Sie wusste nicht, dass die Adresse in den Unterlagen eine völlig andere war.
— Artjom Gennadjewitsch, nehmen Sie doch etwas Salat, seien Sie nicht so zurückhaltend, — Galina Timofejewna schob die kristallene Salatschüssel näher zu ihrem Gast.

— Ich habe den Olivier-Salat heute Morgen selbst gemacht, so wie wir ihn bei uns in der Familie machen.
— Danke, Galina Timofejewna, — der Notar nickte und steckte sich sorgfältig die Serviette zurecht.
Larissa saß am Rand des Tisches.
Igor, ihr Mann, starrte auf den Fernseher, auf dem lautlos die Nachrichten flimmerten.
Veronika, ihre Schwägerin, saß ihr gegenüber und strich sich nervös durchs Haar.
— Heute ist schließlich ein Feiertag, — die Schwiegermutter ließ den Blick durch das Zimmer schweifen.
— Veronikas Geburtstag.
— Neununddreißig Jahre.
— Schon eine erwachsene Frau.
— Mama, fang nicht schon wieder damit an, — Veronika senkte den Blick.
— Womit soll ich nicht anfangen? — die Stimme der Schwiegermutter wurde lauter.
— Du hast nicht einmal etwas Eigenes, nur eine Mietwohnung in einem Schlafviertel.
— Die Nebenkosten dort sind auch wahnsinnig hoch, — fügte Igor hinzu, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
— Genau! — die Schwiegermutter hob triumphierend einen Finger.
Larissa sah auf den Tisch.
Zwischen der Aufschnittplatte und dem Krug stand eine rote Plastikmappe.
Eine ganz gewöhnliche Büromappe.
Galina Timofejewna klopfte immer wieder mit der Handfläche darauf.
— Wir sind doch eine Familie, — die Schwiegermutter sah Larissa an.
— Wir müssen einander helfen.
— Natürlich, — antwortete Larissa ruhig.
Sie kannte diesen Ton.
Es war der Ton, in dem Galina Timofejewna gewöhnlich ihre Anweisungen verteilte.
— Ich habe mein ganzes Leben im Büro für technische Inventarisierung gearbeitet, — die Schwiegermutter wandte sich an den Notar.
— Ich kenne jedes Dokument in dieser Stadt.
— Jeden Buchstaben des Gesetzes.
— Das Gesetz ändert sich, Galina Timofejewna, — bemerkte Artjom Gennadjewitsch sanft.
— Die Ordnung ändert sich nicht, — schnitt sie ihm das Wort ab.
— Die Ordnung ist immer dieselbe.
— Die Älteren entscheiden, die Jüngeren hören zu.
Wieder klopfte sie auf die rote Mappe.
— Veronika ist nach der Scheidung ganz allein geblieben, — fuhr die Schwiegermutter fort und schenkte Fruchtgetränk ein.
— Der Unterhalt ist lächerlich gering.
— Auf ihre Mir-Karte kommen nur ein paar erbärmliche Rubel.
— Dreitausend, — sagte Veronika leise.
— Da habt ihr es! — die Schwiegermutter schlug mit der Handfläche auf den Tisch.
— Irgendwo muss sie schließlich wohnen.
— Man kann doch nicht sein ganzes Leben von einer Mietwohnung zur nächsten ziehen.
Larissa nahm eine Serviette.
Sie wischte sich die Finger ab.
— Veronika hat eine gute Arbeit, — sagte Larissa ruhig.
— Sie ist Administratorin.
— Das nennst du Arbeit? — schnaubte die Schwiegermutter.
— Du bist doch Katasteringenieurin.
— Du hast Stabilität.
— Du bist Eigentümerin.
— Ja, — Larissa sah ihr direkt in die Augen.
— Ich bin Eigentümerin.
Galina Timofejewna lächelte.
Das Lächeln war breit, erreichte aber ihre Augen nicht.
— Eine Familie muss teilen können, Larissotschka.
Die rote Mappe lag auf dem Tisch.
Larissa betrachtete sie und spürte, wie sich in ihrem Inneren eine vertraute kalte Feder zusammenzog.
Sie hatte diese Mappe bereits vor einer Woche gesehen.
In ihrem eigenen Flur.
— Igor, schenk Artjom Gennadjewitsch etwas ein, — befahl die Schwiegermutter.
Igor griff gehorsam nach der Flasche.
— Ich trinke nicht, danke, — der Notar bedeckte das Schnapsglas mit der Hand.
— Aber wir feiern doch! — empörte sich Galina Timofejewna.
— Heute haben wir sogar einen doppelten Anlass.
— Welchen? — fragte Igor.
— Das wirst du gleich erfahren, — die Schwiegermutter zwinkerte Veronika zu.
Veronika errötete und nahm schnell einen Schluck Wasser.
Larissa schwieg.
Die Feder in ihrem Inneren spannte sich immer stärker.
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Die Ansammlung fremder Schlüssel
— Gib mir einen Ersatzschlüssel, — sagte Galina Timofejewna einen Monat zuvor, als sie in Larissas Flur stand.
— Wozu? — Larissa hielt ihre Tasche in der Hand und war spät dran für die Arbeit.
— In der Siedlung platzen oft die Rohre, — erklärte die Schwiegermutter schnell und selbstsicher.
— Der Notdienst kommt nie rechtzeitig.
— Und dein Haus dort steht leer.
— Dort ist alles abgestellt.
— Und wenn doch etwas platzt? — Galina Timofejewna verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ich werde einfach danach sehen.
— Einmal pro Woche kontrolliere ich alles.
Larissa war damals müde.
Sie hatte ein schwieriges Objekt, eine Einreichung beim Rosreestr und litt unter Schlafmangel.
— Nehmen Sie ihn, — sie nahm den Schlüsselbund vom Haken.
— Na also, braves Mädchen, — die Schwiegermutter ließ die Schlüssel augenblicklich in ihrer Tasche verschwinden.
Es war ein Fehler.
Larissa wusste das bereits in diesem Moment.
Aber sie hatte keine Kraft zum Streiten.
Sie gab die Schlüssel zu ihrem Wochenendhaus her, um sich ein wenig Ruhe zu erkaufen.
Eine Woche später begannen die Anrufe.
— Larissa, warum ist das Polycarbonat im Gewächshaus eingebrochen? — die Stimme der Schwiegermutter klang am Telefon vorwurfsvoll.
— Im Winter lag dort Schnee.
— Dann hätte man ihn eben wegschaufeln müssen! — empörte sich Galina Timofejewna.
— Ich habe die Nachbarin beauftragt und ihr fünfhundert Rubel auf ihre Telefonnummer überwiesen.
— Sie hat den Müll weggeräumt.
— Ich habe Sie nicht darum gebeten.
— Und wer hätte mich darum bitten sollen?
— Ich bin doch die Mutter, ich kümmere mich um die Familie.
Dann gab es die Geschichte mit den Rechnungen.
— Ich habe die Zahlungsaufforderung aus dem Briefkasten genommen, — verkündete die Schwiegermutter, als sie unangemeldet auftauchte.
— Für die Müllabfuhr gibt es Schulden.
— Dreihundert Rubel im Monat.
— Ich bezahle über die App, — Larissa versuchte ruhig zu atmen.
— Einmal pro Quartal.
— Man muss jeden Monat bezahlen! — die Schwiegermutter legte die Rechnung auf den Tisch.
— Ich habe selbst bezahlt.
— Im MFC war eine riesige Schlange, aber ich habe gewartet.
— Warum sind Sie wegen der Müllgebühren überhaupt zum MFC gegangen?
— Damit Ordnung herrscht!
Larissa schwieg damals.
Igor saß in der Küche und las Nachrichten.
— Mama, hast du denn nichts Besseres zu tun? — brummte er.
— Doch, habe ich! — Galina Timofejewna wandte sich ihrem Sohn zu.
— Euer Haus verfault ohne Menschen, Larissa.
— Es muss atmen, und du bist Tag und Nacht bei der Arbeit.
— Das Grundstück soll der Familie dienen und nicht mit Unkraut überwuchern.
Dieser Satz klang unerwartet vernünftig.
Larissa fuhr tatsächlich nur selten dorthin.
Vor drei Jahren hatte sie nach dem Tod ihres Vaters das Erbe angetreten.
Das Haus war solide, das Grundstück groß — zehn Ar.
— Ich fahre im Sommer hin, — sagte Larissa.
— Im Sommer! — die Schwiegermutter warf die Hände hoch.
— Im Sommer ist es zu spät.
— Veronika und ich fahren am Wochenende hin.
— Wir eröffnen die Saison.
— Das ist mein Haus, Galina Timofejewna.
— Wir sind doch eine Familie, — die Schwiegermutter lächelte.
Das Lächeln war wieder leer.
— Niemand nimmt dir dein Haus weg.
— Wir wischen nur ein bisschen Staub.
Larissa fuhr nicht hin, um nachzusehen.
Ein weiterer Fehler.
Vor zwei Wochen rief Veronika sie am Abend an.
— Larissa, wo bewahrt ihr dort eigentlich die Bettwäsche auf? — die Stimme der Schwägerin klang ein wenig schuldbewusst.
— Welche Bettwäsche?
— Na, im Schlafzimmer.
— Mama und ich sind hergekommen.
— Es ist kalt hier, wir haben den Heizlüfter eingeschaltet.
— In der Kommode, — antwortete Larissa und spürte, wie sich Kälte in ihr ausbreitete.
— Danke.
— Mama sortiert gerade Sachen im Schrank.
— Welche Sachen?
— Die von deinem Vater.
Larissa legte auf.
Sie zog sich innerhalb von fünf Minuten an, rief ein Taxi und fuhr aus der Stadt hinaus.
Das Taxi kostete sechshundert Rubel.
Als sie die Tür mit ihrem eigenen Schlüssel öffnete, stand Galina Timofejewna mitten im Zimmer und hielt einen Müllsack in der Hand.
— Was machen Sie da? — Larissa schrie nicht.
Ihre Stimme war leise.
— Ich werfe den Krempel weg, — die Schwiegermutter zuckte nicht einmal zusammen.
— Hier kann man kaum atmen.
— Das sind die Sachen meines Vaters.
— Er ist tot, Larissa.
— Und die Lebenden brauchen Platz.
— Legen Sie den Sack hin.
Galina Timofejewna sah sie an.
Ihr Blick war prüfend.
Kalt.
— Du bist egoistisch, Larissa.
— Legen Sie den Sack hin.
Die Schwiegermutter warf den schwarzen Plastiksack auf den Boden.
— Veronika hat weder eine eigene Bleibe noch einen vernünftigen Mann, — sagte Galina Timofejewna plötzlich leise.
— Ich bin ihre Mutter, ich muss für meine Tochter sorgen, solange ich lebe.
— Du hast es gut, du hast einen Beruf, aber sie zieht von einer Mietwohnung zur anderen.
In diesen Worten lag echter, schwerer Schmerz.
Der Schmerz einer alternden Mutter um ihre vom Leben gebeutelte Tochter.
Larissa hörte ihn.
Und deshalb warf sie die beiden an diesem Abend nicht hinaus.
Sie erlaubte ihnen, dort zu übernachten.
Am nächsten Morgen fuhr sie mit dem Vorortzug zurück.
Und das war ihr dritter Fehler.
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Die Papierspur
Einige Tage vergingen.
Larissa kam früher als gewöhnlich von der Arbeit nach Hause.
Im Flur roch es nach einem fremden Parfüm.
— Igor? — rief sie.
Stille.
Ihr Mann war bei der Arbeit.
Larissa ging in die Küche.
Auf dem Tisch lag eine rote Plastikmappe.
Sie hatte dieses Ding noch nie zuvor in ihrem Haus gesehen.
Die Mappe war prall gefüllt und mit weißen Bändern verschnürt — so wie man sie früher in alten Archiven gern verwendete.
Larissa trat näher.
Die Bänder waren gelöst.
Darin lag ein alter technischer Pass des BTI.
Ihr Pass.
Genau der, den ihr Vater noch in den Neunzigerjahren hatte ausstellen lassen.
— Woher kommt das hier? — sagte Larissa laut in die leere Wohnung hinein.
Sie begann, die Blätter durchzusehen.
Ein Auszug aus dem Hausbuch.
Eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters.
Ein alter Katasterplan, von Hand gezeichnet.
All das hatte im untersten Schubfach des Schreibtisches im Arbeitszimmer gelegen.
Das Schloss der Eingangstür klickte.
Larissa wich nicht vom Tisch zurück.
Galina Timofejewna kam in die Küche.
Sie hielt eine Tüte von Pjaterotschka in der Hand.
— Oh, — die Schwiegermutter blieb stehen.
— Du bist aber früh zurück.
— Was ist das? — Larissa zeigte auf die Mappe.
— Unterlagen, — Galina Timofejewna stellte die Tüte schnell auf einen Stuhl.
— Ich habe nur nachgesehen, ob alles in Ordnung ist.
— Sie haben in meinem Schreibtisch herumgewühlt?
— Ich habe die Stromrechnungen gesucht! — die Schwiegermutter ging sofort zum Angriff über.
— Bei euch findet man ja gar nichts!
— Geben Sie mir die Wohnungsschlüssel zurück.
— Larissa, du vergisst dich.
— Die Schlüssel.
Galina Timofejewna presste die Lippen zusammen.
Langsam holte sie einen Schlüsselbund aus ihrer Tasche und warf ihn auf den Tisch.
Das Metall klirrte gegen das Plastik der roten Mappe.
— Ich wollte es nur gut machen, — presste die Schwiegermutter hervor.
Sie drehte sich um und ging.
Die Eingangstür knallte zu.
Larissa blieb über der Mappe stehen.
Sie sammelte die alten Papiere zusammen und legte sie zurück in die Schublade.
Die rote Mappe hatte die Schwiegermutter nicht mitgenommen.
Am Abend öffnete Larissa ihren Arbeitslaptop.
Als Katasteringenieurin hatte sie Zugang zu den Datenbanken.
Sie gab die alte Katasternummer aus den Papieren ein, die auf dem Tisch gelegen hatten.
Das System zeigte an: Objekt aus dem Register gelöscht.
Grenzen aufgehoben.
Larissa atmete aus.
Vor drei Jahren hatte sie selbst die Grundstücksvermessung durchführen lassen.
Sie hatte die Grenzen des Grundstücks geändert und es mit einem benachbarten verlassenen Stück Land zusammengelegt, das sie von der Verwaltung gekauft hatte.
Die alte Adresse „Grundstück 42“ war verschwunden.
Eine neue war entstanden: „Lesnaja-Straße 7“.
Die alten BTI-Unterlagen waren zu wertlosem Altpapier geworden.
Larissa klappte den Laptop zu.
Sie wusste nicht, warum Galina Timofejewna den alten technischen Pass gebraucht hatte.
Aber sie wusste, dass ihre Schwiegermutter niemals etwas einfach so tat.
— Mama hat angerufen, — sagte Igor beim Abendessen.
— Sie ist beleidigt.
— Sie sagt, du hättest sie hinausgeworfen.
— Sie hat in meinen Dokumenten herumgewühlt.
— Na ja, sie ist eben ein älterer Mensch.
— Sie macht sich Sorgen um das Erbe.
— Es ist nicht ihr Erbe.
— Wir sind doch eine Familie, — seufzte ihr Mann.
Die Worte der Mutter aus dem Mund des Sohnes.
Larissa spülte schweigend einen Teller ab.
Der Schwamm quietschte über das Porzellan.
Sie erinnerte sich daran, wie stolz Galina Timofejewna immer auf ihre Kontakte beim Rosreestr gewesen war.
„Ich kann jedes Dokument über meine alten Freundinnen erledigen lassen, ganz ohne Gosuslugi“, hatte sie gern wiederholt.
Larissa trocknete sich die Hände mit einem Handtuch ab.
Sie sah auf die leere rote Mappe, die sie immer noch nicht weggeworfen hatte.
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Der Fehler im Register
Und nun lag genau diese rote Mappe auf dem festlich gedeckten Tisch.
Zwischen Olivier-Salat und Aufschnitt.
— Veronika, — Galina Timofejewna stand auf.
Sie hob ein Glas mit Fruchtgetränk.
— Du hast in deinem Leben schon genug gelitten.
— Aber deine Mutter wird dich nicht im Stich lassen.
Am Tisch trat Stille ein.
Igor hörte auf zu kauen.
Der Notar Artjom Gennadjewitsch legte höflich seine Gabel beiseite.
— Ich habe lange darüber nachgedacht, — die Stimme der Schwiegermutter zitterte vor Feierlichkeit.
— Eine Familie muss zusammenhalten.
— Und Besitz soll denen dienen, die ihn am meisten brauchen.
Sie legte die Hand auf die rote Mappe.
— Heute schenke ich dir ein Haus.
Veronika schnappte nach Luft.
Sie hielt sich die Hand vor den Mund.
— Mama… meinst du das ernst?
— Vollkommen, — die Schwiegermutter löste die weißen Bänder.
— Hier sind die Unterlagen.
— Der Schenkungsvertrag.
Sie zog ein festes weißes Blatt heraus und reichte es ihrer Tochter.
Larissa saß regungslos da.
In ihrem Inneren war es vollkommen still.
— Aber wie? — murmelte Igor.
— Das ist doch Larissas Haus.
— Das ist das Haus unserer Familie! — schnitt Galina Timofejewna ihm das Wort ab.
— Ich habe alles über meine alten Kontakte geregelt.
— Ich habe noch Verbindungen im BTI und bei der Registrierungskammer.
— Ich selbst habe dieses Grundstück damals ins Register eintragen lassen!
— Ich habe das Recht dazu!
— Du bist nicht die Eigentümerin, Mama, — sagte Igor leise.
— Ich bin die Mutter!
— Und ich weiß, wie das Gesetz funktioniert! — die Schwiegermutter sah Larissa triumphierend an.
— Verzeih mir, Larissotschka.
— Aber du brauchst dieses Haus nicht.
— Und das Mädchen hat keinen Ort zum Wohnen.
Veronika nahm das Papier mit zitternden Händen.
Tränen standen ihr in den Augen.
— Meine Schwiegermutter hat mein Haus ihrer Tochter geschenkt, — sagte Larissa ruhig, beinahe Silbe für Silbe.
— Ja, das habe ich, — Galina Timofejewna hob stolz das Kinn.
— Darf ich es sehen? — Larissa streckte die Hand aus.
Veronika sah unsicher zu ihrer Mutter.
— Gib es ihr, — erlaubte die Schwiegermutter.
— Sie soll sich selbst überzeugen.
— Alles ist offiziell.
— Sogar ein Stempel ist drauf.
Larissa nahm das Papier.
Es war tatsächlich ein Schenkungsvertrag.
Auf einem guten Drucker ausgedruckt.
Im Feld „Schenkende“ stand der Name Osipowa Galina Timofejewna.
Im Feld „Beschenkte“ stand Osipowa Veronika Andrejewna.
Larissa ließ den Blick weiter nach unten gleiten.
Abschnitt „Vertragsgegenstand“.
Sie las in völliger Stille.
Nur der Fernseher lief lautlos weiter.
— Hier steht die Katasternummer 50:12:0000000:42, — Larissa hob den Blick.
— Und als Adresse: Grundstück zweiundvierzig.
— Alles richtig, — nickte die Schwiegermutter.
— Sie wusste nicht, dass die Adresse in den Unterlagen eine völlig andere war, — Larissa sagte das nicht zu ihrer Schwiegermutter.
Sie sagte es zum Notar.
Artjom Gennadjewitsch kniff die Augen zusammen.
— Darf ich? — sanft nahm er Larissa das Blatt aus der Hand.
Er überflog den Text.
Dann holte er seine Brille aus der Innentasche seines Jacketts und setzte sie auf.
— Galina Timofejewna, — die Stimme des Notars klang nun trocken und professionell.
— Auf Grundlage welchen Dokuments haben Sie diesen Vertrag aufgesetzt?
— Auf Grundlage des technischen Passes!
— Des echten, mit dem blauen Stempel!
— Diese Katasternummer wurde vor drei Jahren gelöscht, — Larissa sah ihre Schwiegermutter direkt an.
— Haus und Grundstück wurden zusammengelegt und die Grenzen neu festgelegt.
— Jetzt lautet die Adresse Lesnaja-Straße 7.
— Eine andere Nummer.
— Andere Koordinaten.
Galina Timofejewna erstarrte.
Ihr selbstsicheres Lächeln verschwand langsam aus ihrem Gesicht.
Der Plan war schon beim ersten Schritt gescheitert.
Die Selbstsicherheit wich Verwirrung.
— Was redest du da? — platzte es aus ihr heraus.
— Sie haben eine Schenkung für ein Objekt veranlasst, das nicht existiert, — der Notar legte das Dokument auf den Tisch.
— Rechtlich gesehen ist dieser Vertrag nichts weiter als ein Stück Papier.
— Sie können nichts verschenken, was im Register nicht existiert.
— Und erst recht können Sie nichts verschenken, was Ihnen gar nicht gehört.
— Ich hatte eine Abmachung! — die Stimme der Schwiegermutter überschlug sich.
— Ninochka aus dem Archiv hat mir alles bestätigt!
— Ninochka aus dem Archiv hat in einer alten Datenbank nachgesehen, die seit den Nullerjahren nicht mehr aktualisiert wurde, — Larissa stand vom Tisch auf.
— Sie hat Ihnen einen Auszug über ein Phantom gegeben.
Veronika sah abwechselnd ihre Mutter und das Papier an.
— Mama? — fragte sie leise.
— Du wolltest mir mit gefälschten Papieren ein fremdes Haus schenken?
— Sie sind nicht gefälscht! — schrie Galina Timofejewna.
— Da ist ein Stempel drauf!
Sie griff nach dem Vertrag.
Ihre Hände zitterten.
Sie las die Zeilen immer wieder, als könnte sie sie allein durch Willenskraft echt werden lassen.
Die Verwirrung ging in Schweigen über.
Galina Timofejewna sagte nichts mehr.
Sie sah die rote Mappe an, als hätte diese sie verraten.
— Warum haben Sie das getan? — fragte Igor.
Er sah aus, als hätte man ihn geschlagen.
— Weil sie eine Fremde ist! — endlich sah die Schwiegermutter Larissa an.
In ihren Augen lag keine Wut.
Nur die Verzweiflung eines Menschen, der die Kontrolle verloren hatte.
— Sie ist eine Fremde, aber ihr seid meine Familie.
— Ich wollte, dass wir etwas Eigenes haben.
— Sie haben etwas Eigenes, — antwortete Larissa.
— Ihre Wohnung.
Sie ging zu ihrem Stuhl.
Sie nahm ihre Tasche.
— Die Feier ist vorbei, — Larissa wandte sich an Igor.
— Kommst du mit?
Igor saß da und umklammerte mit beiden Händen den Rand des Tisches.
Er sah seine Mutter an.
Dann seine Frau.
— Ich komme später, — sagte er dumpf.
Larissa nickte.
Auch das war eine Antwort.
— Larissa, warten Sie, — der Notar Artjom Gennadjewitsch stand ebenfalls auf.
— Ich kann Sie mitnehmen.
— Ich muss ohnehin in dieselbe Richtung.
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Der leere Platz
Die Fahrt in die Stadt dauerte eine Stunde.
Artjom Gennadjewitsch fuhr vorsichtig und schaltete das Radio nicht ein.
— Ich bin eigentlich nur als Bekannter gekommen, — sagte er plötzlich.
— Und bin in einem schlechten Theaterstück gelandet.
— Entschuldigen Sie, — Larissa sah aus dem dunklen Fenster.
— Sie müssen sich für nichts entschuldigen.
— Sie haben sich tadellos verhalten.
Larissa antwortete nicht.
Tadellos?
Sie hatte zugelassen, dass ihre Schwiegermutter die Schlüssel nahm.
Sie hatte zugelassen, dass sie in ihren Unterlagen herumwühlte.
Sie hatte zugelassen, dass man ihr Schweigen für Schwäche hielt.
Sie betrat ihre leere Wohnung.
Sie machte das Licht nicht an.
Im Flur war es still.
Der Fernseher brummte nicht.
Die Dielen knarrten nicht unter Igors schweren Schritten.
Larissa ging in die Küche.
Der Tisch war leer und sauber.
Sie öffnete die Gosuslugi-App auf ihrem Telefon.
Sie beantragte einen aktuellen Auszug aus dem EGRN.
Zehn Minuten später kam eine PDF-Datei.
Sie öffnete sie.
Eigentümerin: Baryschewa Larissa Nikolajewna.
Beschränkungen: keine eingetragen.
Ihr Name.
Nur ihrer.
Larissa legte das Telefon auf den Tisch.
Genau an die Stelle, an der früher die fremde rote Mappe gelegen hatte.
Jetzt war dieser Platz leer.
Und diese Leere fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit richtig an.
Würde sie jemals wieder Menschen vertrauen können, die sich Familie nannten?







