbene Tomate aus der obersten Kiste.

Ich rieb sie an meinem T-Shirt-Ärmel ab und biss genüsslich die Hälfte davon ab.

Der süße, kräftige Saft spritzte mir aufs Kinn.

— Und Kraut- und Braunfäule haben wir auch nicht.

Dafür haben wir jetzt eine perfekt eingesammelte Ernte und gleichzeitig das Problem mit unseren dreisten Verwandten gelöst.

Nimm die Kisten, Pascha.

Komm, wir müssen Gläser spülen, große Dinge warten auf uns.

Mein Mann sah mich einige Sekunden lang mit unverhohlener Bewunderung an und brach dann laut in Gelächter aus, während er die schweren Kisten aufhob.

Seitdem sind bereits zwei Jahre vergangen.

Rita und Igor kommen nicht mehr auf unsere Datscha.

Sie buchen sich für die Wochenenden lieber eine Ferienanlage und verbringen ihre Freizeit dort, möglichst weit weg von meinen „giftigen“ Beeten.

Und Pascha und ich genießen endlich die Ruhe, den Gesang der Vögel und die Früchte unserer eigenen Arbeit in vollkommenem Frieden.

Die familiären Beziehungen auf Distanz erwiesen sich als deutlich wärmer als aus nächster Nähe.

Teile es mit deinen Freunden